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                <title>SEXTUS EMPIRICUS UND DIE STOIKER</title>
                <author>
                    <name>Karlheinz</name>
                    <surname>Hülser</surname>
                </author>
            </titleStmt>
            <publicationStmt>
                <authority>ILIESI-CNR</authority>
                <availability>
                    <p>Biblioteca digitale Progetto Agora</p>
                </availability>
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                <bibl>
                    <title level="m">SEXTUS EMPIRICUS UND DIE STOIKER</title>
                    <author>Karlheinz Hülser</author>
                    <title level="a">Elenchos. Rivista di studi sul pensiero antico</title>
                    <publisher>Bibliopolis</publisher>
                    <editor/>
                    <pubPlace>Napoli</pubPlace>
                    <idno type="isbn"/>
                    <biblScope>Anno XIII - 1992, Fasc. 1-2, pp. 233-276</biblScope>
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            <titlePage>
                <docAuthor>Karlheinz Hülser</docAuthor>
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                    <titlePart>SEXTUS EMPIRICUS UND DIE STOIKER</titlePart>
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            <p rend="pb"><pb n="235" facs="Ele92_235.jpg"/></p>
            <p rend="title">I</p>
            <p rend="start">Um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit gültiger Erkenntnis wurde<lb/>in
                der abendländischen Philosophie häufig und ausgiebig gestritten. Im<lb/>Hellenismus
                und noch lange danach wurde die Auseinandersetzung in der<lb/>Hauptsache zwischen
                den Stoikern und den akademischen, später den<lb/>pyrrhonischen Skeptikern
                ausgetragen. Auch das gelehrte Publikum emp-<lb/>fand diese beiden als die
                Hauptkontrahenten der damaligen Zeit<note xml:id="ftn1" place="foot" n="1">Das geht
                    z.B. aus einer Stelle bei Galen recht gut hervor: «Was also hindert<lb/>uns,
                    davon ein präzises Wissen zu haben, solange wir in der Lage sind, einen
                    Beweis<lb/>der These zu formulieren, und solange die besten Philosophen, die
                    auch du selbst<lb/>bewunderst, mit Hippokrates und untereinander übereinstimmen,
                    es sei denn, jemand<lb/>meine, die Meinungsverschiedenheit sei ein ausreichendes
                    Zeugnis dafür, daß die<lb/>These sich unserer Kenntnis entziehe, und wäre damit
                    unversehens zu einem Skepti-<lb/>ker anstatt zu einem Stoiker geworden?», <hi
                        rend="smcap">Gal. </hi><hi rend="italic">adv. Iul.</hi>
                    <hi rend="smcap">v</hi> 8: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> ( = <hi rend="italic"
                        >Die Fragmente<lb/>zur Dialektik der Stoiker.</hi> Neue Sammlung der Texte
                    mit deutscher Übersetzung und<lb/>Kommentaren, hrsg. von K. <hi rend="smcap"
                        >Hülser, </hi>4 Bde., Stuttgart 1987/1988) 362. Die Über-<lb/>setzung in <hi
                        rend="italic">F.D.S.</hi> ist nicht ganz korrekt.</note><hi rend="italic"
                >.</hi> Dem-<lb/>entsprechend maß Sextus Empiricus unter den vielen Gegnern, mit
                de-<lb/>nen er sich auseinandergesetzt hat, den Stoikern besondere Bedeutung<lb/>zu.
                Das Thema “Sextus Empiricus und die Stoiker” betrifft daher mit<lb/>die wichtigsten
                Richtungen der hellenistischen Philosophie und steht<lb/>überhaupt im Zentrum von
                Erörterungen über Skeptizismus und Dogma-<lb/>tismus.</p>
            <p rend="pb"><pb n="236" facs="Ele92_236.jpg"/></p>
            <p rend="start">Nachdem es insoweit von außerordentlich hohem Rang ist,
                scheint<lb/>etwas anderes seine Bedeutung empfindlich herabzusetzen. Die
                neuzeit-<lb/>liche Philosophie hat an den antiken Konflikt zwischen Skeptikern
                und<lb/>Dogmatikern angeknüpft und ihn auf mancherlei Weise zu
                überwinden<lb/>versucht; über den Rahmen der Erkenntniskritik hinaus läßt sich
                selbst<lb/>Wittgensteins und Heideggers Werk noch so verstehen. Wir stehen
                also<lb/>heute noch mitten in der Wirkungsgeschichte dieses Konflikts und
                sind<lb/>mit ihm nach deren Maßgabe vertraut. Der alte Streit kommt uns
                deshalb<lb/>immer schon bekannt vor, und wir meinen auch sagen zu können,
                wie<lb/>er, soweit es nach den Argumenten geht, entschieden werden muß.
                Ernst-<lb/>hafte Erörterungen darüber halten wir deshalb kaum noch für nötig,
                und<lb/>so scheinen auch Untersuchungen über Sextus Empiricus und die
                Stoiker<lb/>höchstens in Detailfragen oder unter historischen Gesichtspunkten
                eine<lb/>gewisse Aufmerksamkeit zu verdienen. Daß man daraus etwas
                philoso-<lb/>phisch Bemerkenswertes lernen könnte, ist äußerst unwahrscheinlich.</p>
            <p rend="start">Die wirkungsgeschichtlich geprägte Vormeinung über den
                antiken<lb/>Streit könnte man etwa so beschreiben, wie sich schon D. Hume
                über<lb/>Skepsis und Dogmatismus geäußert hat<note xml:id="ftn2" place="foot" n="2"
                    >Vgl. <hi rend="smcap">D. Hume</hi>, <hi rend="italic">An Enquiry Concerning
                        Human Understanding</hi>, in <hi rend="smcap">D. Hume</hi>,<lb/><hi
                        rend="italic">The Philosophical Works</hi>,<hi rend="italic"> </hi>ed. by
                    Th. H. Green and Th. H. Grose, <hi rend="smcap">iv</hi> (new edition)<lb/>London
                    1882, sect. <hi rend="smcap">xii</hi>, S. 3-135.</note>, und sagen: Wir
                Menschen<lb/>nehmen offenbar an, daß es eine von unserer Auffassung
                unabhängige<lb/>Außenwelt gibt, und halten die uns von unseren Sinnen vorgestellten
                Bil-<lb/>der selbst gern für die äußeren Gegenstände. Eine kleine
                philosophische<lb/>Besinnung macht uns aber darauf aufmerksam, daß dem Geist
                niemals<lb/>etwas anderes gegenwärtig sein kann als immer nur Bilder oder
                Anschau-<lb/>ungen der Gegenstände. Mit diesem Hinweis löst sie die besagte
                Gleich-<lb/>setzung auf und stellt uns die Aufgabe, eine neue Ansicht von der
                Aussa-<lb/>gekraft unserer Sinne zu bilden. Damit beginnt der antike Streit:
                Der<lb/>Dogmatiker versucht zu sagen, wieso unsere Sinneseindrücke
                wenigstens<lb/>unter bestimmten Umständen von den äußeren Gegenständen
                verursacht<lb/>sind und über sie eine zuverlässige Auskunft geben können, während
                der<lb/>Skeptiker bezweifelt, daß man so etwas bündig demonstrieren
                könnte.<lb/>Gegen diesen Zweifel hat der Dogmatiker keine Chance; denn: «By
                what<lb/>argument can it be proved, that the perceptions of the mind must be</p>
            <p rend="pb"><pb n="237" facs="Ele92_237.jpg"/></p>
            <p>caused by external objects, entirely different from them, though
                re-<lb/>sembling them (if that be possible) and could not arise either from
                the<lb/>energy of the mind itself, or from the suggestion of some invisible
                and<lb/>unknown spirit, or from some other cause still more unknown to us?»<note
                    xml:id="ftn3" place="foot" n="3"><hi rend="smcap"> D. Hume, </hi><hi
                        rend="italic">op. cit.,</hi> S. 125.</note>.</p>
            <p rend="start">Mit einer solchen grundsätzlichen Einschätzung wird in der Tat
                auch<lb/>Wesentliches über Sextus Empiricus und die Stoiker zum Ausdruck
                ge-<lb/>bracht: Sextus auf der einen Seite vertritt die Position des Zweiflers
                in<lb/>einer hochentwickelten Form. Er berichtet von mehreren Gestalten
                der<lb/>pyrrhonischen Skepsis und stellt wiederholt klar, daß es dieser
                Skepsis<lb/>durchweg darum gehe, ob man von den Erscheinungen zur
                Wirklichkeit<lb/>Vordringen und von bloßen Meinungsäußerungen zu Aussagen mit
                Wahr-<lb/>heitsanspruch übergehen könne<note xml:id="ftn4" place="foot" n="4"> Vgl.
                    die “allgemeine” Erörterung der skeptischen Philosophie in <hi rend="italic">PH
                        </hi><hi rend="smcap">i</hi><hi rend="italic"> pas-<lb/>sim</hi>, außerdem
                    einzelne Stellen wie etwa <hi rend="italic">M</hi>
                    <hi rend="smcap">viii</hi> 357.</note>. Sextus hat also erstens das
                notorische<lb/>Anliegen der Skepsis im Blick, und bemüht sich gegenüber den
                Stoikern<lb/>zweitens zu zeigen, daß deren Mittel, dem Standardziel der
                Dogmatiker<lb/>Genüge zu tun, nicht überzeugend seien.</p>
            <p rend="start">Die Darstellung Humes paßt auf der anderen Seite auch für die
                Stoi-<lb/>ker, die in ihrer Lehre von der Erkenntnis u.a. ein
                “Wahrheitskriterium”<lb/>formulierten und darlegten, unter welchen Bedingungen eine
                Vorstellung<lb/>Zeugnis von den Dingen gebe, wie sie wirklich sind. Die Stoiker
                waren<lb/>sogar besonders qualifizierte Dogmatiker, deren Argumentation in
                ent-<lb/>sprechenden Debatten erprobt war. Schon bevor die pyrrhonische
                Skep-<lb/>sis aufkam, setzten sie sich mit den skeptisch eingestellten
                Akademikern<lb/>über die Lehre von der Erkenntnis auseinander. Das waren
                lebendige<lb/>Diskussionen, die alle anderen philosophischen Auseinandersetzungen
                der<lb/>hellenistischen Zeit beherrschten und an denen sich die
                bedeutendsten<lb/>Vertreter beider Seiten engagiert beteiligten. Im Zentrum aller
                Erörte-<lb/>rungen stand die Frage nach einem Wahrheitskriterium. In der
                Stoa<lb/>wurde diese Frage mit der Lehre von der “erkennenden
                Vorstellung”<lb/>(καταληπτικὴ φαντασία) beantwortet, und vor allem darauf richtete
                sich<lb/>die Kritik der akademischen Skepsis. Die Stoiker reagierten auf
                diese<lb/>Kritik angemessen: Einerseits entkräfteten sie die Einwände<note
                    xml:id="ftn5" place="foot" n="5"> Vgl. z.B. M. <hi rend="smcap">Frede, </hi><hi
                        rend="italic">Stoics and. Skeptics on Clear and Distinct Impressions,</hi>
                        in<lb/><hi rend="italic">The Skeptical Tradition</hi>, ed. by M. <hi
                        rend="smcap">Burnyeat,</hi> Berkeley 1983, S. 65-93, bes. 86-92; <lb/> <hi rend="smcap">A. A.
                       Long-D. N. Sedley</hi>,<hi rend="italic">
                        The Hellenistic Philosophers</hi>, 2 Bde.,
                    Cambridge 1987<lb/>(= L.-S.), I, S. 251 f.</note>. Anderer-</p>
            <p rend="pb"><pb n="238"  facs="Ele92_238.jpg" /></p>
            <p>seits modifizierten sie ihre Lehre ein wenig<note xml:id="ftn6" place="foot" n="6"
                    >So wurde in die Definition der erkennenden Vorstellung schon von Zenon<lb/>ein
                    drittes Merkmal aufgenommen («wie sie von etwas nicht Bestehendem her
                    nicht<lb/>entstehen könnte»); jüngere Stoiker machten später noch weitere
                    Zusätze: <hi rend="italic">F.D.S.<lb/></hi>33, 255-257, 329-341; L.-S. § 40, i,
                    S. 250 f. Siehe auch unten S. 251 f.</note> und entwickelten im übri-<lb/>gen
                ein erhöhtes Problembewußtsein<note xml:id="ftn7" place="foot" n="7">Vor allem
                    Chrysipp hat sich hier hervorgetan und wohl auch viel von den<lb/>Akademikern
                    gelernt; vgl. z.B. <hi rend="smcap">Diog. Laert. vii </hi>183 f.: <hi
                        rend="italic">F.D.S.</hi> 154.</note>. In diesem Sinne sind sie aus
                den<lb/>Auseinandersetzungen des III. und des II. Jhs. v. Chr. gestärkt
                hervorge-<lb/>gangen. Erst gegen die pyrrhonische Skepsis, die im I. Jh. v. Chr.
                auf-<lb/>kam, hatten sie, wie es sich für uns in der Nachfolge Humes
                darstellt,<lb/>keine Chance.</p>
            <p rend="start">Es sieht demnach so aus, als sei mit unserer
                wirkungsgeschichtlich<lb/>bedingten Einschätzung des antiken Streits zwischen
                Skeptikern und<lb/>Dogmatikern auch das Wesentliche über die Auseinandersetzung des
                Sex-<lb/>tus Empiricus mit den Stoikern gesagt. Dieser alte Konflikt scheint
                philo-<lb/>sophisch eingeordnet und nur noch von sehr eingeschränktem
                Interesse<lb/>zu sein. An diesem Eindruck haben wir soweit keinen Anlaß zu
                zweifeln<lb/>und könnten zur Detailforschung oder zu Fragen von bloß
                historischem<lb/>Interesse übergehen, wenn es damals nicht doch etwas gegeben
                hätte,<lb/>was das neuzeitliche Urteil empfindlich stört.</p>
            <p rend="start">Die pyrrhonische Skepsis kam im frühen I. Jh. v. Chr. mit
                Anesidem<lb/>auf. Ihre reife Form erreichte sie bald danach mit Agrippa und
                dessen<lb/>fünf Tropen zur Begründung der skeptischen Urteilsenthaltung. Erst
                die-<lb/>se Tropen versetzen den pyrrhonischen Skeptiker in die Lage, auch
                in<lb/>einem Metadiskurs, ob es beispielsweise evidente Aussagen gebe,
                seiner<lb/>ursprünglichen Absicht treu zu bleiben, keine eigenen Behauptungen
                auf-<lb/>zustellen und dem Dogmatiker konsequent klarzumachen, daß seine
                Be-<lb/>hauptungen voreilig seien<note xml:id="ftn8" place="foot" n="8">Die zehn
                    Tropen Änesidems (vgl. L.-S. § 72) eignen sich dazu noch nicht und<lb/>wurden
                    von ihm auch nicht zu diesem Zweck eingesetzt. Denn sie weisen bloß auf,<lb/>daß
                    Erscheinungen nicht objektiv sind, und zeigen nicht, daß objektive
                    Erkenntnis<lb/>unmöglich sei. «The upshot is that all appearances are determined
                    by relativity to<lb/>factors over and above the intrinsic nature of the
                    appearing object, and that there is<lb/>therefore no uncontaminated viewpoint
                    from which the conflicts between them can<lb/>be arbitrated. Consequently we are
                    compelled to suspend judgement about the nature<lb/>of things» (Sedley in L.-S.
                    <hi rend="smcap">i</hi>, S. 487). Zur Leistungsfähigkeit der fünf Tropen Agrippas<lb/>weiter unten S.
                    269.</note>. Von da an dürfen wir in der Antike damit</p>
<p rend="pb"><pb n="239" facs="Ele92_239.jpg"/></p>
            <p>rechnen,
                daß die Skeptiker sich gegen die Dogmatiker so nachhaltig<lb/>durchsetzen können,
                daß diese nicht mehr als Leute mit einer ernsthaften<lb/>Meinung gelten müssen,
                sondern zunehmend als dickköpfig, borniert<lb/>oder “dogmatisch” erscheinen. So
                etwas ist damals aber überhaupt nicht<lb/>eingetreten. Vielmehr entstand eine Art
                Pattsituation.</p>
            <p rend="start">Die Stoiker haben auf die neue Kritik nicht so lebhaft reagiert
                wie<lb/>vorher auf die Einwände der Akademiker. Schon sehr zeitig wandte
                Po-<lb/>seidonios (ca. 135-51/50 v. Chr.) sich dagegen, den Meinungsstreit
                unter<lb/>den Philosophen als Argument gegen die Philosophie zu verwenden
                (Diog.<lb/>Laert. <hi rend="smcap">vii</hi> 129: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 361),
                und er verfaßte eine Schrift <hi rend="italic">Über das Kriterium<lb/></hi>(Diog.
                Laert. <hi rend="smcap">vii</hi> 54: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 203, 255), aus
                der auch Sextus Empiricus noch<lb/>Nutzen gezogen hat<note xml:id="ftn9"
                    place="foot" n="9"><hi rend="italic"><hi rend="smcap">M</hi> vii <hi
                            rend="italic"/></hi>93 = Poseidonios, Frgm. 461 Theiler (<hi
                        rend="italic">Poseidonios. Die Fragmente</hi>, hrsg.<lb/>von W. <hi
                        rend="smcap">Theiler, </hi>2 Bde., Berlin/New York 1982) verweist Sextus auf
                    Bemerkungen des<lb/>Poseidonios zu Platons <hi rend="italic">Timaios.</hi>
                    Theiler führt diese und noch andere Stellen auf<lb/>Poseidonios’ Schrift Περὶ
                    κριτηρίου zurück, vgl. <hi rend="italic">Poseidonios cit.</hi>, <hi rend="smcap"
                        >i</hi>, S. 380, n, S. 403.</note>. Später hat beispielsweise Epiktet etwas
                zur Diskus-<lb/>sion beigetragen (vgl. etwa <hi rend="italic">diss.</hi> 122, 1-3:
                    <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 313). Außerdem haben die<lb/>Stoiker
                (möglicherweise schon im II. Jh. v. Chr.) ihre Lehrbücher geän-<lb/>dert, die
                Erkenntnislehre, die vorher noch keinen wohlbestimmten Platz<lb/>hatte<note
                    xml:id="ftn10" place="foot" n="10">Von Chrysipp wurde die Lehre von der
                    Erkenntnis wahrscheinlich noch im<lb/>Zusammenhang der Naturphilosophie oder der
                    Ethik behandelt. Vgl. <hi rend="italic">F.D.S.</hi> Bd. 1,<lb/>S. <hi
                        rend="smcap">liii </hi>f. und J. <hi rend="smcap">Mansfeld, </hi><hi
                        rend="italic">Diogenes Laertius on Stoic Philosophy</hi>, in <hi
                        rend="italic">Diogene Laerzio<lb/>storico del pensiero antico</hi>,
                    «Elenchos», <hi rend="smcap">vii </hi>(1986) S. 295-382, bes. 362-4.</note>, in
                den logischen Teil der Philosophie eingebaut und sie dort<lb/>gleich am Anfang
                behandelt. Begründet wurde dann insbesondere, warum<lb/>mit der Lehre von der
                Vorstellung zu beginnen sei: weil das Wahrheits-<lb/>kriterium in die Gattung der
                Vorstellung falle und weil ohne ein Ver-<lb/>ständnis der Vorstellung kein anderer
                erkenntnistheoretischer Begriff ge-<lb/>klärt werden könne<note xml:id="ftn11"
                    place="foot" n="11"><hi rend="smcap">Diog. Laert. vii</hi> 49 (<hi rend="italic"
                        >F.D.S.</hi> 255). Vgl. zu den Gliederungsvarianten der<lb/>stoischen
                    Logik-Lehrbücher auch <hi rend="smcap">Diog. Laert. vii</hi> 43-46 <hi
                        rend="italic">(F.D.S.</hi> 33) und die Über-<lb/>sicht in <hi rend="italic"
                        >F.D.S.</hi> Bd. 1, S. <hi rend="smcap">lxxviii-xc</hi>.</note>. Die
                Einsicht, daß uns immer nur Vorstellungen<lb/>und niemals die äußeren Gegenstände an
                sich gegenwärtig sind, wird<lb/>von der neuen Lehrbuchgliederung also an den Anfang
                der Philosophie</p>
<p rend="pb"><pb n="240" facs="Ele92_240.jpg"/></p>
            <p>gestellt. Das dürfte eine Reaktion auf skeptische
                Einwände sein. Doch<lb/>ansonsten erlahmte die Diskussion sehr. Auch bei Sextus
                Empiricus fin-<lb/>den wir zwar ein paar stoische Repliken, aber kaum Spuren einer
                nach-<lb/>drücklichen stoischen Verteidigung. Insgesamt gesehen haben die
                Stoiker<lb/>auf die pyrrhonische Skepsis zwar reagiert; sie scheinen sich von ihr
                aber<lb/>nicht ernsthaft getroffen gefühlt zu haben.</p>
            <p rend="start">Nichtsdestoweniger wurden sie von den Pyrrhoneern weiterhin als<lb/>die
                Hauptgegner betrachtet. Vor allem sind sie das auch für Sextus Em-<lb/>piricus noch,
                der viel Energie darauf verwendet, sie seriös zu widerle-<lb/>gen, und sie nirgends
                schilt, bornierte Dickköpfe zu sein. Sein Material<lb/>stammt zwar aus älteren
                Quellen. Aber er verwendet es mit sachlichem<lb/>Engagement, und das zeigt, daß die
                stoische Erkenntnistheorie der<lb/>pyrrhonischen Skepsis immer noch erheblichen
                Widerstand entgegen-<lb/>setzte. Man war in dieser Tradition auch am Ende des II.
