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            <title>DIE POLARITÄTEN DES EINEN UND DES VIELEN IM BEGRIFF DER MONADE</title>
            <author><name>Heinrich</name>
               <surname>Schepers</surname>
            </author>
         </titleStmt>
         <publicationStmt>
            <authority>ILIESI-CNR</authority>
            <availability>
               <p>Biblioteca digitale Progetto Agorà</p>
            </availability>
         </publicationStmt>
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            <bibl>
               <title level="m">DIE POLARITÄTEN DES EINEN UND DES VIELEN IM BEGRIFF DER MONADE</title>
               <author>Heinrich Schepers</author>
               <title level="a"/>
               <publisher>Leo S. Olschki Editore</publisher>
               <editor/>
               <pubPlace>Roma</pubPlace>
               <idno type="isbn"/>
               <biblScope> pp.171-184 (Collana Lessico Intellettuale Europeo, LXXXIV)</biblScope>
               <date/>
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            <docAuthor>Heinrich Schepers</docAuthor>
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               <titlePart>DIE POLARITÄTEN DES EINEN UND DES VIELEN IM BEGRIFF DER MONADE</titlePart>
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         <pb n="171" facs="UNITA/UNITA_171.jpg"/>
          <p>Mes meditations fondamentales roulent sur deux<lb/>choses, sçavoir sur l’unité et sur
               la multitude
              
                     <note place="foot" xml:id="ftn1" n="1"> Leibniz an Kurfürstin Sophie für
                        Elisabeth Charlotte von Orleans im November 1696,<lb/>A 1,13 S. 90. </note>
                 
                </p>
            <p>Das Eine und das Viele sind gewissermaßen polare Begriffe, die einan-<lb/>der
               bedingen. Hegel versteht unter Polarität “die Bestimmung des Verhält-<lb/>nisses der
               Notwendigkeit zwischen Verschiedenen, die Eines sind, insofern<lb/>mit dem Setzen des
               Einen auch das Andere gesetzt ist”.<note place="foot" xml:id="ftn2" n="2"> Vgl. G. W.
                  F. Hegel, Enzyklopädie, § 248, Zusatz (ed. Glockner, Bd 9, S. 57). </note> Daß für
               Leibniz,<lb/>der eher von Komplementarität gesprochen hätte, ein solches
               Verhältnis<lb/>der wechselseitigen und notwendigen Bedingtheit zwischen dem Einen
               und<lb/>dem Vielen besteht, wird deutlich an den verschiedenen Ausprägungen,
               in<lb/>denen uns diese Polarität bei unserem Philosophen begegnet. Polarität
               in<lb/>dem besonderen Sinn, Daß beide Pole in dem Einen sind, mit der
               Eigent-<lb/>ümlichkeit, daß das Eine nicht nur Gegenpol, sondern Prinzip des Vielen
               ist.</p>
            <p>Das Thema dieses Symposions gibt mir Gelegenheit zu zeigen, daß man<lb/>Leibniz’
               Metaphysik als die Arbeit an der rationalen Explikation der ver-<lb/>schiedenen
               Ausprägungen der Polarität des Einen und des Vielen ansehen<lb/>kann, Ausprägungen,
               die im Begriff der Monade kulminieren.</p>
            <p>Erinnern möchte ich anfangs an einige unverrückbare Ausgangspositio-<lb/>nen der
               Leibniz’schen Metaphysik: Es gibt keinen <hi rend="italic">influxus physicus</hi>,
               keine<lb/>absolute Zeit, keinen absoluten Raum, keine absolute Bewegung.
               Gleich-<lb/>wohl steht alles mit allem in wirkendem Zusammenhang, gleichwohl
               bewe-<lb/>gen wir uns, handeln und leiden wir mit- und gegeneinander in Raum
               und<lb/>Zeit. Das bedarf der Erklärung.</p>
         <pb n="172" facs="UNITA/UNITA_172.jpg"/>
            <p>Descartes sicherte methodisch das <hi rend="italic">Ego</hi>, gab jedoch für Leibniz
               nur un-<lb/>befriedigende Lösungen für das Verhältnis des <hi rend="italic">Ego</hi>
               zu den anderen <hi rend="italic">res cogi-<lb/>tantes</hi>, erst recht zu den <hi
                  rend="italic">res extensae</hi>, so zum eigenen Leib.</p>
            <p>Leibniz griff tief in das Arsenal der <hi rend="italic">philosophia perennis</hi>, um
               dieses Car-<lb/>tesische <hi rend="italic">ego</hi> zu seiner Monade aufzurüsten. -
               In gewisser Hinsicht kann<lb/>man in ihm den konsequentesten Cartesianer <hi
                  rend="italic">in metaphysicis</hi> sehen, kann<lb/>man die Monadenlehre als die
               strenge Befolgung des von Descartes mit sei-<lb/>nem <hi rend="italic">cogito</hi>,
                  <hi rend="italic">ergo sum</hi> eingeschlagenen Weges verstehen. - Daß dabei
               gerade<lb/>die Begriffspolaritäten des Einen und des Vielen eine bedeutende
               Rolle<lb/>spielen, möchte ich zeigen.</p>
            <p>Das Viele kommt bei Leibniz zumeist als das <hi rend="sp">unendlich Viele</hi>
               vor<lb/>und ist als solches implizit immer gemeint, wenn von Allheiten, von <hi
                  rend="italic">omnes,<lb/>omnia</hi>, vom distributiven <hi rend="italic"
                  >totum</hi>, vom Universum oder der Welt die Rede<lb/>ist. Bekanntlich ist für
               Leibniz die Welt kein <hi rend="italic">totum</hi>, kein einheitliches<lb/>Ganzes,
               das sich aus Individuen zusammensetzt, gleichwohl aber eine un-<lb/>endliche Vielheit
               von in prästabilierter Harmonie zusammenwirkender Mo-<lb/>naden.</p>
            <p>Das Eine ist für ihn vorzüglich das reale Eine, die wirkliche, unzerstör-<lb/>bare,
               weil unteilbare Einheit, das Individuum, die <hi rend="italic">substantia
                  singularis</hi>, die<lb/>Monade.</p>
            <p>Es war die Mathematik, die Leibniz erkennen ließ, daß das Verhältnis<lb/>der Einheit
