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            <title>DAS DRITTE BUCH DES DIOGENES LAERTIOS</title>
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               <name>Olof</name>
               <surname>Gigon</surname>
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            <authority>ILIESI-CNR</authority>
            <availability>
               <p>Biblioteca digitale Progetto Agora</p>
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               <title level="m">DAS DRITTE BUCH DES DIOGENES LAERTIOS</title>
               <author>Olof Gigon</author>
               <title level="a">Elenchos. Rivista di studi sul pensiero antico</title>
               <publisher>Bibliopolis</publisher>
               <editor/>
               <pubPlace>Napoli</pubPlace>
               <idno type="isbn"/>
               <biblScope>Anno VII - 1986, Fasc. 1-2, pp. 133-182</biblScope>
               <date/>
            </bibl>
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            <docAuthor>Olof Gigon</docAuthor>
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               <titlePart>DAS DRITTE BUCH DES DIOGENES LAERTIOS</titlePart>
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         <p rend="pb"><pb n="135" facs="Elenchos86/Ele86_135.jpg"/></p>
         <p rend="start">Im ganzen gesehen folgt das Buch, das Platon gewidmet ist,
            dem<lb/>allgemeinen Schema der Biographien von Philosophen: Lebenslauf von<lb/>der
            Geburt bis zum Tode (1-47), dann das Oeuvre (47-66), endlich<lb/>die Lehre (67-109); das
            Oeuvre, also die Schriften werden als ein<lb/>System vorgeführt, desgleichen die Lehre,
            da eine Eingliederung in<lb/>den Lebenslauf bei den Schriften nur in einzelnen Fällen
            möglich ist,<lb/>bei der Lehre sich von vorne herein beinahe ausschliesst; das
            antike<lb/>Denken kennt ja den Begriff einer geistigen Entwicklung, wie er uns<lb/>seit
            Goethe vertraut ist, nicht. Dieses Schema ist nun durch drei grosse<lb/>Einlagen aus dem
            Gleichgewicht geraten.</p>
         <p rend="start">Die erste Einlage ist das lange Zitat aus dem Werke eines Alkimos<lb/>an
            einen Amyntas (9-17). Ich betone hier sofort gegen Jacoby und<lb/>andere (vgl. <hi
               rend="italic">FGrHist</hi> 560 F 6 mit Kommentar), dass alle
            bisherigen<lb/>Identifikationen sowohl des Verfassers wie auch des Adressaten
            freie<lb/>Hypothesen sind. Wir wissen von dem Werke nur das, was uns das<lb/>Zitat
            selber lehrt. Das Ziel des Alkimos scheint es gewesen zu sein,<lb/>die Bedeutung
            Epicharms als Philosophen herauszuarbeiten. Dazu darf<lb/>man erinnern an Diogenes
               Laertios<hi rend="italic"> </hi>(<hi rend="italic">—</hi> Diog. Laert. I 42)
            wonach<lb/>Epicharm zuweilen zu den Sieben Weisen gezählt wurde, dann an<lb/>Aristoteles
               <hi rend="italic">metaph.</hi> Γ 5. 1010 a 6, endlich und vor allem an Platon<lb/><hi
               rend="italic">Theaet.</hi> 152 <hi rend="smcap">e, </hi>wo<hi rend="smcap"
            > </hi>Platon eine eigentümliche philosophiegeschichtliche<lb/>Konstruktion vorträgt,
            die er sicherlich nicht selber geschaffen, sondern<lb/>schon vorgefunden hat. Als
            Vertreter der Lehre vom πάντα ῥεῖ werden<lb/>zuerst zwei Philosophen genannt, ein
            Prosaiker (Heraklit) und ein<lb/>Dichter (Empedokles) dann zwei dramatische Dichter, der
            Archeget<lb/>der Tragödie (Homer) und derjenige der Komödie, Epicharm. Es ist<lb/>kaum
            zu bezweifeln, dass der Verfasser dieser Konstruktion zu jedem<lb/>der vier Namen Zitate
            als Belege beigebracht hat. Der Einsatz unseres<lb/>Zitates bei Diog. Laert. φαίνεται δὲ
            καί Πλ. scheint anzudeuten, dass<lb/>auch andere Philosophen erwähnt waren, die den
            Einfluss Epicharms<lb/>erfahren haben. Die Behandlung Platons ist in keiner Weise
            polemisch.</p>
         <p rend="pb"><pb n="136" facs="Elenchos86/Ele86_136.jpg"/></p>
         <p>Was als seine Doktrin den Versen Epicharms gegenübergestellt
            wird,<lb/>lässt sich nur teilweise aus den Dialogen ableiten; überraschend ist<lb/>in 13
            das wörtliche Zitat aus dem <hi rend="italic">Parm.</hi> 132 D, also aus
            einem<lb/>Dialog, den Aristoteles überhaupt nirgends berücksichtigt zu haben<lb/>scheint
            (vgl. Bonitz <hi rend="italic">Ind.</hi> 598 A 9-599 A 17). Es bleibe dahin
            gestellt,<lb/>welche Konsequenzen aus diesem einigermassen singulären Zitat
            gezogen<lb/>werden können.</p>
         <p rend="start">Der Text ist keineswegs fehlerfrei überliefert, doch auch darauf<lb/>gehe
            ich nicht näher ein; ich bemerke nur, dass im ersten Epicharm-<lb/>zitat zwischen dem
            ersten und dem zweiten Vers eine Lücke angesetzt<lb/>werden muss, und dass die Verse 2-6
            und die Verse 7-18 unmittelbar<lb/>nichts miteinander zu tun haben.</p>
         <p rend="start">Diog. Laert. selber hat das Zitat eingeschaltet als eine
            biblio-<lb/>graphische Rarität und um zu zeigen, dass Platon im Westen nicht
            nur<lb/>sich die drei Bücher des Pythagoras verschafft und aus ihnen gelernt<lb/>hat
            (9), sondern eben auch durch Epicharm beeinflusst wurde. Höchst<lb/>eigenartig ist die
            Notiz bei Suidas Δ 1178, Dionysios II. habe ein<lb/>Buch Περὶ τῶν ποιημάτων Ἐπιχάρμου
            geschrieben; ich wage keine<lb/>Konsequenzen daraus zu ziehen.</p>
         <p rend="start">Anders zu beurteilen ist die Notiz über Sophron, die Diog. Laert.<lb/>auf
            das Zitat aus Alkimos folgen lässt (18). Sie gehört in die Nähe<lb/>der Erzählung des
            Herakleides vom Pontos Frg. 6 W., wonach Platon<lb/>den Epiker Antimachos von Kolophon
            bewundert und sich energisch<lb/>für ihn eingesetzt haben soll (vgl. Plut. <hi
               rend="italic">Lysandr.</hi> 18,8 und Cic.<lb/><hi rend="italic">Brut.</hi> 191). Das
            sind Dinge, die an die Biographik des Antigonos<lb/>ran Karystos erinnern.</p>
         <p rend="start">Die zweite Einlage beginnt mit der bekannten, vielfach
            diskutierten<lb/>Widmung an eine Dame, die als φιλοπλάτων charakterisiert wird
            (47).<lb/>Ihr zuliebe will der Verfasser von der Eigenart und der Anordnung<lb/>der
            Werke Platons, aber auch in Kürze von dessen Lehre sprechen<lb/>(dazu P. von der Mühll,
               <hi rend="italic">Kl. Schriften,</hi> 1976, S. 388 ff.). Was nun folgt,<lb/>darf man
            als <hi rend="italic">Prolegomena</hi> zum Studium der <hi rend="italic">Opera omnia</hi> Platons<lb/>bezeichnen
            (47-66). Der Text hebt sich durch seine Uebersichtlichkeit<lb/>stark von seiner Umgebung
            ab; umgekehrt ist von Enkomiastik, wie<lb/>wir sie auf Grund der Widmung erwarten
            dürften, keine Rede. Das<lb/>Ganze Hesse sich mindestens in einigen Teilen mit den <hi
               rend="italic">Prolegomena</hi><lb/></p>
         <p rend="pb"><pb n="137" facs="Elenchos86/Ele86_137.jpg"/></p>
         <p>zum Studium der Werke des Aristoteles vergleichen,
            wie sie den<lb/>spätantiken Kategorienkommentaren vorausgeschickt zu werden
            pflegen;<lb/>wir besitzen sie in neuplatonischer Uebermalung, doch dürfte
            ihre<lb/>Substanz bis auf Andronikos von Rhodos zurückgehen (vgl. dazu auch<lb/>die <hi
               rend="italic">Prolegomena in Plat.</hi> ed. Westerink). Was als
            doxographischer<lb/>Abriss geboten wird (67-80) ist kompositorisch und sachlich von
            sehr<lb/>bescheidener Qualität. Die Vermutung bleibt legitim, dass Diog. Laert.<lb/>den
            ganzen Block 47-66 mehr oder weniger unverändert aus einem ihm<lb/>vorliegenden älteren
            Autor abgeschrieben hat. Es kommt ja dazu auch<lb/>der Konflikt der Widmung mit der
            Anrede in x 29, die doch wohl<lb/>an einen Epikureer gerichtet ist. Wenn schliesslich x
            138 das Gesamtwerk<lb/>enden lässt mit der Pointe, dass das τέλος des σύγγραμμα
            gleichzeitig<lb/>die ἀρχή der εύδαιμονία sei, so ist es nicht leicht, der Folgerung
            zu<lb/>entgehen, dass derjenige, der dies schreibt, selbst ein Epikureer
            ist.<lb/>Jedenfalls ist es so gut wie ausgeschlossen, in dem σέ von x 29
            (der<lb/>Schluss des Satzes ist zerstört und nicht sicher wiederherstellbar)
            dieselbe<lb/>Dame zu sehen, die in m 47 als φιλοπλάτων apostrophiert wird. Man<lb/>darf
            subsidiär darauf hinweisen, dass Diog. Laert. zwar, nach Objektivität<lb/>strebend, bei
            Epikur wie bei Platon und Aristoteles, um nur diese zu<lb/>nennen, neben Aeusserungen
            der Anerkennung und Bewunderung auch<lb/>Aeusserungen der Feindschaft registriert, aber
            nur bei Epikur die<lb/>Behauptungen der Feinde (3-8) mit aller Schärfe zurückweist (9).
            Soweit<lb/>es überhaupt möglich ist, Diog. Laert. als Person zu fassen, darf
            man<lb/>vermuten, dass er Epikur näher stand als Platon.</p>
         <p rend="start">Die dritte Einlage sind die <hi rend="italic">Diaireseis</hi> (80-109), ein
            geschlossenes<lb/>Ganzes, das so umfangreich ist, dass Diog. Laert. sich gezwungen
            sah,<lb/>den Bericht über die ethischen Lehren Platons (78-80), der auf
            ein<lb/>doxographisches Sammelwerk zurückgeht, auf das äusserste zu kürzen.<lb/>Was
            Diog. Laert. bietet, ist eine von drei Fassungen (es kann noch<lb/>mehrere gegeben
            haben) desselben Grundtextes, alle drei in der Form<lb/>eines völlig zerlesenen
            Handbuches, wobei nicht nur die Theoreme auf<lb/>ihre primitivste Form reduziert,
            sondern auch Probleme der theoretischen<lb/>und der praktischen Philosophie, Thesen
            Platons und des Aristoteles<lb/>achtlos durch einander geworfen sind. Dabei ist keine
            der (uns bisher<lb/>bekannten) drei Fassungen die ursprüngliche. Sie ergänzen einander
            alle<lb/>gegenseitig, so wie (um das für uns nächste Beispiel zu nennen) die<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="138" facs="Elenchos86/Ele86_138.jpg"/></p>
         <p>vier als ganzes fassbaren Platonviten (Diog. Laert., Apuleius,
               Olymp.<lb/><hi rend="italic">comm. in Alc. I</hi> p. 1-9 ed. Westerink, <hi
               rend="italic">Prolegomena in Plat.</hi> p. 3-15 ed.<lb/>Westerink) einander
            gegenseitig ergänzen: jede Einzelne bringt Dinge,<lb/>die die übrigen nicht haben und
            lässt Anderes aus, was die übrigen<lb/>bewahren. Der Kommentar von C. Rossitto (1984)
            ist ausserordentlich<lb/>verdienstvoll, doch kann man wohl in manchen Fällen noch
            weiterkom-<lb/>men bis zu jenem Punkte, an dem hinter den Banalitäten ernsthafte<lb/>und
            bedeutende Thesen sichtbar werden.</p>
         <p rend="start">Was übrig bleibt, ist zweierlei.</p>
         <p rend="start">Einmal eine Biographie im strengen Sinne (1-47), in der es
            von<lb/>Unklarheiten und Widersprüchen derart wimmelt, dass man mit der<lb/>einfachen
            Erklärung, Diog. Laert. sei eben nur ein elender Skribent,<lb/>nicht mehr auskommt. Es
            muss dieser Inkohärenz, die auch dem antiken<lb/>Leser kaum entgangen sein kann, ein
            Prinzip zugrundeliegen. Diog. Laert.<lb/>will augenscheinlich gerade nicht einen
            kompakten Lebenslauf erzählen,<lb/>in dem Alles mit Allem zusammenhängt und Alles sich
            durch Alles<lb/>erklärt, sondern er sammelt bestimmte präzise Informationen,
            womöglich<lb/>von wenig bekannten Autoren: dass für den Demos Platons der
            kaum<lb/>bekannte Antileon bemüht wird (3) und für die Kritik an
            Platons<lb/>Sizilienreisen Ciceros rhodischer Lehrer Apollonios Molon (34), als<lb/>ob
            nicht schon die gesamte Briefliteratur des frühen Hellenismus, von<lb/>der noch öfters
            die Rede sein wird, dazu diente, eine derartige Kritik<lb/>abzuwehren, ist
            charakteristisch; vgl. schon den Siebenten Brief und<lb/>seine Andeutung 328 c. Es kommt
            ihm auf die Pointe an, die in jeder<lb/>einzelnen Information enthalten ist, nicht auf
            die Zusammenordnung<lb/>der verschiedenen Informationen zu einem in sich kohärenten
            Bilde.</p>
         <p rend="start">An Einzelheiten notiere ich zu diesem Stück nur die
            sonderbare<lb/>Dürftigkeit der <hi rend="italic">Apophthegmata</hi> (38-40), verglichen
            mit dem viel<lb/>reicheren Angebot des <hi rend="italic">Gnomologium Vaticanum</hi>
            Sternbachs (Nr. 423-<lb/>449), dann die Eigentümlichkeit des sog. Testamentes (41-43),
            das,<lb/>verglichen etwa mit dem Testament des Aristoteles (v 11-16) nicht<lb/>viel mehr
            ist als ein Nachlass Verzeichnis.</p>
         <p rend="start">An der Doxographie endlich fällt auf, dass im Gegensatz nicht<lb/>nur zu
            1-47, sondern auch zu 47-66 Zitate und Belege völlig fehlen,<lb/>dann auch, dass trotz
            56 die Dreiteilung der Philosophie nicht<lb/>respektiert wird. Die Physik (67-77) wird
            weitgehend im Anschluss<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="139" facs="Elenchos86/Ele86_139.jpg"/></p>
         <p>an den <hi rend="italic">Timaios</hi> abgehandelt, die Ethik (78-80) bleibt
            zumeist in densel-<lb/>ben allgemeinen doxographischen Kategorien, die auch in V 31; VI
            11;<lb/>VII 121; X 117-121 benutzt werden. Die Dialektik muss sich mit<lb/>drei in 79
            eingeschobenen Zeilen begnügen.</p>
         <p rend="start">Doch wenden wir uns nun zu den Sachen selber. Ich beschränke<lb/>mich dabei
            auf eine Untersuchung von 1-47 und gebe auch da an<lb/>dieser Stelle keinen Kommentar,
            sondern greife die zwei Problemkreise<lb/>heraus, von denen man behaupten kann, dass sie
            die Biographie<lb/>Platons überhaupt beherrschen.</p>
         <p rend="start">Der erste Kreis betrifft die Herkunft von Platons Philosophie:<lb/>Ist
            Platon in letzter Instanz ein Schüler des Sokrates gewesen, wie dies<lb/>die Dialoge
            vermuten lassen, oder war er vielmehr ein Schüler der<lb/>Pythagoreer, wie dies eine
            Tradition erklärt, die repräsentativ vor allem<lb/>in Aristoteles <hi rend="italic"
               >metaph.</hi> A 6 zu Worte kommt? Der zweite Kreis stellt<lb/>Platon als Theoretiker
            und Praktiker der Politik in Frage: Welchen<lb/>Sinn haben seine drei Reisen nach
            Syrakus gehabt? Beweist ihr<lb/>Misserfolg, dass Platons Forderung in <hi rend="italic"
               >resp.</hi> 473 <hi rend="smcap">c-e </hi>ein für alle Male<lb/>unerfüllbar ist, weil
            Macht und Weisheit sich niemals unter einander<lb/>werden verständigen können, oder ist
            das Ganze bloss eine von<lb/>unglücklichen Zufällen verfolgte Episode gewesen, auf die
            sich Platon<lb/>in der Mitte seines Lebens aus nicht völlig durchsichtigen
            Gründen<lb/>eingelassen hat?</p>
         <p rend="start">Ich hebe hier nur ein Moment hervor, weil es blitzartig beleuchtet,<lb/>wie
            es hinsichtlich dieser beiden Probleme mit der historischen<lb/>Dokumentation steht. Wer
            sich bemüht, die einschlägigen Texte in<lb/>ihrem vollen Umfang zu überblicken (soweit
            dies beim gegenwärtigen<lb/>Stand der Forschung möglich ist), wird bald zu seinem
            Staunen<lb/>bemerken, dass ihm die Tradition die verschiedensten
            Interpretationen<lb/>anbietet. Der Bestand and schlechthin unanfechtbaren
            Tatsächlichkeiten<lb/>scheint so gering zu sein, dass der Manipulation und Ausdeutung
            ein<lb/>überaus grosser Spielraum zur Verfügung stand.</p>
         <p rend="start">Dies sei an vier Fragen dargestellt; die erste geht den
            ersten<lb/>Problemkreis an, die dritte und vierte den zweiten, die zweite
            schliesslich<lb/>berührt den ersten wie den zweiten Kreis. Die erste Frage: wohin
            gehört<lb/>Platons Philosophie? Die zweite: was ist der Sinn und die Absicht<lb/>seiner
            Reisen gewesen? Die dritte: wie wird Dionysios II. der Gegens-<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="140" facs="Elenchos86/Ele86_140.jpg"/></p>
         <p>pieler Platons in Syrakus geschildert? Die vierte: wie wird
            Dion<lb/>dargestellt, der zwischen Platon und Dionysios II. sozusagen in der<lb/>Mitte
            steht?</p>
         <p rend="start">Wie hat Platon zu philosophieren begonnen?</p>
         <p rend="start">Die Antwort des Aristoteles <hi rend="italic">metaph.</hi> A 6. 987 a32-b 1
            ist klar.<lb/>Von Jugend auf ist Platon zu allererst vertraut mit Kratylos, der
            ihm<lb/>die Lehren des Heraklit vermittelte; nach diesen Lehren ist die Welt<lb/>des
            Wahrnehmbaren im steten Fluss, und eine <hi rend="italic">Episteme</hi> gibt es
            von<lb/>ihr nicht. An dieser Lehre hat Platon nach Aristoteles
            dauernd<lb/>festgehalten.</p>
         <p rend="start">Mit diesem Bericht stimmt überein, was sich zunächst aus Diog.<lb/>Laert.
            III 5 entnehmen lässt: ἐφιλοσόφει δὲ τὴν ἀρχὴν [...] καθ’ Ἡρά-<lb/>κλειτον. Auch Diog.
            Laert. III 8, der Fundamentalsatz, der erklärt,<lb/>Platons Lehre sei eine μῖξις aus
            drei philosophischen <hi rend="italic">Logoi,</hi> wird so zu<lb/>verstehen sein; denn
            da steht der <hi rend="italic">Logos</hi> Heraklits an der Spitze, ihm<lb/>folgt
            komplementär derjenige des Pythagoras und dann erst für die poli-<lb/>tische Philosophie
            Sokrates. Dies lässt sich für die Einordnung Heraklits<lb/>und des Pythagoras mit der
            Mitteilung des Aristoteles zur Deckung brin-<lb/>gen, nicht aber für Sokrates. Was nach
            987 <hi rend="smcap">b </hi>1-4 Platon an Sokrates<lb/>entscheidend beeinflusst, ist
            gerade nicht die Wendung zu den Ethika,<lb/>sondern die sokratische Frage nach dem
            καθόλου und die Methode<lb/>des ορισμός. Denn dies beides wird eine unentbehrliche
            Voraussetzung<lb/>der Ideenlehre, die als solche allerdings erst durch den Kontakt
            mit<lb/>den Anschauungen der Pythagoreer zustande kommt. Eine
            erschöpfende<lb/>Interpretation der Stelle müsste hier einesteils <hi rend="italic">eth.
               Nic.</hi> A 4. 1096 a 11-<lb/>b 8, andernteils die schlecht formulierte, aber nicht
            ganz unwichtige<lb/>Parallele dazu in <hi rend="italic">m. mor.</hi> A 1. 1182 a 11-32
            heranziehen; darauf müssen<lb/>wir in dem vorliegenden Kontext verzichten. Ein offene
            Frage bleibt,<lb/>ob in <hi rend="smcap">III </hi>58 die Eingliederung des Dialogs <hi
               rend="italic">Kratylos</hi> an der Spitze der<lb/>zweiten Tetralogie des Thrasyllos
            (die erste Tetralogie ist ganz um<lb/>den Tod des Sokrates gruppiert) mit der
            privilegierten Stellung des<lb/>Kratylos als Lehrer Platons (vgl. Prokl. <hi
               rend="italic">comm. in Plat. Crat.</hi> p. 4, 7 ed.<lb/>Pasquali) zusammenhängt.