                Jhs. n. Chr.<lb/>noch nicht der Meinung, die Stoiker souverän abfertigen zu
                können,<lb/>sondern sah sich nach mehr als 250 Jahren noch immer in
                derselben<lb/>Diskussions-situation.</p>
            <p rend="start">Eine derartige Stagnation im gegenseitigen Verhältnis der
                Kontra-<lb/>henten ist in der neuzeitlichen Gesamteinschätzung des antiken
                Konflikts<lb/>zwischen pyrrhonischen Skeptikern und Stoikern nicht vorgesehen,
                und<lb/>sie ließe sich nicht verständlich machen, wenn die Parteien sich
                genau<lb/>so aufeinander bezogen hätten, wie es heute im Anschluß an Hume
                aus-<lb/>sieht. Denn dann wären die Pyrrhoneer in der Lage gewesen, ein
                globales<lb/>Argument, ähnlich dem Humes, vorzutragen und die Stoiker mit
                einem<lb/>Schlag zu überführen. Sie, hätten sie argumentativ in eine
                ausweglose<lb/>Situation bringen und sie bei unzureichender Reaktion
                publikumswirksam<lb/>abqualifizieren können und sie gewiß nicht über so lange Zeit
                als respek-<lb/>table Gegner angesehen. Außerdem hätten sie die Ausdrücke
                “Dogma-<lb/>tiker”, “dogmatisch” und “dogmatisieren” schon so abwertend
                verwenden<lb/>können, wie sie in der Neuzeit gebraucht wurden<note xml:id="ftn12"
                    place="foot" n="12"> Vgl. z.B. schon D. <hi rend="smcap">Hume, </hi><hi
                        rend="italic">op. cit.</hi>, S. 132.</note> und bis heute geläufig<lb/>sind.
                Da dies alles nicht der Fall ist, wird auch die durch die Wirkungs-<lb/>geschichte
                vermittelte Einschätzung des antiken Konflikts diesem nicht<lb/>völlig angemessen
                sein; vielmehr dürfte sie — um das mindeste zu sagen —<lb/>einiges ausblenden, was
                durchaus wesentlich ist.</p>
            <p rend="pb"><pb n="241" facs="Ele92_241.jpg"/></p>
            <p rend="start">Um das, was sie verdeckt, sichtbar zu machen oder gar einer
                verbes-<lb/>serten Gesamteinschätzung vorzuarbeiten, wird im folgenden zunächst
                in<lb/>den Grundzügen beschrieben, wie Sextus Empiricus über
                philosophische<lb/>Gegnerschaft denkt, welche Funktion darin den
                Auseinandersetzungen<lb/>über Erkenntnistheorie und Logik zukommt (II) und inwiefern
                die Stoi-<lb/>ker Hauptgegner des Sextus sind (III). Anschließend wird die
                skeptische<lb/>Kritik des stoischen Wahrheitskriteriums skizziert, die allerdings
                nicht<lb/>alle Ausprägungen der stoischen Lehre trifft (IV). Die Pyrrhoneer
                hätten<lb/>jedoch stärkere Einwände Vorbringen können, mit denen sie die
                Stoiker<lb/>zu einer sehr grundsätzlichen Verteidigung herausgefordert hätten;
                mit<lb/>einem solchen fiktiven Dialog befaßt sich der letzte Abschnitt (V).</p>
            <p rend="title">II</p>
            <p rend="start">Um die Gegnerschaft zwischen Sextus und den Stoikern genauer
                zu<lb/>charakterisieren, bildet der Anfang der <hi rend="italic">Pyrrhonischen
                    Hypotyposen</hi> einen<lb/>geeigneten Ausgangspunkt. Sextus beschreibt dort die
                obersten Gattun-<lb/>gen philosophischen Denkens. Das, wonach in der Philosophie
                gesucht<lb/>werde, könne man, so sagt er, entweder der Meinung sein gefunden
                zu<lb/>haben, oder man glaube, es nicht gefunden zu haben; in diesem
                zweiten<lb/>Fall halte man es entweder für unauffindbar, oder man bleibe weiter
                auf<lb/>der Suche danach. Zu den in der Philosophie interessierenden
                Gegenstän-<lb/>den kann man sich nach Sextus also auf dreifache Weise verhalten:
                Ent-<lb/>weder glaubt man, sie gefunden zu haben, und ist dann, indem man
                sich<lb/>eine Ansicht darüber bildet, ein Dogmatiker im engeren Sinne; oder
                man<lb/>hält sie für unauffindbar und ist wegen der darin enthaltenen
                negativen<lb/>Sachaussage ein Akademiker (Dogmatiker im weiteren Sinne); oder
                man<lb/>sieht sich nicht in der Lage, irgendwelche verläßlichen Sachaussagen
                zu<lb/>machen, bleibt auf der Suche und ist im wahrsten Sinne des Wortes
                ein<lb/>Skeptiker (“Späher”) (<hi rend="italic">PH</hi>
                <hi rend="smcap">i</hi> 1-4). Typischerweise pflegt ein solcher Skep-<lb/>tiker sich
                zugleich des Urteils zu enthalten und Fragwürdigkeiten oder<lb/>Aporien zu
                entwickeln; von daher wird er auch Ephektiker (“Zurück-<lb/>halter”) und Aporetiker
                genannt (<hi rend="italic">PH</hi>
                <hi rend="smcap">i</hi> 7).</p>
            <p rend="start">Die Stoiker waren natürlich Dogmatiker und sind für Sextus
                von<lb/>vornherein Gegner <hi rend="italic">(PH</hi>
                <hi rend="smcap">i</hi> 3). Aber bevor wir uns ihnen zuwenden, sollten</p>
            <p rend="pb"><pb n="242" facs="Ele92_242.jpg"/></p>
            <p>wir uns zu dem Konflikt zwischen den obersten Gattungen
                philosophi-<lb/>schen Denkens noch dreierlei klarmachen. Der erste Punkt betrifft
                die<lb/>Anzahl der Konfliktparteien, der zweite die Position des Skeptikers
                und<lb/>die dritte das Feld der hauptsächlichen Auseinandersetzung.</p>
            <p rend="start">Nach der Beschreibung des Sextus ist der Konflikt zwischen
                den<lb/>Haupttypen philosophischen Denkens ein Konflikt zwischen drei
                Einstel-<lb/>lungen zu den in der Philosophie interessierenden Gegenständen.
                Dieser<lb/>Dreiparteienstreit läßt sich allerdings auf einen Zweiparteienstreit
                redu-<lb/>zieren. Denn indem es um das Finden der in der Philosophie
                interessie-<lb/>renden Gegenstände geht, handelt es sich um ein Problem der
                philosophi-<lb/>schen Erkenntnis, und die zweite Partei nimmt für ihre negative
                Einstel-<lb/>lung bereits eine solche Erkenntnis in Anspruch. Deshalb bildet sie
                eine<lb/>spezielle Gruppe der sogenannten dogmatischen Philosophen und
                braucht<lb/>(wenigstens in unserem Zusammenhang) nicht mitgeführt zu werden.
                Es<lb/>genügt, den Grundkonflikt so zu beschreiben, daß mit Bezug auf
                minde-<lb/>stens einen Teil der in der Philosophie interessierenden Gegenstände
                die<lb/>einen zuversichtlich sind und die anderen sich jedes Urteils
                enthalten.<lb/>Durch diese Reduktion wird deutlicher, daß der eigentliche
                Gegensatz<lb/>der zwischen Dogmatismus und Skepsis ist<note xml:id="ftn13"
                    place="foot" n="13">Gelegentlich hat auch Sextus selbst das so dargestellt. Vgl.
                    z.B. <hi rend="italic">PH</hi>
                    <hi rend="smcap">i</hi> 12;<lb/>215; 220-235; <hi rend="italic">M</hi>
                    <hi rend="smcap">vii</hi> 27 (weiter unten zitiert).</note>.</p>
            <p rend="start">Aber nicht nur aus diesem Grund kann die Skepsis als
                Antidogmatis-<lb/>mus bezeichnet werden, sondern auch, wenn man ihre Position im
                Streit<lb/>der Philosophien genauer betrachtet. Dazu kann man sich an der
                Darstel-<lb/>lung der Skepsis orientieren, die Sextus im Anschluß an die
                Einteilung<lb/>der philosophischen Denkweisen gibt. Er beginnt seine Beschreibung
                da-<lb/>mit, daß er in einer Art Definition die Grundelemente der Skepsis
                zusam-<lb/>menstellt:</p>
            <p rend="start">«Die Skepsis ist das Vermögen, auf alle erdenkliche Weise
                erscheinende<lb/>und gedachte Dinge einander entgegenzusetzen, — das Vermögen,
                von<lb/>dem aus wir wegen der Gleichgewichtigkeit der solchermaßen
                entge-<lb/>gengesetzten Sachen und Aussagen zuerst zur Zurückhaltung und
                danach<lb/>zur Seelenruhe gelangen» <hi rend="italic">(PH</hi>
                <hi rend="smcap">i</hi> 8).</p>
            <p>Hatte Sextus die Skepsis anfangs als Suche und Urteilsenthaltung
                    ein-</p>
<p rend="pb"><pb n="243" facs="Ele92_243.jpg"/></p>
            <p>geführt, so fügt er jetzt hinzu, was der Urteilsenthaltung
                vorausgeht und<lb/>folgt.</p>
            <p rend="start">Was ihr <hi rend="italic">folgt,</hi> entspricht in keiner Weise dem
                neuzeitlichen Ver-<lb/>ständnis von Skepsis. Nach Sextus befördert die
                Urteilsenthaltung das<lb/>Lebensglück: Sie zielt auf Seelenruhe <hi rend="italic"
                    >(PH</hi>
                <hi rend="smcap">i</hi> 8, 12, 25-30, 205, 232). Die-<lb/>ses Ziel wurde zwar in der
                vorangehenden skeptischen Tradition nicht<lb/>formuliert und war insofern neu<note
                    xml:id="ftn14" place="foot" n="14"> Vgl. D. <hi rend="smcap">Sedley, </hi><hi
                        rend="italic">The Motivation of Greek Skepticism</hi>, in <hi rend="italic"
                        >The Skeptical Tradi-<lb/>tion,</hi> cit., S. 9-29, bes. 21 f.</note>. Aber
                es war ein von allen Philoso-<lb/>phen anerkanntes Ziel und unstrittig<note
                    xml:id="ftn15" place="foot" n="15">Wie Sextus feststellt, fühlte man sich
                    allgemein «beunruhigt durch die<lb/>Unregelmäßigkeit in den Sachen und ratlos,
                    welchen von ihnen man eher zustimmen<lb/>sollte» <hi rend="italic">(PH</hi>
                    <hi rend="smcap">i</hi> 12), und strebte aus dieser Lebenserfahrung heraus
                    durchweg nach<lb/>Seelenruhe.</note>. Es geriet nicht in die
                Auseinan-<lb/>dersetzung der Schulen und half dem Skeptiker, sich gegen den
                Vorwurf<lb/>zu verteidigen, selber dogmatisch zu sein. Trotzdem konnten die
                Dogma-<lb/>tiker hier einhaken und fragen, ob die Skepsis wirklich dem
                Lebensglück<lb/>diene oder ob der Skeptiker nicht vielmehr aufgrund der Argumente,
                die<lb/>er gegen die dogmatische Philosophie einsetze, dem ganzen Leben
                entsa-<lb/>gen müßte. Die Stoiker haben solche Einwände häufiger vorgebracht<note
                    xml:id="ftn16" place="foot" n="16">
                    <hi rend="smcap">Diog. Laert. vii </hi>129 <hi rend="italic">(F.D.S.</hi> 361):
                    «Sie <hi rend="italic">[seil,</hi> die Stoiker] sind der Ansicht,<lb/>daß man
                    die Philosophie auch nicht wegen der Meinungsverschiedenheit [unter
                    den<lb/>Philosophen] aufgeben dürfe, weil man aufgrund dieses Arguments dem
                    ganzen Leben<lb/>zu entsagen hätte, wie auch Poseidonios in seinen <hi
                        rend="italic">Protreptischen Reden</hi> sagt». Vgl.<lb/>ferner <hi
                        rend="smcap">Cic.</hi>
                    <hi rend="italic">ac. pr.</hi>
                    <hi rend="smcap">ii</hi> 31, 37 f. (L.-S. 40N; 400<hi rend="italic">/F.D.S.</hi>
                    363); <hi rend="smcap">Sext. Emp.</hi>
                    <hi rend="italic">M</hi>
                    <hi rend="smcap">xi</hi> 162-165<lb/><hi rend="italic">(F.D.S.</hi>
                360).</note>.<lb/>Sie sind im Diskussionsrahmen der Antike nicht deplaziert.
                Freilich sind<lb/>sie auch nicht zentral und sollen hier nicht weiter verfolgt
                werden. Eben-<lb/>sowenig soll der Konsens weiter befragt werden, der zwischen den
                anti-<lb/>ken Dogmatikern und Skeptikern über das Ziel philosophischer
                Reflexio-<lb/>nen bestanden hat. Es genügt, sich bewußt zu machen, daß der
                Beitrag<lb/>der skeptischen Urteilsenthaltung zum Selbstverständnis des
                Menschen<lb/>in der Antike wesentlich anders eingeschätzt wurde als in der Neuzeit.</p>
            <p rend="start">Nachdem das Ziel der Philosophie unstrittig und allgemein
                aner-<lb/>kannt ist, betrifft der Gegensatz zwischen den philosophischen
                Schulen<lb/>auch noch nicht das erste Mittel zur Erreichung dieses Ziels,
                nämlich<lb/>noch nicht den Umstand, daß man angesichts der wechselnden
                    Vielfalt</p>
<p rend="pb"><pb n="244" facs="Ele92_244.jpg"/></p>
            <p>der Erscheinungen die Wahrheitsfrage zu stellen
                pflegt. Vielmehr betrifft<lb/>der Gegensatz erst den nächsten Schritt: Die
                Dogmatiker schlagen vor<lb/>«zu untersuchen, was in den Sachen das Wahre ist und was
                das Falsche,<lb/>um durch die Entscheidung dieser Frage Ruhe zu finden» <hi
                    rend="italic">(PH</hi>
                <hi rend="smcap">i</hi> 12). Der<lb/>Skeptiker hält das für eine Scheinlösung, die
                Eifer erzeugt und fortwäh-<lb/>rende Beunruhigung mit sich bringt <hi rend="italic"
                    >(PH</hi>
                <hi rend="smcap">i</hi> 27). Zwar begann auch er «zu<lb/>philosophieren, um die
                Vorstellungen zu beurteilen und zu erkennen, wel-<lb/>che wahr sind und welche
                falsch». Aber «dabei geriet er in den ausgewo-<lb/>genen Widerstreit, und weil er
                diesen nicht zu entscheiden vermochte,<lb/>hielt er inne. Als er aber innehielt,
                folgte ihm zufällig die Seelenruhe<lb/>in den für eine Meinungsbildung geeigneten
                Dingen» <hi rend="italic">(PH</hi>
                <hi rend="smcap">i</hi> 26). Er emp-<lb/>fiehlt also, die Wahrheitsfrage durchweg
                offen zu lassen und das Ziel<lb/>auf diese Weise anzustreben <hi rend="italic">(PH</hi>
                <hi rend="smcap">i</hi> 12, 28).</p>
            <p rend="start">Die Urteilsenthaltung stützt sich auf den ausgewogenen
                Widerstreit,<lb/>d.h. darauf, daß jede vernünftig erwägbare Antwort auf eine
                Wahrheits-<lb/>frage ebenso stark oder ebenso schwach erscheint wie ihr Gegenteil.
