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            <title>DIE IDEE DES UNENDLICHEN UND DIE DINGE<lb/>INFINITUM UND IMMENSUM BEI LEIBNIZ
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            <author><name>Hans </name>
               <surname>Poser</surname>
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            <authority>ILIESI-CNR</authority>
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               <p>Biblioteca digitale Progetto Agora</p>
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               <title level="m">DIE IDEE DES UNENDLICHEN UND DIE DINGE<lb/>INFINITUM UND IMMENSUM BEI LEIBNIZ</title>
               <author>Hans Poser</author>
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               <publisher>Leo S. Olschki Editore</publisher>
               <editor></editor>
               <pubPlace>Roma</pubPlace>
               <idno type="isbn"/>
               <biblScope>  pp., (Collana Lessico Intellettuale Europeo, LII)</biblScope>
               <date></date>
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            <docAuthor>Hans Poser</docAuthor>
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               <titlePart>DIE IDEE DES UNENDLICHEN UND DIE DINGE<lb/>INFINITUM UND IMMENSUM BEI LEIBNIZ</titlePart>
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         <epigraph><p>Etiamsi nos finiti simus, multa tamen de infinito possumus scire.</p>
            <p><hi rend="sc">G. W. Leibniz, GP IV, 360</hi></p>
            <p>Est autem infiniti scientia finito quaestiori inaccessibilis.</p>
            <p><hi rend="sc">Th. Hobbes,<hi rend="italic"> De corpore</hi> IV, 26.1</hi></p></epigraph>
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         <pb n="225" facs="INF_225.jpg"/>
         <p>1.<hi rend="italic"> Einleitung</hi></p>
         <p>„Einer, der Luchsaugen hätte, würde das meiste, was wir im Großen<lb/>wahrnehmen, in entsprechendem Maßstab im Kleinen finden“, schreibt Leib-<lb/>niz in seiner<hi rend="italic"> Hypothesis physica nova</hi>, § 43, und fährt fort: „Wenn man dies bis<lb/>ins Unendliche verfolgt, was sicher möglich ist, da das Kontinuum bis ins<lb/>Unendliche teilbar ist, so wird jedes Atom wie eine Welt sein, die unendlich<lb/>viele Unterarten enthält, und es wird Welten in den Welten geben bis ins<lb/>Unendliche“ (GP IV, 201). Diese Bemerkung des jungen Leibniz, die mit der<lb/>Vorstellung von<hi rend="italic"> mundi in mundis in infinitum</hi> Grundlage des monadologischen<lb/>Verständnisses der Welt in Gestalt des metaphysischen statt des materiellen<lb/>Atomismus werden sollte, birgt wie in einem Brennspiegel die Probleme, die<lb/>sich seit der Antike mit dem Unendlichkeitsbegriff verknüpfen: Der Begriff,<lb/>der auf einer Negation beruht und damit alles Erfahrbare hinter sich läßt, soll<lb/>auf die Welt, soll auf die Dinge angewendet werden!</p>
         <p>Dabei gewinnt das, was negiert wird, das Endliche und Begrenzte, seine<lb/>eigentliche Bedeutung erst als Gegenbegriff zum Unendlichen. Jede Analyse<lb/>des Unendlichkeitsbegriffs wird also stets beide Seiten im Auge behalten müs-<lb/>sen. Die Luchsaugen werden dabei wenig helfen, denn was immer sie vergrö-<lb/>ßert wiedergeben, verharrt im Endlichen. So ist es seit dem Vorschlag des<lb/>Anaximander, als<hi rend="italic"> arché</hi> das<hi rend="italic"> apeiron</hi> aufzufassen, immer wieder zum Problem<lb/>geworden, was das<hi rend="italic"> apeiron</hi>, das<hi rend="italic"> infinitum</hi>, das<hi rend="italic"> immensum</hi>, das<hi rend="italic"> indefinitum</hi> ist. Schon<lb/> die Ausgangsfrage bei