            Anders akzentuiert ist ein <hi rend="italic">Apophthegma</hi> des<lb/>Sokrates bei
            Ariston Frg. 29. 30 W.</p>
         <p rend="start">Für uns viel wichtiger ist, dass nicht nur eine, sondern gleich<lb/>zwei
            Traditionen dem Bericht des Aristoteles radikal widersprechen.</p>
         <p rend="pb"><pb n="141" facs="Elenchos86/Ele86_141.jpg"/></p>
         <p>Die eine Tradition geht aus von dem Text, den man gerne als das für<lb/>die
            Lebensgeschichte Platons weitaus wichtigste Dokument bezeichnen<lb/>möchte, das Πλάτωνος
            περίδειπνον, das Platons eigener Neffe Speusip-<lb/>pos verfasst hat. Die Fragmente sind
            jetzt als Frg. 147-153 in der<lb/>Sammlung Isnardi-Parente zusammengestellt. Frg. 151
            zeigt, dass<lb/>Speusippos sich ausdrücklich auf seine Zugehörigkeit zur
            Familie<lb/>Platons berufen hat; rätselhaft bleibt die Uebereinstimmung von Frg.<lb/>147
            und 148: denn dass Hieronymus Porphyrios abschreibt, mag man<lb/>annehmen, doch dass
            Porphyrios Diog. Laert. benutzt hat, kann man<lb/>kaum glauben. Sollten beide unabhängig
            von einander jenen Anaxilaides<lb/>herangezogen haben, der uns faktisch genau so
            unbekannt ist wie der<lb/>kurz nachher erwähnte Antileon (die Hypothesen von E.
            Schwartz,<lb/>in <hi rend="italic">RE</hi>,<hi rend="italic"> s.v. Anaxilaides</hi> sind
            nicht unmöglich, aber unbeweisbar)? Im<lb/>übrigen allerdings kann die Sammlung der
            Fragmente, vie ich glaube,<lb/>noch um einiges vermehrt werden.</p>
         <p rend="start">Die wunderbare Zeugung Platons durch Apollon kann nicht<lb/>abgetrennt
            werden von der Notiz Apollodors <hi rend="italic">FGrHist</hi> 244 F 37 (bei<lb/>Diog.
            Laert. III 2), dass Platon an dem Tage geboren wurde, an dem<lb/>nach der sakralen
            Ueberlieferung von Delos Apollon selber geboren<lb/>worden war. Diese Notiz wiederum ist
            unlösbar verknüpft mit Apol-<lb/>lodor 244 F 34 (Diog. Laert. <hi rend="smcap">II
            </hi>44), wonach Sokrates am Tage zuvor,<lb/>nämlich an dem Tage, an dem, wiederum nach
            der Tradition von<lb/>Delos, Artemis geboren worden war, seinen Geburtstag hatte.
            So<lb/>gehören Lehrer und Schüler auf eine geheimnisvoll göttliche Weise<lb/>zu
            einander.</p>
         <p rend="start">Speusippos werden wir aber auch den Bericht geben, der in nur<lb/>wenig von
            einander abweichenden Brechungen in den <hi rend="italic">Prolegomena<lb/></hi>p. 2,
            16-22 ed. Westerink, Olymp. <hi rend="italic">comm. in Alc. I</hi> p. 2, 24-29<lb/>ed.
            Westerink, dann Cic. <hi rend="italic">de div.</hi> I 78, Ael. <hi rend="italic">var.
               hist.</hi> X 21 und<lb/>XII 45 erhalten ist: Die Mutter habe gleich nach der Geburt
            Platons<lb/>den Säugling auf den Hymettos gebracht, um dort zum Dank für<lb/>die Geburt
            dem Apollon Nomios und den Nymphen ein Opfer<lb/>darzubringen. Während des Opferns legt
            sie das kind irgendwo hin,<lb/>und wie sie zu ihm zurückkehrt, findet sie seinen Mund
            voll von Honig.<lb/>Da ausdrücklich von der Mutter die Rede ist, wird als Erzähler
            kaum<lb/>ein anderer als Speusippos in Frage kommen.</p>
         <p rend="pb"><pb n="142" facs="Elenchos86/Ele86_142.jpg"/></p>
         <p rend="start">Bedeutender für uns ist die Geschichte Diog. Laert. III 5,
            dass<lb/>Sokrates in der Nacht, bevor Platons Vater zu ihm kam, um ihm seinen<lb/>Sohn
            anzuvertrauen, einen Traum hatte, dass er das Kücken eines<lb/>Schwans auf seinen Knien
            hielte, dieses aber plötzlich heranwuchs und<lb/>mit süssem Gesang sich in die Höhe
            schwang (etwas ausführlicher bei<lb/>Apul. <hi rend="italic">de Plat.</hi> I 1). Die <hi
               rend="italic">Prolegomena</hi> p. 1, 21/22 und Olymp, <hi rend="italic">in Alc.
               I<lb/></hi>p. 2, 30-31 zögern denn auch nicht, das, was in Platons <hi rend="italic"
               >Phaed.</hi> 85 <hi rend="smcap">b<lb/></hi>Sokrates von sich sagt, er sei “Mitsklave
            der Schwäne” bei Apollon,<lb/>auf Platon zu beziehen.</p>
         <p rend="start">Dazu tritt schliesslich der Traum Platons selber, von dem die<lb/><hi
               rend="italic">Prolegomena</hi> p. 1, 29-35 und Olymp, <hi rend="italic">in Alc.
               I</hi> p. 2, 156-160 erzählen.<lb/>Platon träumt unmittelbar vor seinem Tode, er sei
            ein Schwan ge-<lb/>worden und fliege von Baum zu Baum, so dass es den Jägern
            un-<lb/>möglich wurde, ihn einzufangen. Anscheinend nach Platons Tod erfährt<lb/>der
            Sokratiker Simmias von dem Traum und deutet ihn so, dass alle<lb/>Menschen versuchen
            würden Platons Gedanken zu erfassen, doch dass<lb/>keiner sie jemals ganz würde
            einfangen können. Damit ist angezeigt,<lb/>was Cicero meint, wenn er in den <hi
               rend="italic">acad.</hi> I 17 Platon als <hi rend="italic">varius
               et<lb/>multiplex</hi> charakterisierte. Viele Deutungen Platons sind möglich,
            doch<lb/>keine erschöpft ganz, was er wollte. Da versteht sich Platon also
            selber<lb/>als der Schwan Apollons; und dem entspricht natürlich genau sowohl,<lb/>dass
            er an seinem Geburtstag starb (Frg. 150 Isn.) wie auch, dass die<lb/>Zahl seiner
            Lebensjahre mit der heiligen Zahl Apollons übereinstimmt<lb/>(Frg. 149 Isn.).</p>
         <p rend="start">In alledem also gehört Platon gleichzeitig zu Apollon und zu
            So-<lb/>krates.</p>
         <p rend="start">Ich zögere etwas mit einer letzten Vermutung. Wenn Platon
            nach<lb/>Hermippos Frg. 41 W. bei einem Hochzeitsmahl stirbt, sollte etwa<lb/>auch dies
            auf Speusippos zurückgehen und eine geheimnisvolle Bezie-<lb/>hung andeuten, die
            zwischen dem Hochzeitsmahl und dem Totenmahl<lb/>bestanden hätte? Möglich, aber in
            keiner Weise beweisbar.</p>
         <p rend="start">Wir wenden uns zu der anderen Tradition, für die Platon durch<lb/>Sokrates
            zur Philosophie gelangt.</p>
         <p rend="start">Der junge Platon erfährt die traditionelle Ausbildung in Gram-<lb/>matik
            als Elementarfach, dann Gymnastik und Musik.</p>
         <p rend="pb"><pb n="143" facs="Elenchos86/Ele86_143.jpg"/></p>
         <p rend="start">Als Lehrer der Grammatik figuriert Dionysios mit Verweis auf<lb/><hi
               rend="italic">riv.</hi> 132 A, wo allerdings Sokrates nur flüchtig erwähnt, er habe
            sich<lb/>zur Schule des Διονύσιος ὁ γαμματιστής begeben und dort einige junge<lb/>Leute
            vorgefundet die sich nicht, wie man hätte erwarten können, über<lb/>Probleme der
            Grammatik, sondern über solche der Meteorologie (Ana-<lb/>xagoras und Oinopides werden
            gennannt) unterhielten. Von einer nä-<lb/>heren Beziehung des Sokrates zu jenem
            Dionysios ist nirgends die Rede.<lb/>Doch die Biographie hat unbedenklich gefolgert,
            Dionysios sei der Leh-<lb/>rer Platons gewesen. Wir werden beachten, dass die Zahl der
            Angaben<lb/>in Platons Dialogen, die ohne weitere Begründung von Sokrates auf<lb/>Platon
            selber übertragen werden, nicht sehr gross ist. Zu erinnern ist<lb/>an die soeben
            angeführte Stelle im <hi rend="italic">Phaed.</hi> 85 B; bemerkenswert ähn-<lb/>lich wie
            der Fall der <hi rend="italic">riv.</hi> 132 A ist die Lage hinsichtlich der
            Figur<lb/>des Kratylos. Dieser ist im gleichnamigen Dialog Gesprächspartner
            des<lb/>Sokrates. Davon, dass er etwa Lehrer des Sokrates gewesen wäre, ist<lb/>weit und
            breit keine Rede. Dennoch figuriert er in den Texten, die<lb/>ich nannte, als Lehrer
            Platons. Hier ist freilich der Sprung vom Befund<lb/>der Dialoge zu der Behauptung der
            Biographie so gross, dass man sich<lb/>fragen wird, ob ein uns kaum mehr fassbarer Text
            mit im Spiele ist.<lb/>Man wird an den Dialog des Aischines denken, auf den Aristoteles
               <hi rend="italic">rhet.<lb/></hi>Γ 16. 1417 a 36-b 3 sicher und <hi rend="italic"
               >metaph.</hi> Γ 5. 1010 a 7-15 wahrscheinlich<lb/>anspielt. Da ist Kratylos der
            radikale Vertreter des πάντα<hi rend="italic"> </hi>ρεῖ, der<lb/>völlig konsequent
            schliesslich sogar auf das Sprechen verzichtet und<lb/>nur noch Zeichen gibt. In welchem
            szenischem Zusammenhang Kratylos<lb/>da vorgekommen sein mag, wissen wir nicht (H.
            Dittmar, <hi rend="italic">Aischines</hi>,<hi rend="italic"><lb/></hi>Berlin 1912, S.
            293 f., führt nicht weiter). Doch als ein unbekannter<lb/>Faktor muss dieser Dialog in
            Rechnung gestellt werden.</p>
         <p rend="start">Als Lehrer in der Gymnastik, genauer der Ringkunst, wird Ariston<lb/>von
            Argos genannt. Ich zweifle nicht daran, dass es derselbe ist, den<lb/>Aristoxenos in
            seiner Biographie Platons als Aristoteles bezeichnet<lb/>(Frg. 66 W.; Wehrlis Kommentar
            z. St. beruht auf einem Missver-<lb/>ständnis). Dikaiarch Frg. 40 W. steuert dazu bei,
            dass Platon als Ring-<lb/>kämpfer an den Isthmien aufgetreten sei. Apuleius <hi
               rend="italic">de Plat.</hi> I 2 nennt<lb/>dazu die Pythien, die <hi rend="italic"
               >Prolegomena</hi> p. 2, 26-28 ed. Westerink erwähnen<lb/>vielmehr die Olympien und
            Nemeen und geben an, er habe an beiden<lb/>Spielen einen Siegespreis errungen.</p>
         <p rend="pb"><pb n="144" facs="Elenchos86/Ele86_144.jpg"/></p>
         <p rend="start">Dass Platon einen Preis gewonnen hat, wird wohl auch schon Di-<lb/>kaiarch
            gesagt haben. Im übrigen wird es bei den Isthmien bleiben,<lb/>und mehr als Platons
            Beteiligung an diesen Spielen wird man Dikaiarch<lb/>auch nicht geben dürfen (anders
            Wehrli). Hat diese Notiz eine weiter-<lb/>gehende Bedeutung besessen, die wir nicht mehr
            rekonstruieren kön-<lb/>nen? Zwei Einzelheiten darf man im Auge behalten: nach Diog.
            Laert.<lb/>II 23 gehört zu den wenigen Reisen, die Sokrates unternommen hat,<lb/>auch
            eine solche εἰς Ἰσθμόν. Wenn anderseits Diog. Laert. III 1 her-<lb/>vorhebt, die Familie
            der Mutter Platons gehe bis auf Solon und Po-<lb/>seidon zurück, und eine spätere
            Ergänzung (natürlich nicht erst Thra-<lb/>syllos) auch den Vater über Melanthos auf
            Poseidon zurückführt, derart,<lb/>dass man erwarten darf, Poseidon habe für Platon
            selbst eine bestimmte<lb/>Rolle gespielt, so wissen wir immerhin, dass gerade die
            Isthmischen<lb/>Spiele unter dem Patronat Poseidons standen.</p>
         <p rend="start">Endlich soll nicht vergessen werden, dass gerade das Ringen
            als<lb/>Metapher für philosophische Diskussionen alt und weitverbreitet ist;<lb/>vgl.
            etwa Demokrit <hi rend="italic">VS</hi> 68 <hi rend="smcap">b </hi>125 (auch den Titel
            des Protagoras Κατα-<lb/>βάλλοντες) oder Antisthenes bei Diog. Laert. VI 4.</p>
         <p rend="start">Dass die Notiz über Platons Beschäftigung mit der Malerei einfach<lb/>aus
            dem <hi rend="italic">Tim.</hi> 67 c-68 <hi rend="smcap">d </hi>deduziert ist, verrät
            der Text der <hi rend="italic">Prolegomena<lb/></hi>p. 3, 13-15 deutlich.</p>
         <p rend="start">In den Angaben über die Musik ist allerdings einiges durcheinan-<lb/>der
            geraten. Für uns interessant ist zunächst nur die Mitteilung, dass<lb/>er Tragödien
            verfasst hat. Denn dies führt über einige Zeilen hinweg<lb/>unmittelbar zu der
            Erzählung, Platon habe sich vor dem Dionysos-<lb/>Theater eingefunden, um eine Tragödie
            aufführen zu lassen, und da<lb/>sei er auf Sokrates gestossen; dieser habe so mächtig
            auf ihn eingewirkt,<lb/>dass er sofort seine Tragödien verbrannt habe und von da an,
            nämlich<lb/>von seinem 20. Lebensjahr an nur noch Schüler des Sokrates
            gewesen<lb/>sei.</p>
         <p rend="start">Dazu einige wenige Anmerkungen.</p>
         <p rend="start">Was tut zunächst der Dithyrambos, dem sich Platon als erster<lb/>Gattung
            zugewandt haben soll? Die Antwort liefert die <hi rend="italic">Prolegomena<lb/></hi>p.
            3, 1-3: Platons erster Dialog sei der <hi rend="italic">Phaidros</hi> gewesen und
            dieser<lb/>habe einen dithyrambischen Charakter. Genau dies meint auch Diog.<lb/>Laert.
            III 38, wenn er den Gegenstand des <hi rend="italic">Phaidros</hi> leicht
            abschätzig<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="145" facs="Elenchos86/Ele86_145.jpg"/></p>
         <p>als μειρακιῶδες bezeichnet und ein Urteil Dikaiarchs Frg. 42 W.
            zitiert,<lb/>das Wehrli mit Recht auf den <hi rend="italic">Phaidros</hi> bezieht;
            möglicherweise muss<lb/>man auch Diog. Laert. m 25 dazu nehmen, wo der Verdacht
            besteht,<lb/>Diog. Laert. habe seinen Autor missverstanden. Denn was
            interessiert,<lb/>ist nicht, dass Platon der erste unter zahlreichen (welchen?)
            Philosophen<lb/>war, der gegen Lysias schrieb, sondern vielmehr, dass sein erstes
            Werk<lb/>in einer Polemik gegen Lysias bestand (womit wir in die Nähe von<lb/>III 34-36
            kommen).</p>
         <p rend="start">Was es mit den μέλη auf sich hat, die Platon gedichtet haben soll,<lb/>ist
            schwer zu sagen. Allerdings bemerken an dieser Stelle die <hi rend="italic"
               >Prolegomena<lb/></hi>p. 2, 28-30 und Olymp. <hi rend="italic">in Alc. I</hi> p. 2,
            43-44, dass Platon als Lehrer in<lb/>der Musik Drakon gehabt habe, der der Schüler des
            bekannten Dämon<lb/>gewesen sei, auf den sich Sokrates bei Platon <hi rend="italic"
               >resp.</hi> 400 <hi rend="smcap">b </hi>und 424 c<lb/>ausdrücklich beruft. Bestätigt
            wird dies durch Ps.-Plut. <hi rend="italic">de musica</hi> 1136 f,<lb/>der (aus
            Aristoxenos?) berichtet, Platon sei Schüler Drakons von Athen<lb/>und des Megillos (der
            Name auch in den <hi rend="italic">Prolegomena,</hi> nicht völlig<lb/>sicher
            restituierbar) von Akragas gewesen. Diese mögen ihn zu den<lb/>μέλη angeregt haben. Dass
            der Name Damons und Drakons bei Diog.<lb/>Laert. fehlt, obschon dieser in einer
            Parenthese II 19 notiert, Sokrates<lb/>sei Schüler Damons gewesen (was gewiss nicht erst
            Alexandras <hi rend="italic">FGrHist<lb/></hi>273 F 86 angenommen hat), ist etwas
            merkwürdig. Doch Diog. Laert.<lb/>will nicht mehr als Stichworte geben.</p>
         <p rend="start">Die Bekehrung Platons von der Tragödie zur Philosophie (vgl. Ael.<lb/><hi
               rend="italic">var. Hist.</hi>
            <hi rend="smcap">II </hi>30; dass Platon sich zuvor schon am Epos versucht habe,<lb/>ist
            eine naive Erweiterung — möglicherweise veranlasst durch Herak-<lb/>leides Pont. Frg.
            610) erfolgt durch eine plötzliche unerwartete Kon-<lb/>frontation mit Sokrates. Die
            nächste Parallele ist die Bekehrung Xeno-<lb/>phons (Diog. Laert. <hi rend="smcap">II
            </hi>48), die spektakulärste diejenige Polemons (Diog.<lb/>Laert. IV 16 mit den von
            Gigante Frg. 13-33 gesammelten Parallelen;<lb/>dass die ganze Erzählung durch Plat. <hi
               rend="italic">symp.</hi> 212 C-223 A beeinflusst<lb/>ist, bedarf keines Beweises). In
            der Sache selbst befindet sich die<lb/>Geschichte in Uebereinstimmung mit dem Urteil,
            das Sokrates in Pla-<lb/>tons <hi rend="italic">Politeia</hi> über die Tragödie
            fällt.</p>
         <p rend="start">Es bleibt indessen eine Seltsamkeit, die man nicht übersehen
            sollte.<lb/>Trotzdem für Platon zwischen der Tragödie und der Philosophie
            keine<lb/>Versöhnung möglich ist, haben die antiken Editoren Platons sich nicht<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="146" facs="Elenchos86/Ele86_146.jpg"/></p>
         <p>gescheut, das Oeuvre der Dialoge nach dem Modell der Tragödie
            zu<lb/>organisieren.</p>
         <p rend="start">Ein erster Versuch wird Diog. Laert. III 50 kurz und kritisch
            ab-<lb/>getan. Dieser Versuch läuft faktisch darauf hinaus, dramatische,
            erzäh-<lb/>lende und gemischte Dialoge zu unterscheiden, also die Kategorien,
            die<lb/>Platon selber <hi rend="italic">resp.</hi> 392 C ff. für die Dichtung
            entwickelt, auf seine<lb/>philosophischen Werke zu übertragen.</p>
         <p rend="start">Ein zweiter anspruchsvoller Versuch wird in 56-60 vorgetragen.<lb/>Ihm geht
            als eine Art von Begründung voraus der Nachweis, dass die<lb/>Tragödie und die
            Philosophie sich parallel entwickelt hätten. Platon<lb/>vollendet die Philosophie mit
            der Dialektik, wie Sophokles die Tragödie<lb/>vollendet hatte. Die Nähe dieser
            Konstruktion zu Aristoteles <hi rend="italic">poet. 4.<lb/></hi>1449 a 9-19 ist evident.
            Die Konsequenzen aus dieser Verwandtschaft<lb/>der Texte zu ziehen ist allerdings nicht
            leicht, vor allem, da Platon<lb/>hier die Philosophie durch die Dialektik zum Abschluss
            bringt, während<lb/>derselbe Aristoteles in Diog. Laert. IX 25 (und I 19) Zenon von
            Elea<lb/>zum Schöpfer der Dialektik macht. Einen Ausgleich ermöglicht nur
            die<lb/>Hypothese, dass in in 56 die Dialektik im platonischen, in ix 25 da-<lb/>gegen
            die Dialektik im aristotelischen Sinne des Wortes gemeint ist.</p>
         <p rend="start">Jedenfalls hat diese Konstruktion Thrasyllos (bzw. den Autor, dem<lb/>er
            folgt) dazu legitimiert, das gesamte Oeuvre Platons mit Ausnahme<lb/>der Briefe in neun
            Tetralogien aufzugliedern. Wie sich dies in der oft<lb/>äusserst künstlich anmutenden
            Zusammenstellung der Dialoge ausge-<lb/>wirkt hat, brauchen wir hier nicht zu verfolgen.