               zur unendlichen Vielheit mit höchstem Maß an Rationalität be-<lb/>griffen werden
               kann. Daß die Metaphysik neben der Einheit ausschließlich<lb/>die unendliche Vielheit
               zum Gegenstand hat, gründet darin, daß es keine<lb/>
               <hi rend="italic">ratio sufficiens</hi> gibt, bei dem einem oder anderem vom realen
               Einem ver-<lb/>schiedenen stehen zu bleiben, wenn nicht beim Unendlichen, bei dem in
               je-<lb/>der Hinsicht Allesumfassenden. Und wiederum gibt es keinen Grund,<lb/>warum,
               wenn aus diesem Unendlichem eines und nur eines ausgewählt wer-<lb/>den soll, ein
               anderes als das Beste zu nehmen ist.</p>
            <p>Leibniz’ Metaphysik speist sich aus vielen Quellen, die von ihm in den<lb/>klaren
               Fluß eines rationalen Begründungszusammenhangs von möglichster<lb/>Einfachheit
               gebracht werden. Es ist müßig zu fragen, welcher Quelle die<lb/>größere Bedeutung
               zukommt, wichtig aber zu sehen, wie sie alle von ihm<lb/>
               <hi rend="sp">transformiert</hi> werden, bevor sie in seine Lehre von den Monaden
               ein-<lb/>fließen. Es ist diese originäre Transformation der Quellen, die Leibniz
               von<lb/>einem Ekklektiker unterscheidet.</p>
            <p>Lassen Sie mich in der hier gebotenen Knappheit die wichtigsten Quel-<lb/>
               len, bei denen in verschiedener Form das Eine und das Viele zur
               Geltung<lb/>kommen, in Erinnerung rufen - von Fall zu Fall mit ausführlichen
               Zitaten.</p>
         <pb n="173" facs="UNITA/UNITA_173.jpg"/>
            <p>Da ist erstens und schon früh die von Leibniz bevorzugte nominalisti-<lb/>sche Lösung
            der <hi rend="sp">Individuation:</hi>
            <hi rend="italic">Omne individuum sua tota entitate indi-<lb/>viduatur, </hi><note
               place="foot" xml:id="ftn3" n="3"> A VI,1 S. 11. </note> eine Lösung, die ihn
            beunruhigt, bis es ihm gelingt, mit seiner<lb/>Konzeption der <hi rend="italic">notio
               completa</hi> durch die maximale Bestimmtheit des indi-<lb/>viduellen Wesensbegriffs
            zu klären, was <hi rend="italic">tota entitate</hi> bedeutet.</p>
         <p>Da ist zweitens der hippokratische Aphorismus <hi rend="italic">Sýmpnoia pánta</hi>,
            der<lb/>das Zusammenfließen aller Teile behauptet, mit einem Wort, die Sympa-<lb/>thie,
            die Leibniz, trotz Ablehnung des <hi rend="italic">influxus</hi>, als grundlegende
            Hypo-<lb/>these vom menschlichen Organismus auf die ganze Welt überträgt:</p>
            <p>Itaque quod Hippocrates de corpore humano dixit, de ipso universo verum<lb/>est, <hi rend="sp">omnia conspirantia et sympathetica
                  esse,</hi> seu nihil in una crea-<lb/>tura fieri, cuius non effectus aliquis
               exacte respondens ad caeteras omnes<lb/>perveniat. <note place="foot" xml:id="ftn4"
                  n="4"> A VI,4 S. 1618. </note>
            </p>
            <p>So verstanden, gebietet das, die ganze Welt, alle Kreaturen, in die ma-<lb/>ximale
               Bestimmtheit jedes individuellen Wesensbegriffes einzubeziehen.<lb/>Dieser Aphorismus
               wird die Grundlage für seine <hi rend="italic">hypothèse de la
                  concommi-<lb/>tance</hi> und später für die der prästabilierten Harmonie, genial
               veranschau-<lb/>licht durch seine Erfindung der <hi rend="italic">petites
                  perceptions.</hi>
            </p>
            <p>Da ist drittens der platonische Begriff der <hi rend="sp">Harmonie,</hi> dem
               Leibniz<lb/>eine präzise Bestimmung gibt als <hi rend="italic">unitas in
                  multitudine</hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn5" n="5"> Vgl. A II,1 S. 333. </note> oder auch als <hi
                  rend="italic">diver-<lb/>sitas identitate compensata</hi>,
               <note place="foot" xml:id="ftn6" n="6"> Vgl. A VI,3 S. 116. </note>
                und mit dem Prinzip <hi rend="italic"
                  >quanto major et varietas<lb/>et in varietate unitas, hoc majorem esse
                  harmoniam</hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn7" n="7"> Vgl. A VI,4 S. 1359. </note> bis hin zum
               Gradmes-<lb/>ser der Perfektion entwickelt: <hi rend="italic">sequitur Harmoniam esse
                  cogitabilium qua-<lb/>tenus scilicet cogitabilia sunt perfectionem</hi>,
               <note place="foot" xml:id="ftn8" n="8"> A VI,4 S. 1360. </note>
                so daß nur die Wesen existie-<lb/>ren, die
               gemeinsam das Höchstmaß an Perfektion entwickeln, eben <hi rend="italic"
                  >harmo-<lb/>nikótata</hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn9" n="9"> Vgl. A VI,4 S. 1637. </note> sind.</p>
            <p>Da ist viertens die plotinische <hi rend="sp">Emanation,</hi> das Hervorgehen des
               Vie-<lb/>len aus dem Einen und zugleich das Verbleiben des Vielen im Einen, in
               sei-<lb/>ner Ursache, der Schöpfung in Gott. Nur sie erkennt Leibniz, streng
               meta-<lb/>physisch gesprochen, als den einzigen <hi rend="italic">modus causandi</hi>
               in Gott - und mit</p>
         <pb n="174" facs="UNITA/UNITA_174.jpg"/>
            <p>Gott in den Substanzen - an; wohlgemerkt bei radikaler Negation der Mö-<lb/>glichkeit
               eines <hi rend="italic">influxus realis</hi> von einer Substanz auf die andere, mit
               Aus-<lb/>nahme eben des göttlichen Schöpfungsaktes.<note place="foot" xml:id="ftn10"
                  n="10"> Vgl. A VI,4 S. 1647. </note> Die Emanation wird zum<lb/>Prinzip aller in
               ihrer Ursache verbleibenden momentanen Besonderungen,<lb/>
               <hi rend="italic">comme les pensées emanent de nostre substance</hi>
               .