Anaximander und der umfangreiche Abschnitt zum<lb/><pb n="226" facs="INF_226.jpg"/>Unendlichkeitsbegriff in Aristotelesʼ<hi rend="italic"> Physik</hi> (Buch III) zeigen, daß dieser Be-<lb/>griff, den wir heute vor allem in seiner mathematischen Präzisierung in Kardi-<lb/>nalzahl- und Ordinalzahltheorien bis hin zur Non-Standard-Analysis oder Posi-<lb/>tionen des strikten Finitismus kennen und dessen Heimstatt wir deshalb in der<lb/>Mathematik glauben suchen zu sollen, seinem Ursprung nach einer der zentra-<lb/>len, die Erfahrung transzendierenden Begriffe der Weltdeutung ist: er ist von<lb/>Anbeginn ein auf die Welt, auf die Dinge bezogener metaphysischer Begriff,<lb/>dessen Bedeutung gerade aus der Spannung zwischen Unerfahrbarkeit und<lb/>Unverzichtbarkeit erwächst<note xml:id="ftn1" place="foot" n="1">So hebt <hi rend="sc">C. Fr. v. Weizsäcker</hi> hervor, daß die drei Fragen nach der räumlichen Aus-<lb/>dehnung, nach der zeitlichen Dauer und nach der Teilbarkeit der Dinge das abendländische<lb/>Denken begleitet haben und in ihrer Beantwortung mit der Frage nach der Transzendenz ver-<lb/>bunden waren (<hi rend="italic">Die Unendlichkeit der Welt. Eine Studie über das Symbolische in der<lb/>Naturwissenschaft</hi>, in: <hi rend="sc">Ders.</hi>, <hi rend="italic">Zum Weltbegriff der Physik</hi>, Stuttgart <hi rend="sup">10</hi>1963, S. 118-157). Da von<lb/>Weizsäcker den Schwerpunkt auf kosmologische Fragen legt, geht er auf Leibniz in diesem<lb/> Zusammenhang jedoch nicht ein.</note>. Wie aber gelingt es, das Bild der Welt mit Hilfe<lb/>eines solchen Begriffs zu zeichnen? Dies ist die Frage, die im Hinblick auf<lb/>Leibniz in den folgenden Überlegungen behandelt werden soll.</p>
         <p>2.<hi rend="italic"> Infinitum, indefinitum und immensum</hi></p>
         <p>Leibnizʼ Verwendung des oder der Unendlichkeitsbegriffe läßt sich nicht<lb/>ablösen von der vorausgegangenen Entwicklung, die er aufnimmt und auf<lb/>die er antwortet. Hierzu gehört erstens die grundlegende Unterscheidung<lb/>zwischen dem, was seit Aristoteles in<hi rend="italic"> aktuale</hi> und<hi rend="italic"> potentielle</hi> Unendlichkeit<lb/>unterteilt wird. Die potentielle Unendlichkeit bezeichnet die unbegrenzte<lb/>Fortführbarkeit eines Prozesses, die aktuale Unendlichkeit dagegen das Vor-<lb/>liegen einer sich jeder Meßbarkeit und Zählbarkeit entziehenden Einheit. Die<lb/>aktuale Unendlichkeit ist so von Aristoteles bis Descartes die Gott zukom-<lb/>mende Unendlichkeit, während die potentielle oder synkategorematische Un-<lb/>endlichkeit unter Voraussetzung einer kontinuierlichen Größe, die, im Pro-<lb/>zeß der Teilung zum<hi rend="italic"> Unendlichkleinen</hi> und als kontinuierliche oder diskrete<lb/>Größe im Prozeß des Hinzufügens zum<hi rend="italic"> Unendlichgroßen</hi> führend, ihren Platz in<lb/>Geometrie und Arithmetik wie in der auf Quanta bezogenen Deutung der<lb/>Welt hat. Descartes noch nennt diese Gestalt des Unendlichen ein<hi rend="italic"> indefinitum<lb/></hi>– im Gegensatz zum<hi rend="italic"> infinitum</hi> als Attribut Gottes (<hi rend="italic">Meditationes</hi>, l<hi rend="sup">ère</hi> Réponse;<lb/><hi rend="italic">Principia philosophiae</hi> I, 26). Als<hi rend="italic"> indefinitum</hi> werden der Raum und die Teilbar-<lb/>keit von<hi rend="italic"> partes</hi>,<hi rend="italic"> quanta</hi> und Ähnlichem bezeichnet. Daß der Raum im Gegen-<lb/>satz zur griechischen Kosmosvorstellung wenn nicht als infinit, so doch als<lb/><pb n="227" facs="INF_227.jpg"/>indefinit aufgefaßt wird, ist dabei einer Entwicklung zu danken, die mit Plo-<lb/>tins Umkehrung der Blickrichtung einsetzt. Denn war