            Ich beschränke mich<lb/>auf die Frage, ob das System der neun Tetralogien irgendwann
            irgendet-<lb/>was mit der religiösen Bedeutung der Neunzahl für Platons
            Leben<lb/>(Speusippos Frg. 149 Isn.) zu tun gehabt haben kann.</p>
         <p rend="start">Ein dritter Versuch wird auf Aristophanes von Byzanz zurück-<lb/>geführt
            (III 61-62). Er hat in Trilogien gegliedert, statuiert aber nur<lb/>fünf Trilogien zu je
            drei Dialogen (und die Brief Sammlung); die übrigen<lb/>Dialoge hat er καθ’ ἕν καὶ
            ἀτάκτως folgen lassen; dass muss bei einem<lb/>Philologen vom Range des Aristophanes
            seine bestimmten Gründe ge-<lb/>habt haben, über die wir leider nichts erfahren.</p>
         <p rend="start">Die Gesamtsituation ist einigermassen paradox. Platon hat die<lb/>Tragödie
            verworfen, doch seine philosophischen Werke werden grup-<lb/>piert, als ob sie Tragödien
            wären. Wer dies getan hat, muss der Mein-<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="147" facs="Elenchos86/Ele86_147.jpg"/></p>
         <p>ung gewesen sein, dass Platon <hi rend="italic">malgré lui</hi> als
            Schriftsteller der Tra-<lb/>gödie näher gestanden sei, als er als Philosoph hätte
            zugeben wollen.</p>
         <p rend="start">In diesem Sinne wird man wohl auch den bekannten Satz des<lb/>Aristoteles
            zu verstehen haben, der <hi rend="italic">Logos</hi> Platons stünde
            zwischen<lb/>Dichtung und Prosa in der Mitte (III 37). Der Satz wird in einer
            Reihe<lb/>kritischer Urteile zitiert und ist gewiss nicht als ein Kompliment
            auf-<lb/>zufassen. Platon hat die Grenze zwischen philosophischer Sachlichkeit<lb/>und
            poetischer Emotionalität nicht genügend respektiert. Dass etwas<lb/>später Epikur ebenso
            wie Zenon über Platons Dialoge noch schärfer<lb/>geurteilt haben, darf angenommen
            werden. Soviel zu den Traditionen,<lb/>die Platon durch Sokrates zur Philosophie
            gelangen lassen, im offenen<lb/>Widerspruch zu anderen Traditionen, die Platon zuerst an
            Kratylos<lb/>binden, der die Illusion einer <hi rend="italic">Episteme</hi> von der
            Wahrnehmungswelt<lb/>destruiert, dann an die Pythagoreer, die ihm den Anstoss zur
            Konstruk-<lb/>tion einer <hi rend="italic">Episteme</hi> des wahrhaft und unwandelbar
            Seienden geben.</p>
         <p rend="start">Der Ueberblick über die Traditionen, die Platon zum Schüler
            der<lb/>Pythagoreer machen, muss mit einer scheinbar primitiven Frage be-<lb/>ginnen
            (die ich oben als die zweite Hauptfrage nannte): Wozu hat<lb/>Platon eigentlich seine
            Reisen unternommen?</p>
         <p rend="start">Sokrates ist bekanntlich nie gereist. Dass er als Hoplit
            mehrere<lb/>Feldzüge des athenischen Heeres mitmachte, hat mit Reisen nichts zu<lb/>tun
            (ich bin übrigens überzeugt, dass der Bericht des Aristoxenos Frg.<lb/>61 W. nicht als
            ein Missverständnis von Diog. Laert. <hi rend="smcap">ii </hi>22-23
            weginter-<lb/>pretiert werden darf. Es muss da eine vermutlich gegen Sokrates
            gerich-<lb/>tete Pointe dahinterstecken, die wir nicht mehr fassen können).
            Die<lb/>wenigen wirklichen Reisen, die in <hi rend="smcap">ii </hi>23 kurz erwähnt
            werden, beweisen<lb/>als Ausnahme nur die Regel.</p>
         <p rend="start">Dagegen sind in <hi rend="italic">Bios</hi> Platons die Reisen das
            wichtigste äussere<lb/>Ereignis gewesen. Vier verschiedene Traditionen lassen sich
            unterschei-<lb/>den. Eine erste Tradition spricht von einer Reise zu dem
            Mathematiker<lb/>Theodoros nach Kyrene. Sie macht chronologische Schwierigkeiten,
            die<lb/>man nicht unterschätzen darf. Platons <hi rend="italic">Theaitetos</hi>
            schildert Theodoros als<lb/>einen alten Mann; wir haben den Eindruck, dass er
            Altersgenosse des<lb/>Sokrates ist. Dies bestätigt Eudemos Frg. 133 W., der mit
            chrono-<lb/>logischen Angaben nicht spart und ausdrücklich Theodoros neben
            Hip-<lb/>pokrates von Chios eine Generation vor Platon ansetzt. Sollte Platon<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="148" facs="Elenchos86/Ele86_148.jpg"/></p>
         <p>seine Reise nach Kyrene einige wenige Jahre nach dem Tode des
            So-<lb/>krates unternommen haben, so müsste Theodoros damals weit über<lb/>siebzig Jahre
            alt gewesen sein. Und in welcher Absicht wurde die<lb/>Reise unternommen? Zu einer
            derart langen Reise dürfte sich Platon<lb/>nicht ohne einen gewichtigen Grund
            entschlossen haben. Bei Eudemos<lb/>wie schon bei Xen. <hi rend="italic">mem.</hi> IV 2,
            10 ist Theodoros γεωμέτρης und nichts<lb/>anderes. Platons <hi rend="italic"
               >Theaitetos</hi> präzisiert; ich greife nur 164 e-165 <hi rend="smcap">a
            </hi>heraus.<lb/>Theodoros hat sich demnach zuerst an Protagoras angeschlossen
            (woher<lb/>weiss Platon dies? Auf keinen Fall hat er diese “Konversion”
            erfunden.<lb/>Aber wer dann?), sich aber bald von den ψιλοὶ λόγοι ab- und
            der<lb/>Geometrie zugewandt. Im Dialog bleibt er persönlich ein Freund
            des<lb/>Protagoras, doch in seiner Tätigkeit ist er ausschliesslich Geometer,<lb/>und
            zwar grenzt ihn dies nach zwei Richtungen ab. Einmal findet sich<lb/>nicht die geringste
            Spur einer Beziehung zu den Pythagoreern; die<lb/>Bemerkung lambl. <hi rend="italic"
               >vit. Pyth.</hi> 267, wo Theodoros im Katalog der<lb/>Pythagoreer aufgeführt wird,
            ist ohne Gewicht, wie auch K. von Fritz<lb/>in <hi rend="italic">RE, s.v. Theodoros</hi>
            mit Recht hervorhebt. Andererseits hat Theodoros<lb/>auch nichts mit dem mathematischen
            Quadrivium zu schaffen, das für<lb/>uns bekanntlich zum ersten Male im Plat. <hi
               rend="italic">Protag.</hi> 318 <hi rend="smcap">e </hi>als Lehrge-<lb/>genstand des
            Hippias von Elis erscheint; Platon setzt es in der <hi rend="italic"
            >Politeia<lb/></hi>als System schon voraus und ergänzt es persönlich durch die
            Stereo-<lb/>metrie. Von einer privilegierten Stellung der Geometrie ist da nichts<lb/>zu
            erkennen.</p>
         <p rend="start">Nur im <hi rend="italic">Gorg.</hi> 465 <hi rend="smcap">b, </hi>508 <hi
               rend="smcap">a </hi>und im <hi rend="italic">Men.</hi> 85 E kann man
            ein<lb/>spezifisches Interesse an der Geometrie spüren, ohne dass wir berech-<lb/>tigt
            wären, weiter reichende Konsequenzen zu ziehen; insbesondere<lb/>wird man die ἰσότης
            γεωμετρική im <hi rend="italic">Gorg.</hi> 508 A nicht leicht von der<lb/>bei
            Aristoteles <hi rend="italic">eth. Nic.</hi> E 3. 1131 b 12-16 und E 4. 1131 b 32-1132 a
            2<lb/>skizzierten und schon von ihm vorausgesetzten Distinktion der geome-<lb/>trischen
            und der arithmetischen Analogie abtrennen können. Wie dem<lb/>auch sei: eine Reise
            Platons nach Kyrene kann nur durch die Ueber-<lb/>zeugung motiviert gewesen sein, dass
            in der Interpretation der Wirk-<lb/>lichkeit die Geometrie, und sie allein, eine
            zentrale Position einnimmt.<lb/>Schon Ed. Zeller hat in diesem Zusammenhang an die zwei
            monumen-<lb/>talen Sätze erinnert, die Platon zugeschrieben werden: ό θεός αεί
            γεω-<lb/>μετρεΐ (Plut. <hi rend="italic">quaest. conv.</hi> 718 c) und die Inschrift
            über der Eingangs-<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="149" facs="Elenchos86/Ele86_149.jpg"/></p>
         <p>türe der Akademie: μηδεὶς ἀγεωμέτρητος εἰσίτω (Elias <hi rend="italic">in
               Cat. comm.<lb/></hi>p. 118, 18-19 ed. Busse und Philop. <hi rend="italic">in De an.
               comm.</hi> p. 117, 26-27 ed.<lb/>Hayduck). Diese Dinge, die Reise nach Kyrene und die
            beiden Sätze dürf-<lb/>ten auf irgendeine Weise mit einander Zusammenhängen, und
            dass<lb/>das Ganze letzten Endes die Erfindung eines Dialoges ist (Eratosthenes,<lb/><hi
               rend="italic">Platonikos?),</hi> ist nicht ganz wahrscheinlich.</p>
         <p rend="start">Eine zweite Tradition lässt Platon nach Aegypten zu den
            προφήται<lb/>reisen. Dazu gehört unmittelbar die Mitteilung, er habe auch
            beab-<lb/>sichtigt, mit den Magiern Kontakt auzunehmen; doch sei dies «wegen<lb/>der
            Kriege in Asien» nicht möglich gewesen, wie Diog. Laert. III 7<lb/>erklärt.</p>
         <p rend="start">Zu beginnen ist mit Cic. <hi rend="italic">de fin.</hi> V 87 (vgl. V 50),
            der die drei<lb/>grossen Forschungsreisenden aufzählt und charakterisiert: Platon,
            Py-<lb/>thagoras und Demokrit; die Angaben sind vor allem für Platon so<lb/>detailliert,
            dass sie auf einen bestimmten anspruchsvollen Autor zurück-<lb/>gehen müssen, als der
            sich im Kontext Theophrast Περὶ εὐδαιμονίας<lb/>anbietet (dass Theophrast von den
            Forschungsreisen Demokrits gespro-<lb/>chen hat, bezeugt Ael. <hi rend="italic">var.
               hist.</hi> IV 20 = <hi rend="italic">VS</hi> 68 A 16 ausdrücklich).<lb/>Was
            Pythagoras betrifft, so erzählt lambl. <hi rend="italic">vit. Pyth.</hi> 12-19 in
            seiner<lb/>leicht konfusen Art, Thales habe Pythagoras empfohlen, nach Aegypten<lb/>zu
            reisen, was denn auch geschehen sei. Dann freilich habe Kambyses<lb/>Aegypten erobert
            und Pythagoras als Kriegsgefangenen mitgenommen,<lb/>was diesem aber nicht unwillkommen
            gewesen sei, da er auf diese<lb/>Weise die Magier kennengelernt habe. Von den Reisen
            Demokrits<lb/>hat endlich nicht nur Theophrast gesprochen (der ihn, wie es
            scheint,<lb/>bis zu den Chaldäern, Magiern und indischen Gymnosophisten
            gelangen<lb/>liess), sondern auch Antisthenes von Rhodos <hi rend="italic">FGrHist</hi>
            508 F 12, bei<lb/>dem er zu den Priestern nach Aegypten kam, dann nach Persis zu
            den<lb/>Chaldäern und endlich zum Roten Meer. Andere ergänzten dies und<lb/>brachten ihn
            über die Chaldäer hinaus zu den Gymnosophisten und<lb/>über das Rote Meer hinweg nach
            Aethiopien.</p>
         <p rend="start">Es liegt auf der Hand, dass wir da eine ziemlich einheitliche
            Kon-<lb/>zeption haben. Die drei grossen Forschungsreisenden bilden eine Grup-<lb/>pe,
            der es daran lag, die Weisheit des Ostens kennen zu lernen, in<lb/>Aegypten
            gewissermassen die eine, im persischen Bereich die andere<lb/>Hälfte. Soll man dies
            Alles Theophrast geben, von dem wir einen kaum<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="150" facs="Elenchos86/Ele86_150.jpg"/></p>
         <p>anfechtbaren Dialogtitel <hi rend="italic">Akicharos</hi> besitzen, mit
            einem aegyptischen<lb/>Weisen dieses Namens im Mittelpunkt (Diog. Laert. V 50, dazu <hi
               rend="italic">VS</hi><lb/>68 B 299 mit einer Anm. von Diels, die allerdings die
            weiteren Zusam-<lb/>menhänge nicht sieht)?</p>
         <p rend="start">Uns interessiert hier die Art, wie Platons Reise nach Aegypten<lb/>weiter
            ausgemalt wurde.</p>
         <p rend="start">Ich nehme vorweg Plut. <hi rend="italic">gen. Socr.</hi> 578 F, wo Simmias
            (augen-<lb/>schleinlich derselbe, der uns als Exeget des Traumes Platons
            unmittel-<lb/>bar nach seinem Tode schon begegnete) berichtet, dass er und
            Platon<lb/>und Ellopion von Peparethos (uns nur aus dieser Stelle bekannt)
            sich<lb/>lange Zeit zu Studien in Memphis beim προφήτης Chonuphis aufge-<lb/>halten
            hätten. Als sie von Aegypten abgereist und in Karien ange-<lb/>kommen waren, seien Leute
            aus Delos zu ihnen gekommen, und hätten<lb/>Platon gebeten, für sie ein schwieriges
            geometrisches Problem zu lösen,<lb/>— womit wir in die Nähe des schon genannten <hi
               rend="italic">Platonikos</hi> des Era-<lb/>tosthenes gelangen. Hat Eratosthenes
            Platon nicht nur über das delische<lb/>Problem sprechen, sondern auch von seinem
            Aufenthalt in Aegypten<lb/>erzählen lassen?</p>
         <p rend="start">Mehrfach belegt ist die Geschichte, dass Platon mit Eudoxos von<lb/>Knidos
            zusammen in Aegypten war. Nach Strab. XVII 1, 29 wurden<lb/>in Heliopolis zu seiner Zeit
            noch die Häuser der Priester gezeigt, in<lb/>denen Platon und Eudoxos mit den Priestern
            diskutiert hätten. Plut.<lb/><hi rend="italic">de Is.</hi> 354 <hi rend="smcap">de
            </hi>nennt als Besucher Aegyptens der Reihe nach Solon,<lb/>Thales, Platon, Eudoxos und
            Pythagoras und weiss sogar für Eudoxos,<lb/>Solon und Pythagoras die Namen der Priester
            zu nennen, die sie be-<lb/>lehrt hätten. Dabei wird für Eudoxos derselbe Chonuphis aus
            Memphis<lb/>angeführt, den in <hi rend="italic">gen. Socr.</hi> 578 F Simmias zusammen
            mit Platon<lb/>gehört zu haben behauptet. Hat Plutarch improvisiert oder kannte er
            eine<lb/>Version, die Simmias zum Begleiter Platons bei Chonuphis machte, und<lb/>eine
            andere, in der Eudoxos an die Stelle des Simmias trat? Clem.<lb/>Alex. <hi rend="italic"
               >strom.</hi> I 69, 1 erwähnt Sonchos als Lehrer des Pythagoras, Sech-<lb/>nuphis von
            Heliopolis als Lehrer Platons und Konuphis als denjenigen<lb/>des Eudoxos. Zu allem
            Ueberfluss nennt Diog. Laert. VIII 87 eine<lb/>Reise des Eudoxos nach Aegypten und
            präzisiert VIII 90, dieser sei<lb/>in Heliopolis mit Chonuphis zusammengetroffen: an
            keiner von diesen<lb/>beiden Stellen wird Platon genannt. Dass er ihn absichtlich
            eliminiert<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="151" facs="Elenchos86/Ele86_151.jpg"/></p>
         <p>hat, um für die abermals andere, in III 6-7 vorgetragene Version
            Raum<lb/>zu gewinnen, ist möglich, aber nicht sicher. Wer letztlich was über<lb/>Platons
            Reise nach Aegypten erzählt hat, lässt sich vorläufig nicht<lb/>genauer feststellen.
            Dass es eine bekannte Geschichte war, zeigt die<lb/>touristische Auswertung, von der wir
            bei Strabon lesen. Wichtig ist<lb/>natürlich die Reise Solons, die als solche historisch
            ist, aber gleichzeitig<lb/>die Brücke zu Plat. <hi rend="italic">Tim.</hi> 21 <hi
               rend="smcap">a </hi>ff., <hi rend="italic">Crit.</hi> 108 <hi rend="smcap">d
            </hi>schlägt, vgl. Plut. <hi rend="italic">Solon<lb/></hi>26, 1 und 31, 6. Eine
            historische Basis dürfte auch die Reise des Eudo-<lb/>xos nach Aegypten haben; die Reise
            Platons wird man umso eher als<lb/>Erfindung bezeichnen, als es ja möglich war, sie aus
               <hi rend="italic">Tim.</hi> 21 A-25 <hi rend="smcap">d </hi>zu<hi rend="smcap"
               ><lb/></hi>deduzieren.</p>
         <p rend="start">Dazu schliesslich die Version unseres Textes, ausgezeichnet durch<lb/>einen
            abenteuerlichen Anachronismus; Euripides ist bekanntlich gestor-<lb/>ben, als Platon
            etwa dreizehn Jahre alt war. Dies spricht freilich nicht<lb/>gegen das Alter der
            Geschichte, im Gegenteil. Man sollte nie den Pa-<lb/>radefall eines derartigen
            Anachronismus aus den Augen verlieren, den<lb/>Cic. <hi rend="italic">de inv.</hi> I
            5-52 aus dem Sokratiker Aischines bezeugt. Da berich-<lb/>tet Sokrates von einem
            Gespräch, das Aspasia (gest. wohl um 430 v.<lb/>Chr.) mit Xenophon (geb. 426) und dessen
            Gattin (geb. etwa 416)<lb/>über die Ehe geführt haben soll.</p>
         <p rend="start">Merkwürdig ist immerhin, dass die sonstige Ueberlieferung, die <hi
               rend="italic">Bioi<lb/></hi>des Euripides eingeschlossen, von einer Reise des
            Euripides zusammen<lb/>mit Platon nach Aegypten nicht das geringste weiss, während von
            Be-<lb/>ziehungen zwischen Euripides und Sokrates Diog. Laert. <hi rend="smcap">II
            </hi>18 u. a.<lb/>berichtet wird. Sollte jemand ein Interesse daran gehabt haben,
            Platon<lb/>mit Euripides, der in den Dialogen häufiger als alle anderen
            Tragiker<lb/>zitiert wird, zusammenzubringen? Charakteristisch ist die
            Zusammen-<lb/>stellung der beiden Verszitate. Das erste (<hi rend="italic">Iph.
               Taur.</hi> 1193) soll offen-<lb/>bar einen autobiographischen Beleg bringen:
            Euripides hat Heilung<lb/>in Meerbädem gesucht, und in Erinnerung daran enstand der
            Vers,<lb/>der im Drama selber in einem vieldeutigen Gespräch zwischen Iphi-<lb/>genie
            und König Thoas steht. Das zweite, nicht eben geschickt zusam-<lb/>mengezogene Zitat aus
               <hi rend="italic">Od.</hi> δ 228-232 steuert die unentbehrliche Präzi-<lb/>sierung
            bei: der Kranke begibt sich nach Aegypten, wo die besten<lb/>Aerzte zuhause sind.</p>
         <p rend="start">Mehr können wir über diese absonderliche Erfindung nicht sagen.</p>
         <p rend="pb"><pb n="152" facs="Elenchos86/Ele86_152.jpg"/></p>
         <p rend="start">Dasselbe gilt auch von der (platonfeindlichen?) Notiz bei Plut. <hi
               rend="italic">Solon<lb/></hi>2, 8, Platon habe die Kosten seiner Reise nach Aegypten
            durch den<lb/>Verkauf von attischem Oel bestritten.</p>
         <p rend="start">Eine nächste Variante, die erste Variante der Motivierungen der<lb/>Reise
            nach dem Westen bieten Diog. Laert. III 18, Apul. <hi rend="italic">de Plat.</hi> I
            4,<lb/>Athen. 507 B (aus Hegesandros aus Delphi), endlich die <hi rend="italic"
               >Prolegomena<lb/></hi>p. 4, 11-13 ed. Westerink, Olymp. <hi rend="italic">in Alc.
               I</hi> p. 2, 94-96 ed. Westerink<lb/>und <hi rend="italic">in Gorg.</hi> p. 211,
            23-24 ed. Westerink. Platon wollte nach Sizilien<lb/>fahren, um den Aetna zu
            besichtigen, also die Ursachen das Vulkanismus<lb/>zu entdecken, also etwa wie Thaies
            nach Aegypten gereist war, um die<lb/>Ursache der sommerlichen Nilschwelle kennen zu
            lernen.</p>
         <p rend="start">Hier haben wir wiederum einen eigentümlichen Befund. Ueber-<lb/>liefert ist
            uns der Titel einer Monographie Theophrasts Περὶ τοῦ ῥυάκος<lb/>τοῦ ἐν Σικελίᾳ. (Diog.
            Laert. V 49), doch Theorien über den Vulka-<lb/>nismus im allgemeinen und den Aetna im
            besondern sind uns erst in<lb/>Resten bei Poseidonios (wie zu erwarten) fassbar: Frg.
            42,43,342<lb/>Theiler, und dann im Gesamtüberblick in dem lateinischen
            Aetna-<lb/>Gedicht, als dessen Verfasser Senecas Freund Lucilius gilt.</p>
         <p rend="start">Bei Platon selber begegnet uns der sizilische ῥύαξ nur in
            einem<lb/>einzigen Text, nicht etwa im <hi rend="italic">Timaois,</hi> sondern im Mythos
            des <hi rend="italic">Phaed.</hi><lb/>
         111 E, 113 B; jede Interpretation des Mythos kann zeigen, dass
            dieser<lb/>im ganzen auf sehr detaillierten naturwissenschaftlichen Theorien
            über<lb/>die Struktur des Erdinnem aufgebaut ist. Impliziert ist darin auch
            eine<lb/>Theorie des Vulkanismus. Wir werden kaum fehlgehen mit der Ver-<lb/>mutung,
            dass dieser Motivierung der ersten Reise nach Sizilien eine<lb/>biographische Ausdeutung
            des <hi rend="italic">Phaidon</hi>-Mythos zugrundeliegt.</p>
         <p rend="start">Mit der nächsten Variante endlich gelangen wir zu den Pytha-<lb/>goreern.
