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            <title>"NATUR IN DER NATUR" ASPEKTE VON HÖLDERLINS WERKBEGRIFF</title>
            <author><name>Norbert</name>
               <surname>Rath</surname>
            </author>
         </titleStmt>
         <publicationStmt>
            <authority>ILIESI-CNR</authority>
            <availability>
               <p>Biblioteca digitale Progetto Agorà</p>
            </availability>
         </publicationStmt>
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            <bibl>
               <title level="m">"NATUR IN DER NATUR" ASPEKTE VON HÖLDERLINS WERKBEGRIFF</title>
               <author>Norbert Rath</author>
               <title level="a"/>
               <publisher>Edizioni dell'Ateneo</publisher>
               <editor/>
               <pubPlace>Roma</pubPlace>
               <idno type="isbn"/>
               <biblScope> pp. 19-28 (Collana Lessico Intellettuale Europeo, XLV)</biblScope>
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         <titlePage>
            <docAuthor>Norbert Rath</docAuthor>
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               <titlePart>NATUR IN DER NATUR" ASPEKTE VON HÖLDERLINS WERKBEGRIFF</titlePart>
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      <body>
         <pb n="19" facs="LP/LP3_19.jpg"/>
         <p> Im Zeitalter der Unversöhnlichkeit tradi-<lb/>tioneller Ästhetik und aktueller Kunst
            hat<lb/>die philosophische Kunsttheorie keine<lb/>Wahl als (...) die untergehenden
            Katego-<lb/>rien als übergehende zu denken in be-<lb/>stimmter Negation <note
               xml:id="ftn0" place="foot" n="1">
               <hi rend="smallcaps">Th. W. Adorno</hi>, <hi rend="italic">Ästhetische Theorie</hi>.
               Gesammelte Schriften 7, hrsg. v. G. Adorno u.<lb/>R. Tiedemann, Frankfurt 1970, S.
               507. </note></p>
         <p>
            <hi rend="italic">Natur und Kunst </hi></p>
         <p> Im Entwurf eines Briefes an Goethe (wohl vom Juli 1799) schreibt Höl-<lb/>derlin: “Ich
            habe im Sinne, (in Gesellschaft einiger Schriftsteller) ein humani-<lb/>stisches Journal
            herauszugeben, das vorerst in seinem eigentlichsten Charakter<lb/>poetisch wäre, sowohl
            ausübend, als belehrend, und dieses letztere würde es<lb/>sein, indem es über das
            gemeinschaftliche Ideal der Künste, über das Eigen-<lb/>tümliche der poetischen
            Kompositionen und des poetischen Vortrags allge-<lb/>meinere Abhandlungen enthielte,
            sich dann aber auch auf verschiedene Mei-<lb/>sterwerke der Alten und Neuern richtete
            und zu zeigen suchte, wie jedes die-<lb/>ser Werke ein idealisches, systematisches,
            charakteristisches Ganze ist, das aus<lb/>lebendiger Seele des Dichters und der
            lebendigen Welt um ihn hervorging<lb/>und durch seine Kunst zu einer eigenen
            Organisation, zu einer Natur in der<lb/>Natur sich bildete” <note xml:id="ftn1"
               place="foot" n="2"> F. <hi rend="smallcaps">Hölderlin,</hi>
               <hi rend="italic">Sämtliche Werke</hi>, Kleine Stuttgarter Ausgabe, Stuttgart 1969
               (zitiert als:<lb/> Kl.StA.), hrsg. v. F. Beißner, Bd. 6:<hi rend="italic">
               Briefe</hi>, hrsg. v. A. Beck, Nr. 187, S. 375 f. </note>. </p>
         <p> Die Formulierung schließt an Gedanken Goethes an, wohl um den<lb/>Adressaten um so eher
            zur Mitarbeit an der geplanten Zeitschrift zu gewin-<lb/>nen: “so gibt der Künstler,
            dankbar gegen die Natur, die auch ihn hervor-<lb/>brachte, ihr eine zweite Natur, aber
            eine gefühlte, eine gedachte, eine mensch- </p>
         <pb n="20" facs="LP/LP3_20.jpg"/>
         <p> lieh vollendete zurück” <note xml:id="ftn2" place="foot" n="3"><hi rend="italic">
                  Diderots Versuch über die Malerei </hi>(1799), in J. W. <hi rend="smallcaps"
                  >Goethe</hi>, <hi rend="italic">Sämtliche Werke </hi>in 18 Bänden,<lb/>hrsg. v. E.
               Beutler, Bd. 13: <hi rend="italic">Schriften zur Kumt</hi>, Zürich — München 1977, S.