               <note place="foot" xml:id="ftn11" n="11"> A VI,4 S. 1549 u. 1580. </note>
                Er definiert die <hi rend="italic">causa
                  per<lb/>emanationem</hi>, der Schulmetaphysik folgend, als eine solche, <hi
                  rend="italic">ubi nulla inter-<lb/>ceda mutatio neque tempus,</hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn12" n="12"> A VI,4 S. 637. </note>
                auch als <hi rend="italic">causa efficiens
                  sine mutatione sui</hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn13" n="13"> A VI,2 S. 490. </note>
               <hi rend="italic">.</hi>
               
                  <lb/>
               Die Emanation ist momentan und als solche ohne Veränderung. Daher<lb/>muß
               Leibniz das Prinzip aller Veränderungen in der Substanz selbst als<lb/>
               <hi rend="italic">creatio continua</hi>, als fortwährend wechselnde Emanationen, als
                  <hi rend="italic">fulgurations<lb/>continuelles</hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn14" n="14"> Vgl. Monadogie § 47. </note> begreifen. <hi
                  rend="italic">Sufficit aliqua esse, quae maneant eadem cum mu-<lb/>tantur, ut
                  Ego</hi>
               ,
               <note place="foot" xml:id="ftn15" n="15"> A VI,4 S. 562. </note>
               eben das mit <hi rend="italic">memoria</hi>
               ausgestattete Ich.</p>
            <p>Da ist fünftens das bereits erwähnte fundamentale <hi rend="italic">Cogito, ergo
                  sum<lb/>
               </hi>
               <hi rend="sp">Descartes’,</hi> und damit die <hi rend="italic">res cogitans</hi>, das
                  <hi rend="italic">Ego.</hi> Fundamental, weil Leib-<lb/>niz mit diesem Argument
               die Metaphysik auf ein sicheres Fundament ge-<lb/>stellt sieht und Descartes rühmt,
               er habe mit ihm die Metaphysik von der<lb/>Scholastik befreit. Dieses <hi
                  rend="italic">Ego</hi> wird für Leibniz der Prototyp der Substanz,<lb/>insofern
               jeder an seinem Ich erfahren kann, was Substanz eigentlich bedeu-<lb/>tet. Leibniz
               kann aber nicht beim <hi rend="italic">cogito</hi> bleiben, er muß ihm sein <hi
                  rend="italic">varia a<lb/>me cogitantur</hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn16" n="16"> A VI,4 S. 1499f. </note> als gesichertes
               Korrektiv an die Seite stellen: <hi rend="italic">cum cogito, sta-<lb/>tim multa
                  cogito, et unum in multis</hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn17" n="17"> A VI,2 S. 283. </note>
               <hi rend="italic">.</hi>
            </p>
            <p>Und da ist zugleich der ärgerliche cartesische <hi rend="sp">Dualismus</hi> der <hi
                  rend="italic">res cogi-<lb/>tantes</hi> und der <hi rend="italic">res
                  extensae</hi>, der ihn zur Ausbildung seiner Hypothese von<lb/>der <hi rend="sp"
                  >allesumfassenden</hi> prästabilierten Harmonie, nicht allein der von<lb/>Seele
               und Körper, zwingt.</p>
            <p>Da sind sechstens <hi rend="sp">die Primordialitäten</hi>
               <hi rend="italic">posse, scire, velle</hi> in ihrer un-<lb/>endlichen Fülle und
               Perfektion, die Leibniz mit der <hi rend="sp">Augustinischen</hi> Tra-<lb/>dition auf
               die drei Personen der Trinität überträgt: die Macht auf den Va-<lb/>ter; das Wissen
               auf den Logos, den Sohn; den Willen, die Liebe auf den HI.<lb/>Geist.<note
                  place="foot" xml:id="ftn18" n="18"> Vgl. VI,4 S. 2365. </note> Es ist genau diese
               trinitarische Struktur, die er ansatzweise schon als</p>
         <pb n="175" facs="UNITA/UNITA_175.jpg"/>
            <p>Student der Substanz zugrundelegt<note place="foot" xml:id="ftn19" n="19"> Vgl. VI,1
                  S. 156. </note> und festhält, wenn er die Monade als<lb/>originäre Kraft, als <hi
                  rend="italic">vis primitiva</hi>, mit Perzeption qua Wissen und mit
               Appe-<lb/>titus qua Willen bzw. Streben begreift. Damit nimmt er die überlieferten<lb/>
               <hi rend="sp">Attribute Gottes,</hi> die Allwissenheit und die Allmacht, in gewissem,
               aber<lb/>präzisen Sinn für jede Substanz in Anspruch, bis hin zur durchaus ernst
               ge-<lb/>meinten Charakterisierung der selbstbewußten, apperzipierenden
               Monaden<lb/>als <hi rend="italic">petites divinités.</hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn20" n="20"> Vgl. Monadologie § 84. </note> Es sind nur
               Grade der Deutlichkeit, die die Monaden<lb/>voneinander und von Gott, der Urmonade,
               unterscheiden, allerdings we-<lb/>sentlich durch ihre ihnen als Geschöpfen naturgemäß
               eigene Limitation.<note place="foot" xml:id="ftn21" n="21"> Vgl. Monadologie § 60.
               </note>
            </p>
            <p>Unaquaeque substantia habet aliquid infiniti quatenus causam suam,<lb/>Deum,
               involvit, nempe aliquod omniscientiae et omnipotentiae vestigium;<lb/>nam in perfecta
               notione cujusque substantiae individualis continentur om-<lb/>nia ejus praedicata tam
               necessaria quam contingentia, praeterita praesentia<lb/>et futura; imo unaquaeque
               substantia exprimit totum Universum secundum<lb/>situm atque aspectum suum, quatenus
               caetera ad ipsum referuntur, et hinc<lb/>necesse est quasdam perceptiones nostras
               etiamsi claras, tamen confusas<lb/>esse, cum infinita involvant, ut coloris, caloris
               et similium. <note place="foot" xml:id="ftn22" n="22"> A VI,4 S. 1618. Vgl. VI,3 S.
                  524 u. Grua S. 139. </note>
            </p>
            <p>Da ist siebtens der <hi rend="sp">mathematische Punkt,</hi> den er als
               ausdehnungs-<lb/>lose Einheit, zugleich aber als die unendliche Vielheit von Winkeln,
               die alle<lb/>in ihm ihren Ausgang nehmen, begreift und zum Modell macht für die
               als<lb/>metaphysischer Punkt aufgefaßte Monade mit der unendlichen Vielheit
               der<lb/>in ihr erzeugten Phänomene.</p>
            <p>Da ist achtens die potentiell unendliche Vielheit des mathemati-<lb/>schen
            Kontinuums, aus der Leibniz die aktuell unendliche Vielheit der<lb/>Monaden
            ableitet.</p>
            <p>Da ist neuntens der potentiell ins Unendliche teilbare mathemati-<lb/>sche Körper,
            den Leibniz unterscheidet von dem aus aktual unendlich<lb/>vielen lebenden Organismen
            zusammengesetzten organischen Körper, des-<lb/>sen jedweder Teil, wie ihm eigentümlich,
            wiederum einen solchen Organis-<lb/>mus darstellt.</p>
            <p>Da ist zehntens die <hi rend="sp">reale Einheit</hi> der Monaden, der Leibniz die bloß<lb/>
               <hi rend="sp">phänomenale Vielheit</hi> der Körper gegenüberstellt, die in
               Wirklichkeit<lb/>nichts als Aggregate sind und ebensowenig aus einfachen Substanzen
               zu-</p>
         <pb n="176" facs="UNITA/UNITA_176.jpg"/>
            <p>
               sammengesetzt wie Linien aus Punkten.