            Diog. Laert. III 6 erklärt übermässig knapp, Platon habe sich<lb/>nach Italien zu den
            Pythagoreern Philolaos und Eurytos begeben. Die<lb/>Nennung gerade dieser zwei Namen
            gestattet es, mit einiger Wahr-<lb/>scheinlichkeit die Herkunft der Variante zu
            bestimmen. Aristoxenos<lb/>Frg. 19 W. zählt die letzten Pythagoreer auf, die der
            Verfasser selber<lb/>noch gekannt hat. Es sind fünf, einer aus der Chalkidike und
            bemer-<lb/>kenswerterweise nicht weniger als vier aus Phleius. Sie sind alle,
            wie<lb/>Aristoxenos erklärt, Schüler der Tarentiner Philolaos und Eurytos ge-<lb/>wesen.
            Wir folgern, dass Aristoxenos auch erzählt haben wird, Platon,<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="153" facs="Elenchos86/Ele86_153.jpg"/></p>
         <p>der eine Generation älter war als er selber, habe die Philosophie
            der<lb/>Pythagoreer bei diesen beiden Männern kennengelernt, genauer: er<lb/>sei zu
            diesen beiden Tarentinern gereist, weil er das Pythagoreertum<lb/>kennen lernen wollte
            und schon wusste, dass diese beiden ihn am besten<lb/>würden belehren können.</p>
         <p rend="start">Dieser einfache Tatbestand hat eine ganze Reihe von Implikationen.<lb/>Ich
            beginne mit der einfachsten. Wenn Platon rund zehn Jahre nach<lb/>dem Tod des Sokrates
            diese Reise unternahm, so bedeutet dies, dass<lb/>er sich vom aporetischen und
            dialogischen Philosophieren des Sokrates<lb/>ab und der strengen Dogmatik des
            Pythagoreertums zuwenden wollte.<lb/>Wir kennen das Urteil des Aristoxenos über Sokrates
            hier, das Pytha-<lb/>goreertum dort zur Genüge, um folgern zu dürfen, dass dieser
            Platons<lb/>Reise zu Philolaos und Eurytos als einen bewussten und harten Bruch<lb/>mit
            Sokrates dargestellt haben wird. Einen Einfluss dieser Darstellung<lb/>möchte ich
            annehmen vor allem an den zwei Stellen, an denen Cicero<lb/>ausdrücklich erklärt, Platon
            habe mit seiner Wendung zum Pythago-<lb/>reertum etwas getan, was Sokrates niemals
            gebilligt hätte (vgl. <hi rend="italic">acad.<lb/></hi>I 17; <hi rend="italic">de
               fin.</hi> V 87).</p>
         <p rend="start">Es kann nun hier nicht die Rede davon sein, auf die reiche Tra-<lb/>dition
            über Philolaos und die dürftige Tradition über Eurytos (hier<lb/>haben wir nur Aristot.
               <hi rend="italic">metaph.</hi> N 5. 1092 b 9-13 und Theophrast <hi rend="italic"
               >me-<lb/>taph.</hi> 6 a 19-22, beide aus derselben Quelle, anscheinend einem
            Dialog,<lb/>in welchem Archytas über eine Theorie des Eurytos berichtete;
            dazu<lb/>Ps.-Alex. <hi rend="italic">comm. in Metaph.</hi> p. 827,9-26 ed. Hayd.) näher
            einzutreten.<lb/>Wir haben es ja auch zur Hauptsache nicht mit Platon, sondern
            mit<lb/>der Arbeitsweise des Diog. Laert. zu tun.</p>
         <p rend="start">Ich möchte also vor allem diejenigen Angaben prüfen, die sich<lb/>im Werk
            des Diog. Laert. selber finden.</p>
         <p rend="start">Erstaunlich ist zunächst <hi rend="smcap">iii</hi> 9: Platon schreibt einen
            Brief an<lb/>Dion nach Sizilien, er möchte um 100 Minen die drei
            pythagoreischen<lb/>Bücher von Philolaos kaufen; offenbar handelt es sich um Platons
            eige-<lb/>nes Geld, denn es wird beigefügt, Platon sei durch ein riesiges
            Geld-<lb/>geschenk des Dionysios sehr reich geworden.</p>
         <p rend="start">Wir bemerken vor allem, dass, — bezeichnend für Diog. Laert. —<lb/>weder
            hier noch zuvor in III 3 der Leser darüber informiert wird, wer<lb/>dieser Dion ist.
            Erst von III 18 an wird es allmählich klar, wie das<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="154" facs="Elenchos86/Ele86_154.jpg"/></p>
         <p>Ereignis einzuordnen ist: Platon ist bei Dionysios I. gewesen,
            ohne<lb/>zuvor Philolaos aufgesucht zu haben; beim Abschied ist er vom<lb/>Tyrannen
            grosszügig beschenkt worden und schreibt nun von Athen<lb/>aus nach Sizilien, wo sich
            Dion aufhält, einen Brief, dieser möge dem<lb/>Philolaos die Bücher abkaufen. Gemeint
            ist das dreigeteilte Werk des<lb/>Pythagoras selber, das Diog. Laert. VIII 6
            erwähnt.</p>
         <p rend="start">In VIII 15 lesen wir dieselbe Geschichte wie in III 9 mit dem<lb/>Zusatz,
            es seien durch diesen Bücherkauf Platons zum ersten Male die<lb/>Lehren des Pythagoras
            in der Oeffentlichkeit bekannt geworden. In<lb/>VIII 55 ergänzt Neanthes <hi
               rend="italic">FGrHist</hi> 84 F 26, zur Veröffentlichung durch<lb/>Philolaos sei
            diejenige durch die Gedichte des Empedokles dazu ge-<lb/>kommen; vorher habe nur die
            Gemeinschaft der Pythagoreer diese<lb/>Lehren gekannt. Ein drittes Mal wird dieselbe
            Notiz in VIII 84 beige-<lb/>bracht.</p>
         <p rend="start">Doch dann folgen in VIII 85 zwei Varianten, beide bewusste
            Kor-<lb/>rekturen der in in 9 auf Satyros zurückgeführten, aber sicherlich
            älteren<lb/>Tradition. Nach Hermippos Frg. 40 W. hat Platon selber in Syrakus<lb/>um 40
            Minen nicht etwa die drei Bücher des Pythagoras, sondern ein<lb/>kleines Buch des
            Philolaos selber den Erben des Philolaos abgekauft<lb/>und dann daraus seinen Dialog <hi
               rend="italic">Timaios</hi> fabriziert. Diese Version geht<lb/>in allem Wesentlichen
            auf die uns erhaltenen Verse Frg. 54 Diels der<lb/><hi rend="italic">Sillen</hi> des
            Timon von Phleius zurück: Platon kauft für viel Geld ein<lb/>kleines Büchlein und
            beginnt dann den <hi rend="italic">Timaios</hi> zu schreiben. Damit<lb/>ist einerseits
            Dion ausgeschaltet, vielleicht auch die Annahme berück-<lb/>sichtigt, dass Philolaos
            längst tot war, als Platon nach Sizilien kam.<lb/>Timon schliesst mit der Bosheit, dass
            Platon aus diesem Büchlein (wurde<lb/>etwa auch vorausgesetzt, dass die drei Bücher des
            Pythagoras ein Schwin-<lb/>del seien, da es von Pythagoras wie von Sokrates gar nichts
            schriftliches<lb/>gab?) den <hi rend="italic">Timaios</hi> machte; wer so erzählte,
            kannte noch nicht die<lb/>später allgemein rezipierte Konstruktion, dass der Titelheld
            des <hi rend="italic">Timaios,<lb/></hi>Timaios aus Lokroi selber ein Pythagoreer
            gewesen sei und ein Buch<lb/>verfasst habe, das dann Platon als Vorlage gedient hätte.
            Diese Kon-<lb/>struktion ist in der Tat in allen Teilen willkürlich; die
            entscheidende<lb/>Stelle <hi rend="italic">Tim.</hi> 20 A lässt in keiner Weise darauf
            schliessen, dass Timaios<lb/>ein Pythagoreer gewesen wäre.</p>
         <p rend="pb"><pb n="155" facs="Elenchos86/Ele86_155.jpg"/></p>
         <p rend="start">Die zweite Variante eliminiert die Peinlichkeit des Bücherkaufs<lb/>und
            dreht die Geschichte ins Sentimentalische: Dionysios hatte einen<lb/>Schüler des
            Philolaos ins Gefängnis werfen lassen, ihn aber auf die<lb/>Bitte Platons hin wieder
            frei gegeben. Zum Dank dafür schenkt der<lb/>Schüler (so muss es gemeint sein) Platon
            das Buch seines Meisters.</p>
         <p rend="start">Anders wird die Peinlichkeit abgeschwächt bei lambl. <hi rend="italic">vit.
               Pyth.<lb/></hi>199: Philolaos habe das Geld nur angenommen, weil er in
            bittere<lb/>Armut geraten sei.</p>
         <p rend="start">Diog. Laert. VIII 53 erwähnt einen Brief des Telauges, Sohnes
            des<lb/>Pythagoras, an Philolaos, für uns nur interessant als Beleg für die
            Tat-<lb/>sache, dass zur gesamten Geschichte der Pythagoreer wie der Sokra-<lb/>tiker
            und der Beziehungen Platons zu Italien und Sizilien im 3. und<lb/>2. Jhd. v. Chr. eine
            ungeheure Masse von Briefen fabriziert worden<lb/>sein muss, meist mit geringem
            psychologischen Geschick geschrieben,<lb/>aber oft mit ausgezeichnetem Tatsachenmaterial
            ausgestattet. Wichtig<lb/>ist dies insofern, als alle Autoren von der Zeit Ciceros an
            sich auf diese<lb/>Sammlungen gestützt haben, ohne sich über das oftmals geringe
            lite-<lb/>rarische Niveau oder die biographische Unwahrscheinlichkeit vieler
            Brief-<lb/>situationen irgendwelche Gedanken zu machen. Um ein für uns
            inte-<lb/>ressantes Beispiel zu nennen: Plutarch setzt in seinem <hi rend="italic"
               >Dion</hi> die Echtheit<lb/>aller in der Edition des Thrasyllos zusammengestellten
            dreizehn Briefe<lb/>voraus; es kümmert ihn nicht, dass etwa zwischen dem sorgfältig
            und<lb/>gepflegt formulierten Siebenten Brief und dem Dreizehnten Brief
            ein<lb/>evidenter Qualitätsunterschied besteht.</p>
         <p rend="start">Zu Philolaos sei nur noch angemerkt, dass man über seine Le-<lb/>bensdaten
            keine zuverlässigen Angaben besessen zu haben scheint. Nach<lb/>einigen Texten war er
            zur Zeit der ersten Reise Platons in den Westen<lb/>389/8 noch am Leben, nach anderen
            bereits gestorben. Sonderbar ist,<lb/>dass man die einzige Stelle, an der Platon selber
            von Philolaos spricht,<lb/><hi rend="italic">Phaed.</hi> 61 <hi rend="smcap">d,
            </hi>nicht zu deuten wusste. Der Text selber ist klar. Sokrates<lb/>erwähnt als eine
            offenbar bekannte Tatsache, dass Philolaos vor einiger<lb/>Zeit auf einer Vortragsreise
            nach Theben kam und dort Vorträge hielt,<lb/>in denen auf irgendeine unbestimmte Weise
            davon die Rede war, dass<lb/>der Philosoph sich selbst nicht töten dürfe. Zur soeben
            angelaufenen<lb/>Diskussion trägt der Hinweis nichts bei, und ebenso wenig
            erfahren<lb/>wir, wer Philolaos ist, von wo er nach Theben gekommen ist und<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="156" facs="Elenchos86/Ele86_156.jpg"/></p>
         <p>wohin er sich nach seinem Gastspiel begeben hat. Was Olympiodor<lb/>(pp.
            54-57 ed. Westerink) beizubringen hat, wirkt eher hilflos. Er zitiert<lb/>zur Sache
            einige pythagoreische <hi rend="italic">Akusmata</hi> und lässt Philolaos auf
            der<lb/>Flucht nach Theben kommen, nachdem die pythagoreische Gemeinde<lb/>in Italien
            vernichtet worden war (ein Ereignis, das K. von Fritz, <hi rend="italic"
               >s.v.<lb/>Philolaos,</hi> auf die Jahre 450/445 datiert), — eine Erklärung, die
            mit<lb/>dem Wortlaut Platons kaum vereinbar ist. Rätselhaft ist auch Ael.<lb/><hi
               rend="italic">var. hist.</hi> I 23, das voraussetzt, dass zwischen Gorgias und
            Philolaos eine<lb/>ähnliche Beziehung bestand wie zwischen Protagoras und Demokrit.</p>
         <p rend="start">Einige Worte noch über Ciceros Bericht von der Reise Platons<lb/><hi
               rend="italic">de fin.</hi> V 87. Er lässt Platon zuerst nach Tarent zu Archytas
            kommen,<lb/>dann nach Lokroi zu Echekrates, Timaios, Arion. Von Philolaos
            und<lb/>Eurytos ist keine Rede. Wir haben es also mit einer von Diog. Laert.<lb/>in 6
            abweichenden Tradition zu tun.</p>
         <p rend="start">Wenige Einzelheiten seien hervorgehoben.</p>
         <p rend="start">Höchst auffallend ist in dem ganzen Komplex die Stellung des<lb/>Archytas.
            Seine Biographie bei Diog. Laert. VIII 79-83 zerfällt deutlich<lb/>in zwei Teile. Von
            seinen überragenden Leistungen als Mathematiker<lb/>spricht kurz VIII 83, dazu kommen
            zwei Briefe, je einer des Archytas<lb/>und einer Platons, die der Legitimation der
            Schriften des Lukaners<lb/>Okkelos dienen sollen; auf der ändern Seite ist Archytas der
            grosse<lb/>Staatsmann, der sieben Mal mit grösstem Erfolg das Amt des Strategos,<lb/>das
            höchste Amt in seinem Staate (nach Suidas A 4121: im κοινὸν τῶν<lb/>Ἰταλικῶν) bekleidet
            hat. Ein Zitat VIII 82 verrät, dass diese Aktivität<lb/>in der Biographie des Archytas,
            die Aristoxenos geschrieben hat (Frg.<lb/>47-50 W.), — wohl sehr ausführlich —, zur
            Sprache kam (vermutlich<lb/>Hesse sich Wehrlis knappe Fragmentsammlung noch stark
            ergänzen).<lb/>Blicken wir auf Platon, so stehen uns die Zeugnisse in den
            ps.-pla-<lb/>tonischen Briefen zur Verfügung. Zwei Briefe Platon an Archytas
            Hegen<lb/>vor. Der eine ist identisch mit demjenigen, den Diog. Laert. VIII
            81<lb/>bietet, der andere ist gut formuliert (darum auch von Cic. <hi rend="italic">de
               fin.</hi><lb/>
         II 45 mit Beifall zitiert), doch wie er mit den sonstigen Data aus
            dem<lb/>Leben des Archytas vereinbart werden kann, sieht man nicht: Wie<lb/>kommt
            Archytas, der überaus erfolgreiche und allerseits respektierte<lb/>Strategos, dazu, der
            politischen Tätigkeit überdrüssig zu sein und sich<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="157" facs="Elenchos86/Ele86_157.jpg"/></p>
         <p>in seine Studien (worin sie bestehen, erfährt man nicht)
            zurückziehen<lb/>zu wollen?</p>
         <p rend="start">Der Siebente Brief erwähnt Archytas häufig (338 c, 339 <hi rend="smcap">b,
               d,<lb/></hi>350 <hi rend="smcap">ab), </hi>doch ausschliesslich in dem Sinne, dass
            Archytas für Platon<lb/>die Funktion einer politischen Rückendeckung gegenüber Dionysios
            II.<lb/>erfüllt. Wie die Not am grössten ist, alarmiert Platon Archytas und<lb/>die
            Freunde in Tarent, und diese senden unter dem Vorwand einer<lb/>offiziellen
            Gesandtschaft einen Dreissigunderer nach Syrakus und set-<lb/>zen Dionysios so lange
            unter Druck, bis er Platon freigibt (350 <hi rend="smcap">ab).<lb/></hi>Der Leser muss
            erraten, dass Archytas in Tarent eine Position inne<lb/>hatte, die ihm erlaubte, nicht
            nur mit Dionysios II. politisch auf glei-<lb/>chem Fusse zu verkehren, sondern auch
            spektakuläre Sofortmassnahmen<lb/>anzuordnen. Nur einmal wird erwähnt, Archytas und die
            Freunde in<lb/>Tarent hätten in einem Briefe die φιλοσοφία des Dionysios
            gerühmt;<lb/>worin sie bestand, erfahren wir allerdings nicht (339 <hi rend="smcap"
               >d).</hi></p>
         <p rend="start">Für sich steht der grob formulierte, aber stoffreiche Dreizehnte<lb/>Brief,
            in dem Platon dem Dionysios ankündigt, er werde ihm pytha-<lb/>goreische Texte und
            διαιρέσεις senden, und dazu einen Mann, der ihm<lb/>und auch dem Archytas, wenn dieser
            ihn einmal besuchen sollte, nütz-<lb/>lich sein würde. Es ist Helikon von Kyzikos, von
            dessen Erfolg als<lb/>Astronom bei Dionysios Plut. Dion 19, 6 berichtet. Den Brief
            zitiert<lb/>Plut. <hi rend="italic">de coh. ira</hi> 463 c, <hi rend="italic">de vit.
               pud.</hi> 533 <hi rend="smcap">b, </hi>doch wichtiger ist <hi rend="italic"
               >gen.<lb/>Socr.</hi> 579 c, wo Eudoxos und Helikon im Zusammenhang des
            Delischen<lb/>Problems genannt werden. Da ist also mit Sicherheit der <hi rend="italic"
               >Platonikos<lb/></hi>des Eratosthenes die Quelle, — wie er dies vielleicht weit
            öfters war<lb/>als wir heute feststellen können. Er mag auch die Komposition
            des<lb/>Dreizehnten Briefes beeinflusst haben.</p>
         <p rend="start">Von philosophischer Betriebsamkeit in Syrakus ist bei Plutarch<lb/>zweimal
            die Rede. Nach <hi rend="italic">Dion</hi> 13, 4 wendet sich im τυραννεῖον alle<lb/>Welt
            begeistert der Geometrie zu, und in 14, 3 äussern die Gegner<lb/>Platons die
            Befürchtung, Dionysios werde nun, statt seine Macht zu<lb/>behaupten ἐν Ἀκαδημείᾳ τὸ
            σιωπώμενον ἀγαθὸν ζητεῖν καὶ διὰ<lb/>γεωμετρίας εὐδαίμονα γενέσθαι. (Dazu noch die
            sonderbare Stelle des<lb/>Dritten Briefes 319 c.) Die Formulierung spielt deutlich auf
            die un-<lb/>geschriebene Lehre Platons an, doch gerade auf denjenigen Aspekt,<lb/>der
            mit den pythagoreischen Doktrinen des Archytas (die wir einiger-<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="158" facs="Elenchos86/Ele86_158.jpg"/></p>
         <p>massen kennen) oder des Philolaos (wenn es solche gab) nicht
            das<lb/>geringste zu tun hat.</p>
         <p rend="start">Es zeichnet sich da eine Situation ab, in der die Einwirkung
            des<lb/>Pythagoreertums auf Platon und Platons Aktivität in Syrakus strikte<lb/>von
            einander getrennt werden. Selbst dort, wo die Pythagoreer von<lb/>Tarent ins Spiel
            kommen, hat ihre Intervention keinen philosophischen,<lb/>sondern ausschliesslich einen
            politischen Charakter.</p>
         <p rend="start">Cicero nennt neben Archytas noch drei Pythagoreer aus Lokroi.</p>
         <p rend="start">Arion ist uns überhaupt nur aus Cicero bekannt. Timaios gilt,<lb/>wie schon
            erwähnt, bei den Kommentatoren des platonischen <hi rend="italic">Timaios<lb/></hi>als
            Pythagoreer, obschon Platons Text dies nicht hergibt und obschon,<lb/>wie ebenfalls
            schon hervorgehoben, Timon von Phleius zwar den Inhalt<lb/>des Dialoges pythagoreisch
            nennt, dies aber nicht mit einem Pythagoreer<lb/>Timaios, sondern mit dem Büchlein des
            Philolaos in Verbindung bringt.</p>
         <p rend="start">Es bleibt Echekrates. Für Platon <hi rend="italic">Phaed.</hi> 57 A ist er
            zusammen mit<lb/>ändern Bürgern von Phleius ein Anhänger des Sokrates, der gerne
            die<lb/>Gelegenheit ergreift, von Phaidon, der sich (anscheinend bald nach<lb/>dem Tode
            des Sokrates) auf der Heimreise von Athen in seine Heimat<lb/>Elis gerade in Phleius
            aufhält, Genaueres über die Ereignisse in Athen<lb/>zu erfahren. (Schwer verständlich
            ist es, nebenbei gesagt, wie Hermo-<lb/>doros Frg. 4,5 ed. Isnardi Parente auf den
            ausgefallenen Gedanken<lb/>kommen konnte, alle Sokratiker nach dem Tode des Sokrates aus
            Furcht<lb/>vor der ὠμότης τῶν τυράννων zu Eukleides nach Megara entweichen<lb/>zu
            lassen. Es wäre vielleicht einmal nützlich, die gesamte Ueberlieferung<lb/>über diesen
            Hermodoros kritisch zu prüfen; der Siebente Brief 325 <hi rend="smcap">b<lb/></hi>nennt
            die Ankläger des Sokrates δυναστεύοντές τινες!) Dass Phleius,<lb/>sozusagen in
            Konkurrenz zu Italien, ein Zentrum des Pythagoreertums<lb/>war, dürfte schon Platon
            bekannt gewesen sein. Dann aber müssen<lb/>wir folgern, dass er bewusst und systematisch
            jeden Hinweis auf das<lb/>Pythagoreertum gemieden hat. Die Welt des Sokrates hat mit
            derjeni-<lb/>gen des Pythagoras nichts gemein und soll mit ihr nichts gemein habe.</p>
         <p rend="start">Für Aristoxenos Frg. 18, 19 W. gehört Echekrates zu den
            letzten<lb/>Pythagoreern. Wenn ihn Aristoxenos noch selber gekannt hat, so ist<lb/>dies
            chronologisch nicht unbedenklich: Der Echekrates des <hi rend="italic"
            >Phaidon<lb/></hi>muss doch wohl im Jahre 399 mindestens 30 Jahre alt sein,
            Aristoxenos<lb/>wiederum ist frühestens 375 geboren (s. Wehrli zu Aristoxenos Frg.