               210. In der Einlei-<lb/>tung zum ersten Heft der <hi rend="italic">Propyläen</hi>
               betont Goethe, es sei, “besonders in der neuern Zeit”, sel-<lb/>ten, daß ein Künstler
               verstehe, “wetteifernd mit der Natur, etwas geistig Organisches
               hervorzu-<lb/>bringen, und seinem Kunstwerk einen solchen Gehalt, eine solche Form zu
               geben, wodurch es<lb/>natürlich zugleich und übernatürlich erscheint”. (<hi
                  rend="italic">Sämtliche Werke</hi>, Bd. 13, S. 141 f.) — Zu Höl-<lb/>derlins
               Kenntnis der betreffenden Stellen siehe den Kommentar in: Große Stuttgarter
               Ausgabe,<lb/>Stuttgart 1958, Bd. 6.2, hrsg. v. A. Beck, S. 955-957. </note> . Goethe
            ist offenbar hier von Shaftesburys Vorstel-<lb/>lung des Dichters als "second Maker”
            beeinflußt, die ihrerseits, möglicherwei-<lb/>se vermittelt über G. Bruno, auf die
            Poetik Scaligers (1561) zurückgeht <note xml:id="ftn3" place="foot" n="4"> “Such a poet
               ist indeed a second Maker; a just Prometheus under Jove. Like that sover-<lb/>eign
               artist or universal plastic nature, he forms a whole, coherent and proportioned in
               itself,<lb/>with due subjection and subordinacy of constituent parts». (Soliloquy or
               Advice to an Author,<lb/>in: Characteristics of Men, Manners, Opinions, Times, etc.,
               London 1714, Bd. 1, S. 208; Neu-<lb/>ausgabe London 1900, Bd. 1, S. 137). — Nachweise
               zu Scaliger, G. Bruno usw. siehe in<lb/>N. <hi rend="smallcaps">Rath,</hi> Art. <hi
                  rend="italic">Zweite Natur</hi>, in<hi rend="italic"> Historisches Wörterbuch der
                  Philosophie</hi>, hrsg. v. J. Ritter u. K. Grün-<lb/>der, Bd. 6, Basel — Stuttgart
               1984, S. 489 ff.; vgl. auch N. Rath, <hi rend="italic">Zweite Natur</hi>, Begriff und
               Pro-<lb/>blem, Bochum 1988, Kap. III. </note> . In<lb/>der Kunstdiskussion der Zeit
            um 1800 in Deutschland gewinnt der Gedanke,<lb/>die Kunst gebe nicht Nachahmung der
            Natur, sondern eine andere Natur,<lb/>rasch an Boden. Die lange kaum bestrittene
            Modellhaftigkeit der Natur für die<lb/>Kunst wird nicht mehr akzeptiert, ja, die Kunst
            gilt jetzt als der Natur überle-<lb/>gen; sie ist — für August Wilhelm Schlegel — “die
            durch das Medium eines<lb/>vollendeten Geistes hindurchgegangene, für unsere Betrachtung
            verklärte und<lb/>konzentrierte Natur” <note xml:id="ftn4" place="foot" n="5"> A. W.
               Schlegel, <hi rend="italic">Die Kunstlehre,</hi> Kritische Schriften und Briefe 2,
               hrsg. v. E. Lohner<lb/> (1801), München 1963, S. 92. — Zur Problemgeschichte des
               Topos von Kunst als Nachahmung<lb/>der Natur vgl. H. Blumenberg: <hi rend="italic"
                  >Nachahmung der Natur. Zur Vorgeschichte der Idee des schöpferischen<lb/>Menschen
               </hi>, in “Studium Generale”, 10 (1957), H. 5, S. 266-283. </note> . Hölderlin hat
            seine Konzeption des Kunstwerks als<lb/>einer anderen Natur im ‘Grund zum Empedokles’
            (Ende 1799) näher ausge-<lb/>führt: “Natur und Kunst sind sich im reinen Leben nur
            harmonisch entgegen-<lb/>gesetzt. Die Kunst ist die Blüte, die Vollendung der Natur,
            Natur wird erst<lb/>göttlich durch die Verbindung mit der verschiedenartigen aber
            harmonischen<lb/>Kunst, wenn jedes ganz ist, was es sein kann, und eines verbindet sich
            mit<lb/>dem ändern, ersetzt den Mangel des ändern, den es notwendig haben muß,<lb/>um
            ganz das zu sein, was es als besonderes sein kann, dann ist die Vollendung<lb/>da, und
            das Göttliche ist in der Mitte von beiden. Der organischere künstli-<lb/>chere Mensch
            ist die Blüte der Natur, die aorgischere Natur, wenn sie rein<lb/>gefühlt wird, vom rein
            organisierten, rein in seiner Art gebildeten Menschen,<lb/>gibt ihm das Gefühl der
            Vollendung. (...) Dies Gefühl gehört vielleicht zum<lb/>höchsten, was der Mensch
            erfahren kann, denn die jetzige Harmonie mahnt </p>
         <pb n="21" facs="LP/LP3_21.jpg"/>
         <p> ihn an das vormalige umgekehrte reine Verhältnis, und er fühlt sich und die<lb/>Natur
            zweifach, und die Verbindung ist unendlicher” <note xml:id="ftn5" place="foot" n="6">
               <hi rend="italic">Kl.StA</hi>., Bd. 4, S. 158 f. </note> . Das Verhältnis
            von<lb/>Natur und Kunst, um das die zeitgenössische Kunstdiskussion kreist, wird
            hier<lb/>als harmonische Entgegensetzung begriffen; es geht um das
            Aufeinanderver-<lb/>wiesensein von Kunst und Natur, nicht um Hierarchisierung. </p>
         <p> Im ‘Hyperion’ schon hatte Hölderlin seine Auseinandersetzung mit der<lb/>Naturferne,
            wenn man will, Naturverachtung der Fichteschen Philosophie<lb/>durchgeführt: “Wir reißen
            uns los vom friedlichen Εν και Παν der Welt, um es<lb/>herzustellen, durch uns Selbst.
            Wir sind zerfallen mit der Natur, und was einst,<lb/>wie man glauben kann, Eins war,
            widerstreitet sich jetzt, und Herrschaft und<lb/>Knechtschaft wechselt auf beiden
            Seiten. (...) Jenen ewigen Widerstreit zwi-<lb/>schen unserem Selbst und der Welt zu
            endigen, den Frieden allen Friedens,<lb/>der höher ist, denn alle Vernunft, den
            wiederzubringen, uns mit der Natur zu<lb/>vereinigen zu Einem unendlichen Ganzen, das
            ist das Ziel all unseres Stre-<lb/>bens, wir mögen uns darüber verstehen oder nicht”;
            “jene unendliche Verei-<lb/>nigung (...) ist vorhanden — als Schönheit” <note
               xml:id="ftn6" place="foot" n="7"> Vorrede zur vorletzten Fassung (1795), zit. nach:
               F. <hi rend="smallcaps">Hölderlin,</hi>
               <hi rend="italic">Werke und Briefe</hi>, hrsg.<lb/>v. F. Beißner u. J. Schmidt, 3.