bis dahin das Unendli-<lb/>che im Blick auf die Welt allenfalls als Potentialität zugelassen worden (die<lb/>überdies, wie Aristoteles schon hervorhebt, sich von allen anderen Potentiali-<lb/>täten dadurch unterscheidet, daß ihre Realisierung nie eintritt), so wurde von<lb/>Plotin die umgekehrte Sicht vorgeschlagen, alles uns im Denken und in der<lb/>Erfahrung Gegenübertretende als Emanation aus der aktualen Unendlichkeit<lb/>des Ureinen zu begreifen (Enneade VI. 9, 5 und VI. 9, 6.10). Auf dem Weg<lb/>über Nikolaus von Cues und Giordano Bruno wird schließlich das Univer-<lb/>sum für unendlich erklärt – und zwar nicht nur im Sinne einer Unermeßlich-<lb/>keit, eines<hi rend="italic"> immensum</hi>, das Kepler allein in Anspruch nimmt, während er die<lb/>Frage, ob das Universum<hi rend="italic"> infinitum</hi> sei, explizit offen lassen will (<hi rend="italic">De revolutioni-<lb/>bus</hi> I. 8). Damit ist zwar der Gedanke einer Endlichkeit des Universums<lb/>kaum mehr Gegenstand der Überlegungen – doch reichen die vertretenen<lb/>Positionen von der Vorstellung eines im Prozeß nicht Erfaßbaren im Sinne<lb/>des cartesischen<hi rend="italic"> indefinitum</hi> über Keplers Vorstellung der Unermeßlichkeit<hi rend="italic"> qua<lb/>immensum</hi> bis zu einem<hi rend="italic"> infinitum in actu </hi>– eine Vorstellung also, die dem Uni-<lb/>versum die ursprünglich Gott allein vorbehaltene Gestalt des Unendlichen<lb/>zuspricht, wie dies Giordano Bruno tut<note xml:id="ftn2" place="foot" n="2">Die Entwicklung findet sich in einer auch heute noch belangvollen Weise dargestellt<lb/>bei <hi rend="sc">J. Cohn</hi>, <hi rend="italic">Geschichte des Unendlichkeitsproblems im abendländischen Denken bis Kant</hi>, Leipzig<lb/> 1896. Dem Einfluß des Kusaners auf die Folgezeit geht <hi rend="sc">D. Mahnke</hi> nach (<hi rend="italic">Unendliche Sphäre und<lb/> Allmittelpunkt. Beiträge zur Genealogie der mathematischen Mystik</hi>, Halle/S. 1937, S. 76 ff.).</note>.</p>
         <p>Giordano Brunos Vision umgeht die Frage, wie Unendliches menschli-<lb/>chem Denken zugänglich und erkennbar ist. Eben diese Frage aber führt zu<lb/>diametral entgegengesetzten Standpunkten. So betonte Descartes die Unmög-<lb/>lichkeit für den Menschen als endliches Wesen, von sich aus eine Erkenntnis<lb/>der Unendlichkeit zu erlangen – und baut hierauf den Gottesbeweis der drit-<lb/>ten seiner<hi rend="italic"> Meditationes</hi>. So bezeichnet Hobbes den Unendlichkeitsbegriff als<lb/><hi rend="italic">phantasma</hi>, und Gassendi nennt ihn etwas gänzlich Unverständliches; Arnauld<lb/>und Nicole formulieren in ihrer<hi rend="italic"> Logique de Port Royal</hi> die Warnung, sich vom<lb/>Unendlichkeitsbegriff verleiten zu lassen, weil wir nie hoffen dürfen, seinen<lb/>Inhalt mit der Vernunft erfassen zu können. Zugleich aber sind seit Archime-<lb/>des bis zu Cavalieri und Pascal Verfahren der mathematischen Behandlung<lb/>infiniter Probleme entwickelt worden, ohne doch hinsichtlich ihrer Begrün-<lb/>dung und Allgemeinheit zu befriedigen. Dies ist die Situation, die Leibniz vor-<lb/>findet.</p>
         <pb n="228" facs="INF_228.jpg"/><p>3. <hi rend="italic">Teil und Einheit</hi> </p>