            1);<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="159" facs="Elenchos86/Ele86_159.jpg"/></p>
         <p>Echekrates muss also ein sehr alter Mann gewesen sein, als
            Aristoxenos<lb/>ihm (wo?) begegnete; oder es war eben ein anderer Echekrates.</p>
         <p rend="start">Der ciceronische Echekrates ist augenscheinlich in Tarent zuhause.<lb/>Wenn
            endlich der Neunte Brief Platons 358 <hi rend="smcap">b </hi>dem Archytas
            zusagt,<lb/>Platon werde sich um den jungen Echekrates kümmern, sowohl dem<lb/>Archytas
            wie auch Phrynion, dem Vater des Jungen zuliebe, so kann<lb/>es sich nur um einen
            Echekrates aus Tarent handeln, der in der Zeit<lb/>nach Platons erster Reise noch ein
            νεανίσκος war. Die Ueberlieferung<lb/>ist also auch da so uneinheitlich, dass man
            vermuten möchte, es hätten<lb/>sich im Umkreise Platons mehrere Personen des Namens
            Echekrates<lb/>befunden. Man kann aber auch mit dem freien Spiel
            philosophischer<lb/>Dichtung rechnen, das sich um chronologische und topographische
            Pro-<lb/>babilitäten wenig kümmert.</p>
         <p rend="start">Wir gelangen damit zum zweiten Hauptteil unserer Analyse der<lb/>Reisen,
            den wir kürzer fassen können. Um es gleich pointiert zu sagen:<lb/>In den drei Reisen zu
            den Tyrannen von Syrakus kommt der Sokratiker<lb/>Platon zum Zuge, der Verfasser der <hi
               rend="italic">Politela;</hi> den Pythagoreer Platon<lb/>gehen diese Reisen nichts an.
            Es kann sich nicht darum handeln, das<lb/>ganze Material auszubreiten. Wir beschränken
            uns zur Hauptsache auf<lb/>die Eine Frage: Wie wird der Beginn jeder der drei Reisen
            dargestellt<lb/>und motiviert und wie das Ende? Zuvor nur noch eine Bemerkung,<lb/>die
            im besonderen den ominösen Siebenten Brief angeht. Ich habe an-<lb/>derswo (<hi
               rend="italic">Didactica Classica Gandensia</hi> 20, 1980) begründet, weshalb<lb/>ich
            diesen Brief, wie alle anderen Briefe, für unecht halte. Hier nur
            zwei<lb/>Ergänzungen.</p>
         <p rend="start">Die Faszination, die der ausserordentlich geschickt abgefasste
            Brief<lb/>auszuüben vermag, beruht nicht zuletzt darauf, dass der Verfasser
            es<lb/>verstanden hat, das Drama vollständig auf die drei Hauptakteure
            zu<lb/>konzentrieren: den Philosophen, den Fürsten (vertreten durch Diony-<lb/>sios II.)
            und Dion, den dritten Mann, der der Philosophie ebenso nahe<lb/>steht wie dem
            Fürstentum. Die Nebenfiguren werden entweder über-<lb/>haupt eliminiert oder dann
            lediglich mit vagen Andeutungen bedacht.<lb/>Ich erinnere indessen daran, dass nach
            anderer Ueberlieferung Platon<lb/>auf den späteren Reisen sich durch Speusippos (Frg. 15
            Isn.; vgl. Diog.<lb/>Laert. IV 2 und Frg. 7 Isn.) und Xenokrates (Frg. 12 Isn.; vgl.
            Diog.<lb/>Laert. IV 8 und 11) hat begleiten lassen, und dass zu derselben Zeit<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="160" facs="Elenchos86/Ele86_160.jpg"/></p>
         <p>wie Platon auch andere Sokratiker, vor allem Aristippos und
            Aischines<lb/>(vgl. Aristippos Frg. 25-43 Giannant.), auch Antisthenes (Frg. 32,
            166<lb/>Giannant.) sich in Syrakus aufgehalten haben. Auf der anderen Seite<lb/>muss der
            als Historiker hoch angesehene Philistos von Syrakus unter<lb/>den Gegnern Platons in
            Syrakus der bedeutendste gewesen sein <hi rend="italic">(FGrHist<lb/></hi>556 <hi
               rend="smcap">t </hi>5-7). Keine dieser Gestalten wird im Brief erwähnt; die
            künst-<lb/>lerische Absicht, alles Licht auf die drei Helden der Tragödie fallen<lb/>zu
            lassen, ist mit Händen zu greifen.</p>
         <p rend="start">Von der Atmosphäre, die beim ersten Aufenthalt Platons in Sy-<lb/>rakus
            herrschte, ist im Briefe nur in allgemeinen Wendungen die Rede<lb/>(326b-327b). Die
            krasse und nicht übermässig originelle Gegenüber-<lb/>stellung eines Lebens der ἡδονή,
            das Platon in Sizilien vorgefunden<lb/>zu haben behauptet, und des Lebens der ἀρετή, dem
            sich zu weihen<lb/>Dion unter Platons Einfluss freudig entschlossen ist, beherrscht
            den<lb/>ganzen Abschnitt (vgl. 335 <hi rend="smcap">b). </hi>Von persönlichen
            Beziehungen zwischen<lb/>Platon und Dionysios I. ist nirgends die Rede. Auch dies
            überrascht.<lb/>Andere Traditionen haben Einiges zu berichten gewusst, so Diog.
            Laert.<lb/>III 18-19, Plut. <hi rend="italic">Dion</hi> 5, 1-6 und 9, 3-4 und 9, 8. Zum
            Teil spielen<lb/>diese Berichte an auf eine zusammenhängende Darstellung, die uns
            im<lb/>Auszug bei Olymp, <hi rend="italic">comm. in Alc. I</hi> p. 2, 99-110 ed.
            Westerink am<lb/>besten greifbar ist. Dionysios I. stellt Platon vier Fragen. Die
            erste:<lb/>Welcher Mensch ist εὐδαίμων? Die Antwort: Sokrates (die Imitation<lb/>von
            Her. I 30-31 ist evident). Die zweite: Was ist die Aufgabe des<lb/>Staatsmannes?
            Antwort: Die Bürger βελτίους ποιεῖν. Dazu ist der<lb/>Hintergrund Plat. <hi
               rend="italic">Gorg.</hi> 503 <hi rend="smcap">b-d </hi>und 515 b-517 A. Die dritte:
            Ist nicht<lb/>das ὀρθῶς δικάζειν etwas Gutes? Die Antwort: Es ist nur das
            zweit-<lb/>beste, da der gerechte Richter nichts anderes tut als der
            Flickschneider,<lb/>der die zerrissenen Kleider wieder zusammennäht (vgl. Olymp. <hi
               rend="italic">comm.<lb/>in Gorg.</hi> p. 212,15-19 ed. Westerink), d.h. es ist
            besser, dass die<lb/>Kleider nicht zerreissen und dass man des Richters nicht bedarf.
            Diese<lb/>Stelle ist von beträchtlichem Interesse, erstens weil der
            Berichterstatter<lb/>ausdrücklich beifügt, Dionysios sei wegen seines ὀρθώς διπάζειν
            be-<lb/>kannt gewesen, — ein Lob, das man bei einem <hi rend="italic">Tyrannos</hi>
            nicht ohne<lb/>wreiteres erwartet; zweitens, weil, sie auf eine These
            zurückführt,<lb/>die im platonischen <hi rend="italic">Gorg.</hi> 464 b-465 <hi
               rend="smcap">e </hi>stillschweigend vorausgesetzt<lb/>und erst in 478 c flüchtig
            berührt wird: wünschbar ist nicht, sich<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="161" facs="Elenchos86/Ele86_161.jpg"/></p>
         <p>vom Arzte heilen zu lassen, sondern des Arztes überhaupt nicht
            zu<lb/>bedürfen. Die vierte Frage: Setzt die Tyrannis nicht Mut voraus? Die<lb/>Antwort:
            Im Gegenteil, da es keinen feigeren Menschen gibt als den<lb/>Tyrannen, der sogar das
            Messer des Friseurs fürchten muss (was mit<lb/>Plut. <hi rend="italic">Dion</hi> 9, 3
            und Cic. <hi rend="italic">tusc. disp.</hi> V 58 zusammengeht). Der Text<lb/>ist, wie
            wir ihn besitzen, dürftig, aber nicht ohne Interesse; zum plato-<lb/>nischen <hi
               rend="italic">Gorgias</hi> muss eine Beziehung bestehen, die wir allerdings
            nicht<lb/>genauer zu umschreiben vermögen. Diog. Laert. III 18 scheint auf
            eine<lb/>weitere, dem <hi rend="italic">Gorgias</hi> nahestehende Frage anzuspielen,
            doch da ist der<lb/>Text in Unordnung. Beachtenswerter ist Plut. <hi rend="italic"
               >Dion</hi> 5, 3-4: Dionysios<lb/>fragt den Philosophen, wozu er eigentlich nach
            Sizilien gekommen sei,<lb/>und dieser erwidert spitz: «Um einen ἀγαθὸς ἀνήρ zu suchen»,
            was<lb/>den Tyrannen zu der bösen Replik veranlasst: « Offensichtlich hast du<lb/>noch
            keinen gefunden». Man wird dazu teils Diog. Laert. VI 41, teils<lb/>Plut. <hi
               rend="italic">mor.</hi> 220 <hi rend="smcap">d </hi>vergleichen. Im Siebenten Brief
            findet sich nichts<lb/>dergleichen; ihm kommt es nur auf die effektvolle (und letzten
            Endes<lb/>von Banalität nicht freie) Gegenüberstellung von Laster und Tugend<lb/>an.</p>
         <p rend="start">Dem ersten Zusammentreffen Platons mit Dionysios I. widmet<lb/>Diog. Laert.
            einen merkwürdigen Satz III 18. Auffallend ist schon, dass<lb/>der Tyrann, offenbar um
            ihn von seinem Sohne zu unterscheiden,<lb/>ausdrücklich ὁ Ἑρμοκράτους heisst; da scheint
            ein alter Autor benutzt<lb/>zu sein. Dann hören wir, Dionysios habe ihn zu einer
            Zusammenkunft<lb/>“gezwungen”. Was das besagen soll, wissen wir nicht (auch der
            Sie-<lb/>bente Brief 329 <hi rend="smcap">de </hi>führt nicht weiter). Die nächsten
               Parallelstellen<lb/><hi rend="italic">Prolegomena</hi> p. 4, 13 ed. Westerink, Olymp.
               <hi rend="italic">in Alc. I</hi> p. 2,97-98<lb/>ed. Westerink, <hi rend="italic">in
               Gorg.</hi> p. 211,25-26 ed. Westerink sind völlig nichts-<lb/>sagend. Umso
            bemerkenswerter ist einesteils der Siebente Brief 326 <hi rend="smcap"
            >de,<lb/></hi>andernteils (z. T. von jener Stelle abhängig) Plut. <hi rend="italic"
               >Dion</hi> 4, 3-4. Da hören<lb/>wir, dass offenbar ein Gott es veranlasst hat, dass
            Platon nach Syrakus<lb/>kam. Der Platon des Briefes versteht sich als Werkzeug einer
            Gottheit,<lb/>um Syrakus von der Tyrannis zu befreien. Was konkret den Anstoss<lb/>dazu
            gegeben hat, dass Platon von Tarent (wie wir annehmen müssen)<lb/>nach Syrakus
            weiterreiste, wird nicht mitgeteilt. Wenn über den un-<lb/>mittelbar darauf folgenden
            späteren Akt zwei einander entgegengesetzte<lb/>Versionen belegt sind, so ist dies eine
            andere Sache: bei Plut. <hi rend="italic">Dion<lb/></hi></p>
         <p rend="pb"><pb n="162" facs="Elenchos86/Ele86_162.jpg"/></p>
         <p>4, 4-5 macht zuerst Dion die Bekanntschaft Platons und ist durch
            den<lb/>Philosophen und die Philosophie derart ergriffen, dass er
            Dionysios<lb/>veranlasst, selber eine Begegnung mit Platon zu suchen. Bei Corn.
               Nepos,<lb/><hi rend="italic">Dion</hi> 2, 2 dagegen scheint zuerst Dionysios durch
            Archytas von Tarent<lb/>Platon kennen gelernt zu haben und gewährt danach auch Dion
            den<lb/>Wunsch, ihn mit Platon zusammenzubringen. Was die historisch rich-<lb/>tige
            Version ist, ist, wie in allen derartigen Fällen unentscheidbar; und<lb/>die erste
            Frage, wie Platon überhaupt mit Dion oder Dionysios in einen<lb/>Kontakt kam, ist mit
            keiner der beiden Versionen beantwortet.</p>
         <p rend="start">Wichtiger ist allerdings der Gedanke, dass eine Gottheit dies alles<lb/>so
            gelenkt habe. Er weist unverkennbar hinüber auf das Ende der<lb/>ersten Reise, wie es
            von Diog. Laert. <hi rend="smcap">iii</hi> 19-20 erzählt wird. Die<lb/>einfachste
            Fassung, mit der wir uns hier begnügen dürfen, ist die, dass<lb/>der Tyrann zunächst in
            seinem Zorne Platon töten lassen will, dann<lb/>aber von Dion und Aristomenes (wer dies
            ist, wird dem Leser nirgends<lb/>gesagt) beschwichtigt wird. Er übergibt aber Platon dem
            spartanischen<lb/>Flottenführer und Gesandten Pollis, der zufällig gerade in Syrakus
            ist,<lb/>mit dem Auftrag, ihn in Aegina als Sklaven zu verkaufen. Dies
            geschieht,<lb/>doch abermals zufällig stellt sich Annikeris von Kyrene ein, der
            Platon<lb/>freikauft, so dass dieser glücklich in Athen ankommt. Pollis dagegen<lb/>hat
            durch sein Verhalten den Zorn der Gottheit auf sich geladen und<lb/>findet seine Strafe.
            Bei der Naturkatastrophe, die 376 die Stadt Helike<lb/>an der Nordküste Achaias im Meere
            versinken liess, geht er zusammen<lb/>mit seinem Schiff unter.</p>
         <p rend="start">Für den antiken Leser wohl noch mehr als für den modernen ist<lb/>dieser
            Ausgang befremdlich, da ein derartiger Verkauf in die Sklaverei<lb/>in jenem von Kriegen
            Aller gegen Alle heimgesuchten Jahrhundert ein<lb/>nicht allzu seltenes Missgeschick
            war, das meistens damit endete, dass<lb/>man Freunde mobilisierte, die die Summe für den
            Freikauf zur Ver-<lb/>fügung stellten (der moderne Leser wird überdies nachrechnen,
            dass<lb/>die Schuld des Dionysios weit grösser war als die des Pollis). Dennoch<lb/>gilt
            die Tat des Pollis als ein ruchloses Vergehen gegen die Götter.<lb/>Zu verstehen ist
            dies nur, wenn man den Brief 326 <hi rend="smcap">de </hi>und Plut. <hi rend="italic"
               >Dion<lb/></hi>4, 3-4 dazunimmt: Platon ist von Anfang an, wie ich sagte, das
            Werk-<lb/>zeug der Gottheit für ihre Pläne, und wer diese Pläne stört, macht<lb/>sich
            zum Feind der Gottheit. Die Vermutung drängt sich auf, dass<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="163" facs="Elenchos86/Ele86_163.jpg"/></p>
         <p>das Ganze aus dem Dialog Περί εύσεβείας des Herakleides
            Pontikos<lb/>stammt, wo Frg. 46 W. ausführlich der Untergang von Helike und<lb/>Bura als
            eine Folge der Gottlosigkeit ihrer Bewohner geschildert wird.<lb/>Dass der besondere
            Fall des Pollis in dem Frg. nicht erwähnt wird,<lb/>ist, wie ich glaube, kein Einwand.
            Platon als einen Mann darzustellen,<lb/>der unter dem besonderen Schutz der Gottheit
            stand, passt aufs beste<lb/>zu Herakleides; dass er auch berichtet hat, wie Platon ihn
            beauftragte,<lb/>nach den Werken des Epikers Antimachos zu forschen (Frg. 6
            W.),<lb/>habe ich schon früher erwähnt. Ebenso wird auch er selber erzählt<lb/>haben,
            Platon habe ihn für die Dauer seiner dritten Reise nach Syrakus<lb/>mit der Leitung der
            Akademie betraut (Frg. 2 W.). Ob und wie weit<lb/>dies zutrifft, ist hier nicht zu
            untersuchen; nach der arabischen bio-<lb/>graphischen Ueberlieferung hat Platon vielmehr
            für die Dauer seiner<lb/>zweiten Reise Aristoteles mit der Stellvertretung in der
            Akademie<lb/>beauftragt (vgl. I. Düring, <hi rend="italic">Aristotle in the Ancient
               Biographical Tradi-<lb/>tion,</hi> Göteborg 1957, S. 198, 214). Der Verdacht besteht,
            dass es sich<lb/>in beiden Fällen um Erfindung handelt mit dem Zweck, den einen<lb/>oder
            den anderen für die Nachfolge des Speusippos zu empfehlen.</p>
         <p rend="start">Was Platons Schicksal angeht, so ist hier nur festzuhalten einmal,<lb/>dass
            die Notiz Diog. Laert. III 9, Dionysios I. habe ihn mit einem<lb/>ungeheuren
            Geldgeschenk nach Athen entlassen, mit der Pollis-Erzäh-<lb/>lung völlig unvereinbar
            ist, und sodann, dass der Siebente Brief nicht<lb/>das geringste darüber sagt, wie
            Platon nach dem Ende des ersten<lb/>Aufenthalts von Syrakus wieder nach Athen gelangte.
            Der Verfasser<lb/>ist offensichtlich an der Person des älteren Dionysios überhaupt
            nicht<lb/>interessiert. Ihm liegt nur an dem Dreieck Platon-Dion-Dionysios II.,<lb/>im
            Unterschied zu Plutarchs <hi rend="italic">Dion,</hi> in welchem das Schicksal des
            jün-<lb/>geren Dionysios sehr stark durch den Charakter und das Verhalten<lb/>seines
            Vaters mitbestimmt ist. Im Briefe ist (von 327 B an) Platon<lb/>einfach wieder in Athen,
            und die Vorbereitungen zur zweiten Reise<lb/>laufen an.</p>
         <p rend="start">Hier wird nun Diog. Laert. III 21 interessant. Platon hat die<lb/>Absicht,
            die Staatsordnung die er in seiner <hi rend="italic">Politeia</hi> entworfen
            hatte,<lb/>in Sizilien zu verwirklichen, Dionysios scheint darüber schon im Bilde<lb/>zu
            sein. Platon bittet ihn darum, ein Territorium und Menschen für<lb/>seinen Staat zur
            Verfügung zu stellen, und Dionysios sagt dies zu.</p>
         <p rend="pb"><pb n="164" facs="Elenchos86/Ele86_164.jpg"/></p>
         <p>Da ist also Platon ganz und ausschliesslich Schüler des Sokrates,
            der<lb/>ihn nach III 8 die politische Philosophie gelehrt hat. Dasselbe meint<lb/>im
            Prinzip Olymp. <hi rend="italic">in Alc. I</hi> p. 2, 115-119 ed. Westerink. Dion
            schreibt<lb/>an Platon einen Brief des Inhalts, der Regierungsantritt Dionysios
            II.<lb/>erlaube die Hoffnung, die Tyrannis in eine Aristokratie zu verwandeln,<lb/>also
            nach dem Schema der platonischen <hi rend="italic">Politeia</hi> die schlechteste
            Staats-<lb/>ordnung in die beste.</p>
         <p rend="start">Auch hinter den etwas verschrobenen Wendungen des Apul. <hi rend="italic"
               >de<lb/>Plat.</hi> I 4 dürfte derselbe Sinn stecken: Platon reist nach Sizilien auf
            die<lb/>Bitte des Dionysios hin, den Syrakusanern Beistand zu leisten (dazu<lb/>immerhin
            der Dritte Brief 315 <hi rend="smcap">d, </hi>319 <hi rend="smcap">d; </hi>da handelt es
            sich um die<lb/>Verwandlung der Tyrannis in eine Königsherrschaft, s.u. und
            die<lb/>Gesetze der <hi rend="italic">Poleis</hi> jener Gegend kennen zu lernen.