               Bd., <hi rend="italic">Erläuterungen</hi>, Frankfurt 1949, S. 168. — L. Ryan hat
               darauf<lb/>hingewiesen, daß schon im<hi rend="italic"> Hyperion </hi>“die
               ursprüngliche und sich immer neu bezeugende Einheit<lb/>der Natur dem Bewußtsein
               übergeordnet” ist (Friedrich Hölderlin, Stuttgart 1962, S. 49). </note> . In der Ode
            ‘Natur und Kunst<lb/>oder Saturn und Jupiter’ (1800) begreift Hölderlin, in der
            mythologisierenden<lb/>Einkleidung des von seinem Sohn Jupiter (der Kunst) gestürzten
            Saturn oder<lb/>Kronos (der Natur), die Kunst als das der Natur Entsprungene; sie soll
            sich<lb/>ihres naturhaften Ursprungs nicht schämen, sich nicht erinnerungslos über
            ihn<lb/>überheben: </p>
         <p rend="start"> Herab denn! oder schäme des Danks dich nicht! </p>
         <p rend="start"> Und willst du bleiben, diene dem Älteren,</p>
         <p rend="start"> Und gönn es ihm, daß ihn vor allen,</p>
         <p rend="start"> Göttern und Menschen, der Sänger nenne! </p>
         <note xml:id="ftn7" place="foot" n="8">
            <hi rend="italic">Kl.StA</hi>., Bd. 2, S. 38. </note>
         <p> Die bedeutendste poetologische Schrift Hölderlins, in deren Zentrum der<lb/>Begriff des
            ‘Harmonischentgegengesetzten’ steht — ‘Über die Verfahrungs-<lb/>weise des poetischen
            Geistes’ (1800) — fordert vom Dichter, daß er “von<lb/>nichts positivem ausgehe, daß die
            Natur und Kunst, so wie er sie kennen<lb/>gelernt hat und sieht, nicht eher spreche, ehe
            für ihn eine Sprache da ist”; erst<lb/>als Produkt der “schöpferischen Reflexion” stellt
            sich die poetische Sprache </p>
         <pb n="22" facs="LP/LP3_22.jpg"/>
         <p> her <note xml:id="ftn8" place="foot" n="9">
               <hi rend="italic">Kl.StA</hi> Bd. 4, S. 275. — Zur Interpretation der gesamten
               Schrift vgl. <hi rend="smallcaps">M. Konrad </hi><hi rend="italic">, Höl-<lb/>derlins
                  Philosophie im Grundriß. Analytisch-kritischer Kommentar zu Hölderlins
                  Aufsatzfragment ‘Über die<lb/>Verfahrungsweise des poetischen Geistes’</hi>, Bonn
               1967; <hi rend="smallcaps">K. Stierle</hi>, <hi rend="italic">Die Identität des
                  Gedichts — Hölderlin<lb/>als Paradigma</hi>, in <hi rend="smallcaps">O. Marquard,
                  K. Stierle </hi> (Hrsg.), <hi rend="italic">Identität. Poetik und Hermeneutik
               </hi>VIII, Mün-<lb/>chen 1979, S. 505-552. </note> Hölderlin konzipiert hier eine
            Dialektik des “Lebendigen und Geisti-<lb/>gen, des formalen und des materialen
            Subjekt-Objekts”, in der sich beide Sei-<lb/>ten nicht ausschließend zueinander
            verhalten, sondern ineinander übergehen<lb/>und, “in der<hi rend="italic">
            Äußerung</hi>” , miteinander vermitteln; einer “Äußerung”, die “das<lb/>ursprüngliche
            Leben in der höchsten Form gefunden hat,<hi rend="italic"> wo Geist und Leben
               auf<lb/>beiden Seiten gleich ist</hi> , und ihren Fund, das Unendliche im
            Unendlichen,<lb/>erkennt” <note xml:id="ftn9" place="foot" n="10">
               <hi rend="italic">Kl. StA</hi>, Bd. 4, S. 273.</note> . Darum kann “der Gang und die
            Bestimmung aller und jeder Poe-<lb/>sie” zu einer Vollendung gelangen, “die aus dem
            unendlichen Leben wieder-<lb/>belebter Geist, nicht Glück, nicht Ideal, sondern
            gelungenes Werk, und<lb/>Schöpfung ist” <note xml:id="ftn10" place="foot" n="11">
               <hi rend="italic">Kl. StA</hi>, Bd. 4, S. 274.</note>. </p>
         <p> Insofern der Mensch zugleich Natur- und Geistwesen ist, kann seine eige-<lb/>ne Bildung
            und Bestimmung unter den gleichen Kategorien gefaßt werden<lb/>wie die Bestimmung des
            poetischen Kunstwerks. Die Theorie des Kunstwerks<lb/>als Natur in der Natur reimt sich
            so zusammen mit einer Theorie des Men-<lb/>schen als zweiter Natur. Identität oder, wie
            Hölderlin sagt, Vollendung ist der<lb/>Poesie und dem Menschen nicht versprochen, wenn
            eine Seite — Natur oder<lb/>Geist — entwicklungslos festgehalten wird, sondern nur im
            Aufgeben der<lb/>Einseitigkeiten. In Hölderlins Konzept des Kunstwerks als Natur in der
            Natur<lb/>kommt gerade nicht, wie in anderen zeitgenössischen Fassungen dieses
            Ver-<lb/>hältnisses, eine Abwertung der ‘Natur’ der höherwertigen Kunst, dem
            ‘Gei-<lb/>ste’ gegenüber in Betracht. Im Gegenteil, Geistiges wird gerade als
            naturent-<lb/>sprungen, naturumhüllt und naturbedürftig begriffen. Mit diesen
            Akzentu-<lb/>ierungen des Verhältnisses von Kunst und Natur tritt Hölderlin in
            deutlichen<lb/>Gegensatz zu den Bestimmungen der gleichen Relation im Frühwerk
            Schel-<lb/>lings und im ästhetischen Denken Hegels </p>
         <p><hi rend="italic"> Differenz zum Kunstwerkbegriff Schellings und Hegels </hi></p>
         <p> Schelling beansprucht für das Kunstwerk, es reflektiere “die Identität<lb/>der bewußten
            und der bewußtlosen Tätigkeit. (.. .) Der Grundcharakter des<lb/>Kunstwerks ist also
            eine <hi rend="italic">bewußtlose Unendlichkeit</hi> (Synthesis von Natur und </p>
         <pb n="23" facs="LP/LP3_23.jpg"/>
         <p> Freiheit)” <note xml:id="ftn11" place="foot" n="12">
               <hi rend="italic">System des transzendentalen Idealismus</hi> (1800), 6.