         <p>Hobbes, auf den Leibniz sich in der<hi rend="italic"> Hypothesis physica nova</hi> stützt, bezeich-<lb/>net in<hi rend="italic"> De corpore</hi> mehrfach eine infinite Zahl als indefinit (I. 5.5 und II. 7.11),<lb/>um Raum und Zeit als indefinit zu kennzeichnen, wenn man dafür an ausmes-<lb/>senden Schritten oder Stunden „eine größere Zahl als eine beliebig angenom-<lb/>meine“ angeben kann. Doch er fügt hinzu: „Man muß aber bemerken, daß,<lb/>obgleich in diesem Raum oder in dieser Zeit, die indefinit sind, mehr Schritte<lb/>oder Stunden gezählt werden können als jede Zahl angeben kann, jene Zahl<lb/>doch immer begrenzt sein wird; denn jede Zahl ist begrenzt.“ Der Grund,<lb/>dieses Nichtendliche nicht als Unbegrenztes zu begreifen, wird von ihm darin<lb/>gesehen, daß sich „von Raum und Zeit, die unbegrenzbar sind, nicht sagen<lb/>läßt, sie seien ein Ganzes oder eine Einheit“ (II. 7.11). So kommt er schließ-<lb/>lich zu dem radikalen Ergebnis: „Wenn man fragt, ob die Welt endlich oder<lb/>unendlich sei, so verliert das Wort Welt seinen Sinn; alles nämlich, was wir<lb/>uns vorstellen, ist begrenzt, ob wir nun bis zu den Fixsternen oder zur neun-<lb/>ten, zehnten oder schließlich bis zur tausendsten Sphäre rechnen.“ (II. 7.12).<lb/>Hinsichtlich der Teilung, also des Unendlichkleinen, vertritt Hobbes dieselbe<lb/>Auffassung: „Wenn man zu sagen pflegt, Raum und Zeit könnten ins Unend-<lb/>liche geteilt werden, so darf das nicht so aufgefaßt werden, als ob irgendeine<lb/>unendliche oder ewige Teilung stattfände; der Sinn dieser Behauptung wird<lb/>besser auf folgende Weise erklärt: Alle Teile, in die etwas geteilt wird, können<lb/>wieder geteilt werden; oder so: Es gibt kein kleinstes Teilbares, oder wie es<lb/>die Geometer formulieren: Keine Quantität ist so klein, daß nicht eine kleine-<lb/>re möglich wäre.“ (II. 7.13). Leibniz hat bekanntlich die Teilbarkeitsthese in<lb/>Verbindung mit der Kontinuumsthese übernommen und daraus insbesondere<lb/>eines der Argumente gegen den Atomismus entwickelt. Uns interesssiert nun<lb/>die Frage, worin sich der dabei verwendete Unendlichkeitsbegriff von dem<lb/>Hobbesschen unterscheidet, denn wo Hobbes warnt, von einem endlichen<lb/>Forscher könne niemals eine Erkenntnis des Unendlichen erwartet werden,<lb/>sagt Leibniz, daß wir, auch wenn wir endlich wären, viel über das Unendliche<lb/>wissen können. Doch ehe wir nach der Begründung hierfür fragen, sei darge-<lb/>stellt, in welcher Gestalt Leibniz vom Unendlichkeitsbegriff Gebrauch macht.</p>
         <p>In Notizen der Pariser Zeit zu Spinozas Unendlichkeitsbegriff unterschei-<lb/>det Leibniz drei Arten des Unendlichen: Erstens eines, für das die Annähe-<lb/>rung der Hyperbel an die Asymptote ein Beispiel ist, wobei, wie weit wir<lb/>immer fortschreiten, die Asymptote nicht erreicht wird, zweitens das Unendli-<lb/>che in Gestalt eines Maximums der betreffenden Art wie die Ewigkeit oder<lb/>der ganze Raum, drittens eine umfassende Einheit als Unendlichkeit, wie Gott<lb/>sie ist (A VI. 3.385). Mit dieser Dreiteilung ist ein Zwischenschritt gekenn-<lb/>dungsmerkmal die Einheit ansieht: im ersten Fall, dem des durch Teilung<lb/><pb n="229" facs="INF_229.jpg"/>oder Hinzufügen entstehenden Prozesses, gelangt man nie zu einer Einheit, im<lb/>zweiten Fall gibt es eine solche letzte, den Prozeß abschließende Einheit, im<lb/>dritten gibt es diese Einheit, ohne daß es in ihr irgendwelche Teile oder Tei-<lb/>lungen gäbe. Leibniz wird an diesem Gesichtspunkt der Einheit hinfort fest-<lb/>halten, aber die Auffassungen vertreten, daß der eben unterschiedene zweite<lb/>Fall nicht vorkommt: Weder gibt es eine unendliche Zahl, die den Prozeß des<lb/>Zählens abschließen würde, noch eine größte Geschwindigkeit, noch ein<lb/>Kleinstes als Einheit. So schreibt Leibniz an Bernoulli (29.7.1698, GM III.