            Offenbar sollen die<lb/>vorhandenen schlechten Gesetze in bessere umgewandelt
            werden.</p>
         <p rend="start">Umständlich und wortreich werden im Siebenten Brief 327 c-329 b<lb/>die
            Voraussetzungen und Absichten, die zu der zweiten Reise führen,<lb/>erörtert. Zuerst
            wird vom leidenschaftlichen Bemühen Dions gesprochen,<lb/>mit Hilfe des jungen Fürsten
            in Italien und Sizilien einen wahrhaft glück-<lb/>seligen Zustand des Friedens zu
            erreichen; seine Hoffnungen gipfeln in<lb/>einem Hinweis auf das zentrale Paradoxon der
               <hi rend="italic">Politeia</hi> 473 <hi rend="smcap">cd, </hi>das nach<lb/>dem Briefe
            schon für Platon selber vor dem Antritt der ersten Reise<lb/>der Leitgedanke aller
            politischen Tätigkeit gewesen war (326 <hi rend="smcap">ab). </hi>Platon<lb/>hat
            seinerseits für die zweite Reise zwei Motive: er will sich nicht selber<lb/>vorwerfen
            müssen, dass sein Tun ein blosser λόγος und kein ἔργον sei<lb/>(was wiederum mit 473 A
            zusammenhängt, dazu <hi rend="italic">Tim.</hi> 19 <hi rend="smcap">b-e) </hi>und
            er<lb/>darf das Vertrauen Dions nicht enttäuschen. Später wird nochmals in<lb/>
         335 D und 336 <hi rend="smcap">E </hi>auf das Paradoxon angespielt. Was
            also Diog. Laert.<lb/>konkret als Forderung formuliert, ist hier nicht mehr und nicht
            weniger<lb/>als die Verwirklichung des Programms der <hi rend="italic"
            >Politeia.</hi></p>
         <p rend="start">Freilich verschwindet dieser Plan nach Platons Ankunft in Syrakus<lb/>fast
            augenblicklich von der Bildfläche. Denn nur wenige Monate später<lb/>(329 <hi
               rend="smcap">BC) </hi>wird Dion aus Syrakus entfernt unter der Anschuldigung,
            er<lb/>betreibe den Sturz der Tyrannis. Diese Anschuldigung wird man nicht<lb/>grundlos
            nennen, auch wenn 329 C, wie der ganze Siebente Brief durch<lb/>die Vieldeutigkeit des
            Begriffs der Tyrannis belastet sind. Ueber das<lb/>geschichtliche Phänomen, das wir als
            die sizilische Tyrannis kennen,<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="165" facs="Elenchos86/Ele86_165.jpg"/></p>
         <p>schiebt sich immer wieder die platonische Konstruktion <hi rend="italic"
               >resp.</hi> 562 A-<lb/>576 B, deren Regent der radikal ungerechte Anti-Philosoph ist;
            die<lb/>Frage, wie sich die Realität der Politie von Syrakus zu jenem “Ideal-<lb/>typus”
            verhält, wird vom Verfasser des Briefes absichtsvoll offen ge-<lb/>lassen. Der Brief
            gelangt jedenfalls rasch zum Ende des zweiten Aufent-<lb/>haltes. 330 c registriert nur
            eben die Abreise, während 338 A, auch<lb/>Plut. <hi rend="italic">Dion</hi> 16, 4 und
            der Dritte Brief 317 A in unbestimmten Wendun-<lb/>gen von einem Krieg reden, der die
            ganze Aufmerksamkeit des Diony-<lb/>sios beansprucht, so dass dieser Platon, offenbar in
            höflichster Weise<lb/>bittet, abzureisen und nach dem Ende der Feindseligkeiten wieder
            zu<lb/>kommen. Die Historiker haben sich den Kopf darüber zerbrochen, um<lb/>was für
            einen Krieg (gegen die Karthager? gegen die Lukaner?) es sich<lb/>gehandelt haben
            könnte. Die Texte geben nicht den geringsten Anhalt-<lb/>spunkt, so dass der Verdacht
            erlaubt ist, es handle sich um eine nicht<lb/>sehr elegante Erfindung. Der Krieg wird
            wie ein <hi rend="italic">deus ex machina<lb/></hi>eingesetzt, um Dionysios und Platon
            auf eine unanfechtbare Weise<lb/>von einander zu trennen. Erst die dritte Reise kann
            sinnvollerweise<lb/>mit einem Bruch enden. Diog. Laert. III 21-22 verlegt allerdings
            den<lb/>Bruch in die zweite Reise, was zur Folge hat, dass er über das Ende<lb/>der
            dritten Reise nur zu sagen weiss, sie sei erfolglos verlaufen <hi rend="smcap">(III
            </hi>23).<lb/>Darüber unten noch etwas. Die dritte Reise setzt das
            Zerwürfnis<lb/>zwischen Dionysios und Dion voraus; und zwar kommen zum Vorwurf,<lb/>Dion
            wolle die Tyrannis stürzen, finanzielle Auseinandersetzungen hinzu.<lb/>Dionysios
            beginnt, die Hand auf das ausserordentlich grosse Vermögen<lb/>Dions zu legen. Der
            Siebente Brief hinterlässt den Eindruck, als reduzier-<lb/>ten sich in der Endphase des
            Dramas die philosophischen und politischen<lb/>Probleme auf die Frage der ökonomischen
            und sozialen Rehabilitation<lb/>Dions (vgl. Plut. <hi rend="italic">Brutus</hi> 56, 5,
            auch 56, 7).</p>
         <p rend="start">Diog. Laert. <hi rend="smcap">III </hi>23 beschränkt sich auf die dünne
            Bemerkung,<lb/>Platon habe die dritte Reise in der Absicht angetreten, Dionysios
            und<lb/>Dion mit einander zu versöhnen. Der Siebente Brief 338 e-340 <hi rend="smcap">a
            </hi>bietet<lb/>eine doppelte Motivierung. Dionysios beginnt eine
            leidenschaftliches<lb/>Interesse an der Philosophie zu nehmen, und auch Archytas und
            die<lb/>Freunde in Tarent senden Briefe, in denen sie die Begeisterung des<lb/>Dionysios
            für die Philosophie loben und Platon ermahnen, sie ent-<lb/>sprechend zu honorieren.
            Dazu tritt eine eigentliche Erpressung. Dio-<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="166" facs="Elenchos86/Ele86_166.jpg"/></p>
         <p>nysios stellt Platon in Aussicht, wenn er nach Syrakus komme,
            würden<lb/>die Angelegenheiten Dions nach Dions Wunsch geregelt werden; wenn<lb/>nicht,
            dann eben nicht. So wird eine Triere abgeschickt, um Platon<lb/>in Athen abzuholen, und
            mit der Triere reist Archedemos, ein von<lb/>Platon besonders geschätzter Vertrauensmann
            des Archytas. Plut. <hi rend="italic">Dion<lb/></hi>18 folgt ziemlich genau dem
            Siebenten Brief. Der Dritte Brief 317 <hi rend="smcap">bc<lb/></hi>spricht nur von der
            Erpressung und fügt bei, es seien bei Platon ganze<lb/>Mengen von Briefen des Dionysios
            und der Freunde in Italien und<lb/>Sizilien eingetroffen. Wir haben in der Tat eine
            Ereignisfolge, in der<lb/>das Hin und Her von Briefen eine erstaunlich grosse Rolle
            gespielt zu<lb/>haben scheint; doch dass in der Mitte des 4. Jhd. ein derart
            ausgebauter<lb/>Briefverkehr möglich war, darf man bezweifeln. Wir werden dies
            Alles<lb/>dem 2. Jhd. geben, in dem die Publikation von
            Briefsammlungen<lb/>(“Briefromanen”) geradezu Mode geworden zu sein scheint; den
            Ursa-<lb/>chen dieser Mode nachzugehen wäre interessant; doch müssen wir hier<lb/>darauf
            verzichten.</p>
         <p rend="start">Olymp. <hi rend="italic">in Alc. I</hi> p. 2, 188-192 ed. Westerink bringt
            die Er-<lb/>pressung in einer krass übertreibenden Variante: Dion wird seines<lb/>ganzen
            Vermögens beraubt und von Dionysios ins Gefängnis geworfen.<lb/>Umgekehrt erzählt Apul.
               <hi rend="italic">de Plat. 4,</hi> Platon habe es auf seiner Reise<lb/>erreicht, dass
            der verbannte Dion wieder in seine Heimat zurückkehren<lb/>durfte.</p>
         <p rend="start">Was die letzte Rückkehr Platons anlangt, so bemerkt Diog. Laert.<lb/><hi
               rend="smcap">III </hi>23 äusserst trocken, Platons Intervention sei erfolglos
            gewesen,<lb/>und so sei er eben nach Athen zurückgekehrt.</p>
         <p rend="start">Einen detaillierten, aber in einem wichtigen Punkt bewusst zwei-<lb/>deutig
            gehaltenen Bericht bietet der Siebente Brief 350 <hi rend="smcap">ab. </hi>Jede
            Hoff-<lb/>nung auf ein finanzielles Arrangement zwischen Dionysios und Dion<lb/>hat sich
            zerschlagen. Unter einem, wie Platon behauptet, nichtigen<lb/>Vorwand entfernt Dionysios
            Platon aus der Akropolis und weist ihm<lb/>eine Wohnung bei einem Archedemos zu,
            anscheinend demselben, der<lb/>in 339 A als ein von Platon hochgeschätzter
            Vertrauensmann des Ar-<lb/>chytas figuriert, im Zweiten Brief 310 <hi rend="smcap">b
            </hi>und im Dritten Brief 319 <hi rend="smcap">a<lb/></hi>zwischen Platon und Dionysios
            als Mittelsmann fungiert. In unserem<lb/>Kontext hören wir wenig später, dass die
            Wohnung des Archedemos<lb/>sich in den Quartieren der μισθοφόροι befindet, und Platon
            vernimmt,<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="167" facs="Elenchos86/Ele86_167.jpg"/></p>
         <p>dass eine Gruppe dieser Söldner ihm nach dem Leben trachtet. In<lb/>der
            Bedrängnis alarmiert er Archytas und die Freunde in Tarent. Ein<lb/>Dreissigruderer wird
            unter dem Vorwand einer Gesandtschaft abge-<lb/>schickt mit Lamiskos als Vertreter des
            Archytas an Bord. Dieser stellt<lb/>an Dionysios die ultimative Forderung, Platon
            wegreisen zu lassen.<lb/>Dionysios gibt sofort nach und versieht Platon noch mit dem
            nötigen<lb/>Reisegeld. Die Absicht ist deutlich, die Verantwortung des Dionysios<lb/>für
            das Debakel nicht allzu gross erscheinen zu lassen; dies hängt nun<lb/>wiederum mit dem
            350 <hi rend="smcap">cd </hi>mitgeteilten Entschluss Platons zusammen,<lb/>aus Rücksicht
            auf Dionysios in dem nun ausbrechenden offenen Krieg<lb/>zwischen Dion und Dionysios
            neutral zu bleiben. Plut. <hi rend="italic">Dion</hi> 19, 8-20, 4<lb/>entspricht dem zur
            Hauptsache. Beigegeben wird nur eine kurze Epi-<lb/>sode 20, 2-3, die sich in
            charakteristisch abgewandelter Form auch bei<lb/>Diog. Laert. <hi rend="smcap">iii
            </hi>21 findet. Diog. Laert. verlegt sie erstens an das Ende<lb/>der erste Reise Platons
            nach Sizilien und macht konsequenterweise<lb/>(da es ja nicht zu einem ordnungsgemässen
            Abschied zwischen Platon<lb/>und Dionysios kam) aus dem Wortwechsel einen Austausch von
            Briefen.<lb/>In beiden Versionen wird die Geschichte erfunden sein, zumal da
            die<lb/>arrogante Bosheit der Replik Platons völlig dem überheblichen
            Ton<lb/>entspricht, in dem der ganze Siebente Brief Dionysios II. behandelt.</p>
         <p rend="start">Bemerkenswert ist auch, wie schon erwähnt, dass Diog. Laert.
            die<lb/>Intervention des Archytas zur Rettung Platons aus der dritten in die<lb/>zweite
            Reise verlegt. Er steuert auch einen Brief des Archytas an Dio-<lb/>nysios bei, an dem
            zweierlei auffällt: einmal wird als Abgesandter des<lb/>Archytas neben Lamiskos auch
            Photidas genannt, und sodann wird<lb/>überraschend diskret angedeutet, falls es zwischen
            Dionysios und Pla-<lb/>ton Streit gegeben habe, so möge Dionysios ἀνθρωπίζειν, also
            angesichts<lb/>der Schwäche des Menschen nachsichtig sein. Dies kann so
            ausgelegt<lb/>werden, dass auch Platon an dem Zerwürfnis nicht ganz unschuldig<lb/>war
            und darum ebenso der Nachsicht bedurfte wie Dionysios.</p>
         <p rend="start">Da über das Ende der dritten Reise weder Apuleius noch die <hi
               rend="italic">Prole-<lb/>gomena</hi> noch Olympiodor sich äussern, könnten wir nun
            gleich zu den<lb/>beiden Fragen übergehen, die als letzte hier zur Sprache kommen
            sollen:<lb/>Wie steht es mit dem Porträt des Dionysios I. und vor allem II. und<lb/>wie
            mit demjenigen Dions, dem Platon ein berühmtes, bei Diog. Laert.<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="168" facs="Elenchos86/Ele86_168.jpg"/></p>
         <p><hi rend="smcap">iii </hi>30 aus dem hellenistischen Aristippos zitiertes
            Epigramm gewidmet<lb/>haben soll?</p>
         <p rend="start">Zuvor aber noch zwei Kleinigkeiten.</p>
         <p rend="start">Nach Diog. Laert. <hi rend="smcap">iii </hi>23 hat sich Platon nach dem
            Scheitern seiner<lb/>Pläne in Syrakus entschlossen, sich ganz aus der Politik
            zurückzuziehen.<lb/>Betont wird, wie überraschend dies ist, da seine Schriften ihn
            als<lb/>πολιτικός ausweisen. Da wird also noch einmal Platon als
            Sokratiker<lb/>verstanden. So bedarf auch der Rückzug der Begründung, die
            gleich<lb/>doppelt gegeben wird. Das erste Kemmnis ist das Volk von Athen. Vage,<lb/>um
            nicht zu sagen konfus wird erklärt, die Athener hätten sich schon an<lb/>«ἄλλα
            πολιτεύματα gewöhnt. Wa das heissen soll, wissen wir nicht.<lb/>Entweder wird auf
            politische Vorgänge in der ersten Hälfte des 4. Jhd.<lb/>angespielt, von denen wir keine
            Ahnung mehr haben, oder es wird<lb/>das, was die <hi rend="italic">apol.</hi> 31 c-32 A
            als Haltung des Sokrates bekennt, auf<lb/>Platon übertragen (vgl. auch <hi rend="italic"
               >resp.</hi> 496 <hi rend="smcap">cd), </hi>oder es wird endlich einfach<lb/>auf die
            Darlegungen des Siebenten Briefes 324 b-326 <hi rend="smcap">b
            </hi>zurückgegriffen<lb/>(die ihrerseits sonderbar genug stilisiert sind).</p>
         <p rend="start">Ungleich präziser ist der zweite Bericht, der etwas ausführlicher<lb/>bei
            Ael. <hi rend="italic">var. hist.</hi>
            <hi rend="smcap">ii </hi>42 vorliegt. Danach haben die gegen Sparta sieg-<lb/>reichen
            Arkader und Thebaner bei der Gründung von Megalopolis<lb/>366 Platon angefragt, ob er
            ihr Gesetzgeber werden wolle. Er lehnt<lb/>jedoch ab, weil sie nicht bereit sind, das
            Prinzip der <hi rend="italic">lsonomia</hi> anzuneh-<lb/>men. Dies stimmt zwar bestens
            mit dem Siebenten Brief 326 <hi rend="smcap">d </hi>und<lb/>
         335 D überein, aber sehr wenig mit der Konstruktion der <hi rend="italic"
               >Politeia,</hi> in<lb/>der die <hi rend="italic">lsonomia</hi> gerade ein Kennzeichen
            der äussersten Demokratie<lb/>ist (516 E, 563 <hi rend="smcap">B). </hi>Man darf
            vermuten, dass derjenige, der Platon gegen<lb/>die Arkader und Thebaner so argumentieren
            Hess, gar nicht von der<lb/><hi rend="italic">Politeia</hi> ausging, sondern vielmehr
            vom <hi rend="italic">Gorgias,</hi> wo Sokrates in der<lb/>Tat die <hi rend="italic"
               >lsonomia</hi> gegen die <hi rend="italic">Pleonexia</hi> des Kallikles ausspielt,
            und wir<lb/>erinnern uns, dass auch zu dem Gespräch Platons mit Dionysios I.<lb/>der <hi
               rend="italic">Gorgias</hi> den Hintergrund bildete. Im Blick auf die
            Wirkungs-<lb/>geschichte der Dialoge Platons wird man dies beachten müssen.</p>
         <p rend="start">Interessant ist, dass Ael. <hi rend="italic">var. hist.</hi> II 30, dann
            auch Plut. <hi rend="italic">ad princ.<lb/>inerud.</hi> 779 D einen zweite derartige
            Anfrage an Platon kennen, aus-<lb/>gehend von Kyrene. Diese lehnt er ab mit der
            Begründung, die Kyre-<lb/>naiker lebten in solcher τρυφή, bzw. ἡδονή, dass es keinen
            Sinn habe<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="169" facs="Elenchos86/Ele86_169.jpg"/></p>
         <p>ihnen Gesetze zu geben. Auch da scheinen die Kategorien des <hi
               rend="italic">Gorgias<lb/></hi>einzuwirken.</p>
         <p rend="start">Abermals anders berichtet Plut. <hi rend="italic">adv. Col.</hi> 1126 <hi
               rend="smcap">cd, </hi>Platon habe<lb/>den Arkadern Aristonymos als Gesetzgeber
            gesandt, den Eleern Phor-<lb/>mion und den Leuten von Pyrrha Menedemos. Da soll er also
            in nicht<lb/>unerheblichem Masse zum mindesten indirekt gesetzgeberisch tätig
            ge-<lb/>wesen sein. Was daran historisch ist, können wir nicht wissen. Dass es<lb/>den
            Erben Platons daran gelegen sein musste, nicht bloss Missdeutungen<lb/>der Reisen nach
            Syrakus abzuwehren, sondern auch das Scheitern in<lb/>Syrakus durch Erfolge in anderen
               <hi rend="italic">Poleis</hi> gewissermassen wettzumachen,<lb/>kann man
            verstehen.</p>
         <p rend="start">Den politischen Hoffnungen Platons steht die Gründung der<lb/>Akademie
            gegenüber. Davon spricht Diog. Laert. nur beiläufig: <hi rend="smcap">iii
            </hi>5<lb/>schief formuliert, da der κῆπος am Kolonos gerade die Academie<lb/>selber
            ist, dann <hi rend="smcap">iii </hi>7 über den Namen der Akademie, wo dem
            Leser<lb/>nicht klar wird, welche Bedeutung die Namensänderung Ἑκαδημία<lb/>in Ἀκαδημία
            gehabt hat. Man möchte annehmen, dass sie an einer<lb/>bestimmten Pointe hängt, wenn
            noch Timon von Phleius in der Mitte<lb/>des 3. Jhd. den alten Namen verwendet. Nach <hi
               rend="smcap">iii </hi>20 hat Dion das<lb/>Geld für den Freikauf Platons gesandt, doch
            wurde es nicht dazu<lb/>verwendet, sondern zum Ankauf des κηπίδιον für die
            Akademie.<lb/>Endlich hören wir <hi rend="smcap">iii </hi>41, dass Platon im Garten der
            Akademie be-<lb/>graben wurde. Das ist alles; die Gründung und Organisation
            der<lb/>Schule als solche hat Diog. Laert. nicht interessiert.</p>
         <p rend="start">Ein Wort noch über das Schülerverzeichnis <hi rend="smcap">iii </hi>46-47.
            Die Relation<lb/>zum Verzeichnis im <hi rend="italic">Ind. Acad. Herc.</hi> (am besten
            zugänglich jetzt bei<lb/>Xenokrates Frg. 1 Isn.) berühre ich nicht, sondern mache nur
            auf<lb/>einen einzelnen Punkt aufmerksam. Das Verzeichnis nennt 17 Männer<lb/>und 2
            Frauen. Von diesen 17 Männern stammen nicht weniger als 13<lb/>aus dem Nordosten der
            griechischen <hi rend="italic">Oikumene</hi> (den Platon selber nie<lb/>besucht hat), 3
            sind Athener und für den Westen wird ausschliesslich<lb/>Dion genannt, der höchstens in
            einem sehr begrenzten Sinne als Pla-<lb/>tons Schüler gelten kann. Generell ist, von der
            regionalen Verteilung<lb/>abgesehen auffallend, dass in beiden Verzeichnissen Männer
            erscheinen,<lb/>deren Bindung an Platon sich wesentlich darin zu erschöpfen
            scheint,<lb/>dass sie sich um den Sturz einer Tyrannis verdient gemacht haben;<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="170" facs="Elenchos86/Ele86_170.jpg"/></p>
         <p>kein Zweifel, dass ihre Erwähnung den Zweck hat, nachzuweisen,
            dass<lb/>Platons Lehren im <hi rend="italic">Gorgias</hi> und in der <hi rend="italic"
               >Politeia</hi> nicht blosse Theorie<lb/>geblieben sind, sondern eindrucksvoll in die
            politische Praxis einge-<lb/>griffen haben.</p>
         <p rend="start">Was das Problem der regionalen Aufteilung angeht, so ist
            die<lb/>nächstliegende Vermutung die, dass die politischen Verhältnisse des<lb/>4. Jhd.
            da eine Rolle gespielt haben müssen. Der Nordosten der grie-<lb/>chischen <hi
               rend="italic">Oikumene</hi> ist ja schon seit dem Ende des 6. Jhd. eine
            der<lb/>wichtigsten Interessensphären Athens gewesen, wirtschaftlich ebenso<lb/>wie
            politisch-militärisch. Ob ausserdem andere Momente eingewirkt<lb/>haben, können wir
            nicht sagen.</p>
         <p rend="start">Es bleiben also noch die zwei letzten Hauptprobleme: das Porträt<lb/>der
            beiden Dionysios einerseits, Dions andererseits. Wir werden uns<lb/>auf Diog. Laert.
            konzentrieren und andere Texte, die Briefsammlungen,<lb/>Plut. <hi rend="italic"
               >Dion</hi> u.a. nur subsidiär heranziehen.</p>
         <p rend="start">Gleich das ἠνάγκαζεν <hi rend="smcap">iii </hi>18 charakterisiert Dionysios
            I. als Ty-<lb/>rannen. Es folgt das auf zwei “Momentaufnahmen” reduzierte
            Ge-<lb/>spräch. Platon urteilt über die Tyrannenmacht wie es Sokrates im<lb/><hi
               rend="italic">Gorgias</hi> getan hatte, doch was darauf folgt, ist fehl am Platze.