               Hauptabschnitt, § 2, in<hi rend="italic"> Schellings Werke</hi>, hrsg.<lb/>v. M.
               Schröter, 2. Hauptband, Schriften zur Naturphilosophie 1799-1801, München 2
               1965,<lb/>S. 619; folgendes Zitat: § 3, S. 628. </note> . Die Kunst tritt in die
            Rolle eines Vorreiters der Philosophie:<lb/>sie soll das leisten, was die Philosophie
            nur beredet: “Die Kunst ist eben<lb/>deswegen dem Philosophen das Höchste, weil sie ihm
            das Allerheiligste<lb/>gleichsam öffnet, wo in ewiger und ursprünglicher Vereinigung
            gleichsam<lb/>in Einer Flamme brennt, was in der Natur und Geschichte gesondert
            ist,<lb/>und was im Leben und Handeln, ebenso wie im Denken, ewig sich fliehen<lb/>muß.
            (...) Was wir Natur nennen, ist ein Gedicht, das in geheimer wun-<lb/>derbarer Schrift
            verschlossen liegt. Doch könnte das Rätsel sich enthüllen,<lb/>würden wir die Odyssee
            des Geistes darin erkennen, der wunderbar ge-<lb/>täuscht, sich selber suchend, sich
            selber flieht”. Damit hat Schelling die<lb/>Kunst in die Rolle eines geehrten
            Rätsellösers und zugleich untertänigen<lb/>Lückenbüßers der Philosophie manövriert; sie
            soll zeigen, daß hinter den<lb/>Seiten des Buchs der Natur das Gesicht des Geistes
            aufscheint, wie er mit<lb/>sich selbst Versteck spielt.</p>
         <p> Für Hölderlin ist die Kunst keine Schachfigur auf dem Brett der
            Iden-<lb/>titätsphilosophie. Sein Konzept von Natur und Geist reduziert nicht,
            wie<lb/>der ästhetische Idealismus Schellings, das eine auf das andere. Für ihn
            ist<lb/>Natur mehr und anderes als verkappter Geist, und das Kunstwerk hat es<lb/>eher
            mit der Balance zwischen beiden zu tun, als daß sie ein Nachschlüssel<lb/>für das
            Allerheiligste der Vereinigungsphilosophie wäre. Hegel faßt in den<lb/>‘Jenaer
            Systementwürfen’ Geist als das Andere und Höhere der Natur ge-<lb/>genüber: “Er ist
            absolut sittlicher Geist wesentlich als das unendliche nega-<lb/>tive das Aufheben der
            Natur, in der er sich <hi rend="italic">nur ein anderes geworden ist, das<lb/> Setzen
               derselben als seiner selbs</hi>t, und dann der absolute Genuß seiner
            selbst,<lb/>indem er sie in sich zurückgenommen hat” <note xml:id="ftn12" place="foot"
               n="13">
               <hi rend="italic">Gesammelte Werke</hi>, 6, <hi rend="italic">Jenaer
               Systementwürfe</hi>, I, hrsg. v. K. Düsing u. H. Kimmerle, Hamburg<lb/>1975, S. 317.
               Ohne Seitenblicke auf eine Definition des Kunstwerks zu werfen, bestimmt
               Hegel<lb/>den Begriff des Werks hier allgemein als vergegenständlichte Tätigkeit:
               “der Geist des Volkes,<lb/>muß sich ewig zum WERKE werden, oder er ist nur als ein
               ewiges Werden zum Geiste. Zum<lb/>Werke ist er sich geworden indem Thätigkeit in ihm
               gesezt ist” (S. 315, vgl. auch 316 f.). </note> . Die ‘Vorlesungen über
            die<lb/>Ästhetik’ bestimmen in diesem Sinn das Kunstwerk: “Kunstwerk ist es
            nur,<lb/>insofern es, aus dem Geiste entsprungen, nun auch dem Boden des
            Geistes<lb/>angehört, die Taufe des Geistigen erhalten hat und nur dasjenige
            darstellt,<lb/>was nach dem Anklange des Geistes gebildet ist” <note xml:id="ftn13"
               place="foot" n="14">
               <hi rend="italic">Theorie-Werkausgabe</hi>, hrsg. v. E. Moldenhauer und K. M. Michel,
               Frankfurt 1970, Bd. 13,<lb/> S. 48. </note> . Es “steht höher als<lb/>jedes
            Naturprodukt (...). Denn alles Geistige ist besser als jedes Naturer- </p>
         <pb n="24" facs="LP/LP3_24.jpg"/>
         <p> zeugnis” <note xml:id="ftn14" place="foot" n="15"> Bd. 13, S. 49. </note> . Es soll “in
            keiner Weise ein Naturprodukt sein und seiner<lb/>Naturseite nach Naturlebendigkeit
            haben” <note xml:id="ftn15" place="foot" n="16"> Bd. 13, S. 57. </note> . Folgerichtig
            wertet Hegel Na-<lb/>turschönheit ab: “Denn die Kunstschönheit ist die <hi rend="italic"
               >aus dem Geiste geborene und<lb/>wiedergeborene</hi> Schönheit, und um soviel der
            Geist und seine Produktionen<lb/>höher steht als die Natur und ihre Erscheinungen, um
            soviel auch ist das<lb/>Kunstschöne höher als die Schönheit der Natur. Ja<hi
               rend="italic"> formell</hi> betrachtet, ist<lb/>selbst ein schlechter Einfall, wie er
            dem Menschen wohl durch den Kopf<lb/>geht,<hi rend="italic"> höher</hi> als irgendein
            Naturprodukt, denn in solchem Einfall ist immer<lb/>die Geistigkeit und Freiheit
            präsent” <note xml:id="ftn16" place="foot" n="17"> Bd. 13, S. 14. Zur Kritik an Hegels
               Konzept des Naturschönen vgl. <hi rend="smallcaps">Th. W. Adorno,</hi>
               <lb/><hi rend="italic"> Ästhetische Theorie</hi> , S. 98 f., 407f.; vgl. auch zur
               Kritik an der Hegelschen Theorie des Kunst-<lb/>werks: a.a.O., S. 397, 512 f.