                Ur-<lb/>teilsenthaltung bietet sich überall an, wo diese Ausgewogenheit
                sichtbar<lb/>wird. Dafür wiederum kann der Skeptiker sorgen. Er nimmt sich
                eine<lb/>vernünftig erwägbare Antwort vor und wendet darauf seine Tropen
                an,<lb/>also die skeptischen Argumentationsmuster, die zu eben diesem
                Zweck<lb/>entwickelt worden sind und die Sextus deshalb ausführlich darstellt <hi
                    rend="italic">(PH<lb/></hi><hi rend="smcap">i</hi> 31-186). Es handelt sich
                dabei um eine Reihe von Verfahren, wie man<lb/>einen Dogmatiker bei seinen
                unzulänglichen Versuchen stellen kann,<lb/>Wahrheitsfragen zu entscheiden und etwas
                über die wirkliche Natur der<lb/>Dinge auszumachen. Wer sich auf die Argumentation
                nach diesen Tropen<lb/>versteht, darf also erwarten, die ausgewogene Schwäche
                vorgelegter dog-<lb/>matischer Auskünfte zu sehen, zur Urteilsenthaltung zu gelangen
                und die<lb/>erstrebte Ruhe zu finden.</p>
            <p rend="start">Nach den Tropen geht Sextus auf die skeptischen Schlagworte ein<lb/><hi
                    rend="italic">(PH</hi>
                <hi rend="smcap">i</hi> 187-208) und sagt bei dieser Gelegenheit einiges, um zu
                verhin-<lb/>dern, daß die Skepsis als negativer Dogmatismus mißverstanden
                wird.<lb/>Insbesondere stellt er noch einmal klar, daß der Gegenstandsbereich
                der<lb/>skeptischen Rede nicht über den Bereich der Erscheinungen
                hinausreicht;<lb/>der Skeptiker sagt immer nur, was ihm bislang oder im Augenblick
                als<lb/>wahr erscheint<note xml:id="ftn17" place="foot" n="17"> Vgl. vor allem <hi
                        rend="italic">PH</hi>
                    <hi rend="smcap">i</hi> 208 und 201.</note>. Dieser Bereich wird sogar bei
                denjenigen Ausfüh-</p>
<p rend="pb"><pb n="245" facs="Ele92_245.jpg"/></p>
            <p>rungen nicht überschritten, die zur Begründung
                der Beschränkung vorge-<lb/>bracht werden<note xml:id="ftn18" place="foot" n="18"
                        ><hi rend="italic">PH</hi>
                    <hi rend="smcap">i</hi> 206: Der Skeptiker versichert nichts über die unbedingte
                    Wahrheit<lb/>seiner eigenen Aussagen; diese sind möglicherweise ebenso schwach
                    wie die Meinun-<lb/>gen der Gegner und heben sich mit ihnen auf.</note>. Selbst
                die skeptischen Tropen gelten nur als “bis<lb/>jetzt” wirksame Verfahren zur Kritik
                der Dogmatiker; sie drücken keine<lb/>Lehrmeinungen aus, sondern sind praktisch zu
                verstehende Regeln einer<lb/>Lebensform, die sich immer neu bewähren müssen<note
                    xml:id="ftn19" place="foot" n="19"><hi rend="italic">PH </hi><hi rend="smcap"
                    >i</hi> 16 f., 202-204. Vgl. für das “bis jetzt” z.B. auch <hi rend="italic">PH</hi>
                    <hi rend="smcap">i</hi> 200, 201; in<lb/>70; <hi rend="italic">M</hi>
                    <hi rend="smcap">viii </hi>257, 401, 427, 428; <hi rend="smcap">xi
                </hi>229.</note>.</p>
            <p rend="start">Mit solchen Hinweisen kommt die Erläuterung der Skepsis, die<lb/>durch
                die zitierte Textstelle in Aussicht gestellt wurde, zum Abschluß.<lb/>Sie lassen
                einen wichtigen Unterschied zu der Skepsis-Darstellung Humes<lb/>erkennen. Der
                Skeptiker im Sinne des Sextus will konsequent vom Stand-<lb/>punkt der Erscheinungen
                und Meinungen aus argumentieren; er wirft den<lb/>Dogmatikern insgesamt vor, diesen
                Standpunkt auf illegitime Weise in<lb/>Richtung auf Wirldichkeit und Wahrheit
                überschreiten zu wollen, und<lb/>bemüht sich nachzuweisen, daß keiner dieser
                Versuche geglückt sei. Aber<lb/>eine theoretische Explikation oder gar
                Rechtfertigung seines Standpunkts<lb/>kann er, anders als Hume es tat, nicht geben;
                er kann das, wonach er<lb/>sich richtet, nicht als grundsätzliche These aufstellen
                und etwa mit An-<lb/>spruch auf Wahrheit behaupten, daß es dem Menschen unmöglich
                sei,<lb/>den Bereich der Phänomene und Meinungen zu überschreiten.</p>
            <p rend="start">Aus diesem Grund ist es für den pyrrhonischen Skeptiker wichtig,<lb/>die
                Dogmatiker tatsächlich widerlegen zu können. Eine umfassende Kri-<lb/>tik ihrer
                Ansätze dient zugleich als Legitimation der Skepsis und bildet,<lb/>wie Sextus sich
                ausdrückt, «die spezielle Erörterung der skeptischen Phi-<lb/>losophie (ὁ εἰδικὸς
                λόγος τῆς σκεπτικῆς φιλοσοφίας)» (<hi rend="italic">PH</hi>
                <hi rend="smcap">i</hi> 5 f.).</p>
            <p rend="start">Allerdings kann der pyrrhonische Skeptiker schon aus
                Zeitgründen<lb/>unmöglich selber jede einzelne Behauptung widerlegen, die jemals
                von<lb/>einem Philosophen aufgestellt wurde. Vielmehr wird er den Umstand
                aus-<lb/>nutzen, daß die Dogmatiker sich bereits teilweise selbst widerlegen.
                Im<lb/>Hinblick auf die Relevanz seiner Argumente muß er sehr interessiert<lb/>sein,
                nicht nur irgendwelche Leute zu widerlegen, die glauben, etwas<lb/>Wahres über die
                Wirklichkeit sagen zu können, sondern namhafte Dog-</p>
<p rend="pb"><pb n="246" facs="Ele92_246.jpg"/></p>
            <p>matiker mit
                möglichst gut überlegten Thesen. Der Pyrrhoneer muß sich<lb/>auf möglichst starke
                dogmatische Gegner konzentrieren; die anderen<lb/>überführt er nebenbei.</p>
            <p rend="start">Der dritte Punkt schließt hier gut an. Er betrifft die Frage,
                worauf<lb/>sich der Streit der philosophischen Richtungen eigentlich bezieht.
                Nach<lb/>dem Ansatz der Skepsis geht es ganz allgemein darum, ob es
                überhaupt<lb/>möglich ist, jemals über den Bereich der Erscheinungen und
                Meinungen<lb/>hinauszukommen und mit Anspruch auf Wahrheit über die
                Wirklichkeit<lb/>zu sprechen. Jede Aussage, mit der so etwas versucht wird, zieht
                deshalb<lb/>die skeptische Kritik auf sich und muß, soweit kein allgemeineres
                Argu-<lb/>ment zur Verfügung steht, für sich diskutiert und des
                dogmatischen<lb/>Scheins überführt werden. Mit seiner Kritik einiger dogmatischer
                Einzel-<lb/>wissenschaften (<hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">i-vi</hi>) trägt Sextus dieser enormen Breite des skepti-<lb/>schen
                Anspruchs einigermaßen Rechnung.</p>
            <p rend="start">Einen wichtigen Ausschnitt aus dem großen Spektrum der Aussagen<lb/>mit
                Wahrheitsanspruch bilden die Aussagen der dogmatischen Philosophen.<lb/>Darin geht
                es um die in der Philosophie interessierenden Gegenstände, von<lb/>denen zu Beginn
                der <hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypotyposen</hi> die Rede war. In der
                Antike<lb/>bezogen sie sich (wenn man sie nach der damals verbreiteten Einteilung
                der<lb/>Philosophie unterscheidet) zum Teil auf erkenntnistheoretische und
                logi-<lb/>sche, zum weitaus größeren Teil aber auf naturphilosophische und
                ethische<lb/>Fragen, und sie werden von Sextus in voller Breite diskutiert. Er trägt
                den<lb/>Grundkonflikt der philosophischen Denkweisen also so umfassend aus,
                wie<lb/>er ihn anfangs dargestellt hat, unter Einschluß von Physik und Ethik.</p>
            <p rend="start">Trotzdem geht der Unterschied der philosophischen Denkweisen
                of-<lb/>fensichtlich auf entsprechende Unterschiede in der Erkenntnislehre
                zu-<lb/>rück. Der Konflikt zwischen Dogmatikern und Skeptikern muß
                deshalb<lb/>hauptsächlich auf erkenntnistheoretischem Gebiet ausgetragen
                werden<lb/>und betrifft die anderen Zweige der Philosophie erst in zweiter
                Linie.<lb/>Sextus Empiricus selbst macht das auf doppelte Weise deutlich.
                Erstens<lb/>stützt er sich auf eben diesen Gedanken und macht von ihm einen
                ganz<lb/>selbstverständlichen Gebrauch, sobald es darum geht, die
                Themenfolge<lb/>für die Auseinandersetzung mit den Dogmatikern festzulegen; und
                zwei-<lb/>tens weist er anschließend auch noch ausdrücklich darauf hin, daß
                der<lb/>fundamentale Streit der Philosophien auf eine Auseinandersetzung
                um<lb/>Wahrheitskriterien hinauslaufe.</p>
            <p rend="pb"><pb n="247" facs="Ele92_247.jpg"/></p>
            <p rend="start">Was die Reihenfolge bei der Diskussion dogmatischer Thesen
                an-<lb/>geht, war es bei den Dogmatikern bzw. vor allem bei den Stoikern
                seit<lb/>etwa 100 v. Chr. üblich geworden, die Erkenntnislehre im Rahmen
                der<lb/>“Logik” abzuhandeln und sich in diesem Teil der Philosophie auch mit<lb/>der
                Skepsis auseinanderzusetzen<note xml:id="ftn20" place="foot" n="20"> Näheres <hi
                        rend="italic">supra</hi>, S. 239.</note>. Sextus akzeptierte das und
                behandelt<lb/>den Grundkonflikt der philosophischen Denkweisen folgerichtig als
                einen<lb/>logischen Streit. Deutlich wird das, wo er seine Kritik der anderen
                philo-<lb/>sophischen Richtungen vorbereitet. Zunächst expliziert er, was man
                als<lb/>die in der Philosophie interessierenden Gegenstände anzusehen hat,
                und<lb/>plädiert wegen der größeren Vollständigkeit dafür, den Stoikern und
                an-<lb/>deren Dogmatikern zu folgen, die nicht bloß ein oder zwei, sondern
                drei<lb/>Teile der Philosophie annehmen: Logik, Physik und Ethik<note xml:id="ftn21"
                    place="foot" n="21"><hi rend="italic">PH</hi><hi rend="smcap"> ii</hi> 12 f.;
                        <hi rend="italic">M</hi>
                    <hi rend="smcap">vii</hi> 2-19. Die Orientierung an einer bestimmten Gruppe
                    von<lb/>Dogmatikern entspricht in diesem Fall dem wohlverstandenen
                    Eigeninteresse des<lb/>Sextus und bringt ihm eher Vor- als Nachteile. Er möchte
                    ja die Auffassungen der<lb/>Dogmatiker umfassend entkräften und ist sich sicher,
                    dieses Ziel erreichen zu kön-<lb/>nen. Wenn er bei seinen Erörterungen also eine
                    möglichst vollständige Themenliste<lb/>zugrundelegt, ist am Ende für ein Maximum
                    dogmatischer Thesen vorgeführt, wie<lb/>wenig Zustimmung sie verdienen. Für die
                    Überzeugungskraft des Skeptikers kann<lb/>eine derart umfangreiche Demonstration
                    nur günstig sein.</note>. Daraufhin<lb/>muß er entscheiden, bei welchem Teil der
                Philosophie er seine Kritik<lb/>beginnen will, und Sextus entscheidet sich für die
                Logik. Zur Begrün-<lb/>dung erklärt er, die Anfangsfrage, ob die in der Philosophie
                interessieren-<lb/>den Gegenstände erkennbar seien (oder nicht) oder ob man sich
                darüber<lb/>eines Urteils enthalten müsse, sei gleichbedeutend mit der Frage, ob
                es<lb/>ein Kriterium zur Erkenntnis dieser Gegenstände gebe (oder nicht) oder<lb/>ob
                man sich eines Urteils darüber enthalten müsse; nun sei die Untersu-<lb/>chung von
                Wahrheitskriterien Sache der Logik; dort also müsse mit der<lb/>Kritik der
                Dogmatiker begonnen werden<note xml:id="ftn22" place="foot" n="22"><hi rend="italic"
                        >PH</hi>
                    <hi rend="smcap">ii </hi>13; <hi rend="italic">M</hi>
                    <hi rend="smcap">vii</hi> 24. An der ersten Stelle formuliert Sextus Empiricus
                    seinen<lb/>Gedankengang außerordentlich kurz; wirklich verständlich wird er erst
                    an der zwei-<lb/>ten Stelle.</note>. Nach dieser Argumentation<lb/>ist der
                fundamentale Streit der Philosophien auch für Sextus im Grunde<lb/>ein in der Logik
                auszutragender Streit um Wahrheitskriterien. Er kann<lb/>dort genauso wie vorher als
                Drei- oder pointierter als Zweiparteienstreit</p>
<p rend="pb"><pb n="248" facs="Ele92_248.jpg"/></p>
            <p>formuliert
                    werden<note xml:id="ftn23" place="foot" n="23"> Siehe einerseits <hi
                        rend="italic">PH</hi>
                    <hi rend="smcap">ii </hi>18, andererseits <hi rend="italic">M</hi>
                    <hi rend="smcap">vii</hi> 27 (im folgenden zitiert).</note>. Soweit er sich
                überhaupt entscheiden läßt, muß er<lb/>wohl auch dort entschieden werden<note
                    xml:id="ftn24" place="foot" n="24"> Vgl. <hi rend="italic">PH</hi>
                    <hi rend="smcap">ii</hi> 19: «Diesen Widerstreit werden sie [<hi rend="italic"
                        >scil.</hi> die Dogmatiker] entwe-<lb/>der entscheidbar nennen oder
                    unentscheidbar. Wenn unentscheidbar, geben sie eben<lb/>damit zu, daß man sich
                    zurückhalten müsse. Wenn aber entscheidbar, mögen sie<lb/>uns sagen, wodurch er
                    entschieden werden soll, wo wir doch weder ein anerkanntes<lb/>Kriterium
                    besitzen noch überhaupt wissen, ob es so etwas gibt, sondern danach
                    fra-<lb/>gen». — J. Barnes hat kürzlich darauf hingewiesen, daß
                    Meinungsstreitigkeiten, in<lb/>denen der Skeptiker selbst Partei ist, sich
                    kurioserweise gerade aufgrund dieser Beteili-<lb/>gung des Skeptikers auch zu
                    dessen Gunsten entscheiden. Bei einem ernsthaften Mei-<lb/>nungsstreit ist
                    nämlich zu unterstellen, daß jede Seite ihre Sache seriös erwogen hat<lb/>und
                    daß sich kein Weg zeigt, den Streit überzeugend zu entscheiden.
                    Vernünftiger-<lb/>weise muß man ihn also unentschieden lassen und sich des
                    Urteils enthalten. Wenn<lb/>— wie in unserem Fall — der Skeptiker eine Partei
                    des Meinungsstreits bildet, heißt<lb/>daß, man muß sich dem Skeptiker
                    anschließen und dadurch den Streit entscheiden<lb/>(vgl. J. <hi rend="smcap"
                        >Barnes, </hi><hi rend="italic">The Toils of Scepticism</hi>, Cambridge
                    1990, S. 17 ff.; der Beweis für<lb/>die eigentümliche Entscheidung des Streits
                    S. 23). Sextus scheint diese sonderbare<lb/>Eigenschaft des Grundkonflikts
                    zwischen den Philosophien gekannt zu haben; vgl.<lb/>nämlich außer der eben
                    zitierten Stelle auch <hi rend="italic">M</hi>
                    <hi rend="smcap">viii</hi> 160.</note>. Im übrigen macht er den Skopus<lb/>alles
                dessen aus, was Sextus im Bereich der Logik thematisiert.</p>
            <p rend="start">Nachdem der Umfang und die Reihenfolge der Auseinandersetzung<lb/>mit
                den Dogmatikern festgelegt sind, erklärt Sextus auch noch einmal<lb/>ausdrücklich,
                welchen Rang die Frage eines Wahrheitskriteriums hat:</p>
            <p rend="start">«Die Untersuchung dieses Kriteriums ist nicht nur deshalb bei
                allen<lb/>Leuten umstritten, weil der Mensch von Natur aus ein
                wahrheitslieben-<lb/>des Lebewesen ist, sondern auch deshalb, weil sie bezüglich der
                wichtig-<lb/>sten Fragen als Kampfrichter zwischen den obersten Schulgattungen
                der<lb/>Philosophie auftritt. Denn entweder wird der große und ehrwürdige
                Stolz<lb/>der Dogmatiker gänzlich aufgehoben werden müssen, wenn sich
                nämlich<lb/>keinerlei Maßstab für die wirkliche Existenz der Dinge findet; oder
                wenn<lb/>sich etwas zeigt, was uns zur Erkenntnis der Wahrheit führen kann,
                wer-<lb/>den die Skeptiker als voreilig und als Leute überführt, die in
                anmaßender<lb/>Weise den allgemeinen Glauben attackieren» <hi rend="italic">(M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 27).</p>
            <p rend="start">Nachdem der fundamentale Streit der philosophischen Denkweisen<lb/>auf
                den entscheidenden Punkt konzentriert und in einen logischen
                Streit<lb/>transformiert ist, lassen sich drei eng zusammenhängende
                Folgerungen<lb/>ziehen. Erstens haben Auseinandersetzungen in der Logik bzw. in
                    der</p>
<p rend="pb"><pb n="249" facs="Ele92_249.jpg"/></p>
            <p>Erkenntnistheorie unvergleichlich viel mehr Gewicht als in
                den anderen<lb/>Teilen der Philosophie. Sie vervollständigen nicht nur die
                philosophische<lb/>Themenpalette, wie Sextus zunächst glauben machen will<note
                    xml:id="ftn25" place="foot" n="25"> Siehe <hi rend="italic">supra</hi>, Anm.
                21.</note>. Vielmehr<lb/>betreffen sie zentral den Streit zwischen Dogmatikern und
                Skeptikern<lb/>und bilden im Vergleich zu den anderen Themen eine Art
                Metadiskurs.<lb/>Sollten die logischen Diskussionen zugunsten des Skeptikers
                ausgehen,<lb/>so ist zu erwarten, daß er auch die anderen Diskurse für sich
                entscheiden<lb/>wird. Wenn dort andererseits die Dogmatiker eine Chance haben
                wollen,<lb/>müssen sie sich zuvor in der Logik durchsetzen.</p>
            <p rend="start">Zweitens versteht sich: wer in der Logik ein herausragender
                Gegner<lb/>des Sextus ist, der ist für ihn auch überhaupt ein bedeutender
                Gegner.<lb/>Das ist der Ort, von den Stoikern zu sprechen. Sextus hat zwar
                gleich<lb/>zu Beginn seiner ersten Schrift klargemacht, daß er sie für
                Dogmatiker<lb/>hält und zu seinen Gegnern zählt <hi rend="italic">(PH</hi>
                <hi rend="smcap">i</hi> 3). In der unmittelbar folgenden<lb/>Darstellung der Skepsis
                geht er auf sie dann freilich nur selten ein. Ver-<lb/>hältnismäßig konzentriert
                befaßt er sich mit diesen Gegnern erst im n.<lb/>Buch der <hi rend="italic"
                    >Pyrrhonischen Hypotyposen</hi> und vor allem im i. und n. Buch<lb/><hi
                    rend="italic">Adversus Dogmaticos</hi> ( = <hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">vii-viii</hi>), also in seinen Überlegungen zum
                Wahr-<lb/>heitskriterium bzw. zur Logik. In den weiteren Ausführungen zur
                Physik<lb/>und Ethik der Dogmatiker <hi rend="italic">(PH</hi>
                <hi rend="smcap">iii</hi>; <hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">ix-xi) </hi>ist von den Stoikern wieder<lb/>nur sporadisch die
                Rede. In der abschließenden Diskussion dogmatischer<lb/>Einzelwissenschaften (<hi
                    rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">i-vi</hi>) geht es naturgemäß fast gar nicht um die<lb/>Stoiker,
                und die wenigen Male, die sie dort erwähnt werden, geschieht dies<lb/>sogar kaum in
                kritischer Absicht. Statistisch gesehen beschränkt Sextus<lb/>seine
                Auseinandersetzung mit den Stoikern also auf einen ziemlich klei-<lb/>nen Teil
                seiner Schriften. Dieser erkenntnistheoretisch-logische Teil ist<lb/>allerdings von
                vorrangiger Bedeutung, und wie gleich deutlicher zu sehen<lb/>sein wird, hat die
                Kritik der Stoiker innerhalb dieses Teils ein außeror-<lb/>dentlich großes Gewicht.
                Weil die Stoiker für Sextus also in der Logik<lb/>so herausragend wichtige Gegner
                waren, darf man sie auch überhaupt<lb/>als die Intimgegner des Sextus ansehen. Wie
                die Auseinandersetzungen<lb/>in der Physik und in der Ethik verlaufen, spielt dafür
                keine Rolle. Tat-<lb/>sächlich fallen die Stoiker in diesen Bereichen weniger auf.
                Niemand<lb/>käme aufgrund der Argumentationen, die Sextus dort gegen die
                    Stoiker</p>
<p rend="pb"><pb n="250" facs="Ele92_250.jpg"/></p>
            <p>entwickelt, auf den Gedanken, diese gegenüber der
                langen Reihe der<lb/>anderen Gegner hervorzuheben. Aber das beeinträchtigt, wie
                gesagt, in<lb/>keiner Weise die intime Gegnerschaft zwischen Sextus Empiricus
                und<lb/>den Stoikern.</p>
            <p rend="start">Drittens zeichnet sich ab, worum in der Hauptsache gestritten
                wird.<lb/>Es ist die Frage eines Wahrheitskriteriums. Alle Dogmatiker im
                Sinne<lb/>des Sextus sagen, daß es ein solches Kriterium gebe, und die
                Skeptiker<lb/>bestreiten das. Auch die Stoiker vertreten mit Nachdruck die
                Behaup-<lb/>tung, es gebe ein Wahrheitskriterium, und als die Intimgegner des
                Sextus<lb/>tun sie das in einer Weise, die Sextus als repräsentativ erschien.