            Die<lb/>Pointe besteht natürlich in den zwei Neologismen, doch ist es
            unsinnig,<lb/>Platon im Jahre 388/7, in dem er rund vierzig Jahre alt war,
            ein<lb/>γεροντιῶσι, vorzuwerfen. Dies passt vielmehr in den letzten Aufent-<lb/>halt, 28
            Jahre später; da ist dann Platon wirklich ein alter Mann<lb/>(vgl. <hi rend="italic"
               >Ep.</hi>
            <hi rend="smcap">iii </hi>317 c). Eine ähnliche Verschiebung hat in <hi rend="smcap">iii
            </hi>21 stattge-<lb/>funden. Da schreibt also Dionysios I. Platon einen Brief nach
            Athen<lb/>mit der Bitte, nichts Böses über ihn zu sagen. Dies ist doppelt
            un-<lb/>wahrscheinlich. Der Tyrann, der kalkuliert Platon dem Pollis ausge-<lb/>liefert
            hat, um ihn verschwinden zu lassen, hat sicherlich nicht hin-<lb/>terher einen solchen
            Brief geschrieben; ausserdem wird er etwas älter<lb/>gewesen sein als Platon; dass er
            sich dem jüngeren Partner gegenüber<lb/>so ängstlich besorgt um seinen guten Ruf gezeigt
            hätte, glaubt man<lb/>nicht. So wird man sich eher an die Version Plut. <hi
               rend="italic">Dion</hi> 20,2-3<lb/>halten, wo es die letzten Worte des Dionysios II.
            an Platon vor dessen<lb/>endgültigem Abschied von Syrakus sind. Der Wortwechsel wirkt
            auf<lb/>uns eher zweideutig. Die Worte des Tyrannen sind wie der Ausdruck<lb/>des
            unruhigen Bewusstseins, Platon sei allzu schlecht behandelt wor-<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="171" facs="Elenchos86/Ele86_171.jpg"/></p>
         <p>den und habe Grund sich zu beklagen; in dieser Perspektive ist
            Platons<lb/>Replik eine reine Unverschämtheit.</p>
         <p rend="start">Die Einordnung bei Plutarch ist sicher die richtige. Diog. Laert.,<lb/>dem
            es auf historische Kontinuität und Probabilität weniger ankam,<lb/>hat die Geschichte
            nach vorn geschoben.</p>
         <p rend="start">Ganz dem Bild des bösartigen Tyrannen entspricht es, dass
            eine<lb/>Bemerkung Platons genügt, um Dionysios beschliessen zu lassen, Platon<lb/>zu
            töten, was nur durch die Intervention Dions und des Aristomenes<lb/>(den wir nicht
            kennen und über den Diog. Laert. nicht die geringste<lb/>Information bringt) verhindert
            wird.</p>
         <p rend="start">Gegen all dies steht <hi rend="smcap">iii </hi>9, falls es sich auf
            Dionysios I. bezieht.<lb/>Der in diesem Zusammenhang erwähnte Brief an Dion, der sich
            damals<lb/>in Syrakus befand, kann nur zwischen der ersten und der zweiten<lb/>Reise
            geschrieben sein. Dann wäre es also Dionysios I., der Platon<lb/>so ungeheuer beschenkt
            hat. Oder hat auch dies sich ursprünglich auf<lb/>Dionysios II. und Platons letzte Reise
            bezogen? Der Siebente Brief<lb/>
        350 B bemerkt, Dionysios II. habe Platon die ἐφόδια bezahlt, was in<lb/>dem
            (grotesk inkohärenten) Ersten Brief 309 c höhnisch als ein χρυσίον<lb/>λαμπρόν,
            beschrieben wird, das Platon aus Gründen der Selbstachtung<lb/>nicht annimmt, sondern
            durch einen (uns nicht näher bekannten) Bak-<lb/>cheios dem Tyrannen zurückbringen
            lässt. Bei Diog. Laert. nimmt er<lb/>die achtzig Talente an, was den bei Diog. Laert.
            genannten Onetor<lb/>zweifellos zu einer Diskussion der Frage angeregt hat, ob Platon
            als<lb/>σοφός gut daran getan habe, sich seine Leistungen in Syrakus
            derart<lb/>honorieren zu lassen. Ist das einzige andere Zitat <hi rend="smcap">II
            </hi>114 auch aus dieser<lb/>Schrift? Zum Titel vgl. X 121.</p>
         <p rend="start">Die Bekanntschaft mit Dionysios II. beginnt <hi rend="smcap">(iii </hi>21)
            mit einem<lb/>Wortbruch des Tyrannen. Er hat Platon versprochen, ihm alles
            zur<lb/>Verfügung zu stellen, was dieser zur Gründung seines vollkommenen<lb/>Staates
            der <hi rend="italic">Politeia</hi> benötigt, und hält dann das Versprechen nicht.</p>
         <p rend="start">Dann aber stossen wir ein drittes Mal auf eine Umgruppierung.<lb/>Diog.
            Laert. erwähnt den Verdacht, Platon habe Dion und Theodotes<lb/>dazu überredet, durch
            einen Umsturz der Insel (faktisch ist minde-<lb/>stens ein Drittel der Insel damals in
            karthagischer Hand. Doch ähnli-<lb/>che Grossprecherei findet sich auch in den Briefen)
            die Freiheit wie-<lb/>derzugeben, also die Tyrannis zu beseitigen. Das bringt Platon,
            wie<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="172" facs="Elenchos86/Ele86_172.jpg"/></p>
         <p>Diog. Laert. sich ausdrückt «in Gefahr», ein bemerkenswert
            zurück-<lb/>haltender Ausdruck, wenn man sich an <hi rend="smcap">iii </hi>19 erinnert,
            wo der Tyrann<lb/>auf ein Bonmot hin Platon gleich töten lassen will. Es folgt die
            oben<lb/>schon besprochene Intervention des Archytas, die bestimmt aber höf-<lb/>lich
            Dionysios an die Garantien erinnert, die er gegeben hat. Wer<lb/>Archytas ist, was ihn
            zu diesem Eingreifen legitimiert und wer die<lb/>Anderen sind (πάντες zweimal), in deren
            Namen er schreibt, erfahren<lb/>wir nicht.</p>
         <p rend="start">Der Kontext im ganzen muss stutzig machen. Es ist nicht ein-<lb/>zusehen,
            wie eine dritte Reise nach Syrakus möglich werden konnte,<lb/>nachdem auf der zweiten
            Reise Platon schon in den Verdacht geraten<lb/>war, er wolle die Tyrannis stürzen. Wenn
            überhaupt, so kann dieser<lb/>Konflikt erst während der dritten Reise entstanden sein.
            In der Tat<lb/>tritt Theodotes erst im Verlauf der dritten Reise in Erscheinung <hi
               rend="italic">(Ep.<lb/></hi><hi rend="smcap">iii </hi>318 c, Siebenter Brief 348 c
            ff.) und wird dann zusammen mit<lb/>seinem Neffen Herakleides in der Politik von Syrakus
            immer wichtiger<lb/>(vgl. noch <hi rend="italic">Ep.</hi> IV 320 <hi rend="smcap">e);
            </hi>Plut. <hi rend="italic">Dion</hi> 12, 1 lässt das Misstrauen des<lb/>Tyrannen gegen
            Dion, Theodotes und Herakleides schon in der Zeit<lb/>des zweiten Aufenthalts Platons
            beginnen; es wird die Ursache der<lb/>abrupten Verbannung Dions, doch Platon bleibt von
            den Ereignissen<lb/>unberührt, im Gegenteil: Dionysios II. zeigt eine an μανία
            grenzende<lb/>leidenschaftliche Bewunderung für Platon (Plut. <hi rend="italic"
               >Dion</hi> 11,1 und 16,2).<lb/>Die bei Diog. Laert. der zweiten Reise zugewiesene
            Intervention des<lb/>Archytas erfolgt bei Plut. <hi rend="italic">Dion</hi> 20,1 erst,
            nachdem sich Platon durch<lb/>die Söldner des Dionysios II. (nicht etwa durch den
            Tyrannen selbst)<lb/>bedroht fühlt, und führt zum Ende des dritten Aufenthaltes.</p>
         <p rend="start">Die dritte Reise lässt Diog. Laert. ganz knapp ablaufen, ohne
            sich<lb/>weiter darüber zu äussern, welches der Gegenstand des Streites war,<lb/>warum
            dies Versöhnung zwischen Dion und Dionysios II. misslang<lb/>und was dann die Folgen
            dieses Fehlschlages waren.</p>
         <p rend="start">Im ganzen bleibt bei Diog. Laert. das <hi rend="italic">Paradeigma</hi> des
            Tyrannen<lb/>schlechthin herrschend. Einzelne Einschränkungen sind spürbar,
            doch<lb/>gerade nur so weit, dass man ahnt, dass es Erzählungen zum mindesten<lb/>von
            Dionysios II. gegeben haben muss, die ihn in einem ganz anderen<lb/>Licht erscheinen
            liessen. Es verlohnt sich, einen kurzen Blick auf Plut.<lb/><hi rend="italic"
               >Timol.</hi> 13, 8-15, 11 zu werfen, wo einige dem Dionysios. II. wohl-<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="173" facs="Elenchos86/Ele86_173.jpg"/></p>
         <p>gesinnte Traditionen zu Worte kommen. Es ist im Blick auf die
            zahl-<lb/>reichen einander ganz oder halb widersprechenden Erzählungen über<lb/>Platons
               <hi rend="italic">Bios</hi> von Interesse, sich zu vergegenwärtigen, dass auch
            das<lb/>Porträt Dionysios II. nicht einheitlich gewesen ist.</p>
         <p rend="start">Was zunächst herausgearbeitet wird, ist das Schauspiel des Stur-<lb/>zes
            aus Glanz und Macht in die tiefste Erniedrigung. Das Stichwort<lb/>τύχη fällt in 14, 2,
            und man könnte mit dem Gedanken spielen, De-<lb/>metrios von Phaleron habe in seiner
            Schrift Περὶ τύχης (Frg. 79-81 W.),<lb/>für unser Wissen dem ältesten Werk mit diesem
            Titel, vom Schicksal<lb/>des Tyrannen gesprochen. Die Art freilich, in der die
            Lebensweise<lb/>des Dionysios in Korinth geschildert wird, krass realistisch und
            nicht<lb/>ohne grimmige Ironie (14, 3-4), erinnert an ähnliche Passagen in
            Plu-<lb/>tarchs <hi rend="italic">Dion</hi> 7,3-7,9,2; da wäre man versucht, an die
            penetrante<lb/>Moralistik Theopomps zu denken. Eindrucksvoll ist das <hi rend="italic"
               >Apophthegma<lb/></hi>des Dionysios II. in 15, 4, der auf die Frage, welchen Gewinn
            ihm<lb/>die Philosophie gebracht habe, antwortet: «Ein solches Umschlagen<lb/>des
            Schicksals gleichmütig zu tragen» (vgl. Plut. <hi rend="italic">mor.</hi> 176 <hi
               rend="smcap">d). </hi>Die<lb/>Form des <hi rend="italic">Apophthegmas</hi> ist als
            solche weit verbreitet (Diog. Laert. V<lb/>20; VI 63, dann die mit einander
            korrespondierenden <hi rend="smcap">II </hi>68 und VI 6,<lb/>weiterhin <hi rend="italic"
               >Gnom. Vat.</hi> Nr. 36, 44, 182, 417, 430 Sternb. Was liegt<lb/>da zugrunde?). Noch
            erstaunlicher ist <hi rend="italic">Gnom. Vat.</hi> Nr. 261, wo Diony-<lb/>sios im Exil
            erklärt, bei Platon habe er in früheren Zeit gelernt,<lb/>massvoll zu herrschen, jetzt
            massvoll zu leben. Es muss offen bleiben,<lb/>ob die flüchtige Anspielung des Ephoros
               <hi rend="italic">FGrHist</hi> 70 F 220 genügt,<lb/>um bei ihm eine durchgehend
            positive Würdigung der Persönlichkeit des<lb/>Dionysios, zu der die beiden <hi
               rend="italic">Apophthegmata</hi> passen, vorauszusetzen. Auf<lb/>sicherem Boden
            stehen wir mit dem ebenfalls von Plut. a. O. zitier-<lb/>ten Aristoxenos Frg. 32 W., wo
            Dionysios seinen Konflikt mit Platon<lb/>darauf zurückführt, dass keiner seiner
            sogenannten Freunde ihm mit<lb/>παρρησία begegnet sei. Das dürfte in den Platonbios des
            Aristoxenos<lb/>gehören, dessen platonfeindliche Tendenz Wehrli (zu Frg. 61-68),
            wie<lb/>ich glaube, stark übertrieben hat; die wenigen Reste reichen zu
            einem<lb/>solchen Urteil nicht aus, jedenfalls weder Frg. 62, noch 64, 65, 68,<lb/>so
            dass nur 67 übrig bleibt, dessen Tragweite schwer abzuschätzen ist.<lb/>Dass Aristoxenos
            dem Ruhme des Pythagoras zuliebe gleichmässig gegen<lb/>Sokrates wie gegen Platon wie
            gegen Aristoteles polemisiert habe, ist<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="174" facs="Elenchos86/Ele86_174.jpg"/></p>
         <p>nicht recht glaubhaft. Hübsch ist die Selbstironie in Plut. <hi
               rend="italic">Timol.</hi> 15, 7<lb/>aus einem (von wem erfundenen?) Gespräch zwischen
            Dionysios und<lb/>Philipp von Makedonien bei einem Symposion, während die
            Anrem-<lb/>pelei des Diogenes (15, 8-9 vgl. <hi rend="italic">mor.</hi> 783 <hi
               rend="smcap">d) </hi>genau so witzlos ist wie<lb/>das Bonmot des Apollonios Molon
            Diog. Laert. <hi rend="smcap">iii </hi>34, von dem früher<lb/>die Rede war.</p>
         <p rend="start">Allgemein gesprochen ist die Situation die, dass das Geschichts-<lb/>werk
            des Philistos, das als einziges die Sache der sizilischen Tyrannis<lb/>vorbehaltslos
            unterstützt zu haben scheint, fast völlig untergegangen<lb/>ist, abgesehen davon, dass
            es die Regierung des Dionysios II. nur bis<lb/>etwa 363/2 dargestellt hat; in den
            Kämpfen zwischen Dionysios II.<lb/>und Dion hat er 356/5 den Tod gefunden. Ephoros
            scheint seinen<lb/>Standpunkt weitgehend geteilt zu haben; doch dies ist das
            einzige,<lb/>was wir dank 70 <hi rend="smcap">f </hi>220 wissen. Dies besagt, dass das
            Feld beherrscht<lb/>wird durch Theopomp auf der einen, Timaios auf der anderen
            Seite,<lb/>jener als Moralist mit Sympathien für den Kynismus, dieser als
            poli-<lb/>tischer Gegner jeder <hi rend="italic">Tyrannis.</hi> Dazu wird man in
            Rechnung zu stellen<lb/>haben das, was man heute das ideologische Moment nennen mag:
            die<lb/>Konstruktion einer <hi rend="italic">Tyrannis</hi> als der Herrschaft des
            radikal schlechten,<lb/>ebenso ungerechten wie zügellosen Menschen; eine solche
            Herrschaft<lb/>zu stürzen und den <hi rend="italic">Tyrannos</hi> mit jedem Mittel zu
            beseitigen ist unein-<lb/>geschränkt legitim. Wir kennen diese Konstruktion aus Platons
               <hi rend="italic">Gorgias<lb/></hi>und <hi rend="italic">Staat</hi>, doch sie muss
            schon beträchtlich früher geschaffen worden<lb/>sein und ihre Wirkung entfaltet haben.
            Anders ist es kaum zu erklären,<lb/>dass der Sturz der Peisistratiden (510/509) die
            keineswegs blutdürstige<lb/>Wüteriche waren, knapp vierzig Jahre später durch ein
            Denkmal<lb/>der als Helden gepriesenen Tyrannenmörder verherrlicht wurde.<lb/>Da hat
            schon die Ideologie, die uns bei Platon vorliegt, ihr Werk<lb/>getan; und ohne dass wir
            im einzelnen darauf eintreten wollen ist<lb/>auch das Porträt der beiden Dionysios in
            einem erheblichen Umfang<lb/>so stilisiert, dass es dem <hi rend="italic"
               >Paradeigma</hi> entspricht. Dann benehmen sich<lb/>beide so, «wie man sich eben als
            Tyrann benimmt». Das <hi rend="italic">Paradeigma<lb/></hi>ist das erste, historische
            Realität muss sich ihm anpassen.</p>
         <p rend="start">Und nun zu Dion. Was uns über ihn mitgeteilt wird, bleibt von<lb/>Grund auf
            zwielichtig.</p>
         <p rend="pb"><pb n="175" facs="Elenchos86/Ele86_175.jpg"/></p>
         <p rend="start">Bei Diog. Laert. begegnet er uns zuerst <hi rend="smcap">iii </hi>3 als ein
            reicher Gön-<lb/>ner, der für Platon die Kosten einer Choregie übernimmt. Die
            Notiz<lb/>steht an einer falschen Stelle, an der richtigen dagegen bei Plut. <hi
               rend="italic">Dion<lb/></hi>17,5; denn dies kann nur geschehen sein in der Zeit
            zwischen der<lb/>zweiten und der dritten Reise, als Platon und Dion zusammen in
            Athen<lb/>weilten. Liegt bei Diog. Laert. ein reines Versehen vor oder soll man<lb/>die
            etwas extravagante Vermutung wagen, jemand habe die Notiz in<lb/>die Jugend Platons
            verlegt, weil er aus der Angabe, es habe sich um<lb/>einen χορὸς παίδων gehandelt (so
            Plutarch) gefolgert habe, Platon selber<lb/>habe als παῖς bei dieser Darbietung
            mitgemacht? Kann Athenodoros<lb/>oder Diog. Laert. selber so räsonniert haben?</p>
         <p rend="start">Im nächsten Text <hi rend="smcap">iii </hi>9 lesen wir von einem Brief
            Platons an<lb/>Dion mit der Bitte, ihn von Philolaos die drei Bücher des
            Pythagoras<lb/>zu kaufen. Da ist vorausgesetzt, dass Dion in Syrakus ist, aber
            auch<lb/>mit dem Pythagoreer Philolaos (in Tarent?) Kontakt hat. In <hi rend="smcap">iii
            </hi>19<lb/>retten Dion und Aristomenes Platon vor den Drohungen des Dionysios<lb/>I.
            und in <hi rend="smcap">iii </hi>20 sendet Dion das Lösegeld für Platon an
            Annikeris,<lb/>der Platon freigekauft hatte; dieser nimmt es an, doch nicht als
            Löse-<lb/>geld, sondern um damit für Platon das κηπίδιον in der Akademie zu<lb/>kaufen;
            wie sich dies zum κῆπος von <hi rend="smcap">iii </hi>5 und zum Gymnasion in<lb/><hi
               rend="smcap">iii </hi>7 verhält, erfahren wir nicht. In <hi rend="smcap">iii </hi>21
            ist Platon der, der Dion<lb/>und Theodotes dazu antreibt, für Sizilien die ἐλευθερία zu
            erkämpfen,<lb/>ein Programm, das als solches mit der kurz zuvor erwähnten
            Hoffnung<lb/>Platons, durch Dionysios II. seinen vollkommenen Staat (also im
            Sinne<lb/>von <hi rend="italic">resp.</hi> 473 <hi rend="smcap">cd) </hi>verwirklichen
            zu können, nichts zu tun hat. Nach<lb/>
         <hi rend="smcap">iii</hi> 23 scheitert die Versöhnung Dions mit Dionysios
            II. und in <hi rend="smcap">iii </hi>25<lb/>schliesslich befindet sich Platon in Olympia
            und trifft dort Dion, der<lb/>im Begriffe ist, den Krieg gegen Dionysios zu eröffnen. Es
            verdient<lb/>Beachtung, dass alle Angaben über Dion von <hi rend="smcap">iii </hi>9 an
            chronologisch<lb/>korrekt aufgereiht sind. Es bleibt das in <hi rend="smcap">iii </hi>30
            angeführte Epigramm,<lb/>auf das ich ganz am Schluss dieser Skizze zurückkommen
            möchte.</p>
         <p rend="start">Im ganzen zeigt Diog. Laert. Dion als einen reichen Mann und<lb/>treuen
            Freund Platons, der zweimal mit seinem Vermögen für Platon<lb/>einspringt, andererseits
            aber mit Dionysios I. und II. in ständigem<lb/>Streit zu liegen scheint. Zur Ergänzung
            seien nun nur noch einige<lb/>Stellen aus den Dritten Briefen und Siebenten
            herausgegriffen.<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="176" facs="Elenchos86/Ele86_176.jpg"/></p>
         <p rend="start">Im Dritten Brief beginnt es nach Präliminarien über die ange-<lb/>messenste
            Anrede in einem Briefe 315<hi rend="bold"> </hi>A-C (die irgendwie mit Diog.<lb/>Laert.
            III 61 Zusammenhängen müssen, wo allerdings der dritte Name<lb/>nach Platon und Epikur
            zweifellos verdorben ist) mit einem abson-<lb/>derlichen Vorwurf des Dionysios II.
            Dieser behauptet die Absicht zu<lb/>haben, die im Kriege gegen Karthago zurückeroberten
            griechischen<lb/>Städte neu zu besiedeln und zugleich in Syrakus die <hi rend="italic"
               >Tyrannis</hi> in ein<lb/>Königtum zu transformieren (wie dies möglich ist, führt
               Aristoteles<lb/><hi rend="italic">polit.</hi> E 11. 1314<hi rend="bold"> </hi>a
               31-1315<hi rend="bold"> </hi>a 31<hi rend="bold"> </hi>aus, vielleicht nicht ohne
            Seitenblick<lb/>auf konkrete Projekte wie das hier vorliegende); Platon aber habe
            ihn<lb/>gehindert, doch nun sei es Platon, der Dion veranlasst habe, dieses<lb/>Programm
            als sein eigenes zu verkünden. Dies zwingt nun Platon,<lb/>sich gegen zwei Vorwürfe zu
            verteidigen. Der erste ist, dass Platon<lb/>sich geweigert habe, mit Dionysios zusammen
            politisch tätig zu sein.<lb/>Dazu wird präzis erklärt (316C-318E): Platon ist nach
            Syrakus ge-<lb/>kommen auf Einladung sowohl seines alten erfahrenen Freundes
            Dion<lb/>wie auch des jungen, unerfahrenen und ihm gänzlich unbekannten<lb/>Dionysios.