            </note>. </p>
         <p> Gibt es einen deutlicheren Gegensatz hierzu als die Feier der Natur bei<lb/>Hölderlin?
            Gerade auch in seiner theoretischen Fassung des Verhältnisses<lb/>von Natur und
            Kunstwerk, von Geist und Natur, ist Hölderlin weit vom<lb/>zeitgenössischen (und
            späteren) Idealismus entfernt. Grundlage seiner ästhe-<lb/>tischen Entwürfe bleibt es,
            das Kunstwerk als Natur in der Natur zu se-<lb/>hen <note xml:id="ftn17" place="foot"
               n="18"> Vgl.<hi rend="italic"> Kl.StA</hi>., Bd. 6, S. 376. Vgl. in diesem
               Zusammenhang Adornos Sicht des Hölder-<lb/>linschen Begriffs des Genius: “Genius aber
               ist Geist, sofern er durch Selbstreflexion sich selbst<lb/>als Natur bestimmt” (<hi
                  rend="italic"> Parataxis. Zur späten Lyrik Hölderlins</hi> , in Noten zur
               Literatur III, Frankfurt<lb/>1969, S. 205). </note> . Das Spezifische an Kunst als
            zweiter Natur ist nicht — wie es die<lb/>Tradition der Kunsttheorie bis weit ins 18.
            Jahrhundert hinein für selbstver-<lb/>ständlich nahm — ein Nachahmen der ersten Natur
            und ebensowenig —<lb/>wie es die idealistische Ästhetik postulierte — ein Aufheben von
            Naturma-<lb/>terialien in die höhere Sphäre des Kunstwerks hinein. Hölderlins
            Konzep-<lb/>tion des Kunstwerks als Natur in der Natur ist nicht eine des
            ‘Aufhebens<lb/>der Natur’, sondern eine des Untergehens von Subjektivität im Werk.
            Dar-<lb/>um wird ihm die willkürliche Setzung oder Erschleichung einer
            Werkhar-<lb/>monie unmöglich, sein poetisches Verfahren wird zum “Attentat aufs
            har-<lb/>monische Werk” <note xml:id="ftn18" place="foot" n="19">
               <hi rend="smallcaps">Adorno </hi>, <hi rend="italic">Parataxis</hi> , S. 196. Vgl.
               auch S. 199: “Naturbeherrschung selbst nähert in der<lb/>Hölderlinschen Bilderwelt
               sich der Erbsünde”. In diesem Sinn könnte man formulieren, daß<lb/>die Wendung gegen
               Naturbeherrschung in Hölderlins Werk am Ende gegen die Konstituierung<lb/>des Werks
               (als Verfügung über Naturmaterialien, als ganzheitliche, stimmige, harmonische
               Set-<lb/>zung) umschlägt. </note>. </p>
         <pb n="25" facs="LP/LP3_25.jpg"/>
         <p><hi rend="italic"> Das untergehende Werk </hi></p>
         <p> Der in der Beißnerschen Ausgabe unter dem Titel ‘Das Werden im Ver-<lb/>gehen’
            abgedruckte Aufsatz Hölderlins <note xml:id="ftn19" place="foot" n="20"><hi
                  rend="italic"> Kl.StA</hi>., Bd. 4, S. 294-299 (Entstehungszeit: um die
               Jahrhundertwende). </note> ist neuerdings unter dem Titel ‘Das<lb/>untergehende
            Vaterland’ herausgegeben worden, der den drei ersten Wörtern<lb/>des Texts entspricht
               <note xml:id="ftn20" place="foot" n="21"> F. <hi rend="smallcaps">Hölderlin,</hi><hi
                  rend="italic"> Sämtliche Werke</hi>, Frankfurter Ausgabe, Historisch-kritische
               Ausgabe, hrsg.<lb/>v. D. E. Sattler, Bd. 14<hi rend="italic">, Entwürfe wir
               Poetik</hi> , hrsg. v. W. Groddeck und D. E. Sattler, Frankfurt<lb/>1979, S. 135-178.
            </note> . Daß das Wort “untergehende” in den Titel rückt, ent-<lb/>spricht dem Gewicht,
            das im Text auf dem Thema des Untergangs liegt.<lb/>Untergang bzw. Untergehen steht dort
            in einem Bedeutungsspektrum, das<lb/>durch die Begriffe “Werden”, “Übergang”,
            “Auflösung”, “Erinnerung der<lb/>Auflösung” gekennzeichnet ist <note xml:id="ftn21"
               place="foot" n="22"><hi rend="italic"> Kl.StA</hi>.,Bd. 4, S. 294-296. Man kann hier
               an den Hegelschen Begriff des ‘Aufhebens’<lb/>erinnern (vgl. z.B. <hi rend="italic"
                  >Theorie-Werkausgabe</hi> 3, <hi rend="italic">Phänomenologie des Geistes</hi>,
               Frankfurt 1970, 94 u. 133). Der<lb/>Mehrdeutigkeit des Hegelschen ‘Aufhebens’
               entspricht in gewissem Sinn die Vieldeutigkeit des<lb/>Hölderlinschen ‘Untergehens’.