                Jeden-<lb/>falls war er bemüht, seine Kritik dogmatischer Lehrmeinungen
                nicht<lb/>durch die Vielzahl der Gegner bestimmen und verwirren zu lassen,
                son-<lb/>dern methodisch zu gestalten (<hi rend="italic">PH</hi>
                <hi rend="smcap">ii</hi> 21; <hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 261 f.), und er baute sie<lb/>dann so auf, daß sie auf die
                Thesen der Stoiker vorzüglich abgestimmt<lb/>war. Offenkundig war er überzeugt, daß
                die Stoiker seine wichtigsten<lb/>Gegner seien; wenn er sich ihnen gegenüber
                durchzusetzen wisse, könne<lb/>er es auch mit allen anderen Dogmatikern aufnehmen.</p>
            <p rend="title">III</p>
            <p rend="start">In der Logik geht es Sextus um eine grundsätzliche
                Auseinanderset-<lb/>zung mit den Dogmatikern über die menschlichen
                Erkenntnismöglich-<lb/>keiten. Dabei liegt es wie bei anderen Themen in seinem
                eigenen Interesse<lb/>als Skeptiker, möglichst starke Gegner zu haben. Die Stoiker
                sind für ihn<lb/>in diesem Sinne bedeutende Gegner. Bevor wir auf seine Kritik an
                ihrer<lb/>Lehre eingehen, soll diese Qualität der Gegnerschaft ausführlicher
                auf-<lb/>gewiesen und in einen Zusammenhang mit der innerstoischen
                Meinungs-<lb/>vielfalt gebracht werden.</p>
            <p rend="start">1. Die Stoiker für bedeutende Gegner zu halten, ist als erstes
                durch<lb/>die Auffassungen gerechtfertigt, die sie im Bereich der
                Erkenntnistheorie<lb/>und Logik vertreten. Während der gesamten Geschichte ihrer
                Schule hiel-<lb/>ten sie unbeirrt daran fest, daß eine untrügliche Erkenntnis der
                Wirklich-<lb/>keit möglich sei, und sie erklärten, alle Menschen, die in hinreichend
                nor-<lb/>maler Verfassung seien, besäßen von Natur aus die Fähigkeit zu
                un-<lb/>terscheiden, was erkennbar wahr und was erkennbar falsch sei. Diesen</p>
            <p rend="pb"><pb n="251" facs="Ele92_251.jpg"/></p>
            <p>Grundüberzeugungen gaben sie in ihrer Erkenntnislehre eine
                theoretische<lb/>Gestalt, die in vielfältigen Auseinandersetzungen zu einem
                umsichtig ent-<lb/>wickelten Lehrgebäude reifte und ein würdiger Gegner der
                Skeptiker wur-<lb/>de. Kernpunkt dieser Lehre und am meisten umstritten war die
                These<lb/>von der “erkennenden Vorstellung” (καταληπτικὴ φαντασία); diese
                sei<lb/>das Kriterium der Wahrheit<note xml:id="ftn26" place="foot" n="26"><hi
                        rend="italic">F.D.S.</hi> 33, 255-257, 329-341 und öfter. Eine beachtliche
                    Zahl dieser Texte<lb/>stammt von Sextus Empiricus. Siehe auch L.-S. § 40 mit dem
                    Kommentar von Long,<lb/>in Bd. I, S. 249-53.</note>.</p>
            <p rend="start">Infolge der mannigfaltigen Diskussionen mit den Kritikern gab es<lb/>bei
                der Ausarbeitung dieser These im Laufe der Zeit eine gewisse Lehr-<lb/>entwicklung,
                so daß die detaillierte Darstellung nicht immer gleich aus-<lb/>fiel. Aber die
                folgende Skizze hätte wohl jeder Stoiker unterschrieben;<lb/>sie mag hier zur
                Orientierung genügen: (1) Das Wahrheitskriterium ist<lb/>der Gattung nach eine
                Vorstellung, also, wie man zu sagen pflegte, ein<lb/>“Eindruck im Zentralorgan”
                (τύπωσις ἐν τῷ ἡγεμονικῷ). Sodann (2)<lb/>gibt es unter den Vorstellungen allerlei
                wahre Vorstellungen, zutreffende<lb/>Eindrücke der Realität, die freilich nicht alle
                zu Erkenntnissen werden.<lb/>(3) Von den wahren Vorstellungen sind einige so
                beschaffen, daß sie sich<lb/>auch als wahre Vorstellungen ausweisen. Und zwar ist
                ihre Wahrheit aus<lb/>ihrer Klarheit und Deutlichkeit zu ersehen. Es sind nämlich,
                so die übli-<lb/>che Definition, diejenigen Vorstellungen, «die von etwas
                Bestehendem<lb/>her und nach Maßgabe des Bestehenden selbst sich in unserem
                Geist<lb/>abgedrückt haben und ihm eingesiegelt sind, wie sie von etwas nicht
                Be-<lb/>stehendem her nicht entstehen könnten», oder mit einem Wort die
                “er-<lb/>kennenden” Vorstellungen. Diese machen also Wahrheit bewußt und
                gel-<lb/>ten deshalb als Wahrheitskriterium. (4) Die erkennenden
                Vorstellungen<lb/>sind wiederum insofern unterscheidbar, als manche von ihnen durch
                eine<lb/>Sinneswahrnehmung zustande kommen, manche durch einen
                Abstrak-<lb/>tionsprozeß, manche durch einen Beweis und andere durch wieder
                ande-<lb/>res. Das sind aber Subdistinktionen, die schon innerhalb des
                Wahrheits-<lb/>kriteriums anzusiedeln sind und die es auch verdeutlichen. Aber zu
                seiner<lb/>Abgrenzung tragen sie nichts mehr bei. (5) Menschen in normaler
                körper-<lb/>licher und geistiger Verfassung können diese erkennenden wahren
                Vor-<lb/>stellungen leicht anhand ihrer eigentümlichen Beschaffenheit
                    identifizie-</p>
<p rend="pb"><pb n="252" facs="Ele92_252.jpg"/></p>
            <p>ren und ihnen unter normalen Umständen mühelos
                zustimmen. Wer das<lb/>tut, gewinnt eine Erkenntnis der Dinge, wie sie wirklich
                sind.</p>
            <p rend="start">2. Auch bei Sextus findet man eine Darstellung dieser stoischen
                Leh-<lb/>re <hi rend="italic">(M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 227-260). Sie steht am Ende eines langen
                philosophiegeschichtli-<lb/>chen Referats und ist schon dadurch hervorgehoben. Im
                Vergleich zu<lb/>den Berichten über andere erkenntnistheoretische Lehren ist sie
                darüber<lb/>hinaus außerordentlich umfangreich. Und dabei ist sie drittens sehr
                ela-<lb/>boriert: Am Anfang geht diese Darstellung weitaus gründlicher als
                andere<lb/>Quellen auf den Begriff der Vorstellung ein. Dann braucht sie
                mehr<lb/>Schritte bis zur Bestimmung der erkennenden Vorstellung. Sie
                verzeich-<lb/>net als einzige den Zusatz der jüngeren Stoiker, daß die erkennende
                Vor-<lb/>stellung nur dann das Wahrheitskriterium bilde, wenn die äußeren
                Um-<lb/>stände der Zustimmung kein Hindernis entgegenstellen. Und sie
                schließt<lb/>mit einigen Argumenten zur Absicherung der ganzen Theorie. Nach
                der<lb/>Plazierung und dem Umfang des Referats vermittelt auch diese
                eindringli-<lb/>che Art der Darstellung den Eindruck, daß Sextus die Stoiker mit
                ihrer<lb/>Erkenntnistheorie für wichtige Gegner hält.</p>
            <p rend="start">Er macht das auch noch an anderen Stellen deutlich. So weist er<lb/>in
                seinem Bericht über die Auffassungen der Akademiker zur Frage
                eines<lb/>Wahrheitskriteriums nachdrücklich darauf hin, daß die
                Diskussionsbei-<lb/>träge von Arkesilaos und Karneades als Reaktionen auf die
                stoische Er-<lb/>kenntnistheorie zu verstehen seien (<hi rend="italic">M </hi><hi
                    rend="smcap">vii</hi> 150, 153, 159). Und wo es —<lb/>nicht im Referat, sondern
                in der skeptischen Gegenrede — um die Wahr-<lb/>heit und Falschheit von
                Vorstellungen geht <hi rend="italic">(M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 381-439), argumentiert<lb/>Sextus zuerst, daß von den
                verschiedenen dogmatischen Positionen allen-<lb/>falls die stoische oder auch
                akademische und peripatetische These in Fra-<lb/>ge komme, nach der von den
                Vorstellungen einige zuverlässig und wahr,<lb/>andere dagegen unzuverlässig und
                falsch seien, um dann in einem zweiten<lb/>Schritt darzulegen, daß auch diese
                Auffassungen nicht überzeugen könn-<lb/>ten (ab 401).</p>
            <p rend="start">Solche Texte zeigen freilich immer nur, für wie stark Sextus
                die<lb/>Stoiker im Vergleich zu anderen Gegnern hält. Sie zeigen noch nicht,<lb/>wie
                bedeutend sie für ihn insgesamt sind. Um das zu sehen, ist von<lb/>der Systematik
                auszugehen, nach der Sextus seine Kritik der Dogmatiker<lb/>aufbaut.</p>
            <p rend="pb"><pb n="253" facs="Ele92_253.jpg"/></p>
            <p rend="start">3. Um die skeptische Untersuchung umfassend zu gestalten
                und me-<lb/>thodisch zu gliedern, knüpft Sextus sowohl in den <hi rend="italic"
                    >Pyrrhonischen Hypotypo-<lb/>sen</hi> als auch in <hi rend="italic">Adversus
                    Dogmaticos</hi> daran an, daß der Terminus “Wahr-<lb/>heitskriterium” (τὸ
                κριτήριον τῆς ἀληθείας) zwei Konstituenten besitzt<lb/>(vgl. besonders <hi
                    rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 28). Dementsprechend befaßt Sextus sich zuerst mit<lb/>dem
                Gedanken eines “Kriteriums” der Wahrheit und dann mit dem, was<lb/>ein solches
                Kriterium vermitteln soll, mit dem Wahren. In dem Teil über<lb/>das Kriterium geht
                es zuerst um das Kriterium “Von wem”, nämlich um<lb/>den Menschen, von dem etwas
                Wahres ermittelt werden soll, anschließend<lb/>um das Kriterium “Wodurch”, d.h. um
                die Sinne und den Verstand, durch<lb/>die eventuell etwas Wahres festgestellt wird,
                und schließlich um das<lb/>Kriterium “Wonach”; darunter versteht Sextus «die
                Anwendung der<lb/>Vorstellung, nach der der Mensch es unternimmt, durch eines der
                vor-<lb/>genannten Vermögen zu urteilen» (<hi rend="italic">PH</hi>
                <hi rend="smcap">ii</hi> 16; s.a. <hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 35-37). In allen<lb/>drei Sektionen führt Sextus Punkt für
                Punkt vor, daß die Auffassungen<lb/>der Dogmatiker nicht überzeugend seien, daß es
                also keinerlei Kriterium<lb/>gebe, auf das man sich bei der Suche nach Wahrheit
                verlassen könne.<lb/>Wollte man von dieser Kritik absehen, so gäbe es immer noch die
                Ausein-<lb/>andersetzungen über den Begriff des Wahren. Wie Sextus im zweiten
                Teil<lb/>darlegt, lassen sie sich nicht vernünftig entscheiden und bieten im
                ganzen<lb/>wie im Detail reichlich Anlaß, die Dogmatiker ins Unrecht zu setzen.
                Ein<lb/>überzeugendes Wahrheitskriterium gibt es also weder, wenn es vom
                Begriff<lb/>des Kriteriums her entworfen werden soll, noch wenn man danach
                vom<lb/>Begriff des Wahren her fragt. Obwohl dieses Ergebnis schon als
                aus-<lb/>reichend angesehen werden könnte, behandelt Sextus darüber hinaus<lb/>noch
                ein spezielleres Gebiet, das den Dogmatikern äußerst wichtig ist: die<lb/>Erkenntnis
                des nicht unmittelbar ersichtlichen Wahren. Erreicht wird sie,<lb/>wie die
                Dogmatiker sagen, vor allem durch Zeichen oder durch Beweise.<lb/>Aber auch bei
                diesen Mitteln der Wahrheitsfindung zeigt sich auf vielfache<lb/>Weise: sie halten
                der skeptischen Kritik nicht stand, sind nicht über-<lb/>zeugend etabliert, sind
                umstritten und nicht verläßlich.</p>
            <p rend="start">Was nun die Stoiker angeht, ist es in dem Kapitel über das
                Kriteri-<lb/>um “Wonach” vor allem ihre These von der erkennenden
                Vorstellung,<lb/>die Sextus sich zu diskutieren veranlaßt sieht; die Ansichten
                anderer<lb/>Philosophen spielen hier nur eine Nebenrolle<note xml:id="ftn27"
                    place="foot" n="27"> Genaueres unten S. 261 ff.</note>. In diesem Sinne
                    füllen</p>
<p rend="pb"><pb n="254" facs="Ele92_254.jpg"/></p>
<p>die Stoiker in beiden Schriften das ganze Kapitel aus.
                Ähnlich steht es in<lb/>dem Kapitel über den Beweis, wo von vornherein ein stoischer
                Beweisbe-<lb/>griff unterlegt wird; daß auch einige Worte auf die kategorischen
                Syllogis-<lb/>men der Peripatetiker verwendet werden, mindert den Vorrang der
                Stoi-<lb/>ker nicht. Das Kapitel über das Zeichen wird in den <hi rend="italic"
                    >Pyrrhonischen Hypo-<lb/>typosen</hi> wie das über den dritten Kriterientyp ganz
                von den Stoikern<lb/>beherrscht <hi rend="italic">(PH</hi>
                <hi rend="smcap">ii</hi> 104-129). In <hi rend="italic">Adversus Dogmaticos</hi>
                gilt das erst von da<lb/>an, wo Sextus das intelligible Zeichen diskutiert <hi
                    rend="italic">(M</hi>
                <hi rend="smcap">viii</hi> 244-274). Vorher<lb/>sind zwei Abschnitte eingefügt,
                einer über das Zeichen im allgemeinen<lb/>und einer über das sinnlich wahrnehmbare
                Zeichen; letzterer wendet sich<lb/>gegen die Epikureer, ersterer <hi rend="italic"
                    >auch</hi> gegen die Stoiker, so daß das Gesamt-<lb/>kapitel hier ebenfalls
                besonders stark gegen die Stoiker gerichtet ist. Die<lb/>Bedeutung, die sie als
                Gegner für Sextus haben, wird des weiteren da-<lb/>durch unterstrichen, daß in <hi
                    rend="italic">Adversus Dogmaticos</hi> (teilweise auch in den<lb/><hi
                    rend="italic">Pyrrhonischen Hypotyposen</hi>) in den drei genannten Kapiteln auf
                die skep-<lb/>tische Argumentation noch jeweils eine Gegenkritik der
                Dogmatiker<lb/>folgt, die Sextus dann abschließend entkräftet; in allen drei Fällen
                kommt<lb/>die Gegenkritik großenteils aus der Stoa<note xml:id="ftn28" place="foot"
                    n="28"> Die folgende Liste mag einen Teil dieser Gegenkritik und einige von
                    Sextus<lb/>in anderen Bereichen referierte antiskeptische Argumente der Stoiker
                    andeuten: <hi rend="italic">M<lb/></hi><hi rend="smcap">vii</hi> 259 <hi
                        rend="italic">(F.D.S.</hi> 354): Die Bestreitung, daß eine Vorstellung das
                    Kriterium sei, sei<lb/>selbst eine Behauptung aufgrund einer anderen
                    Vorstellung. — 440-442 <hi rend="italic">(F.D.S.</hi> 358):<lb/>Die skeptische
                    Bestreitung, daß es ein Kriterium gebe, laufe auf die Behauptung hin-<lb/>aus,
                    daß es kein Kriterium gebe, die ihrerseits unbegründet sei oder ein
                    Kriterium<lb/>voraussetze. Ferner sei es nicht unsinnig, zuzulassen, daß etwas
                    sein eigenes Kriteri-<lb/>um sei. — <hi rend="smcap">viii</hi> 275-284 (<hi
                        rend="italic">F.D.S.</hi> 1031, 1185): Argumente zur Existenz des Zeichens.
                    —<lb/>463-469 <hi rend="italic">(F.D.S.</hi> 1187): Beweis des Beweises aus der
                    skeptischen Bestreitung des Be-<lb/>weises (s.a. <hi rend="italic">PH</hi>
                    <hi rend="smcap">ii </hi>185-187: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 1188). Ferner
                    ein Kettenschluß zur Existenz des<lb/>Beweises. — <hi rend="italic">M</hi>
                    <hi rend="smcap">ix</hi> 204-206 (<hi rend="italic">F.D.S.</hi> 1189): Beweis
                    der Ursache aus ihrer skeptischen<lb/>Suspendierung. — <hi rend="smcap">xi</hi>
                    162-165 <hi rend="italic">(F.D.S.</hi> 360): Skepsis führe zur Untätigkeit oder
                    zur<lb/>Inkonsistenz. — Diese Entgegnungen bringen allerdings in der Regel keine
                    neuen<lb/>Gesichtspunkte mehr ein, sondern versuchen lediglich, die skeptischen
                    Argumente<lb/>gegen sich selbst umzudrehen; und Sextus findet immer einen Weg,
                    den Repliken<lb/>die Durchschlagskraft zu nehmen.</note>.</p>
            <p rend="start">In den verbleibenden Kapiteln ist die Rolle der Stoiker nicht so
                be-<lb/>herrschend, aber auch keineswegs unerheblich. Sextus referiert die
                stoi-<lb/>sche Unterscheidung von Wahrheit und Wahrem <hi rend="italic">(PH</hi>
                <hi rend="smcap">ii</hi> 80-84; <hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 38-</p>
<p rend="pb"><pb n="255" facs="Ele92_255.jpg"/></p>
            <p>45: <hi rend="italic">F.D.S.</hi>
                322, 324) und spezifiziert danach das Thema des zweiten<lb/>Teils: dieser handelt
                vom Wahren, nicht von der Wahrheit, die als «ein<lb/>System der Kenntnis von
                mehrerlei Wahrem (σύστημα τῆς τῶν ἀληθῶν<lb/>γρώσεως)» erst im Anschluß an das Wahre
                denkbar wäre (<hi rend="italic">PH</hi>
                <hi rend="smcap">ii</hi> 84).<lb/>Innerhalb der Ausführungen über das Wahre werden
                im wesentlichen<lb/>die unterschiedlichen Auffassungen gegeneinander ausgespielt,
                die die<lb/>Dogmatiker zu diesem Thema vorgebracht haben; die Stoiker
                erscheinen<lb/>dabei als eine prominente dogmatische Partei.</p>
            <p rend="start">Ähnliches gilt für die Sektion über das Kriterium “Wodurch”.