<lb/>524): „dubitari posse an lineae rectae infinitae longitudine et tarnen determi-<lb/>natae revera dentur“. Ein solches Unendliches kann, wie er immer wieder<lb/>hervorhebt, „kein wahres Ganzes" sein (<hi rend="italic">NE</hi> II, 17, § 8), und in einer späten<lb/>Abhandlung zu Malebranche betont er: „Man darf bezweifeln, daß wir die<lb/>Idee eines unendlichen Ganzen oder eines Unendlichen, das aus Teilen<lb/>zusammengesetzt ist, besitzen, denn ein Aggregat ist niemals etwas Absolutes“<lb/>(GP VI, 590; vgl. GM III, 575)<note xml:id="ftn3" place="foot" n="3">Auf die Diskussion der mit der Infinitesimalrechnung und dem Kontinuitätsproblem<lb/>verbundenen Fragen kann hier nicht eingegangen werden. Zu ersterem vgl. <hi rend="sc">H. Cohen</hi>, <hi rend="italic">Das<lb/>Prinzip der Infinitesimal-Methode und seine Geschichte. Ein Kapitel zur Grundlegung der<lb/>Erkenntniskritik</hi>, Berlin 1883, Nachdr. Frankfurt/M. 1968, S. 101-131.</note>. Deshalb ist auch der Limes einer konvergie-<lb/>renden Reihe nicht das Maximum einer Art, nicht die aktuale Zusammenset-<lb/>zung aus den je verschiedenen Gliedern der Reihe (vgl. GM III, 535 ff.).<lb/>Demgegenüber gibt es ein Unendliches, das sehr wohl eine aktuale Einheit ist<lb/>– nämlich die Unendlichkeit Gottes, die „in keiner Weise mit dem Gedanken<lb/>an Teile verbunden ist, aus denen es zusammengesetzt wäre“ (<hi rend="italic">NE</hi> II, 17, § 8<lb/>u. 16).</p>
         <p>4.<hi rend="italic"> Raum und Zeit</hi></p>
         <p>Raum und Zeit sind für Leibniz Kontinua, die der unendlichen Teilung<lb/>fähig sind, sie sind in ihrer Teilbarkeit nicht aktual geteilt noch in ihrer Aus-<lb/>dehnung ins Unendlichgroße abgeschlossen. Dem setzt Clarke die Newtonsche<lb/>Position entgegen: „Der Raum“, so erklärt er im dritten Erwiderungsschrei-<lb/>ben an Leibniz, „ist keine Substanz, auch kein ewiges oder unendliches<lb/>Wesen; sondern ein Attribut oder eine Folge aus der Existenz eines unendli-<lb/>chen Wesens. Der unendliche Raum ist die Unermeßlichkeit; die Unermeß-<lb/>lichkeit ist aber nicht Gott selbst – und deshalb ist der unendliche Raum nicht<lb/>Gott selbst“. Natürlich ist auch Gott „unermeßlich“, und so, wie Gott in sei-<lb/>ner Existenz nicht in Teile zerlegbar ist, ist auch der Raum nicht zerlegbar,<lb/><pb n="230" facs="INF_230.jpg"/>denn wenn man Teile des Raumes unterstellt, so sind sie ebenfalls wieder ein<lb/>Raum (§ 3, GP VII, 368).</p>
         <p>Die genaue Bestimmung der räumlichen Unendlichkeit als Unermeßlich-<lb/>keit wird von Koyré auf Henry More zurückgeführt<note xml:id="ftn4" place="foot" n="4"><hi rend="sc">A. Koyré</hi>, <hi rend="italic">Von der geschlossenen Welt zum unendlichen Universum</hi>, Frankfurt/M. 1969<hi>,</hi><lb/> Kap.<hi> </hi>V<hi>, </hi>S. 105 ff.</note>. Dieser war in der Aus-<lb/>einandersetzung mit Descartes für eine unendliche Ausgedehntheit des Rau-<lb/>mes als das die Materie Enthaltende eingetreten. Die Vorstellung des Raumes<lb/>ist danach selbst nicht die Vorstellung von einem idealen Ding, „ sondern nur<lb/>von dem großen und unermeßlichen Umfang der Potentialität der Mate-<lb/>rie“<note xml:id="ftn5" place="foot" n="5"><hi rend="sc">H. More</hi><hi rend="italic">An Antidote against Atheism</hi>, London <hi rend="sup">3</hi>1662, Appendix, ch. VII, § 1, zit. nach<lb/>Koyré, S. 129.</note>; doch 10 Jahre später wird auch der unendlich ausgedehnte Raum als<lb/>nicht materiell, aber real bezeichnet: diese Raumvorstellung sei notwendige<lb/>Voraussetzung unseres Denkens über die Existenz oder Nichtexistenz eines<lb/>Dinges, und der Raum sei „unermeßlich und unbegrenzt“<note xml:id="ftn6" place="foot" n="6"><hi rend="italic">Enchiridium Metaphysicum</hi>, London 1671, t. I, ch. VIII, S. 72; zit. b. Koyré, S. 141 bzw. 143.