               ‘Aufheben’ ist allerdings immer als Setzung eines Subjekts vor-<lb/>zustellen,
               ‘Untergehen’ dagegen als passives Sich-einer-Bewegung-Anheimgeben. </note> . So heißt
            es dort: “Denn die Welt aller Wel-<lb/>ten, das Alles in Allen, welches immer <hi
               rend="italic">ist</hi>,<hi rend="italic"> stellt</hi> sich nur in aller Zeit —
            oder<lb/>im Untergange oder im Moment, oder genetischer im Werden des Moments<lb/>und
            Anfang von Zeit und Welt<hi rend="italic"> dar</hi>, und dieser Untergang und Anfang ist
            wie<lb/>die Sprache Ausdruck Zeichen Darstellung eines lebendigen, aber
            besondern<lb/>Ganzen, welches eben wieder in seinen Wirkungen dazu wird” <note
               xml:id="ftn22" place="foot" n="23"><hi rend="italic"> Kl.StA</hi>., Bd. 4, S. 294.
               Die besondere Bedeutung, die das Motiv des Untergehens für<lb/>Hölderlin gewinnt,
               ließe sich z.B. anhand der Schiffbruchs-Metaphorik im <hi rend="italic">Hyperion</hi>
               oder der<lb/>Thematik des Selbstopfers in den <hi rend="italic">Empedokles-Fragmenten
               </hi>nachzeichnen. </note> . Untergang<lb/>ist die Bedingung der Möglichkeit des
            Anfangs und damit des Neuen </p>
         <p> In der späten Lyrik Hölderlins ist die Konsequenz daraus gezogen: Die<lb/>Substanz
            dieser Lyrik ist die Tendenz zur Auflösung, Entgrenzung, zum Über-<lb/>und Untergehen. </p>
         <p> Biographisch ist diese Affinität zum Untergang gedeutet worden als<lb/>Bereitschaft
            Hölderlins, sich selbst (als Person) zur Heraufführung der neuen<lb/>republikanischen
            Freiheit zu opfern <note xml:id="ftn23" place="foot" n="24"> Vgl. P. <hi
                  rend="smallcaps">Bertaux Z</hi>, <hi rend="italic">Friedrich Hölderlin,</hi>
               Frankfurt 1981. </note> Literaturtheoretisch betrachtet, geht es<lb/>um die
            “besondere Weise lyrischer Transgression des Diskurses” <note xml:id="ftn24"
               place="foot" n="25"> K. <hi rend="smallcaps">Stierle</hi>,<hi rend="italic"> Die
                  Identität des Gedichts</hi>, S. 548, vgl. auch S. 524 und 552.</note> .
            Nimmt<lb/>man den Wechsel der Gedichtformen in den Blick, so fällt der Bruch
            zwischen<lb/>elegischer Erlebnisdichtung und hymnischer, objektiv gerichteter
            Spätdichtung </p>
         <pb n="26" facs="LP/LP3_26.jpg"/>
         <p> ins Auge <note xml:id="ftn25" place="foot" n="26"> Vgl. P. <hi rend="smallcaps"
                  >Szondi</hi><hi rend="italic">, Hölderlin-Studien. Mit einem Traktat über
                  philologische Erkenntnis</hi>, Frankfurt<lb/> 1970, S. 60. </note> . Auch was die
            Themen der Gedichte betrifft, hat die späte Lyrik<lb/>eines ihrer Zentren im Motiv des
            Untergehens <note xml:id="ftn26" place="foot" n="27"> Vgl. folgende Stellen:<hi
                  rend="italic"> Der blinde Sänger</hi> (<hi rend="italic">Kl.StA</hi>., Bd. 2, S.