            Sehr bald hat «ein Mensch oder ein Gott oder ein Zufall<lb/>zusammen mit Dionysios» den
            Dion aus Syrakus entfernt (die Wen-<lb/>dung erinnert natürlich an das oben notierte
            Stück aus Plut. <hi rend="italic">Dion </hi>4, 4),<lb/> und Platon seinerseits weigert
            sich, ohne den erfahrenen Freund allein<lb/>mit dem unerfahrenen jungen Fürsten
            politisch aktiv zu sein. Er reist<lb/>ab, kehrt aber unter dem Druck zahlloser Briefe
            wieder zurück in der<lb/>Absicht, Dion zur Heimkehr und zur Restitution seines
            Vermögens<lb/>zu verhelfen. Er macht 317<hi rend="bold"> </hi>E/318<hi rend="bold"
            > </hi>A einen höchst konkreten Vorschlag,<lb/>doch Dionysios hört nicht darauf, sondern
            verkauft rücksichtslos das<lb/>ganze riesige Vermögen Dions.</p>
         <p rend="start">Da wird denn der Konflikt zwischen Dion und Dionysios unheil-<lb/>bar; der
            Leser allerdings wird sich fragen, was diese juristisch-ökono-<lb/>mischen Verwicklungen
            Platon eigentlich angehen. Der zweite Vorwurf<lb/>wird rasch abgehandelt 318E<hi
               rend="bold">-</hi>319E<hi rend="bold">. </hi>Mit allen nur
            wünschenswerten<lb/>Einzelheiten wird von einem Zwischenfall im Garten des
            Dionysios<lb/>berichtet. Platon besteht darauf, dass die Neubesiedlung der
            griechi-<lb/>schen Städte in Sizilien sein Plan gewesen sei, doch Dionysios
            repli-<lb/>ziert giftig, Platon habe daran noch eine Bedingung geknüpft,
            nämlich,<lb/>dass Dionysios sich zuerst die erforderliche παιδεία aneignen müsse.<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="177" facs="Elenchos86/Ele86_177.jpg"/></p>
         <p rend="start">Platon bestätigt, und Dionysios geht noch einen Schritt weiter
            und<lb/>insinuiert, Platon habe wohl unter der ihm fehlenden παιδεία die<lb/>Geometrie
            verstanden. Darauf ist nun Platon beleidigt, sagt aber dazu<lb/>nichts mehr, um seine
            Heimreise nicht zu gefährden. Der Brief endet<lb/>mit der Erklärung, Platon habe
            Dionysios gewiss nicht daran hindern<lb/>wollen, die Städte neu zu besiedeln und die
            Tyrannis in ein Königtum<lb/>umzuwandeln.</p>
         <p rend="start">Von Philosophie ist, wie man sieht, nur an einer einzigen Stelle<lb/>in
            wenigen Worten die Rede. Im Mittelpunkt steht die politische<lb/>Programmatik
            einerseits, der Streit um die soziale und wirtschaftliche<lb/>Position Dions
            andererseits, beides Fragen, die mit der platonischen<lb/>Philosophie, wie wir sie aus
            den Dialogen vom <hi rend="italic">Laches</hi> an kennen,<lb/>kaum etwas zu tun haben.
            Anders gesagt: Man braucht weder den<lb/><hi rend="italic">Gorgias</hi> noch die <hi
               rend="italic">Politeia</hi> noch den <hi rend="italic">Politikos</hi> gelesen zu
            haben, um<lb/>zu diesen Fragen Stellung zu nehmen. Was Platon mit Dion verband<lb/>und
            inwiefern er sich verpflichtet fühlen konnte, in die im Brief<lb/>skizzierten
            Angelegenheiten einzugreifen, bleibt, wie mir scheint, in<lb/>gewissem Sinne ein
            Rätsel.</p>
         <p rend="start">Der Siebente Brief steht als Kunstwerk unvergleichlich viel höher<lb/>als
            der Dritte; doch im Verständnis der Ereignisse und der beteiligten<lb/>Personen bringt
            er uns nicht sehr viel weiter.</p>
         <p rend="start">Sehr rasch wird 324 B das politische Programm genannt, dem<lb/>sich der
            junge Dion unter Platons Einwirkung zuwendet: für Syrakus<lb/>die Freiheit (also Sturz
            der <hi rend="italic">Tyrannis)</hi> und die Möglichkeit κατὰ<lb/>νόμους τοὺς ἀρίστους,
            also in einer vollkommenen Staatsordnung zu<lb/>leben. Dann berichtet Platon von seinen
            eigenen politischen Erfahrun-<lb/>gen, die ihn schliesslich zu jener Einsicht bringen,
            die in <hi rend="italic">resp.</hi> 473 <hi rend="smcap">CD<lb/></hi>formuliert ist; der
            Satz wird 326 AB nahezu wörtlich zitiert. Wie weit<lb/>er mit 324 <hi rend="smcap">B
            </hi>zur Deckung gebracht werden kann, bleibt offen. Doch<lb/>wird er in 328 A, diesmal
            als das Ziel Dions, ausdrücklich wieder<lb/>aufgenommen; ein drittes Mal erscheint er
            335 <hi rend="smcap">CD: </hi>Dionysios hat<lb/>sich die einmalige Chance entgehen
            lassen, Philosophie und Macht<lb/>in einer Person zu verwirklichen.</p>
         <p rend="start">Wichtiger ist, wie der junge Dion in 327 <hi rend="smcap">AB
            </hi>charakterisiert wird.<lb/>Platon erklärt, ihm sei in seinem ganzen Leben kein
            junger Mensch<lb/>begegnet, der so εὐμαθής gewesen wäre wie Dion. Fragt man
            indessen<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="178" facs="Elenchos86/Ele86_178.jpg"/></p>
         <p>nach der Sache, die Dion bei Platon gelernt hat, so werden wir
            in<lb/>demselben Kontext einfach auf den eher banalen Gegensatz zwischen<lb/>einem Leben
            hemmungsloser Ausschweifung, wie es nach Platons Be-<lb/>hauptung die Sikelioten führen,
            und einem Leben der ἀρετή, wie es<lb/>Dion zu führen entschlossen ist, verwiesen. Dies
            scheint zu implizieren,<lb/>ohne dass es genauer dargelegt würde, dass Dion sich bei
            Dionysios II.<lb/>verdächtig macht. Wir hören in 328 <hi rend="smcap">d </hi>unerwartet
            von grossen Ge-<lb/>fahren, in denen er sich befindet, und in 329 c, dass er aus
            Syrakus<lb/>entfernt wird unter der Anklage, die <hi rend="italic">Tyrannis</hi>
            beseitigen zu wollen.<lb/>Dies ist doppelt verwunderlich; denn dass schon das Programm
            Dions<lb/>in 324 B auf dieses Ziel hinausläuft, ist evident. Doch was Dion
            gemäss<lb/>327 B-328 <hi rend="smcap">C </hi>vorschwebt, ist etwas anderes: die
            Erziehung des Fürsten<lb/>zur Philosophie im Sinne von <hi rend="italic">resp.</hi> 473
               <hi rend="smcap">CD. </hi>Da stösst Platon indessen<lb/>auf den Widerstand des
            Dionysios. Dann aber 331 D-333 <hi rend="smcap">C </hi>kommt er<lb/>unerwartet auf das
            Programm zu sprechen, das wir aus dem Dritten<lb/>Brief kennen (Neubesiedelung der
            verwüsteten Griechenstädte in Sizi-<lb/>lien) und kombiniert dies nicht ohne
            Gewaltsamkeit mit dem Vorwurf,<lb/>der zum festen Bestand des Tyrannenporträts behört:
            der Tyrann hat<lb/>keine Freunde und vermag sich keine Freunde zu verschaffen.
            Den<lb/>Mördern Dions gegenüber wird in 335 E-336 <hi rend="smcap">B </hi>nicht ohne
            Feierlichkeit<lb/>Dions Programm, das nun die Freunde verwirklichen sollen, in
            Erin-<lb/>nerung gerufen: erstens Syrakus von der <hi rend="italic">Tyrannis</hi> zu
            befreien, zweitens<lb/>den Bürgern die besten Gesetze zu geben und drittens ganz
            Sizilien<lb/>von der karthagischen Herrschaft zu befreien und neu zu besiedeln.
            Dies<lb/>ist ein sinnvolles Programm; aber man wird sich auch eingestehen,<lb/>dass es
            kaum der Philosophie Platons, wie wir sie kennen, bedarf, um<lb/>ein solches Programm zu
            entwerfen.</p>
         <p rend="start">Zu 337 E-345 <hi rend="smcap">C </hi>hebe ich nur das eine hervor, Platons
            konstantes<lb/>Bemühen, Dionysios in die Rolle des täppischen, ebenso arroganten<lb/>wie
            unaufrichtigen Dilettanten in der Philosophie abzudrängen. Eine<lb/>Beziehung zwischen
            dem, was hier als Philosophie anvisiert wird, und<lb/>dem politischen Programm, sei es
            von 328 A, sei es von 335 E-336 <hi rend="smcap">B,<lb/></hi>ist nicht zu erkennen.
            Umgekehrt ist es wieder ein Stück cliché-haftes<lb/>Tyrannenporträt, wie immer wieder
            (zum ersten Male schon in 329 <hi rend="smcap">DE)<lb/></hi>die Verlogenheit des
            Tyrannen hervorgehoben wird; der Tyrann ver-<lb/>tritt eben prinzipiell die Lüge wie der
            Philosoph die Wahrheit.<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="179" facs="Elenchos86/Ele86_179.jpg"/></p>
         <p rend="start">Einigermassen hart ist nach der philosophischen Diskussion in<lb/>345 C der
            Uebergang zur letzten Phase der Ereignisse und damit zur<lb/>Frage nach Dions sozialer
            und wirtschaftlicher Situation. Dionysios<lb/>entschliesst sich, das gesamte Vermögen
            Dions zu blockieren, wogegen<lb/>nun Platon als Freund Dions heftig protestiert.
            Erstaunlich ausführlich<lb/>wird über Ueberlegungen Platons und Gespräche mit Dionysios
            be-<lb/>richtet 345 C-347 E. Platon erreicht nichts. Zwischenfälle, provoziert<lb/>durch
            die Absicht des Dionysios, den Lohn der Söldner herabzusetzen<lb/>(was man als einen
            ersten Versuch deuten könnte, im Sinne Platons<lb/>auf die Söldner als Stütze der
            Herrschaft überhaupt zu verzichten),<lb/>kommen dazu <hi rend="smcap">347 E-349 </hi>C.
            Das schliessliche Ergebnis ist, dass Diony-<lb/>sios auf der Blockierung des Vermögens
            Dions beharrt, Platon sich<lb/>durch die Söldner bedroht fühlt und nur durch die
            Intervention des<lb/>Archytas (also diejenige, die Diog. Laert. III 21-22 in die zweite
            Reise<lb/>verlegt) aus seiner peinlichen Lage befreit wird. Platon verlässt Syrakus.</p>
         <p rend="start">Es folgt eine letzte Begegnung Platons mit Dion in Olympia 350 B-<lb/>
         351 A (vgl. Diog. Laert. III 25): Dion ist entschlossen zu kämpfen,
            da<lb/>ihm der Tyrann die Herausgabe seines Vermögens verweigert, Platon<lb/>dagegen
            erklärt, im Kampfe neutral bleiben zu wollen. Dies gebietet<lb/>ihm erstens die Achtung
            vor Dionysios: Platon ist σύσσιτος συνέστιος<lb/>καὶ κοινωνὸς ἱερῶν des Dionysios
            geworden und zwar, wie betont<lb/>wird, unter der Verantwortung Dions; ausserdem rechnet
            er es Diony-<lb/>sios hoch an, dass er Platon nicht habe töten lassen, — doch
            von<lb/>einer solchen Absicht des Dionysios ist in 349 C-350 B nirgends die<lb/>Rede
            gewesen, sondern nur von Drohungen der Söldner. Erst in<lb/>zweiter Linie beruft sich
            Platon auf sein hohes Alter.</p>
         <p rend="start">Wir unsererseits dürfen darüber überrascht sein, dass in
            dieser<lb/>Endphase der Ereignisse das philosophisch-politische Programm Platons<lb/>und
            Dions überhaupt keine Rolle zu spielen scheint und dass Platon<lb/>bei aller Solidarität
            mit Dion in seinen letzten Worten an Dion Distanz<lb/>zu wahren bestrebt ist;
            offensichtlich ist sein Wunsch, jede Mitverant-<lb/>wortung an den nun folgenden
            Ereignissen abzulehnen, grösser als<lb/>seine Sympathie mit Dion.</p>
         <p rend="start">So fällt denn Dion nach qualvollen Verwicklungen, die Plutarch,<lb/>wohl im
            wesentlichen nach dem Bericht, dem Timonides von Leukas<lb/>dem Speusippos gesandt hat
               (<hi rend="italic">FGrHist</hi> 561), in seiner Biographie mit<lb/>allen Einzelheiten
            schildert.</p>
         <p rend="pb"><pb n="180" facs="Elenchos86/Ele86_180.jpg"/></p>
         <p rend="start">Und nun das Epigramm, das der hellenistische Aristippos zusam-<lb/>men mit
            zwei anderen bei Diog. Laert. <hi rend="smcap">iii </hi>29-30 zitiert. Die
            zwei<lb/>Zweizeiler auf den Knaben Aster sind auf ihre Weise
            Meisterwerke<lb/>sparsamster Eleganz. Dass sie von Platon gedichtet sind, kann
            weder<lb/>bewiesen noch widerlegt werden.</p>
         <p rend="start">Das Epigramm auf Dion ist komplizierter, und man versteht<lb/>zunächst
            nicht, was die Tränen Hekabes und der Troerinnen mit dem<lb/>Tode Dions zu tun haben.
            Offenbar handelt es sich um den Gegensatz<lb/>zwischen jenen, die am Ende eines
            erfüllten Lebens von der Kata-<lb/>strophe ereilt werden, und Dion, über den die
            Katastrophe hereinbricht<lb/>in dem Augenblick, in dem er sein Lebenswerk gerade
            beginnt. Dazu<lb/>kommt der letzte Vers, ein leidenschaftliches Bekenntnis der Liebe
            zu<lb/>Dion. Plutarch kennt das Epigramm nicht und auch die Brief Sammlung<lb/>erweckt
            nirgends den Eindruck, es habe zwischen Platon und Dion<lb/>ein erotisches Verhältnis im
            strengen Sinne des Wortes bestanden.</p>
         <p rend="start">Man wird einwenden, dass Platon begreifliche Gründe genug hatte,<lb/>in
            seinen Briefen über ein solches Verhältnis, wenn es bestand, zu<lb/>schweigen. Als
            Gegenbeispiel mag man an Speusippos Frg. 7 Isn.<lb/>(vgl. Frg. 13) erinnern, wo von
            einem Brief des Dionysios II. an<lb/>Speusippos die Rede ist, in welchem anscheinend
            recht brutal von einem<lb/>Liebesverhältnis zwischen Speusippos und seiner Schülerin
            Lastheneia<lb/>von Mantinea gesprochen wurde.</p>
         <p rend="start">Zu einer schlüssigen Entscheidung wird man auch da nicht
            gelangen<lb/>können. Was gegen das Epigramm spricht, ist, dass die letzte Zeile
            mit<lb/>dem Befund der Briefsammlung nicht in Einklang gebracht werden<lb/>kann. Was für
            die Echtheit spricht, ist eine gewisse Schwerfälligkeit<lb/>der Komposition und Diktion.
            Es ist im Gegensatz zu den Aster-<lb/>Epigrammen unzweifelhaft das Werk eines
            Dilettanten, so wie etwa<lb/>der bekannte Hymnos des Aristoteles an die Ἀρετά (<hi
               rend="italic">Aristotelis car-<lb/>mina</hi> Frg. 1 ed. Plezia) unbestreitbar und
            nachweisbar das Werk eines<lb/>Dilettanten ist; denn (von anderem abgesehen) Hermeias
            mit Herakles,<lb/>den Dioskuren, Achilleus und Aias zu vergleichen geht doch etwas
            zu<lb/>weit, — so wie bei Platon der Vergleich Dions mit Hekabe und den<lb/>Troerinnen
            verkrampft wirkt. Doch gerade dies kann im einen wie im<lb/>anderen Falle ein Zeichen
            der Echtheit sein.</p>
         <p rend="pb"><pb n="181" facs="Elenchos86/Ele86_181.jpg"/></p>
         <p rend="start">Damit sei geschlossen. Das Porträt Dions bleibt zwielichtig,
            das<lb/>Porträt eines Mannes, der zwischen einer Leidenschaft für die Phi-<lb/>losophie,
            die doch nirgends über ein Bekenntnis zur ἀρετή und zu<lb/>einem einfachen und
            naheliegenden politischen Aktionsprogramm<lb/>hinausgeht, und einem sehr entschiedenen
            Interesse an seiner eigenen<lb/>sozialen und wirtschaftlichen Position zu schwanken
            scheint. Wie<lb/>weit entspricht dieser Eindruck der geschichtlichen Wirklichkeit
            und<lb/>wie weit geht er auf das Arrangement der Tradition zurück? Wir können<lb/>es
            nicht wissen. Evident ist nur, dass die Briefsammlung primär der<lb/>Rechtfertigung
            Platons dient und erst in zweiter Linie dem Ruhme<lb/>Dions.</p>
         <p rend="start">Nun aber zurück zu Diog. Laert. Das Ergebnis unserer Analyse<lb/>einiger
            Texte scheint mir folgendes zu sein.</p>
         <p rend="start">Für erste hat sich ergeben, dass sich um die Biographie Platons<lb/>schon
            von Anfang an ein dichter Nebel von Erfindungen, Dichtungen<lb/>in verschiedener Absicht
            gelegt hat. Da steht es mit Platon in der<lb/>Tat kaum anders als mit Sokrates. Begonnen
            hat mit den Erfindungen<lb/>schon Speusippos und dies läuft dann weiter bis zum <hi
               rend="italic">Platonikos<lb/></hi>des Eratosthenes und darüber hinaus. Zu bedenken
            bleibt natürlich,<lb/>dass Sokrates nichts geschrieben, Platon dagegen ein
            umfangreiches<lb/>Oeuvre hinterlassen hat. Die Biographie hatte dieses Oeuvre
            zu<lb/>berücksichtigen. So sind nicht allzu selten bestimmte Ereignisse an<lb/>das
            Oeuvre angeknüpft worden. Merkwürdig ist allerdings, dass ein<lb/>entscheidender
            Komplex, Platons Beziehung zu den Pythagoreern und<lb/>ihrer Lehre ohne jeden Rückhalt
            an den Dialogen entwickelt worden<lb/>ist. Denn die zwei Stellen der <hi rend="italic"
               >Politeia</hi> 530 <hi rend="smcap">D, </hi>600 A sind bei weitem<lb/>nicht tragfähig
            genug, und dass Platon im <hi rend="italic">Gorgias</hi>, <hi rend="italic"
               >Phaidon</hi>,<hi rend="italic"> Timaios<lb/></hi>und <hi rend="italic">Philebos</hi>
            pythagoreische Lehren aufgenommen hat, müsste erst<lb/>noch bewiesen werden; seine Texte
            jedenfalls geben nicht den geringsten<lb/>zuverlässigen Hinweis. Doch mit alledem
            geraten wir in die Nähe des<lb/>Problems, wie sich seine ungeschriebene Lehre (in der
            Aristoteles<lb/>und nicht nur er den Einfluss pythagoreischer Gedanken
            wahrgenommen<lb/>haben) zur Lehre der Dialoge verhalten haben mag. Dieses
            Problem<lb/>haben wir hier nicht zu erörtern. Wir werden nur festhalten, dass<lb/>weder
            die Dialoge zugunsten der ungeschriebenen Lehre noch die unge-<lb/>schriebene Lehre
            zugunsten der Dialoge verworfen werden dürfen; doch<lb/>
         </p>
         <p rend="pb"><pb n="182" facs="Elenchos86/Ele86_182.jpg"/></p>
         <p>eine Formel, die dem Werk der Dialoge wie der nur in Fetzen
            fassbaren<lb/>ungeschriebenen Lehre gleichmässig gerecht würde, ist noch
            nicht<lb/>gefunden. Was endlich Diog. Laert. selber angeht, so mag deutlich<lb/>geworden
            sein, dass sein Werk weder eine Biographie sein wollte, wie<lb/>sie Plutarch geschrieben
            hat, noch ein ungeordneter Notizenhaufen ist.<lb/>Was er wollte, war, Platons Leben
            durch eine Reihe gut dokumentierter<lb/>“Pointen” zu illustrieren. Eine wirklich
            kontinuierliche Erzählung gibt<lb/>es nicht, auch wenn sich Diog. Laert. im ganzen an
            die chronologische<lb/>Abfolge hält; wir haben immer wieder beobachtet, dass der Leser
            bei<lb/>vielen Namen, die er beibringt, im ungewissen darüber gelassen wird,<lb/>um wen
            es sich da handelt. Wer ist Dion, der in <hi rend="smcap">iii </hi>3 plötzlich
            auftritt,<lb/>wer ist Aristomenes <hi rend="smcap">(iii </hi>19), Theodotes (21),
            Lamiskos und Photidas<lb/>(22) u. a.? Diog. Laert. ist nicht daran interessiert, dazu
            Erläuterungen<lb/>zu geben. Auf die “Pointe” allein kommt es an, so wie es schon
            in<lb/>den Werken der Pamphile, des Myronianos und des Favorinus, die<lb/>er fleissig
            zitiert, der Fall gewesen sein muss und wie wir es noch an<lb/>Aelians <hi rend="italic"
               >var. hist.</hi> beobachten können. Da wirkt letzlich die uralte<lb/>Kategorie des
            θαυμάσιον nach, eine Kategorie, in der die philosophische<lb/>Frage nach dem
            Ungewöhnlichen in unserer Wirklichkeit und das<lb/>Bedürfnis nach gebildeter
            Unterhaltung sich seltsam kreuzen. Uns ist<lb/>diese Kategorie und die ganze Literatur,
            die in einem sehr weiten Sinne<lb/>aus ihr herauswächst, fremd geworden. Aber in der
            Antike ist es ein<lb/>legitimer Zweig der Literatur, und so hat auch das aus
            zahllosen<lb/>bunten Splittern zusammengesetzte Werk des Diog. Laert. seine
            Legiti-<lb/>mität, die man ihm nicht bestreiten darf; und unter all den <hi
               rend="italic">Bioi</hi>, die<lb/>in dem Werke aufgeführt sind, ist derjenige Platons
            vielleicht der in<lb/>dieser Hinsicht am meisten charakteristische.</p>
      </body>
   </text>
</TEI>