</note>. Damit gelangt<lb/>More am Ende zu der Auffassung, die Welt als endlich, aber unbegrenzt in<lb/>einen unendlichen Raum einzubetten. Der Raum, bei Newton sensorium Got-<lb/>tes, wird schließlich von Raphson als „infinitum in actu“ und als „Unermeß-<lb/>lichkeit“ als „Attribut der ersten Ursache“ bezeichnet<note xml:id="ftn7" place="foot" n="7"><hi rend="sc">Jos. Raphson</hi>, <hi rend="italic">Appendix</hi> “De spatio reali seu Ente Infinitoˮ zu: <hi rend="italic">Analysis Aequationum Uni-<lb/>versalis seu ad Aequationes Algebraicas Resolvendas Methodus Generalis</hi>, London <hi rend="sup">2</hi>1702, S. 75 ff, zit. b. Koyré, S. 177 f.</note>. Der Hintergrund<lb/>dieser von Newton geteilten und von Leibniz bestrittenen Auffassung ist, daß<lb/>der Raum wie die Zeit als absoluter Raum und absolute Zeit nicht von Gott<lb/>mit der Welt geschaffen sind, sondern mit Gottes Ewigkeit und Unermeßlich-<lb/>keit identifiziert werden und die Schöpfung in sie hinein erfolgt. Leibnizens<lb/>Einwände, in denen er auch More erwähnt (5. Schreiben an Clarke, § 48),<lb/>beziehen sich darauf, daß eine solche Annahme unzulässig ist, weil, wenn der<lb/>unendliche Raum die Unermeßlichkeit ist, der endliche Raum der Unermeß-<lb/>lichkeit entgegengesetzt sein muß. Da aber die Ausdehnung immer Ausdeh-<lb/>nung von etwas sein muß, würde der unermeßliche Raum eine Extensio ohne<lb/>Bezugssubjekt sein. Er kann also gar nicht für sich bestehen, sondern nur als<lb/>Ordnung der Dinge (4. Schreiben an Clarke, § 9). Dies wiederum ist verträg-<lb/>lich mit der von Leibniz vertretenen Auffassung, den Raum als zwar unend-<lb/>lich im Sinne einer Grenzenlosigkeit zu begreifen, aber nicht als eine echte<lb/>Einheit, wie er es sein müßte, wenn er nicht von Gott geschaffen, sondern<lb/>dessen mit ihm gegebenes Sensorium wäre.</p>
         <pb n="231" facs="INF_231.jpg"/><p>5. <hi rend="italic">Dinge und Monaden</hi></p>
         <p>Alle bisherigen Überlegungen machten nicht davon Gebrauch, daß Dinge<lb/>ebenso wie Raum und Zeit nur phaenomena sind. Das aber muß auf die<lb/>Unendlichkeitstheorie unmittelbar Einfluß haben, denn schon wegen des Phä-<lb/>nomencharakters kann weder ein Hinzufügen noch ein Teilen je zu einer letz-<lb/>ten unendlich großen oder unendlich kleinen Einheit führen. Nun stehen aber<lb/>hinter der teilbaren Materie Monadenaggregate, Zentralmonaden und ihnen<lb/>untergeordnete leidende Monaden. Sie sind das eigentlich Reale, sie gibt es in<lb/>ihrer Diskretheit. Wenn also zwar eine Teilung der Materie im Hinblick auf<lb/>die<hi rend="italic"> Materie</hi> der alten aristotelischen Auffassung entspricht, daß sie nie in actu<lb/>vollzogen, sondern nur der Potenz nach vollziehbar ist, so gilt dies ganz und<lb/>gar nicht für die dahinterliegende Struktur der eigentlichen<hi rend="italic"> Substanzen</hi>! Dies<lb/>führt Leibniz zu einer ganz ungewohnten Sprechweise – nämlich dazu, auch<lb/>hinsichtlich der Phänomene, verstanden als körperliche Substanzen, von eiprä-<lb/>zisen Kreise oder Ellipsen, keine regelmäßigen Figuren bei den Körpern „à<lb/>cause de la division actuelle des parties à lʼinfini“ (Bodemann, 68). So folgert<lb/>Leibniz aus dem Prinzip der Gleichheit von Ursache und Wirkung „dari infi-<lb/>nitum actu, quia conservatur impetus ope materiae confusae“ (Grua I. 267).<lb/>Und da „infinitae sunt actu creaturae in qualibet parte universi“, weil jede<lb/>individuelle Substanz in ihrem vollständigen Begriff die ganze Reihe der Din-<lb/>ge enthalte, könne man sagen, daß die Substanz „aliquid infiniti continet“<lb/>(Grua I. 325).</p>