                Dort<lb/>geht es darum, ob wir das Wahre mit den Sinnen, mit dem Verstand<lb/>oder
                mit beidem ermitteln, und Sextus argumentiert, ohne weiter zwi-<lb/>schen den
                Schulmeinungen zu differenzieren, daß keine der angegebenen<lb/>Möglichkeiten
                nachvollziehbar und der ganze Kriterientyp undenkbar sei<lb/><hi rend="italic">(PH</hi>
                <hi rend="smcap">ii</hi> 48-69; <hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 343-369). Das betrifft auch die Stoiker mit
                ihrer<lb/>Unterstützung für die dritte These (vgl. etwa Diog. Laert. <hi
                    rend="smcap">vii</hi> 54: <hi rend="italic">F.D.S.<lb/></hi>255). Aber ebenso
                selten, wie Sextus auf andere Spezialthesen hinweist,<lb/>macht er auch stoische
                Behauptungen nur in einem Fall als solche kennt-<lb/>lich, nämlich am Ende, wo er
                von der großen Kontroverse der Dogmatiker<lb/>über die Zuverlässigkeit der
                Sinneswahrnehmung berichtet: im Gegensatz<lb/>zu Demokrit auf der einen und Epikur
                auf der anderen Seite erklären<lb/>die Stoiker wie etwa auch die Peripatetiker die
                Sinneswahrnehmungen<lb/>teils für zutreffend und teils für unzutreffend (<hi
                    rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 369). Weil diese<lb/>Kontroverse nur um den Preis von
                Ungereimtheiten zu entscheiden (also<lb/>auch die eventuelle Wahrheit der stoischen
                Auffassung nicht einzusehen)<lb/>sei, führe schon dieser eine Streit für sich
                genommen zum Ergebnis des<lb/>ganzen Abschnitts: weil die Wahrheitskriterien des
                zweiten Typs nicht<lb/>verläßlich seien, werde alle Wahrheitserkenntnis
                diskreditiert.</p>
            <p rend="start">Vorher wird sie bereits deshalb diskreditiert, weil auch schon
                die<lb/>dogmatischen Kriterien des ersten Typs der skeptischen Nachprüfung<lb/>nicht
                standhalten. Für die Auseinandersetzung mit den Stoikern hat die-<lb/>ser Abschnitt
                weniger inhaltliches Gewicht als vielmehr den Status be-<lb/>achtlichen
                Vorgeplänkels. Im Bereich des ersten Kriterientyps will Sextus<lb/>nämlich vor Augen
                führen, daß die Möglichkeiten, das Kriterium<lb/>“Mensch” theoretisch zu fassen, in
                jeder Hinsicht unbefriedigend seien<lb/>und daß es ein Unding sei, etwa die
                Dogmatiker selbst mit ihrem An-<lb/>spruch, etwas Wahres gefunden zu haben, zum
                Kriterium der Wahrheit</p>
<p rend="pb"><pb n="256" facs="Ele92_256.jpg"/></p>
<p>zu machen; der Mensch als Wahrheitskriterium
                sei mithin vollkommen<lb/>obskur <hi rend="italic">(PH</hi>
                <hi rend="smcap">ii</hi> 22-47; <hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 263-342). Im Hinblick auf die Stoiker ist<lb/>daran nicht
                so sehr bemerkenswert, daß einschlußweise auch die Qualität<lb/>ihrer Anthropologie
                angezweifelt wird, als vielmehr der Umstand, daß<lb/>Sextus ausgerechnet ihre Schule
                als “vertrautes Beispiel” (οἰκείου παρα-<lb/>δείγματος) <hi rend="italic">(M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 330) benutzt, um ldarzumachen, wie unsinnig es
                wäre,<lb/>philosophische Thesen aufgrund des bloßen Ansehens oder der
                bloßen<lb/>Mitgliederzahl der Schule für wahr zu halten, von der sie vertreten
                wer-<lb/>den. Sextus nutzt den Aufweis, wie wenig in der Philosophie
                Autoritäts-<lb/>argumente zu suchen haben, offenbar für eine Spitze gegen die
                Stoiker:<lb/>Sie genießen ein hohes Ansehen; aber das ist kein philosophisches
                Argu-<lb/>ment; in den nachfolgenden Sachfragen sollte man davon absehen
                und<lb/>etwa auch dem Skeptiker sein Ohr leihen.</p>
            <p rend="start">Resümierend läßt sich also feststellen, daß die Stoiker von
                Sextus<lb/>in der Erkenntnistheorie und Logik nicht bloß an einer Reihe
                einzelner<lb/>Stellen für vergleichsweise starke Gegner gehalten werden. Nicht nur
                des-<lb/>halb sind sie seine Hauptgegner. Sondern sie sind dies darüber
                hinaus<lb/>und vor allem deshalb, weil umfangreiche Teile seiner Ausführungen
                sich<lb/>maßgeblich auf stoische Lehrstücke beziehen und auf sie
                zugeschnitten<lb/>sind und weil bei den Teilen, wo man das nicht sagen kann,
                trotzdem<lb/>zu beobachten ist, daß die Stoiker in der Regel zu den Gegnern
                gerechnet<lb/>werden, um die es hauptsächlich geht. Sie sind also auch dann und
                gerade<lb/>dann die Hauptgegner des Sextus, wenn man dies an der
                Systematik<lb/>mißt, die Sextus bei seiner Kritik der Dogmatiker befolgt.</p>
            <p rend="start">4. Nachdem diese Feststellung nun genügend dokumentiert ist,
                läßt<lb/>sie sich damit verbinden, daß der pyrrhonische Skeptiker ein
                Interesse<lb/>daran haben muß, möglichst starke Gegner zu finden und sie
                tatsächlich<lb/>zu widerlegen. Nach der Bedeutung, die die Stoiker in seinen
                Schriften<lb/>haben, erschienen sie Sextus als die mit Abstand mächtigsten
                Gegner,<lb/>die er finden konnte. Ihnen gegenüber die Urteilsenthaltung zur
                Geltung<lb/>zu bringen heißt daher zugleich, die Skepsis als eine mögliche und
                ange-<lb/>messene philosophische Einstellung zu präsentieren.</p>
            <p rend="start">Nun waren die Stoiker für ihre schulinterne Meinungsvielfalt
                be-<lb/>kannt (vgl. besonders <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 225-226), und wie oben
                angedeutet wurde,<lb/>waren sie sich auch in der Erkenntnislehre und Logik nicht in
                allem einig.<lb/>Sextus Empiricus hatte davon Kenntnis. Er erwähnt zahlreiche
                    solche</p>
<p rend="pb"><pb n="257" facs="Ele92_257.jpg"/></p>
            <p>Meinungsverschiedenheiten oder Sonderlehren und nutzt
                sie zum Teil für<lb/>seine skeptischen Absichten.</p>
            <p rend="start">Zum Beispiel berichtet er, daß Ariston von Chios Logik, Physik
                und<lb/>bestimmte Teile der Ethik aus der Philosophie streichen wollte (<hi rend="italic">M</hi><hi rend="smcap"> vii</hi><lb/>12: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 209), daß Chrysipp und Kleanthes die Formel
                von der Vor-<lb/>stellung als Eindruck in der Seele sehr unterschiedlich deuteten
                    (<hi rend="italic">PH</hi>
                <hi rend="smcap">ii</hi><lb/>70; <hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 228-231, 372 f.; <hi rend="smcap">viii</hi> 400: <hi
                    rend="italic">F.D.S.</hi> 261, 259, 260, 257), daß die<lb/>jüngeren Stoiker
                nicht mehr die erkennende Vorstellung schlechthin als<lb/>Wahrheitskriterium
                ansahen, sondern einen einschränkenden Zusatz<lb/>machten (<hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 253-258: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 333), daß
                Basileides Unorthodoxes über<lb/>die Existenz der Lekta bzw. des Unkörperlichen
                gesagt habe<note xml:id="ftn29" place="foot" n="29"><hi rend="italic">M</hi>
                    <hi rend="smcap">viii</hi> 258: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 704. Basileides
                    soll erklärt haben μηδὲν εἶναι ἀσώματον.<lb/>Sextus versteht das als Abweichung
                    von der orthodoxen stoischen Lehre; sein Text<lb/>besagt dann: «daß es nichts
                    Unkörperliches gebe». Basileides könnte aber ganz im<lb/>Gegenteil auch sehr
                    Orthodoxes gesagt haben. Das εἶναι in der Nachricht des Sextus<lb/>könnte
                    nämlich im Sinne der ontologischen Terminologie der Stoiker zu
                    verstehen<lb/>sein. Die Notiz bedeutet dann, «daß nichts Unkörperliches <hi
                        rend="italic">sei»,</hi> und das ist alte<lb/>stoische Lehre. Was Basileides
                    gemeint hat, ist also ganz unklar.</note> und daß<lb/>Antipater im Gegensatz zu
                Chrysipp und den meisten anderen Logikern<lb/>auch Argumente mit nur einer Prämisse
                zuließ (<hi rend="italic">PH</hi>
                <hi rend="smcap">ii</hi> 167; <hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">viii</hi> 443:<lb/><hi rend="italic">F.D.S.</hi> 1054, 1053).</p>
            <p rend="start">Gelegentlich macht Sextus sich die Meinungsvielfalt innerhalb
                der<lb/>Stoa auch zunutze. Das tut er allerdings kaum in der Weise, wie er
                nach<lb/>dem ersten der fünf skeptischen Tropen, die von Agrippa entwickelt
                und<lb/>von den jüngeren Skeptikern überliefert wurden (vgl. Diog. Laert.<hi
                    rend="smcap"> ix</hi><lb/>88 f.; <hi rend="italic">PH</hi>
                <hi rend="smcap">i</hi> 164-177), mit den Meinungsverschiedenheiten zwischen
                ver-<lb/>schiedenen philosophischen Schulen umzugehen pflegt. Er spielt die
                inner-<lb/>stoischen Lehrunterschiede also in der Regel nicht so gegeneinander
                aus,<lb/>daß sie sich unentscheidbar widerstreiten würden, deshalb allesamt
                unbe-<lb/>gründet seien und nicht überzeugen könnten. Diesem Verfahren sehr
                nahe<lb/>kommt, was er mit den Differenzen zwischen Kleanthes und Chrysipp<lb/>über
                den Begriff der Vorstellung macht, wenn er zuerst Kleanthes mit<lb/>Chrysipp und
                diesen dann mit anderen Argumenten angreift (<hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 372 ff.:<lb/><hi rend="italic">F.D.S.</hi> 260). Doch
                ansonsten benutzt Sextus die Lehrunterschiede zwischen<lb/>den Stoikern eher, um
                darauf hinzuweisen, daß eine vorherrschende<lb/>stoische Lehrmeinung auch schon
                innerhalb der Schule auf Zweifel gestoßen</p>
<p rend="pb"><pb n="258" facs="Ele92_258.jpg"/></p>
<p>sei. Zu diesem Zweck
                erwähnt er insbesondere die Bemerkung des Basi-<lb/>leides und Antipaters These über
                Argumente mit nur einer Prämisse.</p>
            <p rend="start">Sextus scheint also um die Meinungsvielfalt bei den Stoikern
                gewußt<lb/>zu haben. Angesichts der Bedeutung der Stoa für seine Präsentation
                der<lb/>pyrrhonischen Skepsis sollte man deshalb erwarten, daß Sextus die
                stoische<lb/>Lehre nicht nur im ganzen als gediegen ansieht, sondern sie auch
                in<lb/>ihrer durchdachtesten Ausprägung kritisiert oder jedenfalls
                Argumente<lb/>gegen sie vorbringt, die auch gegen die beste Ausprägung
                eingesetzt<lb/>werden könnten. Diese Erwartung bestätigt sich aber nicht in der
                wün-<lb/>schenswerten Weise. Vielmehr wird sie weitgehend enttäuscht, und
                es<lb/>wird zu sehen sein, was daraus folgt.</p>
            <p rend="title">IV</p>
            <p rend="start">«In der Dialektik brachte er es zu solchem Ansehen, daß die
                meisten<lb/>Leute meinten, falls es bei den Göttern eine Dialektik gäbe, so
                würde<lb/>es sich wohl um keine andere handeln als um die des Chrysipp»
                (Diog.<lb/>Laert. <hi rend="smcap">vii</hi> 180: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 154).
                Solche rühmenden Urteile über das Werk<lb/>Chrysipps gab es in der Antike häufiger;
                und so, wie <hi rend="italic">er</hi> die stoische<lb/>Logik geprägt hat, ist sie
                berühmt geworden (vgl. z.B. <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 154, 156,<lb/>227-231).
                Was uns als stoische Logik überliefert ist, gilt oder galt deshalb<lb/>im großen und
                ganzen als das Werk Chrysipps<note xml:id="ftn30" place="foot" n="30"> Als es noch
                    keine Alternative zu dieser Sicht gab, hat Frede ihr Für und<lb/>Wider in
                    instruktiver Weise dargestellt; vgl. M. <hi rend="smcap">Frede, </hi><hi
                        rend="italic">Die stoische Logik</hi>, Göttingen<lb/>1974, S. 9 ff.</note>.
                Auch die Berichte des<lb/>Sextus Empiricus über die stoische Logik werden oder
                wurden dement-<lb/>sprechend möglichst harmonisch interpretiert und in die möglichst
                einheit-<lb/>liche Logik integriert, die man aus den erhaltenen Zeugnissen zu
                rekon-<lb/>struieren versucht(e) und dann mit dem Namen Chrysipps in
                Verbindung<lb/>bringt. Eine solche Konzeption bringt sowohl anderwärts als auch
                ins-<lb/>besondere bei Sextus Empiricus viele kaum lösbare Schwierigkeiten
                mit<lb/>sich. Aber in Ermanglung einer Alternative hielt man daran fest und<lb/>kam
                über einige Differenzierungen nicht hinaus<note xml:id="ftn31" place="foot" n="31">
                    Die größte Differenzierung wurde mit einer Studie von <hi rend="smcap">J.
                        Brunschwig </hi>er-<lb/>reicht (vgl. <hi rend="italic">Proof defined</hi>,
                    in <hi rend="italic">Doubt and Dogmatism. Studies in Hellenistic
                        Epistemology,<lb/></hi>ed. by <hi rend="smcap">M. Schofield-M. Burnyeat-J.
                        Barnes, </hi>Oxford 1980, S. 125-60, bes. 159 f.),<lb/>der in den Berichten
                    des Sextus insgesamt vier Beweisbegriffe ermitteln zu können<lb/>glaubte, von
                    denen je einer auf Zenon von Kition, Kleanthes, Chrysipp und einen<lb/>Redaktor,
                    wahrscheinlich Sextus Empiricus selbst, zurückgehen sollte.</note>.</p>
            <p rend="pb"><pb n="259" facs="Ele92_259.jpg"/></p>
            <p>Seitdem nun aber D. Sedley gezeigt hat, daß es eine von den
                Megari-<lb/>kern wohl zu unterscheidende “Schule der Dialektiker” gab, deren
                pro-<lb/>minenteste Köpfe Diodoros Kronos und sein Schüler Philon waren und<lb/>für
                die allein das Interesse an Fragen der Dialektik charakteristisch<lb/>war<note
                    xml:id="ftn32" place="foot" n="32">Vgl. D. <hi rend="smcap">Sedley, </hi><hi
                        rend="italic">Diodorus Cronus and Hellenistic Philosophy</hi>, «Proceedings
                    of<lb/>the Cambridge Philological Society», <hi rend="smcap">cciii</hi> (1977)
                    S. 74-120, bes. 74-8. — K. <hi rend="smcap">Döring,<lb/></hi><hi rend="italic"
                        >Gab es eine Dialektische Schule?</hi>, «Phronesis», <hi rend="smcap"
                    >xxxiv</hi> (1989) S. 293-310, hat gegen<lb/>Sedleys Feststellungen über eine
                    eigenständige Dialektische Schule Bedenken vorge-<lb/>tragen, die in unserem
                    Zusammenhang jedoch, wie auch Döring selbst andeutet<lb/>(S. 295 Anm. 4), nicht
                    berücksichtigt werden müssen.</note>, sind, wenn in hellenistischen und
                spätantiken Texten irgendwo<lb/>von “Dialektikern” oder “dialektisch” gesprochen
                wird, nicht mehr so<lb/>selbstverständlich wie früher die stoischen Logiker gemeint,
                sondern<lb/>möglicherweise Vertreter dieser Schule. Von da ausgehend konnte
                Th.<lb/>Ebert einen ersten wesentlichen Schritt tun und zeigen, daß
                Ps.-Galen<lb/>uns die Zeichentheorie des Dialektikers Philon aufbewahrt hat<lb/>(<hi
                    rend="italic">F.D.S.</hi> 1027); die Zeichenkonzeptionen, die Sextus Empiricus
                überlie-<lb/>fert, knüpfen daran an und stammen einerseits von Zenon von
                Kition,<lb/>andererseits von Kleanthes und keineswegs von Chrysipp. Dieser hat
                die<lb/>Zeichentheorie seiner Vorgänger wahrscheinlich in mehreren
                entschei-<lb/>denden Punkten kritisiert; was er zu diesem Thema beigetragen hat,
                ist<lb/>von Sextus nicht berücksichtigt worden<note xml:id="ftn33" place="foot"
                    n="33">Th. Ebert, <hi rend="italic">The Origin of the Stoic Theory of Signs in
                        Sextus Empiricus</hi>, «Ox-<lb/>ford Studies in Ancient Philosophy», <hi
                        rend="smcap">v</hi> (1987) S. 83-126.</note>.</p>
            <p rend="start">Inzwischen hat Ebert diese Thesen in einem größeren Zusammen-<lb/>hang
                erneut entwickelt und darüber hinaus bewiesen, daß auch der stoi-<lb/>sche
                Beweisbegriff, wie er von Sextus in drei verschiedenen Versionen<lb/>referiert wird,
                nicht auf Chrysipp zurückgeht. Was Sextus referiert,<lb/>stammt vielmehr aus älteren
                Quellen und ist frühstoische Lehre; als Auto-<lb/>ren dieser Beweisbegriffe bieten
                sich Zenon von Kition, Kleanthes und<lb/>Sphairos an. Der wesentlich verbesserte
                Beweisbegriff Chrysipps, der es<lb/>erst erlaubt, etwas Bewiesenes zur Prämisse
                eines neuen Arguments zu ma-<lb/>chen, ist bei Diog. Laert. <hi rend="smcap"
                >vii</hi> 45 (<hi rend="italic">F.D.S.</hi> 33, 1037) überliefert; bei
                    Sextus</p>
<p rend="pb"><pb n="260" facs="Ele92_260.jpg"/></p>
<p>hat er keine Spuren hinterlassen<note xml:id="ftn34"
                    place="foot" n="34">
                    <hi rend="smcap">Th. Ebert</hi>, <hi rend="italic">Dialektiker und frühe Stoiker
                        bei Sextus Empiricus. Untersuchun-<lb/>gen zur Entstehung der
                    Aussagenlogik</hi>, Göttingen 1991 (“Hypomnemata” <hi rend="smcap">xcv</hi>),
                    S.<lb/>219-302.</note>. Es ist hier nicht der Ort, Eberts<lb/>sorgfältige
                Beweisführung nachzuzeichnen oder auch nur die wichtigsten<lb/>Argumente zu nennen.
                Sein Ergebnis ist beachtlich genug. Indem Ebert<lb/>wohlumschriebene Zeugnisse der
                frühstoischen Dialektik identifiziert, er-<lb/>öffnet er der Rekonstruktion der
                stoischen Logik neue Möglichkeiten.<lb/>Was Sextus Empiricus betrifft, zeigt er,
                welch unterschiedliche Uberliefe-<lb/>rungsschichten sein Werk enthält; es
                vermittelt Einblicke in stoische Lehr-<lb/>entwicklungen, die Sextus selbst kaum
                bewußt gewesen sein dürften.</p>
            <p rend="start">Was unseren Zusammenhang angeht, ergibt sich aus Eberts
                Ausfüh-<lb/>rungen, daß zwei der drei großen Abschnitte, in denen Sextus von
                vorn-<lb/>herein und maßgeblich stoische Thesen kritisiert, sich gegen
                stoische<lb/>Thesen wenden, die schon seit Chrysipp nicht mehr als gut
                durchdachte<lb/>stoische Lehrstücke gelten konnten und vermutlich bei den
                Stoikern<lb/>selbst gern als längst überholt angesehen wurden. Das heißt
                natürlich<lb/>nicht, daß Sextus in diesen Kapiteln überhaupt nichts von der
                chrysippei-<lb/>schen Logik überliefert. Ein paar Mal nennt er Chrysipp mit Namen
                und<lb/>schreibt ihm dabei bestimmte Dinge zu, zweifellos mit Recht<note
                    xml:id="ftn35" place="foot" n="35"> Von logischen Lehrstücken Chrysipps
                    berichtet Sextus an folgenden Text-<lb/>stellen: <hi rend="italic">PH</hi>
                    <hi rend="smcap">i</hi> 69 Hundesyllogismus; — <hi rend="smcap">ii</hi> 253
                    Lösung des Sorites; — <hi rend="italic">M</hi>
                    <hi rend="smcap">vii</hi> 229, 372 f.<lb/>die Vorstellung als Veränderung des
                    Zentralorgans; — 416 Lösung des Sorites; —<lb/><hi rend="smcap">viii</hi> 223
                    Gebrauch des Terminus “unbeweisbar”; — 400 die Vorstellung als Verän-<lb/>derung
                    des Zentralorgans; — 443 keine Argumente mit nur einer Prämisse; —
                    xi<lb/>vollständige Einteilung und allgemeiner Satz.</note>. Auch<lb/>die
                elementaren aussagenlogischen Syllogismen zählt er so auf wie Chry-<lb/>sipp<note
                    xml:id="ftn36" place="foot" n="36"> Siehe <hi rend="italic">PH</hi>
                    <hi rend="smcap">ii </hi>157-159: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 1128, auch <hi
                        rend="italic">M</hi>
                    <hi rend="smcap">viii</hi> 224-227: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 1131.