               57 f.); <hi rend="italic">Der Archipelagus </hi>(S. 107<lb/>und 111); <hi
                  rend="italic">Stimme des Volks</hi>, 2. Fassung (S. 53 f.); <hi rend="italic"
                  >Dichtermut</hi> , 2. Fassung (S. 69) ; <hi rend="italic">Der Abschied</hi><lb/>
               (S. 24 f.); <hi rend="italic">Der Rhein</hi> (S. 152); <hi rend="italic">Der
               Einzige</hi> (S. 167); <hi rend="italic">Patmos</hi> (S. 188 f.) — Zu verwandten
               Motiven<lb/>siehe <hi rend="smallcaps">B. Böschenstein </hi>,<hi rend="italic">
                  Konkordanz zu Hölderlins Gedichten nach 1800</hi>, Göttingen 1964
               (wichtig<lb/>z.B. :<hi rend="italic"> fallen, stürzen</hi>). — Am bekanntesten ist
               wohl die folgende Stelle aus <hi rend="italic">Heidelberg</hi>, die das Motiv<lb/>des
               Untergehens mit dem der “Fluten der Zeit” zusammennimmt. “Und der Jüngling,
               der<lb/>Strom, fort in die Ebne zog,/Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst
               zu schön,/Liebend<lb/>unterzugehen,/In die Fluten der Zeit sich wirft. ” (Kl.StA.,
               Bd. 2, S. 14) — Zu dieser Stelle vgl.<lb/>
               <hi rend="smallcaps">Stierle,</hi> a.a.O., S. 539. </note></p>
         <p rend="start"> (...) er selbst, </p>
         <p rend="start"> Der Mensch, mit eigner Hand zerbrach, die<lb/>Hohen zu ehren, sein Werk,
            der Künstler</p>
         <note xml:id="ftn27" place="foot" n="28">
            <hi rend="italic">Stimme des Volks</hi>,2. Fassung, Kl.StA., Bd. 2, S. 54. </note>
         <p> Es liegt Konsequenz in der Bewegung der Dichtung Hölderlins von den<lb/>frühen
            Reimdichtungen über die antikischen reimlosen Strophenformen bis zu<lb/>den späten
            hymnischen Entwürfen und Fragmenten <note xml:id="ftn28" place="foot" n="29"> Vgl. zum
               hymnischen Spätstil: <hi rend="smallcaps">Adorno </hi>,<hi rend="italic">
               Parataxis</hi>,besonders S. 170 ff. ; J. <hi rend="smallcaps">Schmidt </hi>,<hi
                  rend="italic"> Höl-<lb/>derlins letzte Hymnen</hi><hi rend="italic">. Andenken und
                  Mnemosyne</hi>, Tübingen 1970; <hi rend="smallcaps">Adorno,</hi><hi rend="italic">
                  Minima Moralia</hi>, Frankfurt<lb/> 3 1970, S. 296.</note> , die Konsequenz
            einer<lb/>fortschreitenden Verflüssigung, eines Aufbrechens der Formen. Auflösung
            des<lb/>Fixierten, Erstarrten, der Übergang zu noch unausgeschöpften
            Aussageweisen<lb/>und neuen Fügungen ist für die späte Lyrik die Bedingung ihrer
            Möglichkeit.<lb/>Dieser Prozeß geht bis zur Zerrüttung der Form; eine äußerste
            Bewußtheit<lb/>müht sich aber darum, noch in diesem Untergehen die Momente des
            Neuen<lb/>festzuhalten. </p>
         <p>
            <hi rend="italic">Ungleichzeitigkeit.</hi>
         </p>
         <p> Indem Hölderlin Reim — und Formschemata und schließlich auch syn-<lb/>taktische und
            semantische Konventionen hinter sich läßt, gilt er seinen Zeit-<lb/>genossen als bizarr,
            schließlich als krank; in seine Eigenzeit eingeschlossen, ist<lb/>er ungleichzeitig
            geworden. Dafür, daß er wie Schutt wegräumt, was das Offe-<lb/> ne, Freie, Neue des
            “Gedichteten” <note xml:id="ftn29" place="foot" n="30"> Zum Begriff des<hi rend="italic"
                  > Gedichteten </hi>als der <hi rend="italic">inneren Form</hi> Hölderlinscher
               Gedichte vgl. W. <hi rend="smallcaps">Benja-<lb/>min,</hi>
               <hi rend="italic">Zwei Gedichte von Friedrich Hölderlin</hi>, in <hi rend="italic"
                  >Gesammelte Schriften</hi>, werkausgabe edition suhrkamp, Bd.<lb/>4, S. 105-126. —
               Zur Bedeutung dieses frühen Aufsatzes von Benjamin für ein angemessenes<lb/>
               Verständins vgl. <hi rend="smallcaps">Adorno, </hi>
               <hi rend="italic">Parataxis</hi> , S. 185, 190 u. 200; STIERLE, <hi rend="italic"
                  >a.a.O.</hi> , s. 526<lb/> (Anm.); W. G GRODDECK, <hi rend="italic">Ästhetischer
                  Kommentar. Anmerkungen zu Walter Benjamins Hölderlinlektüre </hi> , in <lb/>
               <hi rend="italic">Le pauvre Holterling. Blätter zur Frankfurter Ausgabe</hi> , Nr. 1,
               Frankfurth 1976, S. 17-21. </note> zustellen könnte, hat er zu Lebzeiten </p>
         <pb n="27" facs="LP/LP3_27.jpg"/>
         <p> den Preis der Ruhmlosigkeit und Verkanntheit zahlen müssen. Ungleichzeitig<lb/>war er
            in doppeltem Sinn: aufgrund seiner intensiven, nicht klassizistisch<lb/>integrierbaren
            Rezeption der ‘Griechen’ <note xml:id="ftn30" place="foot" n="31"> Vgl. P. <hi
                  rend="smallcaps">Szondi,</hi><hi rend="italic"> Überwindung des Klassizismus</hi>,
                  in<hi rend="italic"> Hölderlin-Studien</hi>, a.a.O., S. 95-118. </note> und, von
            heute aus gesehen, auf-<lb/>grund seiner Vorläuferschaft für die literarische Moderne
               <note xml:id="ftn31" place="foot" n="32"> Vgl. <hi rend="smallcaps">Stierle,</hi>
               <hi rend="italic">a.a.O</hi>., S. 535 u. 552; <hi rend="smallcaps">Groddeck,</hi><hi
                  rend="italic"> a.a.O.</hi>, S. 18; E. E. <hi rend="smallcaps">George </hi>
                  (Hrsg.),<lb/><hi rend="italic"> Friedrich Hölderlin. An Early Modem</hi>, Ann
               Arbor 1972. </note> . Hölderlin als<lb/>Zeitgenosse der Moderne rückt erst seit dem
            Surrealismus stärker ins Blick-<lb/>feld <note xml:id="ftn32" place="foot" n="33"> Vgl.
               M. <hi rend="smallcaps">Hamburger,</hi><hi rend="italic"> English Hölderlin
               Poems</hi>, in E. E. <hi rend="smallcaps">George,</hi> a.a.O., S. 3-24, hier : S. 6.