               <hi rend="italic">Les esprits et les ames sont des uni-<lb/>tés, les corps sont des multitudes.</hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn23" n="23"> Grua S. 140. </note>
            </p>
            <p>Da ist schließlich die <hi rend="sp">aristotelisch-scholastische</hi>
               Begriffstheorie,<lb/>wonach das Prädikat eines wahren Satzes stets in seinem Subjekt
               enthalten<lb/>ist: <hi rend="italic">praedicatum inest subjecto</hi>, wonach, anders
               gesprochen, das Subjekt die<lb/>unendliche Vielheit seiner Pradikate enthält; eine
               Theorie, die Leibniz mit-<lb/>tels der Erweiterung seiner endlichen Analyse der
               notwendigen Wahrheiten<lb/>auf die unendliche Analyse der kontingenten, faktischen
               Wahrheiten, von<lb/>den allgemeinen Begriffen auf die individuellen übertragen kann,
               und die<lb/>ihn zur Ausbildung seines Konzepts einer <hi rend="italic">notio completa
                  substantiae singu-<lb/>laris</hi> befähigt, eines Konzeptes, mit dem er das
               logische Fundament seiner<lb/>Monadologie legt.</p>
            <p>Nur wenn man Leibniz’ Monadologie, eingebettet in seine Theorie der<lb/>möglichen
               Welten, aus solchen Quellen gespeist sieht und sich bemüht, die<lb/>rationale
               Leistung nachzuvollziehen, die zu ihrer konsequenten Ausgestal-<lb/>tung geführt hat,
               wird man zu kurz greifende Interpretationen vermeiden.</p>
            <p>Viele Interpretationen, die sich mehr auf den Buchstaben, weniger auf<lb/>den Geist
               der Texte verlassen, differenzieren nicht genügend zwischen ei-<lb/>nerseits den <hi
                  rend="sp">tastenden</hi> Formulierungen in Schriften, die lediglich der
               ei-<lb/>genen Klärung dienten, den <hi rend="sp">hinführenden, diskursbedingten</hi>
               Formu-<lb/>lierungen in Briefen, den <hi rend="sp">populären</hi> Formulierungen, die
               auf Erfahrungen<lb/>und Erfahrbares zurückgreifen, um das Gemeinte in gewisser
               Hinsicht an-<lb/>schaulicher zu machen, nicht aber, um Metaphysik auf Empirie oder
               Gno-<lb/>seologie zu gründen, und andererseits den <hi rend="sp">strengen</hi>
               Formulierungen <hi rend="italic">in ri-<lb/>gore metaphysico</hi>, in denen Leibniz
               exakt ausdrückt, was er für wahr hält,<lb/>und die als Richtschnur gelten müssen zur
               Deutung der anderen.</p>
            <p>J’avoue qu’on est obligé de parler ainsi en s’accordant à la language
               popu-<lb/>laire, ce qu’on peut faire dans un certain sens, sans blesser la verité,
               mais<lb/>quand il s’agit de s’expliquer exactement, je maintiens que, à parler dans
               la<lb/>rigeur philosophique... <note place="foot" xml:id="ftn24" n="24"> T § 290.
               </note>
            </p>
            <p>Leibniz bedient sich gerne uns vertrauter Begriffe und Bilder, um uns<lb/>einen
               Einstieg in seine Metaphysik zu erleichtern, nimmt uns aber dabei<lb/>gleichsam an
               die Hand zum Absprung in ihre rationale Überhöhung. Es ist<lb/>ein bekanntes
               Sprachphänomen, daß wir Neues nur verstehen im Ausgang</p>
         <pb n="177" facs="UNITA/UNITA_177.jpg"/>
            <p>von Vertrautem und im steten Rückgriff darauf, so bekannt, daß man seit<lb/>einiger
               Zeit vielfach glaubt, die “ordinary language” sei überhaupt funda-<lb/>mental. Dabei
               darf die vertraute Sprache doch keine Fessel sein, sie hat<lb/>vielmehr als Leiter,
               wenn nicht gar als Sprungbrett zu dienen für das Den-<lb/>ken des Neugedachten, für
               das Formulieren des noch nicht Gesagten.</p>
            <p>Vergegenwärtigen wir uns den Prozeß der Begriffsbildung. Die ur-<lb/>sprüngliche,
               vulgäre Bedeutung der Wörter wird transformiert in eine<lb/>streng metaphysische.
               Musterbeispiel: das Holz, genauer das zum Bauen<lb/>verwendete Holz, die <hi
                  rend="italic">H</hi>
               <hi rend="italic">ý</hi>
               <hi rend="italic">le</hi>, die bei Aristoteles zur <hi rend="italic">materia
                  prima</hi> wird. Der<lb/>metaphysische Begriff borgt Bedeutungsanteile aus dem
               vulgären, hebt sich<lb/>aber deutlich von ihm ab, ohne seine Herkunft zu verbergen.
               Man würde<lb/>ihn jedoch völlig verkennen, wenn man seine neue Identität, die ihm
               durch<lb/>präzise Definitionen und Zuschreibungen verliehen wurde, nicht voll
               aner-<lb/>kennt. Denn erst sie, diese neue Identität, macht ihn zum Träger
               neuer<lb/>Gedanken.</p>
            <p>Leibniz scheut sich bekanntlich nicht, diesen Prozeß bis zur Umkeh-<lb/>rung des
               ursprünglichen Sinnes zu treiben. Aus bisher Passivem macht er<lb/>Aktives. Aus dem
               ursprünglich rezipierenden Perzipieren macht er ein Pro-<lb/>duzieren, aus dem uns
               begegnenden Phänomen wird ein von uns, in uns er-<lb/>zeugtes. Aus dem das ankommende
               Licht reflektierenden Spiegel wird der<lb/>lebende Spiegel, der seine Bilder selbst,
               ja sogar aus sich selbst spontan<lb/>erzeugt.</p>
            <p>So radikal wie Leibniz seine Gedanken entfaltet, so behutsam versucht<lb/>er sie
               anderen zu vermitteln. Er mildert den <hi rend="italic">rigor metaphysicus</hi> durch
               eine<lb/>dem Partner gewohnte Sprechart, <hi rend="italic">pour concilier le langage
                  metaphysique<lb/>avec la practique.
               </hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn25" n="25"> A VI,4 S. 1553. </note>
            </p>
            <p>So baut er dem Empiriker Locke im Vorwort der <hi rend="italic">Nouveaux Essais</hi>
            eine<lb/>in der Erfahrung nachvollziehbare Darstellung, die ihm aber verhüllt
            seinen<lb/>Begriff der Monade <hi rend="italic">in nuce</hi> näher bringen soll. Es sind
               die <hi rend="italic">petites percepti-<lb/>ons</hi>, die als Einzelne Konfus, in ihre
            Gesamtheit klar die Eindrücke vermit-<lb/>teln, die die Körper außer uns auf uns machen
            - wir wissen, daß das eine<lb/>uneigentliche Redeweise ist - Eindrücke, die das
            Unendliche einschließen,<lb/>Eindrücke, die auf die Verbindung hinweisen, die jedes
            Seiende mit dem<lb/>ganzen Rest des Universums hat; Eindrücke, denen zufolge Leibniz
            sagen<lb/>kann, daß das Gegenwärtige schwanger geht mit dem Zukünftigen, bela-<lb/>stet
            ist mit allem Vergangenen, anders ausgedrückt, daß alles miteinander<lb/>konspiriert,
            sympathisiert, oder wie es Hippokrates formulierte: <hi rend="italic">Sýpnoia</hi>
         </p>
         <pb n="178" facs="UNITA/UNITA_178.jpg"/>
            <p>
               <hi rend="italic">pánta</hi>
                     <note place="foot" xml:id="ftn26" n="26"> Vgl. A VI,3 S. 87. </note>
                und, wie Leibniz fortfährt, daß so durchdringende Augen wie die<lb/>Gottes aus
               der geringsten der Substanzen den ganzen Lauf der Dinge des<lb/>Universums zu
               erkennen vermögen.<note place="foot" xml:id="ftn27" n="27"> Vgl. A VI,6 S. 55.