                    Chry-<lb/>sipps Name fällt in diesem Zusammenhang allerdings nicht.</note>.
                Ferner berichtet er (ohne Namensnennung) von Chrysipps Im-<lb/>plikationsbegriff und
                überliefert zwei Versionen einer Liste von Fehl-<lb/>schlußtypen; die eine Version
                ist frühstoisch oder noch älter, während<lb/>die andere die Terminologie Chrysipps
                benutzt und seinen Implikations-<lb/>begriff voraussetzt<note xml:id="ftn37"
                    place="foot" n="37"> Vgl. <hi rend="italic">PH</hi><hi rend="smcap"> ii
                    </hi>146-151: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 1111 (die ältere Version) und <hi
                        rend="italic">M</hi>
                    <hi rend="smcap">viii</hi> 428-435:<lb/><hi rend="italic">F.D.S.</hi> 1110 (von
                    Chrysipp beeinflußt); dazu <hi rend="smcap">Th. Ebert, </hi><hi rend="italic"
                        >Dialektiker cit.</hi>, S. 131-75.</note>. Diese Texte lassen indes nicht
                erkennen, ob Sex-<lb/>tus sich bewußt ist, es dabei mit einer fortgeschritteneren
                Phase der</p>
<p rend="pb"><pb n="261" facs="Ele92_261.jpg"/></p>
<p>stoischen Logik zu tun zu haben. Jedenfalls setzt er sich
                nicht mit den<lb/>Leistungen und dem Problembewußtsein auseinander, auf denen
                der<lb/>Fortschritt beruht. Deshalb bleibt es einstweilen bei dem von Ebert
                aus-<lb/>gehenden Urteil, daß die stoischen Theorien, mit denen Sextus sich
                in<lb/>seinen Ausführungen über das Zeichen und über den Beweis
                auseinander-<lb/>setzt, eigentlich längst veraltet waren; die Vertreter solcher
                Thesen als<lb/>starke Gegner zu betrachten, ist ein bißchen verwunderlich.</p>
            <p rend="start">Nun sind diese Ausführungen zwar recht umfangreich, aber
                systema-<lb/>tisch gesehen doch insofern von untergeordneter Bedeutung, als der
                wich-<lb/>tigste Teil der skeptischen Auseinandersetzung mit den Dogmatikern
                der<lb/>Abschnitt über das Kriterium “Wonach” ist. Auch dort bezieht Sextus<lb/>sich
                vor allem auf <hi rend="italic">stoische</hi> Thesen. Aufgrund seines Referats der
                stoischen<lb/>Erkenntnistheorie und wegen der Berücksichtigung von Chrysipps
                Über-<lb/>legungen zum Begriff der Vorstellung ist zu erwarten, daß Sextus
                sich<lb/>hier mit wirklich ausgereiften stoischen Positionen auseinandersetzt,
                und<lb/>das mag dann genügen, um ihm zu bescheinigen, er habe die stoische<lb/>Lehre
                in ihrer besten Form kritisiert. Aber selbst diese schwächere<lb/>Bedingung erfüllt
                Sextus nicht in befriedigender Weise.</p>
            <p rend="start">In den <hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypotyposen</hi> macht er in fünf
                Argumentations-<lb/>schritten gegen das stoische Wahrheitskriterium geltend, daß
                eine Vor-<lb/>stellung als Wahrheitskriterium “Wonach” ungeeignet sei <hi
                    rend="italic">(PH</hi>
                <hi rend="smcap">ii</hi> 70-78):<lb/>Erstens sei sie als “Eindruck im Zentralorgan”
                undenkbar — wegen der<lb/>Feinteiligkeit und Instabilität des Seelenpneumas und
                unabhängig vom<lb/>näheren Verständnis des “Eindrucks”. Wenn aber doch, sei sie
                zweitens<lb/>als Erlebnis des Zentralorgans wie dieses selbst unerkennbar. Wenn
                aber<lb/>doch, könnten drittens die äußeren Gegenstände nicht nach ihr
                beurteilt<lb/>werden, da sie eine Vorstellung nicht von ihnen, sondern von einem
                Er-<lb/>lebnis der Sinne sei. Viertens könne der Verstand nichts über die
                voraus-<lb/>zusetzende Isomorphie zwischen dem Erlebnis der Sinne und den
                äuße-<lb/>ren Gegenständen wissen. Und falls letztere doch nach einer
                Vorstellung<lb/>beurteilt werden könnten, führe fünftens die Frage, welchen von
                unseren<lb/>Vorstellungen wir Glauben schenken dürften, in ausweglose
                Schwierig-<lb/>keiten.</p>
            <p rend="start">Da Sextus gleich beim ersten Argumentationsschritt auf
                Chrysipps<lb/>Begriff der Vorstellung anspielt und ihn einschlußweise widerlegt,
                könnte<lb/>man meinen, der ganze Gedankengang sei auf Chrysipps Beiträge zur</p>
            <p rend="pb"><pb n="262" facs="Ele92_262.jpg"/></p>
            <p>Erkenntnistheorie hinreichend eingestellt. Aber dem ist nicht so.
                Schon<lb/>der von den Skeptikern häufiger geltend gemachte Einwand im
                    ersten<lb/>Schritt<note xml:id="ftn38" place="foot" n="38"> Siehe auch <hi
                        rend="smcap">Plut. </hi><hi rend="italic">de comm. not.</hi> 47: <hi
                        rend="italic">F.D.S.</hi> 281.</note> wendet sich in keiner Weise speziell
                gegen Chrysipp, auf den<lb/>anzuspielen überhaupt nicht nötig wäre. Das Argument
                richtet sich bloß<lb/>ganz allgemein gegen jeden, der unter Voraussetzung einer
                pneumatischen<lb/>Seelensubstanz irgendwie an Zenons “Eindruck im Zentralorgan”
                festhält.<lb/>Wie wenig der Autor der Passage sich tatsächlich mit Chrysipps
                Überle-<lb/>gungen auseinandergesetzt hat, zeigt der Fortgang des Textes. Im
                vierten<lb/>Argumentationsschritt wird angenommen, eine Vorstellung müsse
                nach<lb/>den Dogmatikern, um Wahrheitskriterium sein zu können, mit den
                äuße-<lb/>ren Gegenständen isomorph sein. Damit wird der Vorstellungsbegriff
                des<lb/>Kleanthes unterstellt und nicht der Begriff Chrysipps, der auf die
                Isomor-<lb/>phie gerade verzichtete. Außerdem wird im zweiten und fünften
                Argu-<lb/>mentationsschritt vorausgesetzt, daß Vorstellungen auf eine im
                wesentli-<lb/>chen gleiche Weise wie die äußeren Dinge Gegenstände der
                Erkenntnis<lb/>sein könnten und wie die äußeren Dinge mit Hilfe anderer
                Vorstellungen<lb/>erkannt werden müßten, um als Wahrheitskriterien verwendbar zu
                sein.<lb/>Gegen diese Unterstellung könnte Kleanthes sich kaum wehren, weil
                der<lb/>Eindruck in der Seele, wenn er wie der Eindruck eines Siegelrings
                in<lb/>Wachs gedacht wird, als eine Verdopplung des Originals erscheint.
                Chry-<lb/>sipp dagegen hat den Eindruck als bloße Veränderung interpretiert
                und<lb/>in anderen Zusammenhängen zusätzlich erklärt, daß Vorstellungen
                sich<lb/>selbst und außerdem das zeigen, wovon sie verursacht sind <hi rend="italic"
                    >(F.D.S.</hi> 268-<lb/>270; s.a. <hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 383); deshalb können sie für Chrysipp niemals
                Gegenstän-<lb/>de sein, die auf dieselbe Art zu erkennen wären wie die Dinge der
                äuße-<lb/>ren Realität. In den <hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypotyposen</hi>
                argumentiert Sextus also<lb/>gegen das stoische Wahrheitskriterium, wie es <hi
                    rend="italic">vor</hi> Chrysipp vertreten<lb/>wurde. In der von Chrysipp
                vertretenen Form ist es von Sextus’ skepti-<lb/>scher Kritik höchstens insofern
                betroffen, als auch Chrysipp an Zenons<lb/>Idee anknüpft, Vorstellungen seien
                “Eindrücke”.</p>
            <p rend="start">In <hi rend="italic">Adversus Dogmaticos</hi> gestaltet Sextus seine
                Auseinandersetzung<lb/>mit dem stoischen Wahrheitskriterium erheblich anders.
                Zunächst findet<lb/>man die Parallelstelle zum dritten und vierten
                Argumentationsschritt der<lb/><hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypotyposen</hi> in
                einem anderen Kontext, nämlich in der</p>
<p rend="pb"><pb n="263" facs="Ele92_263.jpg"/></p>
            <p>Erörterung zu den Kriterien
                “Wodurch”, den Wahrheitskriterien des<lb/>zweiten Typs<note xml:id="ftn39"
                    place="foot" n="39">Vgl. auf der einen Seite <hi rend="italic">PH</hi>
                    <hi rend="smcap">ii </hi>72-75, auf der anderen Seite <hi rend="italic">M</hi>
                    <hi rend="smcap">vii</hi> 354-358.</note>. Sextus wendet sich dort gegen die
                Dogmatiker, die sagen,<lb/>das Wahre werde sowohl durch die Sinne als auch durch den
                Verstand<lb/>ermittelt, und er unterstellt bei seiner Argumentation wie in den <hi
                    rend="italic">Pyrrho-<lb/>nischen Hypotyposen</hi>, daß im Hinblick auf die
                Erkenntnis des Wahren<lb/>zwischen den äußeren Gegenständen und deren Wahrnehmungen
                Isomor-<lb/>phie herrschen müsse (<hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 357 f.). Dies anzunehmen ist bei Kleanthes<lb/>am Platz,
                aber nicht bei Chrysipp.</p>
            <p rend="start">Die Kritik der erkennenden Vorstellung erfolgt dann in zwei
                Schrit-<lb/>ten. Zuerst geht es wieder um die Vorstellungen im allgemeinen (<hi
                    rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi><lb/>370-387). Sextus macht geltend, daß die
                Vorstellungskonzeption des Kle-<lb/>anthes die von Chrysipp herausgearbeiteten
                fatalen Folgen habe und daß<lb/>der pneumatisch instabile Charakter des
                Zentralorgans keinerlei Eindruck<lb/>zulasse. Darauf läßt er die Stoiker antworten:
                «Ja; aber die Vorstellung<lb/>ist nicht ein Eindruck im eigentlichen Sinne, sondern
                eine bloße Verände-<lb/>rung des Verstandes» — und hält ihnen entgegen: «Das
                wiederun wäre<lb/>schlimmer als die vorige Erklärung» (<hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 376: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 260). Was er
                da-<lb/>bei im Auge hat, wird anschließend entwickelt: Als Veränderung müßte<lb/>die
                Vorstellung das Zentralorgan entweder wie ein Affekt oder substan-<lb/>tiell
                betreffen, was aber beides absurd wäre; denn während eine Substanzver-<lb/>änderung
                die Zerstörung der Seele bedeuten würde, würde eine affektar-<lb/>tige Veränderung
                ältere Vorstellungen abwandeln und es unmöglich ma-<lb/>chen, sie im Verstand zu
                bewahren (376 f.). Sextus meint mit anderen<lb/>Worten, bei Chrysipp ergäben sich
                dieselben mißlichen Konsequenzen<lb/>wie bei Kleanthes; sie seien die unvermeidliche
                Folge einer affektartigen<lb/>Veränderung des Zentralorgans. Chrysipp würde dies
                allerdings nicht an-<lb/>erkennen; denn gegen Kleanthes fordert er ein, daß es
                möglich sein müs-<lb/>se, mehrere Vorstellungen zugleich zu haben (<hi rend="italic"
                    >M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 229-231: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 259),<lb/>und
                bezeichnet die Vorstellungen an anderer Stelle als Affekte <hi rend="italic"
                    >(F.D.S.<lb/></hi>268 f.). Als nächstes erklärt Sextus, als Veränderung
                unterläge die Vor-<lb/>stellung der alle Veränderungen betreffenden Standardaporie
                    (<hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi><lb/>378 f.). Offensichtlich könnte dieses Argument
                ebenfalls genauso gut ge-<lb/>gen die Vorstellung als Eindruck entwickelt werden,
                was Sextus freilich<lb/>nicht sagt. Doch ab dem nächsten Argument hat er Zenons
                    Rahmen-</p>
<p rend="pb"><pb n="264" facs="Ele92_264.jpg"/></p>
<p>begriff der Vorstellung wieder ausdrücklich mit im
                Blick. Es ähnelt dem<lb/>zweiten Argumentationsschritt in den <hi rend="italic"
                    >Pyrrhonischen Hypotyposen</hi> und be-<lb/>sagt, daß die Vorstellung sich wegen
                Unklarheiten beim Begriff des Zen-<lb/>tralorgans nicht denken lasse (280). Die
                beiden letzten Argumente stellen<lb/>noch einmal darauf ab, wieviel oder welche
                Identität zwischen einer Vor-<lb/>stellung im Verstand, den Sinnen und den äußeren
                Gegenständen beste-<lb/>hen muß, damit die Vorstellung als Wahrheitskriterium dienen
                kann, und<lb/>benutzen diese Frage, um den Begriff und die Bestimmungen der
                Vorstel-<lb/>lung als absurd erscheinen zu lassen. Bei der Herleitung dieses
                Resultats<lb/>stützen sie sich allerdings beide wieder auf die Annahme, daß die
                Bezie-<lb/>hung zwischen dem Vorgestellten und der Vorstellung
                strukturerhaltend<lb/>sein müsse (382, 384), also ein Isomorphiepostulat, das mit
                dem Vorstel-<lb/>lungsbegriff des Kleanthes verbunden ist und dem des Chrysipp
                wider-<lb/>spricht. Daher sind auch diese skeptischen Einwände nicht so
                weitreichend<lb/>und allgemein, wie Sextus vorgibt; gegen Chrysipp können sie nicht
                mehr<lb/>vorgebracht werden.</p>
            <p rend="start">Im zweiten Schritt — er entspricht dem fünften in der
                Argumentation<lb/>der <hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypotyposen</hi> — geht Sextus
                zu der Frage über, ob die<lb/>Vorstellungen, wenn sie trotz aller Bedenken
                zugestanden werden, alle<lb/>wahr sind oder nicht. Er meint, hier komme allenfalls
                die These der Stoi-<lb/>ker und der Akademiker in Betracht, nach der nur ein Teil
                der Vorstel-<lb/>lungen wahr sei <hi rend="italic">(M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 388-400), und argumentiert dann, daß auch
                diese<lb/>Position nicht verteidigt werden könne. Dabei geht es, was die
                Stoiker<lb/>betrifft, um die erkennende (καταληπτική), und was die
                Akademiker<lb/>angeht, um die glaubhafte (πιθανή) Vorstellung; diese Vorstellungen
                seien<lb/>nicht einsichtig zu machen <hi rend="italic">(M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 401-439).</p>
            <p rend="start">Die sehr ausführliche Argumentation zu den Stoikern (401-435)
                um-<lb/>faßt viele verschiedene Argumente, von denen aber mehrere lediglich
                auf<lb/>mögliche Verwechslungen erkennender und nicht-erkennender
                Vorstel-<lb/>lungen aufmerksam machen, bereits von den Akademikern
                (Karneades)<lb/>vorgetragen und von den Stoikern entkräftet worden waren (vgl.
                402-<lb/>411, 415-421: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 1242, 421-423). Sodann
                argumentiert Sextus dage-<lb/>gen, daß überhaupt etwas erkennend sei, sogar mit
                einer Instabilität der<lb/>wahrgenommenen Gegenstände (411-414), und spielt in
                polemischer Um-<lb/>kehrung stoischer Repliken am Schluß die stoische Figur des
                Weisen ge-<lb/>gen die Kompetenz der stoischen Schulgrößen aus (432-435: <hi
                    rend="italic">F.D.S.<lb/></hi></p>
            <p rend="pb"><pb n="265" facs="Ele92_265.jpg"/></p>         
            <p>360 <hi rend="smcap">a). </hi>Gegen
                die jüngeren Stoiker macht Sextus geltend, sinnliche Vor-<lb/>stellungen erforderten
                nach stoischer Lehre fünferlei; diese Anforderun-<lb/>gen könnten aber niemals
                allesamt erfüllt werden, weil die Umstände dies<lb/>immer irgendwie verhinderten; es
                gebe also immer ein Hindernis dage-<lb/>gen, daß eine erkennende Vorstellung zum
                Wahrheitskriterium werde<lb/>(424 f.: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 285). Dieses
                Argument stellt vor allem eine Interpretations-<lb/>aufgabe: Ist die Klausel der
                jüngeren Stoiker, daß die erkennende Vor-<lb/>stellung dann und nur dann
                Wahrheitskriterium sei, wenn der Zustim-<lb/>mung kein Hindernis im Wege steht, eine
                angemessene Weiterführung<lb/>der älteren stoischen Lehre; oder widerspricht sie
                dieser Lehre? Im ersten<lb/>Fall können die Stoiker den Einwand des Sextus durch
                Differenzierungen<lb/>abwehren; im zweiten Fall haben sie das stoische
                Wahrheitskriterium de-<lb/>savouiert und müssen der Kritik stattgeben<note
                    xml:id="ftn40" place="foot" n="40"> A. A. <hi rend="smcap">Long, </hi><hi
                        rend="italic">Hellenistic Philosophy. Stoics, Epicureans, Sceptics</hi>,
                    London 1974<lb/>(19862), S. 128 f., äußerte sich in Richtung auf die zweite
                    Alternative. Inzwischen<lb/>scheint er aber die erste Auffassung zu
                    unterstützen, so daß auch die jüngeren<lb/>Stoiker als orthodox angesehen werden
                    können; vgl. L.-S. <hi rend="smcap">i</hi>, S. 251 f.</note>.</p>
            <p rend="start">Es bleiben drei Argumente unmittelbar zur erkennenden Vorstel-<lb/>lung.