         <p>Passagen dieser Art sind es, die immer wieder dazu verleitet haben, von<lb/>Leibniz zu sagen, er habe sehr wohl den Begriff des aktual Unendlichen<lb/>gekannt und deshalb auch in der Mathematik vorausgesetzt. Eine solche Sicht-<lb/>weise verkennt aber gänzlich die Redefinitionen, die Leibniz dem alten Begriff<lb/>des Aktualunendlichen gegeben hat, und derzufolge er verlangt, daß es sich<lb/>bei etwas Aktualunendlichem um eine Einheit handelt, die nicht aus Teilen<lb/>zusammengesetzt ist. Gerade hier müssen wir aber feststellen, daß weder die<lb/>fortgesetzte Teilung, die zu Welten in den Welten führt, noch die fortgesetzte<lb/>Hinzufügung zu einer Einheit im Unendlichgroßen oder Unendlichkleinen<lb/>führen, und dies stimmt vollkommen mit Leibnizʼ Äußerungen zur Infinitesi-<lb/>malrechnung im Briefwechsel mit Bernoulli überein. Hingegen muß man eine<lb/>Monade, die als Substanz die Einheit aller ihrer unendlich vielen Perzeptionen<lb/>ist, eine unendliche Einheit nennen, und ebenso kann man sagen, daß hinter<lb/>jedem Teilungsschritt in der Materie ein Aggregat steht, dessen Unterteilung<lb/>in actu schon gegeben ist. Allein in dieser Perspektive sind wir berechtigt, von<lb/>einem infinitum in actu hinsichtlich der geschaffenen Welt zu sprechen. Das<lb/>allerdings ist bedeutsam genug, denn während Giordano Bruno nur für den<lb/> Raum die göttliche Eigenschaft aktualer Unendlichkeit in Anspruch nahm,<lb/><pb n="232" facs="INF_232.jpg"/>wird sie von Leibniz für Individuen in Anspruch genommen. Gewiß, indivi-<lb/>duum est ineffabile galt schon immer, aber da es zugleich als monas ein unum<lb/>per se ist, hat auch hier, im Bereich der Individuenmetaphysik, das Ich eine<lb/>Stellung gewonnen, die es als Spiegel der Welt zugleich mit göttlichen Attribu-<lb/>ten zum je individuellen Zentrum der Welt werden läßt! Dies ist wohl das<lb/>entscheidend Neue des metaphysischen Unendlichkeitsbegriffs bei Leibniz –<lb/>etwas, was fortan nicht mehr verloren geht, denn die Kantische transzendenta-<lb/>le Dialektik baut ja gerade darauf, daß das transzendentale Subjekt Ideen und<lb/>Ideale als das Abgeschlossene eines Prozesses in einer Einheit aus sich im<lb/>Denken hervorzubringen vermag.</p>
         <p>6.<hi rend="italic"> Die Erkennbarkeit des Unendlichen</hi></p>
         <p>Gerade die Perspektive auf Kant verlangt die Behandlung der Frage, wie-<lb/>so Leibniz glauben kann, die Einwände gegen die Erkennbarkeit einer Unend-<lb/>lichkeit, die doch seit Anaximander und Zenon bis zu Descartes, Hobbes und<lb/>Arnauld immer wieder und mit immer neuen Argumenten vertreten wurden,<lb/>entkräften und die Erfaßbarkeit eines Unendlichen im Denken behaupten zu<lb/>können. Einen Hinweis geben fraglos die Summation endlicher Reihen, die<lb/>Differential- und Integralrechnung: Sie belegen, daß der von Leibniz neu<lb/>unterschiedene Typ der symbolischen Erkenntnis (GP IV, 423) geeignet ist,<lb/>den wichtigsten Fall neuartiger Erkenntnis zu erfassen, nämlich ein Unendli-<lb/>ches bei geeigneter Wahl der Zeichen durch eine endliche Zeichenfolge auszu-<lb/>drücken. Das entscheidende Hilfsmittel ist also diese Form der komprimieren-<lb/>den Darstellung, die uns der Notwendigkeit enthebt, weder der Potenz nach<lb/>noch gar in actu eine Unendlichkeit denkend zu durchlaufen: das eben vermö-<lb/>gen wir nicht. Ebensowenig vermögen wir sie – anders als Gott – simultan zu<lb/>durchschauen, wohl aber, sie simultan in ihrer Zeichengestalt (und das heißt:<lb/>in ihrem Strukturgesetz) zu erfassen: an die Stelle der Vorstellung des Einzel-<lb/>gliedes tritt die Vorstellung des allgemeinen Gliedes – und damit die Möglich-<lb/>keit, mit ihm im Denken umzugehen. Allein die Erkenntnis der Gesetzmäßig-<lb/>keit ist es also, die dem menschlichen Denken den Zugang öffnet. Eben dies<lb/>ist der Kernpunkt des Einwandes, den Leibniz gegen Locke vorträgt (<hi rend="italic">NE</hi> II,<lb/>17, § 3): „Der Gedanke des Unendlichen“, schreibt er dort, „stammt aus dem<lb/>Gedanken der Ähnlichkeit oder Identität des Grundes her: und sein Ursprung<lb/>ist derselbe wie der der allgemeinen und notwendigen Wahrheiten.