               </note> Es komme zwar nur der höchsten<lb/>Vernunft, der nichts entgeht, zu, distinkt
               die volle Unendlichkeit zu erfas-<lb/>sen mit allen Gründen und Folgen. Alles, was
               wir über diese Unendlichkei-<lb/>ten vermögen, sei, sie mehr oder weniger konfus zu
               erkennen, aber wenig-<lb/>stens distinkt zu wissen, daß es sie gibt.<note
                  place="foot" xml:id="ftn28" n="28"> Vgl. A VI,6 S. 57. </note>
            </p>
            <p>Die Vielheit der <hi rend="italic">petites perceptions</hi>, die beispielsweise das
               Rauschen des<lb/>Meeres ausmachen, beruht zwar auf einer nachvollziehbaren
               Wahrneh-<lb/>mungserfahrung, hat gleichwohl aber die Funktion eines
               Erklärungsmodells<lb/>für metaphysische Besonderungen, so wie auch die Deutlichkeit
               und Ver-<lb/>worrenheit von Perzeptionen letztlich nicht gnoseologisch zu
               verstehen<lb/>sind. Es ging Leibniz darum, die Probleme, die sich unserem Begreifen
               ent-<lb/>gegenstellen, durch die Konzeption der bis ins Unendliche
               abfallenden<lb/>Grade der Deutlichkeit, durch eine der Mathematik entlehnte
               Anschauung<lb/>zu beseitigen. Es sind die Grade der Deutlichkeit, mit denen Leibniz
               auch<lb/>Aktivität und Passivität erklärt. Gott ist reine Aktivität, alle seine
               Perzeptio-<lb/>nen sind in höchstem Grade distinkt. Die nackten Monaden sind
               beinahe<lb/>völlig passiv, ihre Perzeptionen sind im annähernd höchsten Maße
               konfus.<lb/>Gelegentlich formuliert Leibniz sogar:</p>
            <p>Substantiae habent materiam metaphysicam seu potentiam passivam qua-<lb/>tenus
               aliquid confuse exprimunt, activam quatenus distincte. <note place="foot"
                  xml:id="ftn29" n="29"> A VI,4 S. 1504. </note>
            </p>
            <p>Diese unmerklichen Perzeptionen konstituieren das Individuum. Wir<lb/>können auch
               sagen, mit diesen unendlich vielen unmerklichen Perzeptionen<lb/>konstituiert sich
               die Einheit des Individuums. Mit ihnen erklärt Leibniz die,<lb/>wie er sagt,
               “bewundernswerte prästabilierte Harmonie von Seele und Kör-<lb/>per” und auch die
               aller Monaden oder einfachen Substanzen, um den un-<lb/>haltbaren, weil
               unverständlichen “influxus” der einen auf die anderen<lb/>durch ein rationaleres
               Konzept zu ersetzen.</p>
            <p>Wir tun Leibniz keinen Tort an, wenn wir seine Scheu vernachlässigen<lb/>und seine
               Gedanken in aller uns möglichen Deutlichkeit konsequent mit<lb/>metaphysischer
               Strenge explizieren.</p>
             <pb n="179" facs="UNITA/UNITA_179.jpg"/>
            <p>Wir wissen, für unseren Philosophen gibt es, streng metaphysisch ge-<lb/>sprochen,
               nichts als Monaden mit ihren Perzeptionen und Appetitus.</p>
            <p>Je crois qu’il n’y a que des monades dans la nature, le reste n’etant que
               les<lb/>phenomenes qui en resultent.<note place="foot" xml:id="ftn30" n="30"> Erdmann
                  S. 745 B. </note>
            </p>
            <p>Imo rem accurate considerando dicendum est, nihil in rebus esse nisi
               sub-<lb/>stantias simplices [scil. Monades] et in his perceptionem atque
                  appetitus.<note place="foot" xml:id="ftn31" n="31"> GP 2, S. 270. </note>
            </p>
            <p>Man könne nicht einmal begreifen, daß es bei den einfachen Substan-<lb/>zen etwas
               anderes gibt, und folglich gäbe es auch nichts anderes in der Na-<lb/>tur, schreibt
               er 1714 an Remond.<note place="foot" xml:id="ftn32" n="32"> Vgl. GP 3, S. 622.
               </note>
            </p>
            <p>Die <hi rend="sp">Perzeption ist ein momentaner Zustand,</hi> ein <hi rend="italic"
                  >etat passager,<lb/>qui enveloppe et represente une multitude dans l’unité ou dans
                  la substance<lb/>simple.
               </hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn33" n="33"> Monadologie § 14. </note> Sie bedeutet <hi
                  rend="italic">la représentation de la multitude dans le simple</hi> oder<lb/>
               <hi rend="italic">expressio multorum in uno</hi>
               ,
               <note place="foot" xml:id="ftn34" n="34"> Vgl. GP 4, S. 475 u. GP 7, S. 327. </note>
                nämlich in der Monade; der <hi rend="sp"
                  >Appetitus</hi> hinge-<lb/>gen bedeutet den Übergang von einer Perzeption zur
                  nächsten.<note place="foot" xml:id="ftn35" n="35"> Vgl. Leibniz an G. S. Treuer
                  nach dem 1. Juni 1708 (LBr. 939, Bl. 3). </note>
            </p>
            <p>Man kann die Perzeption als <hi rend="sp">Emanation</hi> aus der Monade
               verstehen<lb/>und die <hi rend="italic">appetitus</hi> als <hi rend="italic"
                  >fulgurations continuelles</hi>, als das kontinuierliche Fort-<lb/>schreiten von
               Perzeption zu Perzeption. Insofern die Monade ihr Sein aus<lb/>Gott hat, insofern
               Gott sie im Dasein hält durch eine <hi rend="italic">creatio continua</hi>,
               kön-<lb/>nen die einzelnen Momente ihrer Existenz als <hi rend="sp">Emanationen</hi>
               verstanden<lb/>werden, die ohne <hi rend="sp">Veränderung</hi> das Emanat in sich
               behalten, glei-<lb/>chermaßen als Perzeptionen der Ürmonade, und kann die
               zeitgebärende<lb/>Veränderung, genau genommen der Übergang von einem Sachverhalt zu
               ei-<lb/>nem kontradiktorischen, als kontinuierliche Folge göttlicher
               Ausblitzungen,<lb/>als <hi rend="italic">fulgurations</hi>, wiederum gleichermaßen
               als Appetitus der Urmonade, ver-<lb/>standen werden.</p>
            <p>Ad temporis naturam intelligendam requiritur ut consideretur <hi rend="sp"
                  >mutatio</hi> seu<lb/>contradictio praedicata de eodem, diverso respectu, qui
               respectus - später<lb/>sagt er meistens <hi rend="italic">ordo - nihil aliud est,
                  quam consideratio temporis</hi>, er könnte<lb/>auch sagen <hi rend="italic"
                  >constitutio temporis.</hi> Und er fügt noch hinzu: <hi rend="italic">Spatium et
                  tempus<lb/>non sunt res, sed relationes reales. Nullus est locus absolutus, nec
                     motus.