                Das erste bezieht sich auf deren Definition und hält den Stoikern<lb/>vor, ihre
                Erklärungen der erkennenden Vorstellung und des äußeren Ge-<lb/>genstands stünden im
                Verhältnis einer Diallele (426: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 329). Wer<lb/>dem
                entkommen will — so muß man wohl ergänzen —, braucht zur Iden-<lb/>tifizierung der
                erkennenden Vorstellung ein anderes Kriterium, und die-<lb/>ses Erfordernis führt
                entweder in eine Absurdität oder in einen unendli-<lb/>chen Regreß (427-429). Die
                Stoiker bestreiten natürlich die Vorausset-<lb/>zungen dieser beiden Einwände und
                sagen, die erkennende Vorstellung<lb/>zeige sich selbst; sie sei Kriterium ihrer
                selbst und von daher auch Krite-<lb/>rium für die äußeren Gegenstände. Dagegen
                wendet Sextus dann ein,<lb/>was er den Stoikern wohl <hi rend="italic"
                >eigentlich</hi> Vorhalten will: «Das freilich unter-<lb/>scheidet sich nicht von
                der umgekehrten Behauptung, daß eben das Vor-<lb/>gestellte der Ausweis sowohl
                seiner selbst als auch der Vorstellung<lb/>sei»<note xml:id="ftn41" place="foot"
                    n="41"> [...] ὅπερ oὐ διενήνοχε τοῦ φάναι κατὰ ἀναστροφὴν καὶ τὸ φανταστὸν
                    ἑαυτοῦ<lb/>τε καὶ τῆς φαντασίας εἶναι δοκίμιον.</note>; alle Gegenstände
                brauchten ein von ihnen verschiedenes Kriteri-<lb/>um (430-432; Zitat 430). Die
                Voraussetzung dieses Einwands, daß näm-<lb/>lich Vorstellungen Gegenstände wie alle
                anderen auch seien, wird auf</p>
<p rend="pb"><pb n="266" facs="Ele92_266.jpg"/></p>
            <p>stoischer Seite wieder höchstens von
                Kleanthes geteilt, der sich mit sei-<lb/>nem Verständnis des “Eindrucks im
                Zentralorgan” gegen eine solche<lb/>Deutung nicht wehren kann. Chrysipp ist da
                anderer Ansicht. Ihm gegen-<lb/>über beruht der Einwand entweder auf einer schlecht
                durchdachten dog-<lb/>matischen These, was Sextus zurückweisen wird; oder er stellt
                bloß eine<lb/>Aufforderung dar, die Seinsweise intentionaler Gebilde gründlicher
                zu<lb/>klären.</p>
            <p rend="start">Nun kam es darauf an festzustellen, ob Sextus entsprechend
                seiner<lb/>skeptischen Interessenlage die stoische Erkenntnistheorie,
                insbesondere<lb/>die Lehre von der erkennenden Vorstellung in ihrer durchdachtesten
                Aus-<lb/>prägung kritisiert oder zumindest Argumente gegen sie vorbringt,
                die<lb/>auch gegen die beste Ausprägung eingesetzt werden könnten. Unter
                die-<lb/>sem Gesichtspunkt ausgewertet zeigt das zusammengestellte Material
                als<lb/>erstes,</p>
            <p rend="start">(1) daß Sextus sowohl in den <hi rend="italic">Pyrrhonischen
                Hypotyposen</hi> als auch<lb/>in <hi rend="italic">Adversus Dogmaticos</hi>
                beansprucht, sich mit allen Versionen der stoi-<lb/>schen Lehre auseinanderzusetzen.
                In den <hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypotyposen</hi> ver-<lb/>sucht er das mit
                einem Gedankengang, der alle Versionen zugleich treffen<lb/>soll. In <hi
                    rend="italic">Adversus Dogmaticos</hi> versucht er teilweise dasselbe; zum
                anderen<lb/>Teil bemüht er sich, gegen die in Frage kommenden Varianten
                einzeln<lb/>vorzugehen.</p>
            <p rend="start">(2) Die vorgebrachten Argumente werden dem umfassenden An-<lb/>spruch
                nicht immer gerecht. Sowohl die vorgeblich allgemeinen als auch<lb/>die speziell
                gegen Chrysipp gerichteten Argumente bauen zum Teil auf<lb/>Voraussetzungen auf, die
                nur zu dem Vorstellungsbegriff des Kleanthes<lb/>passen und nicht zu dem des
                Chrysipp, der von solchen Argumenten also<lb/>nicht betroffen ist. Sextus scheint
                sich dessen allerdings nicht bewußt<lb/>gewesen zu sein<note xml:id="ftn42"
                    place="foot" n="42"> Das nährt den Verdacht, daß Sextus oder vielmehr seine
                    Gewährsleute ur-<lb/>sprünglich gegen die von Kleanthes unterstützte Version der
                    stoischen Erkenntnisleh-<lb/>re gestritten und erst nachträglich versucht haben,
                    ihre Überlegungen auch auf Chry-<lb/>sipp auszudehnen, ohne sich von der
                    eigentümlichen Stärke dieses Gegners genügend<lb/>Rechenschaft zu geben.</note>.</p>
            <p rend="start">(3) Nichtsdestoweniger betrifft ein Teil der vorgebrachten
                Argumen-<lb/>te in der Tat alle Ausprägungen der stoischen Lehre. Sie sind
                    allerdings</p>
<p rend="pb"><pb n="267" facs="Ele92_267.jpg"/></p>
            <p>von unterschiedlicher Relevanz, a) Einige stammen
                aus der Akademie,<lb/>und die Stoiker hatten darauf gute Antworten, b) Im dritten
                Argumenta-<lb/>tionsschritt aus den <hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypotyposen</hi>
                meint Sextus, Vorstellun-<lb/>gen taugten nicht als Wahrheitskriterium; sie seien
                nämlich Vorstellungen<lb/>von sinnlichen Erlebnissen und nicht von äußeren
                Gegenständen (<hi rend="italic">PH</hi>
                <hi rend="smcap">ii</hi><lb/>72 f.; ähnlich <hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">vii</hi> 354-356). Da dieses Argument die Gattungszuwei-<lb/>sung
                des Wahrheitskriteriums berührt, muß es separat genannt werden.<lb/>Es sollte aber
                nicht in Richtung auf Humes Erläuterung der Skepsis gele-<lb/>sen und zu einem
                massiven Einwand ausgebaut werden; nach Ausweis<lb/>des Kontextes ist es so nicht
                gemeint; vielmehr spielt Sextus nur mit<lb/>dem Unterschied von Sinnesorganen und
                Seele, c) Die anderen Einwände<lb/>sind entweder ganz allgemein wie der Hinweis auf
                die Veränderungsapo-<lb/>rie oder auch wie der Rekurs auf dogmatische Kontroversen
                über die<lb/>Existenz eines Zentralorgans; oder sie stützen sich auf bestimmte
                Aspek-<lb/>te des Zentralorgans, insbesondere auf seine pneumatische Substanz.
                Alle<lb/>diese Argumente erstrecken sich auf die theoretische Explikation
                des<lb/>Vorstellungsbegriffs und erzwingen vielleicht sogar deren Revision.
                Sie<lb/>bezweifeln jedoch nicht die Existenz von Vorstellungen und
                widerspre-<lb/>chen nicht der stoischen Annahme, daß das Wahrheitskriterium der
                Gat-<lb/>tung nach eine Vorstellung sei; erst recht berühren sie nicht die
                nähere<lb/>Bestimmung des Wahrheitskriteriums. Insofern sind sie weit vom
                Kern<lb/>der Auseinandersetzung entfernt und können erst in Verbindung
                mit<lb/>anderen Kritikpunkten ein größeres Gewicht erlangen.</p>
            <p rend="start">(4) Gegen die Konzeption des Kleanthes liegen auch spezifische
                Ein-<lb/>wände vor; es sind die Einwände Chrysipps, denen Sextus sich
                einfach<lb/>anschließt, ferner die bloß vorgeblich allgemeinen Argumente des
                Sextus<lb/>(vgl. (2)). Auch gegen die jüngeren Stoiker, die dem klassischen
                stoischen<lb/>Wahrheitskriterium eine Klausel anfügen, erhebt Sextus einen
                gesonder-<lb/>ten Einwand. Aber man sucht vergebens nach einem Argument, das
                sich<lb/>vornehmlich gegen die Konzeption Chrysipps wendet und ihr auch
                ange-<lb/>messen ist.</p>
            <p rend="start">(5) Sextus setzt nicht das Argument Humes ein. Er fragt die
                Dogma-<lb/>tiker nicht nach einer soliden Begründung dafür, daß wenigstens ein
                Teil<lb/>unserer Vorstellungen von äußeren Gegenständen verursacht werde.</p>
            <p rend="pb"><pb n="268" facs="Ele92_268.jpg"/></p>
            <p rend="start">Es zeigt sich also, daß Sextus zwar um die Varianten der
                stoischen<lb/>Erkenntnistheorie weiß und seine skeptischen Zweifel gegen alle
                diese<lb/>Ausprägungen entwickeln möchte, daß er aber gegen die Konzeption
                Chry-<lb/>sipps keine hinreichend triftigen Einwände hat. Diese Schwäche
                beein-<lb/>trächtigt die Überzeugungskraft der pyrrhonischen Skepsis. In der
                zentra-<lb/>len Frage, ob es ein Wahrheitskriterium gebe, die durchdachteste
                dogma-<lb/>tische Gegenposition nicht nachdrücklich entkräften zu können und
                sich<lb/>in der Lehre vom Zeichen sowie in der vom Beweis von vornherein<lb/>nur auf
                frühstoische Positionen zu beziehen, die durch Chrysipp überholt<lb/>waren, das
                fördert nicht die skeptische Urteilsenthaltung, sondern stärkt<lb/>eher die
                Tradition Chrysipps innerhalb der Stoa.</p>
            <p rend="start">Wenn die Unzulänglichkeit der skeptischen Argumentation bei Sex-<lb/>tus
                soweit richtig beobachtet ist, könnte darin ein Grund liegen, warum<lb/>die
                Diskussion zwischen den Stoikern und den Skeptikern seit dem 1.<lb/>Jh. v. Chr.
                erlahmte und die Qualität der Gegnerschaft trotzdem bis zur<lb/>Zeit des Sextus
                Empiricus ungefähr gleich blieb: Die Pyrrhoneer waren<lb/>zwar überzeugt, sich gegen
                jede dogmatische These durchsetzen zu kön-<lb/>nen. Aber gegen die von Chrysipp
                ausgehende stoische Lehrtradition ge-<lb/>lang ihnen das nicht in der
                wünschenswerten Weise. Die Stoiker mögen<lb/>sich deshalb gar nicht ernsthaft
                angegriffen gefühlt haben und haben sich<lb/>vielleicht aus diesem Grund nicht so
                energisch verteidigt wie vorher ge-<lb/>gen die Kritik der Akademiker. Infolgedessen
                kam die Diskussion nicht<lb/>vom Fleck, und weil sie nicht vorankam, blieben die
                Stoiker für mehr<lb/>als 200 Jahre unverändert die Hauptgegner der pyrrhonischen
                Skepsis.<lb/>Daß die Parteien sich während einer derart langen Zeit
                unbeweglich<lb/>gegenüberstanden, wird mehrerlei Gründe gehabt haben. <hi
                    rend="italic">Ein</hi> Grund<lb/>davon dürfte eine argumentative Schwäche der
                pyrrhonischen Skepsis<lb/>gewesen sein, die es nicht verstand, ihren stärksten
                Gegner effektiv zu<lb/>überwinden.</p>
            <p rend="start">Sie hätte sich allerdings besser auf ihn einstellen können; und
                vor<lb/>allem hätte sie ihre skeptischen Tropen benutzen können, um andere
                Ein-<lb/>wände gegen die Stoiker zu entwickeln. Damit hätte sie auch gegen
                Chry-<lb/>sipp wirksam vorgehen können; und die Diskussion wäre gewiß
                anders<lb/>verlaufen. Es ist reizvoll, sich zum Schluß zu überlegen, wie eine
                solche<lb/>Auseinandersetzung ausgesehen haben könnte.</p>
            <p rend="pb"><pb n="269" facs="Ele92_269.jpg"/></p>
            <p rend="title">V</p>
            <p rend="start">Die Pyrrhoneer hätten auch gegen die von Chrysipp entwickelte<lb/>Form
                der stoischen Erkenntnistheorie wirksam auftreten können. Dazu<lb/>boten sich zwei
                Ansatzpunkte. Indem die Stoiker die erkennende Vorstel-<lb/>lung als
                Wahrheitskriterium ansahen, waren sie erstens der Meinung, daß<lb/>die Klarheit und
                Deutlichkeit dieser Vorstellung deren Wahrheit ver-<lb/>bürgt, obgleich sie davon
                logisch unabhängig ist. Zweitens nahmen sie<lb/>an, daß die erkennenden und alle
                unerkannten wahren Vorstellungen von<lb/>äußeren Gegenständen verursacht sind. Die
                Skeptiker hätten sich auf die-<lb/>se Behauptungen konzentrieren und die Stoiker
                nach soliden Begründun-<lb/>gen dafür fragen können. Daraufhin hätten die Stoiker
                sich aller Voraus-<lb/>sicht nach im “Netz des Skeptikers” verfangen<note
                    xml:id="ftn43" place="foot" n="43"> Vgl. J. <hi rend="smcap">Barnes, </hi><hi
                        rend="italic">op. cit.</hi>, S. 113 ff.</note>, indem sie entweder<lb/>keine
                weiteren Begründungen mehr zu geben vermochten oder in einen<lb/>unendlichen Regreß
                hineingerieten oder bereits benutzte Begründungen<lb/>wiederholten. Je nach Art der
                Argumentationsschwäche hätte der Skepti-<lb/>ker seine Urteilsenthaltung dann
                entweder mit dem Tropos der unbewie-<lb/>senen Voraussetzung oder mit dem des
                Regresses ins Unendliche oder<lb/>mit dem der Diallele begründet. In jedem Fall wäre
                er zum Ziel gekom-<lb/>men. Eine derartige skeptische Strategie hätte als die antike
                Form des<lb/>skeptischen Arguments von Hume gelten können. Sie hätte die
                von<lb/>Agrippa konzipierten skeptischen Tropen gezielt eingesetzt und wäre
                ge-<lb/>gen Chrysipp ebenso erfolgreich gewesen wie gegen alle anderen Stoiker.</p>
            <p rend="start">Daß es dazu nicht gekommen ist, könnte an dem Preis gelegen ha-<lb/>ben,
                den der pyrrhonische Skeptiker selber hätte entrichten müssen. In<lb/>der
                Erkenntnistheorie und Logik zweifelt Sextus nur an der Erkennbar-<lb/>keit der
                Außenwelt, nicht an ihrer Existenz. Diese war für ihn noch ähn-<lb/>lich unstrittig
                wie das Ziel allen Philosophierens; und weil das, was er-<lb/>scheint, aus
                begrifflichen Gründen immer auf etwas Zugrundeliegendes<lb/>zurückverweist<note
                    xml:id="ftn44" place="foot" n="44"><hi rend="italic">PH</hi>
                    <hi rend="smcap">i</hi> 15, 19, 45, 48, 54 f., 61, 99, 102, 135, 163, 208, 215
                    und öfter.</note>, griff er auf sie bei der Erläuterung der
                pyrrhonischen<lb/>Skepsis wiederholt zurück. Mit der angedeuteten Argumentations
                Strate-<lb/>gie wäre aber auch die Existenz der Außenwelt problematisiert
                worden,<lb/>und die Skeptiker hätten ihr Urteil darüber ebenfalls zurückhalten
                    müs-</p>
<p rend="pb"><pb n="270" facs="Ele92_270.jpg"/></p>
            <p>sen. Das wäre eine Radikalisierung der Skepsis gewesen,
                die ihnen zu<lb/>verwegen erschienen sein mag.</p>
            <p rend="start">Aber nehmen wir einmal an, die pyrrhonischen Skeptiker hätten
                ihre<lb/>argumentative Chance trotzdem wahrgenommen, sie hätten besagte
                Be-<lb/>denken hintangestellt und wären — eventuell auf eine stoische
                Nachfrage<lb/>hin — sogar entschlossen gewesen, ihre Skepsis zu radikalisieren.
                Was<lb/>hätten die Stoiker ihnen dann antworten können?</p>
            <p rend="start">Was die Stoiker auf die schwächeren Argumente der
                Skeptiker<lb/>geantwortet haben, ist leider nicht zusammenhängend überliefert.
                Aus<lb/>entsprechenden Hinweisen des Sextus ergibt sich aber, daß man
                die<lb/>Pyrrhoneer einesteils in Widersprüche verwickeln wollte und
                anderenteils<lb/>versucht hat, die skeptischen Argumente gegen ihre Urheber
                    umzu-<lb/>kehren<note xml:id="ftn45" place="foot" n="45"> Vgl. insbesondere <hi
                        rend="italic">PH</hi>
                    <hi rend="smcap">i</hi> 200; <hi rend="smcap">ii</hi> 131 <hi rend="italic"
                        >(F.D.S.</hi> 1077); 185-187 <hi rend="italic">(F.D.S.</hi> 1188); <hi
                        rend="italic">M<lb/></hi><hi rend="smcap">vii</hi> 433 <hi rend="italic"
                        >(F.D.S.</hi> 360 <hi rend="smcap">a);</hi>
                    <hi rend="smcap">viii</hi> 278-280 (<hi rend="italic">F.D.S.</hi> 1031); 281-284
                        (<hi rend="italic">F.D.S.</hi> 1185); 463-469<lb/>(<hi rend="italic"
                    >F.D.S.</hi> 1187); <hi rend="smcap">ix</hi> 204-206 (<hi rend="italic"
                    >F.D.S.</hi> 1189).</note>. Außerdem waren die Stoiker überzeugt, daß die
                erkennende<lb/>Vorstellung und überhaupt das menschliche Erkenntnisvermögen uns
                von<lb/>der Natur verliehen seien, damit wir in Übereinstimmung mit der
                Natur<lb/>leben können<note xml:id="ftn46" place="foot" n="46"> Vgl. <hi
                        rend="italic">M</hi>
                    <hi rend="smcap">vii</hi> 259 f. (<hi rend="italic">F.D.S.</hi> 354); <hi
                        rend="smcap">Cic.</hi>
                    <hi rend="italic">ac. pr.</hi>
                    <hi rend="smcap">ii</hi> 22 (<hi rend="italic">F.D.S.</hi> 346), 30 f., 37
                        ff.<lb/>(<hi rend="italic">F.D.S.</hi> 363), 42 = L.-S. 40K, 40M, 40N, 40O,
                    41B.</note>. Bei der Widerlegung lag es deshalb besonders nahe,<lb/>darauf zu
                achten, ob die Skepsis mit elementarsten Lebensvollzügen ver-<lb/>einbar sei. Die
                Stoiker versuchten also geltend zu machen, daß der Skep-<lb/>tiker, wenn er getreu
                seiner Auffassung leben wolle, unmöglich eine<lb/>menschliche Existenz führen
                    könne<note xml:id="ftn47" place="foot" n="47"> Näheres <hi rend="italic"
                    >supra</hi>, S. 243.</note>. Darüber hinaus erklärten sie, die<lb/>Pyrrhoneer
                könnten noch nicht einmal wissen, daß sie Menschen sind<lb/>oder daß sie ihr Urteil
                zurückhalten. Diesen zweiten Einwand gegen skep-<lb/>tische Erwägungen kannte wohl
                schon Platon<note xml:id="ftn48" place="foot" n="48"> Vgl. <hi rend="italic"
                    >Phaedr.</hi> 260 <hi rend="smcap">a</hi>.</note>; Klemens von Alexan-<lb/>drien
                erhebt ihn ausdrücklich gegen die Pyrrhoneer, und daß er gerade<lb/>auch von den
                Stoikern vorgetragen wurde, ergibt sich aus Sextus Empiri-<lb/>cus; denn das
                polemische Argument, in dem er das stoische Ideal des<lb/>Weisen gegen die stoischen
                Schulgrößen ausspielt, führt er ein als eine<lb/>Umkehrung von Argumenten, die die
                Stoiker gegen die pyrrhonischen</p>
<p rend="pb"><pb n="271" facs="Ele92_271.jpg"/></p>
            <p>Skeptiker vorzubringen pflegen<note
                    xml:id="ftn49" place="foot" n="49"><hi rend="italic">M</hi>
                    <hi rend="smcap">vii </hi>433: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 360 A. Vgl. <hi
                        rend="italic">supra</hi>, S. 248.</note>. Von den Skeptikern wurden die
                Hin-<lb/>weise, daß die Skepsis mit elementarer Lebenspraxis unvereinbar sei,
                ge-<lb/>legentlich als deplaziert oder als Mißverständnisse abgetan (z.B. <hi
                    rend="italic">PH</hi>
                <hi rend="smcap">i</hi> 200;<lb/><hi rend="italic">M</hi>
                <hi rend="smcap">xi</hi> 162-165: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 360). Da die Skepsis
                noch nicht ihre volle Schärfe<lb/>erreicht hatte, waren solche Kritiken vielleicht
                wirklich übereilt. Aber<lb/>wenn nun eine Radikalisierung der Skepsis vorausgesetzt
                wird, kann das<lb/>stoische Interesse an einer (Selbst-) Widerlegung der Skepsis
                anhand der-<lb/>art grundsätzlicher Fragen wieder aufgenommen werden. Wir dürfen
                also<lb/>annehmen, daß die Stoiker sich bemüht hätten, der neu
                qualifizierten<lb/>skeptischen Kritik mit einer ebenso fundamentalen Gegenkritik zu
                begeg-<lb/>nen. Dazu hätte sich die folgende Überlegung angeboten:</p>
            <p rend="start">Wegen der argumentativen Stärke der skeptischen Tropen, zumal<lb/>wenn
                sie im Verbund eingesetzt werden, sieht es so aus, als könne die<lb/>pyrrhonische
                Skepsis sich immer durchsetzen. Ob ihr das tatsächlich ge-<lb/>lingt, weiß man
                nicht; aber der Skeptiker rechnet damit. Er nimmt also<lb/>an und hält es für <hi
                    rend="italic">möglich,</hi> daß <hi rend="italic">niemals</hi> von irgendeiner
                Aussage wirklich<lb/>gewußt und eingesehen wird, welchen Wahrheitswert sie hat, auch
                nicht<lb/>von so elementaren Aussagen wie “Ich bin ein Mensch” und “Ich
                halte<lb/>mein Urteil zurück”<note xml:id="ftn50" place="foot" n="50"> Der Skeptiker
                    müßte diese unangenehmen antiken Beispiele jetzt gelten<lb/>lassen.</note>.