“ So<lb/>kommt es zu der entscheidenden Transformation des von Descartes als<hi rend="italic"> idea<lb/>innata</hi> aufgefaßten, dem menschlichen Geist durch ein Wunder Gottes einge-<lb/>pflanzten Vermögens, das Unendliche zu denken: Da der Umgang mit Gesetz-<lb/>mäßigkeiten eine Sache der Vernunft ist und weder aus der Erfahrung noch<lb/>aus deren induktiver Verarbeitung stammt, liegt das, was dem Gedanken des<lb/><pb n="233" facs="INF_233.jpg"/>Unendlichen seinen Abschluß gibt, „in uns selbst“ und hat „dieselbe Quelle<lb/>wie die ewigen Wahrheiten“ (§ 16). Indem also menschliche Vernunft univer-<lb/>selle Gesetze zu denken vermag – und dieses Vermögen war ja nicht bestritten<lb/>worden – vermag sie den Inhalt des Unendlichkeitsbegriffes zu erfassen. Dies<lb/>enthält zwar immer noch ein Postulat, aber keines, dem zu widersprechen<lb/>Veranlassung gegeben wäre.</p>
         <p>Dennoch bleibt ein Problem, denn wenn das Unendliche als<hi rend="italic"> considération<lb/>de la grandeur et de la multitude</hi> (GP V, 144) etwas Ideelles ist, wie es in einem<lb/>Brief an Bernoulli heißt, „etwas Imaginäres“ (GM III, 493) oder im Sinne<lb/>eines Abschlusses etwas Absolutes, das zugleich aktual sein soll, wie wir in den<lb/><hi rend="italic">Nouveaux Essais</hi> lesen (<hi rend="italic">NE</hi> III, 17, § 3) – wieso kann es dann zugleich mit<lb/>unbedingter Gültigkeit für das Geschaffene vertreten werden? Dies beantwor-<lb/>tet Leibniz mit dem Hinweis, daß die Gesetze als „ideale Gründe... über die<lb/>Dinge herrschen, wenngleich sie keine Existenz in den Teilen der Materie<lb/>besitzen" (<hi rend="italic">NE</hi> III, 17, § 3). Letzteres ist außerordentlich wichtig, denn nicht<lb/>das Gesetz existiert, sondern immer nur das, was dem Gesetz gehorcht. Die<lb/>Gesetze sind aber je nach dem Reich, dem sie zugehören, verschieden: Im<lb/>Reich der Zwecke sind sie die je individuellen Gesetze der Perzeptionsabfolge<lb/>einer jeden Monade, im Reich der Gründe geht es um die Kontinuität kausa-<lb/>ler Abfolgen. Mit dieser Überlegung ist bei Leibniz der entscheidende Schritt<lb/>der Kantischen Vernunftkritik zum Unendlichkeitsbegriff angelegt: Der<lb/>Mensch, als körperliche Substanz ein<hi rend="italic"> infinitum in actu</hi>, erfährt diese Unendlich-<lb/>keit niemals von sich als<hi rend="italic"> phaenomenon</hi> oder als Erscheinung, sondern als<hi rend="italic"> monas<lb/></hi>oder<hi rend="italic"> noumenon</hi>, welche ein Gesetz denkt, das ideale Gründe zu formulieren<lb/>gestattet, die zwar über die Dinge herrschen – nämlich als Bedingungen mög-<lb/>licher Erkenntnis und deren Gegenstände –, aber gerade nicht diese Gegen-<lb/>stände selbst sind. So hat Leibniz eine begriffsgeschichtlich höchst folgenreiche<lb/>Neubestimmung des metaphysischen Unendlichkeitsbegriffes gegeben. Der<lb/>Mensch als Substanz ist fähig, zwar nicht ein aktual Unendliches als aktuales<lb/>zu denken, wohl aber den Begriff des Aktualunendlichen. Und er erkennt, daß<lb/>er diesen Begriff, bis dahin allein ein Prädikat zur Kennzeichnung der Eigen-<lb/>schaften Gottes, auf sich als Individuum beziehen kann und muß. Zugleich<lb/>aber erfährt er an sich selbst den Abgrund, den er niemals mit menschlicher<lb/>Vernunft wird zudecken können – und hätte er noch so gute Luchsaugen.</p>
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