               </hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn36" n="36"> A VI,4 S. 1621, vgl. auch S. 1641. </note>
            </p>
         <pb n="180" facs="UNITA/UNITA_180.jpg"/>
            <p>Um diesen radikal neuen, <hi rend="sp">metaphysischen</hi> Begriff der
               Perzeption,<lb/>der weder mit dem des Wahrnehmens noch mit dem des Denkens
               verwech-<lb/>selt werden darf, anschaulich zu machen, gebraucht Leibniz geme zwei,
               wie<lb/>ich meine, <hi rend="sp">komplementäre Modelle,</hi> das der Stadt, des <hi
                  rend="italic">point de vue</hi>,<lb/>und das des lebenden Spiegels, des <hi
                  rend="italic">miroir vivant.</hi>
            </p>
            <p>Im <hi rend="sp">Stadtgleichnis</hi> ist die Stadt nur <hi rend="sp">virtuell
                  außerhalb</hi> der sie per-<lb/>zipierenden Betrachter. In Wirklichkeit existiert
               sie nur in den Betrachtern,<lb/>in jedem auf die ihm eigentümliche Weise,
               entsprechend seinem <hi rend="italic">point de<lb/>vue</hi>, und es gibt so viele
               Betrachter, wie es verschiedene Standpunkte gibt.<note place="foot" xml:id="ftn37"
                  n="37"> Vgl. A VI,4 S. 1618. </note>
            </p>
            <p>Heute könnten wir das computertechnisch erläutern: die Stadt ist nur<lb/>simuliert,
               wirklich sind allein die Computer-Daten, die zur Erzeugung der<lb/>Simulation
               benötigt werden. Erst durch das Fortschreiten von Datensatz zu<lb/>Datensatz können
               Veränderungen sichtbar gemacht werden, die Simulation<lb/>wird, wie man sagt,
               animiert. Bei Leibniz ist das allerdings ein kontinuierli-<lb/>cher Prozeß.</p>
            <p>Im Modell des <hi rend="sp">lebenden Spiegels</hi> dagegen ist das Gespiegelte,
               letzt-<lb/>lich die ganze Welt, nur <hi rend="sp">virtuell außerhalb</hi> des
               Spiegels. In Wirklich-<lb/>keit erzeugt der Spiegel, einem autarken inneren Prinzip
               folgend, spontan<lb/>sein Bild der Welt. Anschaulicher wird das Modell des Spiegels,
               wenn man<lb/>sich ihn nicht flach, sondern konvex, besser noch, als eine Kugel
               vorstellt,<lb/>und diese Kugel auf die Größe eines Punktes reduziert, der, wie
               erinnert<lb/>wurde, die unendlich vielen Winkel in sich vereinigt, die von ihm
               ausgehen.<lb/>Darüberhinaus hat man in seiner Lebendigkeit den Übergang von Bild
               zu<lb/>Bild, also die Funktion des Appetitus zu sehen.<note place="foot"
                  xml:id="ftn38" n="38"> Vgl. GP 3, S. 72. </note>
            </p>
            <p>Komplementär sind diese Modelle insofern als im Stadtgleichnis durch<lb/>die <hi
                  rend="sp">Vielheit</hi> der Betrachter <hi rend="sp">eine</hi> Stadt repräsentiert
               wird, im Spiegel -<lb/>gleichnis dagegen ein Spiegel in sich die <hi rend="sp"
                  >Vielheit</hi> der Welt vereinigt.</p>
            <p>Beide Modelle sind zum einen bei radikaler Negation der Möglichkeit<lb/>eines
               Einflusses von einer Substanz auf die andere, also von der Außenwelt<lb/>auf die
               Monade - Stichwort: Fensterlosigkeit -, und zum anderen, nicht zu<lb/>vergessen, bei
               radikaler Weigerung, den Raum und die Zeit als absolut ge-<lb/>geben anzuerkennen,
               dazu bestimmt, die <hi rend="sp">Perzeption</hi> zu erklären. Sie zei-<lb/>gen, daß
               die erzeugten Perzeptionen, wie ich es erläutern möchte, als mo-<lb/>mentane
               Querschnitte durch die Geschichte der unzerstörbaren Monade<lb/>aufgefaßt werden
               können und als solche die Ordnung des Nebeneinander,<lb/>des Koexistenten, nämlich
               den <hi rend="sp">Raum</hi> überhaupt erst konstituieren. Der<lb/>Fortgang der
               Geschichte kommt indessen, und mit ihm die Konstitution</p>
         <pb n="181" facs="UNITA/UNITA_181.jpg"/>
            <p>der Ordnung des Nacheinander, nämlich der <hi rend="sp">Zeit</hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn39" n="39"> Vgl. GP 4, S. 568. </note> - und mit ihr
               der Be-<lb/>wegung und des Lebens - erst durch die <hi rend="italic">appetitus</hi>,
               durch das Finalgesetzen<lb/>gehorchende Fortschreiten von Perzeption zu Perzeption
               zustande.</p>
            <p>
               <hi rend="sp">Nicht erst Kant, Leibniz war es,</hi> der zum Verstehen seiner
               Phi-<lb/>losophie ausdrücklich eine <hi rend="sp">Kopernikanische Wende</hi>
               <hi rend="italic">à force de raison-<lb/>ner</hi> verlangte.<note place="foot"
                  xml:id="ftn40" n="40"> Vgl. Bodemann, LH S. 63, GP 7, S. 120, 542 u. Grua S.