                Indem er das für möglich hält, aber den Wahr-<lb/>heitsanspruch von Aussagen mit
                Sextus Empiricus noch anerkennt, gibt<lb/>er <hi rend="italic">jeden</hi>
                Zusammenhang zwischen Wahrheit und Verifizierbarkeit preis.<lb/>Sollte er daran
                lieber festhalten wollen, so muß er auf den Wahrheitsan-<lb/>spruch von Aussagen
                verzichten und gibt dann <hi rend="italic">jeden</hi> Zusammenhang zwi-<lb/>schen
                der Sinnhaftigkeit von Aussagen einerseits und ihrer Wahrheit
                und<lb/>Verifizierbarkeit andererseits auf. Aber von dem “Anspruch” der
                Aussagen,<lb/>einen Sinn zu haben, wird er nicht auch noch absehen können, weil
                damit<lb/>der Anspruch der Sprache, überhaupt verständlich zu sein,
                aufgegeben<lb/>würde. Diesen <hi rend="italic">Anspruch</hi> erhebt auch der
                Skeptiker schon, wenn er seine<lb/>philosophische Einstellung nur mitzuteilen
                versucht. An diesem “Anspruch”<lb/>muß also auch vom Skeptiker selbst festgehalten
                werden. Um ihn zu wi-<lb/>derlegen, bleibt dann zu zeigen, daß dieser “Anspruch” der
                Sprache auf<lb/>Verständlichkeit nur dann aufrecht erhalten werden kann, wenn nicht
                    für</p>
<p rend="pb"><pb n="272" facs="Ele92_272.jpg"/></p>
            <p><hi rend="italic">alle</hi> aussagen <hi rend="italic"
                    >jeder</hi> Zusammenhang zur Verifizierbarkeit preisgegeben<lb/>wird<note
                    xml:id="ftn51" place="foot" n="51"> ..., was natürlich nicht heißen soll, jede
                    beliebige Aussage müsse, um ver-<lb/>ständlich zu sein, auch verifizierbar sein.
                    Gegen eine solche These gäbe es gar zu<lb/>viele schlagende
                Gegenbeispiele!</note>. Dies mit der nötigen Genauigkeit im Detail wirklich
                nachzuweisen<lb/>würde eine ausführlichere sprachanalytische Betrachtung erfordern.
                Statt-<lb/>dessen muß an dieser Stelle der Hinweis genügen, daß Ansprüche
                auf<lb/>sprachliche Verständlichkeit, wenn sie gerechtfertigt werden müssen,
                in<lb/>aller Regel mit Verfahren erläutert werden, die zugleich einen
                Zusam-<lb/>menhang zwischen Wortbedeutung und Verifizierbarkeit hersteilen
                oder<lb/>sichern. Soweit dieser Hinweis einen kunstgerechten Nachweis
                vertreten<lb/>kann, ergibt sich also eine förmliche Widerlegung der Skepsis: Es ist
                nicht<lb/>möglich, daß wir eine verständliche Sprache zu haben beanspruchen
                und<lb/>doch <hi rend="italic">niemals</hi> von <hi rend="italic">irgendeiner</hi>
                Aussage wissen, welchen Wahrheitswert sie<lb/>hat; der bloße Anspruch auf
                Verständlichkeit der Sprache stellt sicher,<lb/>daß es Aussagen gibt, deren Wahrheit
                oder Falschheit einsehbar ist.</p>
            <p rend="start">Um die Urteilsenthaltung auch gegenüber Chrysipp und den ihm
                fol-<lb/>genden Stoikern zu rechtfertigen, sah der Pyrrhoneer sich genötigt,
                seine<lb/>Skepsis zu radikalisieren. Dadurch forderte er die Stoiker zugleich zu
                einer<lb/>neuen, sehr grundsätzlichen Replik heraus, der er sich nun wohl
                beugen<lb/>muß. Er hat deswegen aber keinen Anlaß, die fiktive
                Auseinandersetzung<lb/>ganz verloren zu geben.</p>
            <p rend="start">Er hat nämlich erreicht, daß die Stoiker selbst auf einem
                wesentli-<lb/>chen Zusammenhang von Verständlichkeit, Wahrheit und
                Verifikation<lb/>bestehen. Obwohl dieser Zusammenhang im Rahmen des
                ausstehenden<lb/>Beweises erst noch weiter ausgearbeitet werden muß, kann man ihn
                von<lb/>den Stoikern schon kritisch einfordern. Der Skeptiker kann ihnen
                Vorhal-<lb/>ten, der Zusammenhang werde von ihnen selbst häufig mißachtet;
                daher<lb/>seien auch die Stoiker selbst zu einer erheblichen Korrektur ihrer
                Auffas-<lb/>sungen gezwungen.</p>
            <p rend="start">Eine solche Kritik betrifft vor allem den Umgang der Stoiker
                mit<lb/>Vorbegriffen und allgemeinen Begriffen. Neben der erkennenden
                Vorstel-<lb/>lung führte man in der Stoa gelegentlich auch noch andere
                Wahrheitskri-<lb/>terien an; Chrysipp etwa betrachtete auch Sinneswahrnehmung
                (αἴσθησις)<lb/>und Vorbegriff (πρόληψις) als Kriterien (Diog. Laert. <hi
                    rend="smcap">vii</hi> 54: <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 255),</p>
            <p rend="pb"><pb n="273" facs="Ele92_273.jpg" /></p>
            <p>nach anderen Quellen auch die allgemein üblichen Begriffe (κοιναὶ
                ἔννοιαι)<lb/>(z.B. <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 310). Diese zusätzlichen Kriterien
                widersprechen nicht der<lb/>sonstigen Darstellung der stoischen Lehre. Denn man darf
                sie sich nicht<lb/>unabhängig von der erkennenden Vorstellung denken. «In their
                generali-<lb/>ty and complexity, preconceptions and common conceptions cover
                truths<lb/>which cognitive impressions, or at least sensory ones, do not
                transmit<lb/>directly; but Chrysippus can be assumed to have regarded these
                criteria<lb/>as complementary to sense-perception, and grounded in the cognitive
                im-<lb/>pressions of which it consists»<note xml:id="ftn52" place="foot" n="52"
                    >Long, in L.-S. <hi rend="smcap">ι</hi>, § 40, S. 252 f. mit den nötigen
                    Belegen.</note>. Soviel zur Verbindung der zusätzli-<lb/>chen Wahrheitskriterien
                mit dem Hauptkriterium der Stoiker.</p>
            <p rend="start">Nun erklärten die Stoiker ebenso wie die Epikureer auf der
                einen<lb/>Seite, alle Vorbegriffe und allgemeinen Begriffe hätten
                empirische<lb/>Grundlagen; mit Blick auf die platonische Tradition war das beiden
                Schu-<lb/>len wichtig<note xml:id="ftn53" place="foot" n="53"> Vgl. für die Stoiker
                        <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 276 ff., 300 ff. u. ö. sowie L.-S. § 40, für
                    die<lb/>Epikureer, <hi rend="italic">ibid.</hi> § 17.</note>. Aber auf der
                anderen Seite neigten sie auch beide dazu,<lb/>diese Begriffe über den
                unproblematischen Erfahrungsbereich hinaus in<lb/>einer für das allgemeine
                Verständnis befremdlichen Weise zu gebrauchen;<lb/>man bekannte sich auch zu solchen
                Bedeutungsverschiebungen und gab<lb/>jeweils geeignet erscheinende Erklärungen. Von
                daher war der Stoizismus<lb/>voll von Lehren, die auf Begriffen beruhten, welche von
                den gemeinhin<lb/>üblichen Begriffen gewaltig abwichen und die auch mit den
                Begriffen<lb/>anderer Philosophen nicht immer übereinstimmten. Anders gesagt
                be-<lb/>nutzten die Stoiker die Vorbegriffe und allgemeinen Begriffe für
                man-<lb/>cherlei problematische Beweise. Wenn sie z.B. ihre Lehre von der
                Mi-<lb/>schung oder die von der Existenz und Vorsehung der Götter begründe-<lb/>ten,
                stützten sie sich auf bestimmte Vorbegriffe und allgemeine Be-<lb/>griffe <note
                    xml:id="ftn54" place="foot" n="54"> Vgl. für die Lehre von der Mischung L.-S. §
                    48, speziell das Referat Ale-<lb/>xanders von Aphrodisias, <hi rend="italic">de
                        mixt,</hi>
                    <hi rend="smcap">ιιι-iv</hi>, auch in <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 310. Was die
                    Lehre von<lb/>den Göttern betrifft, wird auf die Funktion der Begriffe an einer
                    Stelle sogar grund-<lb/>sätzlich hingewiesen: <hi rend="smcap">Diog. Laert.
                    vii</hi> 52 (<hi rend="italic">F.D.S.</hi> 255). Vgl. in übrigen auch die
                    ver-<lb/>schiedenen Berichte von den theologischen Argumenten der Stoiker: L.-S.
                    § 54.</note>, die aber von anderen Leuten nicht immer so verstanden
                wurden,<lb/>wie die Stoiker sie gebrauchten; von manchen Dogmatikern wurden
                    sie</p>
<p rend="pb"><pb n="274" facs="Ele92_274.jpg"/></p>
            <p>sogar verwendet, um geradewegs entgegengesetzte Thesen zu
                    begründen<note xml:id="ftn55" place="foot" n="55"> Die Peripatetiker hatten ein
                    anderes Verständnis der Mischung als die Stoi-<lb/>ker; vgl. die erwähnte Studie
                    Alexanders, daraus auch <hi rend="italic">F.D.S.</hi> 177. Die
                    Epikureer<lb/>vertraten eine entgegengesetzte Theologie; s. L.-S. §
                23.</note>.<lb/>Die Widersprüche waren unübersehbar..</p>
            <p rend="start">Zur Rechtfertigung konnten die Stoiker zwar auf die
                empirischen<lb/>Grundlagen aller ihrer Begriffe verweisen. Aber das brachte die
                Kritiker<lb/>nicht zum Schweigen. Angesichts der Widersprüche war klar: Wenn
                man<lb/>vom Ergebnis der Beweise nicht von vornherein aus anderen
                Gründen<lb/>überzeugt war, bildeten die Vorbegriffe und die allgemeinen Begriffe
                so,<lb/>wie sie von den Philosophen benutzt wurden, gewiß keine
                verläßlichen<lb/>Wahrheitskriterien. Die Skeptiker konnten da einhaken, und wie
                das<lb/>Werk Plutarchs zeigt, haben sie das ausgiebig getan. Auch Sextus
                Empiri-<lb/>cus hat sich an der Kritik mit gezielten Bemerkungen beteiligt und
                in<lb/>bewundernswerter Kürze erklärt, es gebe viele konkurrierende
                allgemeine<lb/>Begriffe; welchen man folgen solle, wisse man nicht und enthalte
                sich<lb/>daher des Urteils <hi rend="italic">(M</hi>
                <hi rend="smcap">viii</hi> 331 a-333 a).</p>
            <p rend="start">Auf die Dauer blieb das Problem auch den Stoikern nicht
                verborgen,<lb/>und Epiktet scheint versucht zu haben, die Vor- und die
                allgemeinen<lb/>Begriffe als Wahrheitskriterien zu retten. Er hielt an der
                Widerspruchs-<lb/>freiheit und universalen Gemeinsamkeit der Vorbegriffe fest und
                verlegte<lb/>die Quelle des Streits und der Widersprüche in die Anwendung der
                Vor-<lb/>begriffe auf die Einzelfälle (<hi rend="italic">F.D.S.</hi> 313).
                Demgegenüber waren die Skep-<lb/>tiker, wie bei Sextus eben zu sehen war, nicht
                überzeugt, daß es nur<lb/>ein einziges System von Vorbegriffen gebe;
                naheliegenderweise hätten sie<lb/>Epiktet also gefragt, worauf er diese Annahme
                stütze. Und wenn man<lb/>sie akzeptiert, fragt sich weiter, wodurch denn gesichert
                sei, daß Streit<lb/>wirklich nur im Bereich der Anwendung aufkommen könne; müßten
                dazu<lb/>nicht bestimmte Anforderungen an die Begriffe gestellt werden,
                Anforde-<lb/>rungen, die von den Stoikern selbst als zu restriktiv empfunden
                    wür-<lb/>den<note xml:id="ftn56" place="foot" n="56"> So Long, in L.-S. <hi
                        rend="smcap">i</hi>, S. 253.</note>? Der Skeptiker käme also auch angesichts
                des Vorschlags von<lb/>Epiktet zu einer wohlbegründeten Urteilsenthaltung.</p>
            <p rend="start">Kehren wir nun zu unserem fiktiven Dialog zurück. Der
                Skeptiker<lb/>beugt sich dort dem Argument, daß zwischen der Verständlichkeit
                    der</p>
<p rend="pb"><pb n="275" facs="Ele92_275.jpg"/></p>
            <p>Sprache, dem Anspruch auf Wahrheit und der Möglichkeit
                einer Verifi-<lb/>kation ein gewisser unaufgebbarer Zusammenhang bestehe. Er
                fordert<lb/>daraufhin aber umgekehrt den Stoiker und alle anderen Dogmatiker
                auf,<lb/>diesen Zusammenhang auch selber zu respektieren. Angesichts der
                Hand-<lb/>habung der Vorbegriffe und der allgemeinen Begriffe bei seinen
                Gesprächs-<lb/>partnern wird diese Aufforderung zu einer herben Kritik.</p>
            <p rend="start">Die widersprüchlichen Ergebnisse, die mit diesen Begriffen
                hergelei-<lb/>tet werden, zeigen, was selbst Epiktet einräumt, daß nämlich die
                Anwen-<lb/>dungsregeln dieser Begriffe unklar sind. Um diesen Mangel zu
                beheben<lb/>und die beeinträchtigte Verständlichkeit der Begriffe zu erhöhen,
                müßten<lb/>sie genau und nachvollziehbar erläutert werden; die Bedeutung der
                Be-<lb/>griffe müßte überprüft und sorgfältig rekonstruiert werden. Am Ende
                ei-<lb/>nes solchen Prozesses würde sich nicht nur zeigen, unter welchen
                Voraus-<lb/>setzungen die stoischen Lehrsätze (teilweise) aufrecht erhalten
                werden<lb/>können und unter welchen nicht. Sondern es würde sich auch zeigen,
                was<lb/>von dem programmatischen Hinweis der Stoiker und der Epikureer zu<lb/>halten
                ist, daß alle ihre Begriffe empirisch begründet seien. Bei vielen<lb/>Vorbegriffen
                und allgemeinen Begriffen der Stoiker dürfte dieser Hinweis<lb/>im wesentlichen
                nicht zutreffen; dort ist der von den Stoikern selbst po-<lb/>stulierte Zusammenhang
                von Verständlichkeit, Wahrheit und Verifika-<lb/>tion dann wohl nicht gewahrt. Aber
                nicht das ist nun der Hauptpunkt<lb/>der skeptischen Kritik. Diese setzt vielmehr
                schon vorher an und bemän-<lb/>gelt vor allem, daß die Stoiker sich angesichts der
                Widersprüche nicht<lb/>schon von sich aus daranmachen, die Begriffe in der
                bezeichneten Weise<lb/>zu analysieren und/oder zu rekonstruieren. Indem sie das
                versäumen, so<lb/>wird unser Skeptiker sagen, geben sie ihre Lehrmeinungen als wahr
                aus,<lb/>ohne sich genügend um deren Verständlichkeit zu bemühen,
                geschweige<lb/>denn um ihre Verifizierbarkeit. Damit verletzen sie das von ihnen
                selbst<lb/>eingebrachte Postulat, und in diesem folgenreichen Punkt gewinnt
                der<lb/>Skeptiker den Dialog.</p>
            <p rend="start">Die Pyrrhoneer wären mit ihren Tropen in der Lage gewesen,
                die<lb/>Urteilsenthaltung gegenüber jeder Gestalt der stoischen
                Erkenntnislehre<lb/>zu etablieren. Tatsächlich haben sie aber schwächere Argumente
                einge-<lb/>setzt und sind gegenüber der von Chrysipp vorgetragenen Gestalt
                der<lb/>Lehre hinter ihrem Ziel zurückgeblieben. Dadurch entstand zwischen
                ih-<lb/>nen und den Stoikern eine argumentative Pattsituation, die lange
                    andau-</p>
<p rend="pb"><pb n="276" facs="Ele92_276.jpg"/></p>
            <p>erte; das Werk des Sextus darf als deren Ausdruck
                gewertet werden. An<lb/>diese Situation knüpft der im vorangehende skizzierte
                fiktive Dialog an.</p>
            <p rend="start">Er ist durch zweierlei bestimmt. Einerseits soll er nicht aus den
                tat-<lb/>sächlich ausgetauschten, sondern aus fiktiven Argumenten bestehen,
                die<lb/>jeweils im Sinne desjenigen zwingend sind, der sie vorbringt.
                Anderer-<lb/>seits sollen diese Argumente sich, obwohl fiktiv, doch so eng wie
                möglich<lb/>an nachweisbare argumentative Schwerpunkte der beiden Seiten
                anleh-<lb/>nen. Entsprechend diesen Vorgaben führt der Dialog zwischen den
                pyr-<lb/>rhonischen Skeptikern und den Stoikern um die Möglichkeit oder
                Un-<lb/>möglichkeit wirklicher Erkenntnis unverzüglich über die
                Pattsituation<lb/>hinaus, wird sehr fundamental und ändert seinen Charakter. Und
                zwar<lb/>erreicht die Auseinandersetzung sofort das in der Neuzeit gewohnte
                radi-<lb/>kale Problembewußtsein. Jedoch verwandelt sie sich nicht von
                einer<lb/>antiken erkenntnistheoretischen in eine neuzeitliche
                erkenntniskritische<lb/>Diskussion; sondern sie ist moderner und entpuppt sich im
                Grunde als<lb/>ein sprachanalytischer Diskurs. Daran mag es liegen, daß von den
                ur-<lb/>sprünglichen Kontrahenten am Ende keiner als Verlierer darsteht;
                beide<lb/>haben eine Einsicht gewonnen.</p>
        </body>
    </text>
</TEI>