            </note> . Die Bedeutung seiner Poetik für aktuelle Theorien der Entgrenzung<lb/>der
            Kunst, des Über- und Untergangs von Kunst und Kunstwerken in etwas<lb/>Anderes, aus der
            eigenen Bewegung heraus, beginnt erst allmählich klarer her-<lb/>vorzutreten. </p>
         <p> Offenbar wurde in der Phase der Konstituierung und Durchsetzung
            der<lb/>klassisch-romantisch-idealistischen Hauptlinien der Ästhetik der
            ‘Goethezeit’<lb/>eine Reihe von Möglichkeiten ästhetischer und literaturtheoretischer
            Refle-<lb/>xion so gut wie nicht rezipiert. Neben Hölderlin könnt z.B. der Name
            Kleists<lb/>genannt werden <note xml:id="ftn33" place="foot" n="34"> Vgl. z.B. den
               Antiklassizismus Kleists in der<hi rend="italic"> Penthesilea</hi> die auf ebenso
               großes Unver-<lb/>ständnis bei den Zeitgenossen stieß wie Hölderlins Übersetzung
                  der<hi rend="italic"> Antigonä</hi>. </note>. Vielleicht können diese anderen
            Möglichkeiten erst nach<lb/>dem Zerfall der (im Werk Hegels zentrierten) idealistischen
            Ästhetik voll ins<lb/>Licht treten. </p>
         <p> Für Hölderlin setzt die Entfaltung des Werks den Untergang des Urhe-<lb/>bers geradezu
            voraus: </p>
         <p rend="start"> Doch wenn unheilige schon </p>
         <p rend="start"> in Menge </p>
         <p rend="start"> und frech </p>
         <p rend="start"> Was kümmern sie dich, </p>
         <p rend="start"> O Gesang, den Reinen, ich zwar, </p>
         <p rend="start"> Ich sterbe, doch du </p>
         <p rend="start"> Gehest andere Bahn, umsonst </p>
         <p rend="start"> Mag dich ein Neidisches hindern <note xml:id="ftn34" place="foot" n="35">
               <hi rend="italic">An die Madonna</hi> (Kl.StA., Bd. 2, S. 223 f.). </note>. </p>
         <p> Auch hier wieder heißt Untergang nicht nur Auflösung, sondern zugleich<lb/>Erinnerung,
            Bewahrtbleiben, Eingehen in einen das Subjekt überschreitenden<lb/>Zusammenhang. Modern
            ist Hölderlin gerade in der Radikalität, in der seine </p>
         <pb n="28" facs="LP/LP3_28.jpg"/>
         <p> späte Lyrik Reflexionskunst ist. Daß es eine Reflexion ist, die schließlich
            das<lb/>Werk unter sich zerbricht, gehört zum Risiko der Moderne. Hölderlin hat
            sich<lb/>aufs strengste bemüht, sich zum Instrument des ‘Zeitgeists’
            umzuschaffen.<lb/>Rückhaltlos wird die eigene Subjektivität der Bewegung eines Äußeren:
            der<lb/>geistigen und politischen Bewegung der Zeit anvertraut. Hölderlins
            Ungleich-<lb/>zeitigkeit mag damit zu tun haben, daß er sich der modernen Krankheit
            der<lb/>Entzweiung ungeschützter anheimgab als die Zeitgenossen. In den
            Umstül-<lb/>pungen und Deformationen der späten Dichtungen Hölderlins ist die
            Zeitten-<lb/>denz des Fragmentierens, der Auflösung überlieferter Ganzheiten,
            poetische<lb/>Form geworden. </p>
         <p> Der Zerfall der idealistischen Bestimmungen des Werkes ist bei
            Hölderlin<lb/>theoretisch vorausgenommen und poetisch durchgeführt. Für ihn
            konstituiert<lb/>sich das Kunstwerk nicht durch naturbeherrschende Vernunft hindurch,
            son-<lb/>dern im Nichtwiderstehen der selber naturhaften Subjektivität, die sich
            dem<lb/>“Geist der Zeit und Natur” anheimgibt oder von ihm ergriffen wird <note
               xml:id="ftn35" place="foot" n="36">
               <hi rend="italic">Anmerkungen zur Antigonä</hi>, Werke und Briefe, Bd. 2, S. 784-790,
               hier: 784: “Der kühnste<lb/>Moment eines Taglaufs oder Kunstwerks ist, wo der Geist
               der Zeit und Natur, das Himmlische,<lb/>was den Menschen ergreift, und der
               Gegenstand, für welchen er sich interessiert, am wildesten<lb/>gegeneinander stehen,
               weil der sinnliche Gegenstand nur eine Hälfte weit reicht, <hi rend="italic">der
                  Geist aber<lb/>am mächtigsten erwacht, da, wo die zweite Hälfte angehet</hi>. In
               diesen Momente muß der Mensch sich <hi rend="italic">am</hi><lb/><hi rend="italic"
                  >meistenfesthalten</hi>, deswegen steht er auch da am offensten in seinem
               Charakter”. — H. E. Nossack<lb/>stellt diese Passage seinem <hi rend="italic"
                  >Interview mit dem Tode</hi> — einer Schrift, für die der Gedanke und
               die<lb/>Realität des Untergangs zentral ist — als Motto voran. </note> .
            Die<lb/>Ungleichzeitigkeit Hölderlins in der Epoche des Klassizismus, der
            Romantik<lb/>und des Idealismus zeigt sich in seiner kritisch zum Weimarer
            ‘Klassizismus’<lb/>stehenden späten Antikerezeption, seinem kritisch zur Jenaer Romantik
            ste-<lb/>henden Festhalten an einer immer noch auf die Aufklärungstradition
            bezoge-<lb/>nen philosophischen Reflexion, seiner quer zum Hegelschen und
            Schelling-<lb/>schen Konzept stehenden Fassung des Verhältnisses von Kunst und
            Natur.<lb/>Gerade in diesen Punkten zeigen sich aber auch Elemente einer
            Gleichzeitig-<lb/>keit mit der nachbaudelaireschen Moderne, die sich am deutlichsten im
            frag-<lb/>mentarischen, ‘untergehenden’ Spätwerk ausprägt. </p>
         <p>
         </p>
      </body>
   </text>
</TEI>