                  137f., 486. </note>
            </p>
            <p>Leibniz lehrt uns zu sehen, daß die bloß phänomenale Vielheit des uns<lb/>in der
               Erfahrung Begegnenden auf der realen Vielheit des von der jeweils<lb/>einen Monade
               als Phänomene in ihr selbst Erzeugten und Verbleibenden<lb/>basiert.</p>
            <p>Auch, daß die reale Vielheit der göttlichen Schöpfung, die Vielheit der<lb/>von Gott
               in die Existenz gebrachten Monaden, aus der idealen Vielheit der<lb/>göttlichen
               Ideen, <hi rend="italic">qua possibilia</hi>, hervorgeht, von denen bekanntlich nur
               die-<lb/>jenigen existent werden, die miteinander kompatibel ein Maximum an
               Per-<lb/>fektion erreichen und so die beste der möglichen Welt en ausmachen.</p>
            <p>Maximal ist die originäre Vielheit aller Possibilien <hi rend="italic">in mente
                  Dei</hi>, oder<lb/>wie es Leibniz gegenüber Arnauld genauer ausdrückt, in der <hi
                  rend="italic">regio possibili-<lb/>tatis.</hi> Diese ist vom Ort der platonischen
               Ideen zu unterscheiden, wo <hi rend="italic">sub ra-<lb/>tione generalitatis</hi> die
               ewigen Wahrheiten und die allgemeinen Begriffe an-<lb/>gesiedelt sind. Alle
               Individualbegriffe, logisch gesprochen, alle <hi rend="italic"
                  >notiones<lb/>completae</hi>, die Leibniz gelegentlich auch <hi rend="italic"
                  >ideae vivae</hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn41" n="41"> C S. 10. </note> nennt, und damit<lb/>auch
               alle faktischen Wahrheiten sind in der Region der Möglichkeiten<lb/>beheimatet.<note
                  place="foot" xml:id="ftn42" n="42"> Vgl. GP 2, S. 39 u. 51f. </note>
            </p>
            <p>Jede dieser Possibilien möchte ich - ohne die Wirksamkeit Gottes zu<lb/>verletzen -
               als ein mögliches Individuum auffassen, das sich autark individu-<lb/>alisiert durch
               seine spontan von ihm selbst entworfene Weltgeschichte. Welt-<lb/>geschichte
               wohlverstanden in ihrem umfassendsten Begriff, der die ganze<lb/>Welt seit Beginn der
               Schöpfung bis hin zum Ende aller Tage umfaßt.</p>
            <p>In notione perfecta substantiae individualis in puro possibilitatis statu a<lb/>Deo
               consideratae ante omnium existendi decretum actuale, jam inest quic-<lb/>quid ei
               eventurum est, si existeret, imo tota series rerum, cujus partem facit.<lb/>Itaque
               non quaeretur an Adamus sit peccaturus, sed an Adamus [ex sponte<lb/>sua] peccaturus
               ad existendum sit admittendum.<note place="foot" xml:id="ftn43" n="43"> A VI,4 S.
                  1619. </note>
            </p>
         <pb n="182" facs="UNITA/UNITA_182.jpg"/>
            <p>Hier liegt, nebenbei bemerkt, offenbar der Kern von Leibniz’ Lösung<lb/>des
               Freiheitsproblems.</p>
            <p>Jedes <hi rend="italic">Possibile</hi> ist von jedem anderen streng unterschieden.
               Mit seinem<lb/>
               <hi rend="italic">principium identitatis indiscernibilium</hi>, dem Prinzip der
               Identität des Nicht-<lb/>unterscheidbaren, sichert Leibniz die <hi rend="sp"
                  >Einmaligkeit</hi> jeder der Possibilien<lb/>in dieser unendlichen Vielheit. Daher
               würde Leibniz, nebenbei angemerkt,<lb/>keinerlei <hi rend="italic">transworld
                  identity</hi> anerkennen.</p>
            <p>Die <hi rend="italic">Possibilia</hi>, die jeweils miteinander kompatibel sind,
               machen zusam-<lb/>men je eine vollständige mögliche Welt aus. Wir können sagen, ihre
               Weltge-<lb/>schichten passen zueinander, sie koexistieren in einer der möglichen
               Welten.</p>
            <p>Nur die <hi rend="italic">Possibilia</hi> einer, nämlich die der besten dieser
               unendlich vielen<lb/>möglichen Welten, werden von Gott zur Existenz gebracht, nur sie
               werden<lb/>in vollem Sinn Realia, wenngleich Leibniz allen <hi rend="italic"
                  >Possibilia</hi> einen Grad von<lb/>Perfektion zuspricht, der sie befähigt, nach
               Existenz zu streben.</p>
            <p>Da jedes <hi rend="italic">Possibile</hi>, so gesehen, die ganze Welt entwirft, der
               es angehört,<lb/>kann Leibniz auch sagen, daß Gott aus einem einzigen <hi
                  rend="italic">Possibile</hi> dessen<lb/>ganze Welt erkennt. Gelegentlich begreift
               er die <hi rend="italic">Possibilia</hi> sogar als die ver-<lb/>schiedenen <hi
                  rend="italic">points de vue</hi> Gottes.</p>
            <p>Leibniz wählt zur leichteren Veranschaulichung dieser Theorie gerne<lb/>Personen mit
               uns vertrauten Lebensumständen, so etwa Adam, Judas, Cä-<lb/>sar, Alexander und
               Tarquinius. Die konsequente Rationalität seiner Theorie<lb/>wird aber erst sichtbar
               durch eine schrittweise erfolgende, möglicherweise<lb/>schwindelerregende, aber
               unvermeidliche Extrapolation.</p>
            <p>Wir müssen extrapolieren auf die volle Geschichte der exemplarisch<lb/>genannten
               Personen, da sie wie alle anderen einfachen Substanzen mit der<lb/>Schöpfung in die
               Welt gekommen sind und nur durch Annihilation aus ihr,<lb/>besser gesagt, mit ihr,
               wieder verschwinden können.</p>
            <p>Wir müssen ferner extrapolieren auf die volle Geschichte aller Indivi-<lb/>duen
               dieser Welt, nicht allein der Geister, sondern aller einfachen Substan-<lb/>zen
               überhaupt, bis hin zu den sogenannten nackten Monaden. Denn auch<lb/>sie
               repräsentieren, wenn auch nicht bewußt, nicht mit entsprechender<lb/>Deutlichkeit,
               gleichwohl die ganze Welt.</p>
            <p>Unaquaeque substantia habet aliquid infiniti, quatenus causam suam,<lb/>Deum,
               involvit, nempe aliquod omniscientiae et omnipotentiae vestigium,<lb/>nam in perfecta
               notione cujusque substantiae individualis continentur om-<lb/>nia ejus praedicata tam
               necessaria quam contingentia, praeterita, praesentia<lb/>et futura; imo unaquaeque
               substantia exprimit totum Universum secundum<lb/>situm atque aspectum suum. <note
                  place="foot" xml:id="ftn44" n="44"> A VI,4 S. 1618. </note>
            </p>
         <pb n="183" facs="UNITA/UNITA_183.jpg"/>
            <p>Es ist schon merkwürdig sich vorstellen zu müssen, daß in irgendeiner<lb/>Form unter
               uns noch die Monaden Alexanders, Cäsars und Leibniz’ existie-<lb/>ren, aber auch
               schon die Monaden, die im Jahr 3000 vielleicht besser als<lb/>wir Leibniz
               interpretieren werden.</p>
            <p>Damit aber nicht genug, denn drittens müssen wir beachten, daß jedem<lb/>Individuum
               dieser Welt, jedem real existierenden Individuum, mögliche In-<lb/>dividuen in jeder
               einzelnen der unendlich vielen möglichen Welten entspre-<lb/>chen.</p>
            <p>Gegen Descartes und Spinoza betont Leibniz immer wieder <hi rend="italic">non
                  exi-<lb/>stere omnes mentes possibiles, quod ex eo demonstro, quia omnia
                  existentia<lb/>inter se commercium habent.</hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn45" n="45"> A VI,4 S. 1503. </note> Die Ursache für
               dieses <hi rend="italic">commercium</hi> ist Gott,<lb/>der selbst keine Ursache hat
               und einzig ist. <hi rend="italic">Necesse est </hi>
               <hi rend="italic">omnia</hi>
               <hi rend="italic"> [existentia]<lb/>exprimere </hi>
               <hi rend="italic">eandem</hi>
               <hi rend="italic"> naturam, sed diverso modo</hi>, nämlich auf vollkommene<lb/>Weise
               das Universum und, sofern sie Geister sind, auch Gott.<note place="foot"
                  xml:id="ftn46" n="46"> Vgl. A VI,4 S. 1503, vgl. auch S. 1625. </note> (Kann es
               -<lb/>wie manche Interpreten behaupten - eine mögliche Welt mit weniger
               Indi-<lb/>viduen geben, etwa eine mit vermehrter Inkompatibilität? Braucht
               Leibniz<lb/>nicht vielmehr gelegentlich numerische, endliche Vielheiten als
               Verständ-<lb/>nismodell für höhere Perfektion?) <hi rend="italic">Ante
                  creationem</hi> sind diese möglichen<lb/>Welten alle homogen. Sie füllen, um eine
               Wendung Wittgensteins zu ge-<lb/>brauchen, den <hi rend="sp">ganzen logischen
                  Raum</hi> - und Leibniz würde analog er-<lb/>gänzen, sie füllen auch die <hi
                  rend="sp">ganze logische Zeit.</hi>
            </p>
            <p>Fassen wir die Possibilien als Gedanken Gottes auf, so können wir sa-<lb/>gen, es
               gibt keine ungedachten Gedanken, keinen Gedanken, den Gott un-<lb/>terdrückt hätte:
                  <hi rend="italic">il n’y a point de rapport, qui echappe à son omniscience.</hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn47" n="47"> A VI,4 S. 1550. </note>
            </p>
            <p>Nur wenn alle möglichen Welten als solche vollausgebildet, nur wenn<lb/>sie alle
               gleichberechtigt zur Wähl stehen, kann Leibniz behaupten, daß<lb/>Gott in seiner
               allumfassen den Weisheit und in seiner unendlichen Güte,<lb/>ohne Willkür zu üben,
               die beste ausgewählt hat.</p>
            <p>Il faut que la cause du monde [Dieu] ait eu regard ou relation à tous ces<lb/>mondes
               possibles pour en determiner un. <note place="foot" xml:id="ftn48" n="48"> GP 6, S.
                  106. </note>
            </p>
            <p>Aber erst wenn die Possibilien als <hi rend="sp">spontan</hi> sich selber
               konstituierende<lb/>Individuen aufgefaßt werden, erst wenn man Leibniz’ <hi
                  rend="italic">Hypothese de la spon-<lb/>taneité</hi>
               <note place="foot" xml:id="ftn49" n="49"> GP 4, S. 476. </note> voll zur Geltung
               bringt, kann man seine <hi rend="sp">metaphysische</hi> Begrün-</p>
         <pb n="184" facs="UNITA/UNITA_184.jpg"/>
            <p>dung der Freiheit verstehen. Allerdings tritt bei den apperzipierenden Gei-<lb/>stern
               ergänzend die moralische Begründung durch das finale Prinzip des<lb/>Besten für das
               von ihnen zu verantwortende Handeln hinzu. Wir lesen:</p>
            <p>Quand il s’agit de s’expliquer exactement, je maintains que nostre <hi rend="sp"
                  >sponta-<lb/>neité</hi> ne souffre point d’exeption.<note place="foot"
                  xml:id="ftn50" n="50"> T § 290. </note>
            </p>
            <p>Tout ce qui nous peut jamais arriver, ne sont que des suites de nostre estre.</p>
            <p>Ce qui arrive à chacune n’est qu’une suite de son idée toute seule.<note place="foot"
                  xml:id="ftn51" n="51"> A VI,4 S. 1551. </note>
            </p>
            <p>Tout estat present d’une substance luy arrive spontainement, et n’est<lb/>qu’une
               suite de son estat precedent.<note place="foot" xml:id="ftn52" n="52"> GP 2, S. 47.
               </note>
            </p>
            <p>Ex notione Substantiae individualis sequitur etiam in Metaphysico rigore,<lb/>omnes
               substantiarum operationes, actiones passionesque esse <hi rend="sp">spontaneas,<lb/>
               </hi>exceptaque creaturarum a Deo dependentia, nullum intelligi posse influ-<lb/>xum
               earum realem in se invicem, cum quicquid cuique evenit, ex ejus na-<lb/>tura ac
               notione profluat, etiamsi caetera alia abesse fingerentur, unaquae-<lb/>que enim
               universum integre exprimit.<note place="foot" xml:id="ftn53" n="53"> A VI,4 S. 1620.
               </note>
            </p>
            <p>Die Schöpfung ist, so gesehen, Gottes Bestätigung der Optimität des<lb/>freien
               Weltentwurfes einer jeden der <hi rend="sp">existierenden</hi> Monaden. Sie
               konn-<lb/>ten sich nur nicht die Welt aussuchen, die existent werden wird, und
               kön-<lb/>nen natürlich auch nicht “sein wie Gott”, wenn auch ihm ähnlich,
               und<lb/>selbstverständlich kann auch keine Monade genau so sein, wie eine
               andere<lb/>(sie wäre kein Klon, sondern würde mit ihr zusammenfallen).</p>
            <p>Die hier nur im Anriß vorgestellten Ausprägungen der Polarität des<lb/>Vielen und des
               Einen sollten einen Eindruck vermitteln von der komplexen<lb/>Mannigfaltigkeit, die
               Leibniz im Begriff der Monade zur Einheit gebracht<lb/>hat, in einem Begriff, dessen
               Fülle er seinen Zeitgenossen vorenthalten hat,<lb/>aus wohlberechtigter Furcht -
               jedenfalls aus seiner Sicht -, auf Unverständ-<lb/>nis zu stoßen.<note place="foot"
                  xml:id="ftn54" n="54"> Vgl. die nicht abgesandte Erklärung für Nicolas Remond vom
                  Juli 1714, GP 3, S. 624. </note>
            </p>
            <p>Wir verfügen heute über soviel von ihm hinterlassene, zeitlebens sekre-<lb/>tierte
               Papiere, daß wir uns davon ein besseres Bild machen können als alle<lb/>Zeiten zuvor.
               Wir werden aber seinen wirkungslos gebliebenen Gedanken<lb/>kein neues Leben
               einhauchen können. Uns bleibt nur zu berichten und<lb/>nachzudenken.</p>
      </body>
   </text>
</TEI>
