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                <title>DIE SOG. KLEINEN SOKRATIKER UND IHRE SCHULEN BEI SEXTUS EMPIRICUS</title>
                <author>
                    <name>Klaus</name>
                    <surname>Döring</surname>
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                <authority>ILIESI-CNR</authority>
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                    <p>Biblioteca digitale Progetto Agora</p>
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                    <title level="m">DIE SOG. KLEINEN SOKRATIKER UND IHRE SCHULEN BEI SEXTUS EMPIRICUS</title>
                    <author>Klaus Döring</author>
                    <title level="a">Elenchos. Rivista di studi sul pensiero antico</title>
                    <publisher>Bibliopolis</publisher>
                    <editor/>
                    <pubPlace>Napoli</pubPlace>
                    <idno type="isbn"/>
                    <biblScope>Anno XIII - 1992, Fasc. 1-2, pp. 81-118</biblScope>
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               <docAuthor>Klaus Döring</docAuthor>
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                   <titlePart>DIE SOG. KLEINEN SOKRATIKER UND IHRE SCHULEN<lb/>BEI SEXTUS EMPIRICUS</titlePart>
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<p rend="pb"><pb n="83" facs="Ele92_83.jpg"/></p>
<p rend="titlep">1. <hi rend="smcap">Vorbemerkung</hi><note xml:id="ftn0" place="foot" n="*">Sämtliche Sokrates, die kleinen Sokratiker und deren Schulen betreffende<lb/>Zeugnisse werden im folgenden nach der Sammlung <hi rend="italic">Socratis et Socraticorum Reliquiae,<lb/></hi>hrsg. von G. <hi rend="smcap">Giannantoni </hi>(“Elenchos” <hi rend="smcap">xviii</hi>) Napoli 1991, zitiert (abgekürzt<lb/><hi rend="italic">S.S.R.).</hi></note>
         </p>
         <p rend="start">Die sog. kleinen Sokratiker und ihre Schulen spielen ebenso wie ihr<lb/>gemeinsamer geistiger Stammvater Sokrates in den erhaltenen Schriften<lb/>des Sextus Empiricus aufs ganze gesehen nur eine marginale Rolle. Nur<lb/>über drei dem Kreis dieser Philosophen entstammende Lehrkomplexe<lb/>berichtet Sextus ausführlicher, nämlich über die Erkenntnistheorie der<lb/>Kyrenaiker (<hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">vii</hi> 190-200), Diodors und Philons unterschiedliche An-<lb/>sichten über die Wahrheitsbedingungen von Konditionalaussagen (<hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">ii<lb/></hi>110; <hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">viii</hi> 113-117) und Diodors Beweise gegen die Bewegung (<hi rend="italic">PH </hi><hi rend="smcap">iii</hi><hi rend="italic"><lb/></hi>71-75; <hi rend="italic">M </hi><hi rend="smcap">x</hi> 85-120). Wo er ansonsten auf einzelne diesem Kreis zuzurech-<lb/>nende Philosophen und ihre Ansichten zu sprechen kommt, handelt es<lb/>sich durchweg um Einzelbemerkungen, die sich in gleicher oder ähnlicher<lb/>Form auch bei anderen Autoren der späteren Antike finden, also um<lb/>Bruchstücke jener weitgehend standardisierten Traditionsmasse, die seit<lb/>langem gleichsam das bildungsmäßige Grundkapital aller philosophisch<lb/>Interessierten darstellte und der man von Fall zu Fall entnahm, was man<lb/>gerade brauchte. Es versteht sich von selbst, daß von diesen Einzelbemer-<lb/>kungen weder bedeutsame Informationen über die kleinen Sokratiker und</p>
<p rend="pb"><pb n="84" facs="Ele92_84.jpg"/></p>
          <p>ihre Nachfolger noch belangvolle Erkenntnisse bezüglich der Arbeits-<lb/>weise des Sextus zu erwarten sind. Dennoch will ich sie hier um der<lb/>Vollständigkeit willen nicht gänzlich übergehen. Ich werde mich jedoch,<lb/>was sie betrifft, im wesentlichen auf eine Bestandsaufnahme beschränken<lb/>und in Anmerkungen dazu vor allem darauf hinweisen, wo und in wel-<lb/>chem Zusammenhang sich Parallelen bei anderen Autoren finden.</p>
         <p rend="titlep"><hi rend="smcap">2. Sokrates</hi></p>
         <p rend="start">Die interessanteste Sokrates betreffende Bemerkung bei Sextus ist<lb/>wohl die folgende: In parallelen Abschnitten in den <hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypoty-<lb/>posen</hi> (<hi rend="smcap">ii</hi> 22) und der Schrift <hi rend="italic">Gegen die Dogmatiker</hi> (<hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">vii</hi> 264-265, vgl.<lb/>433) legt Sextus dar, daß eine Erkenntnis der Wahrheit schon deshalb<lb/>ausgeschlossen sei, weil es nicht möglich sei zu erkennen, was das<lb/>Erkenntnissubjekt (τὸ ὑφ’ οὗ), der Mensch, sei. Als prominenten Zeugen,<lb/>der sich dieses Dilemmas bewußt gewesen sei, nennt er Sokrates. Dieser<lb/>habe, obwohl er sich doch um die Erforschung des Begriffes bemüht<lb/>habe, eingestanden, daß er nicht wisse, was er sei. Sextus beruft sich<lb/>für diese seine Aussage über Sokrates auf eine (von ihm verkürzt wieder-<lb/>gegebene) Stelle aus Platons <hi rend="italic">Phaidros</hi> (230 <hi rend="smcap">a</hi>), an der Sokrates von sich<lb/>selbst sagt, daß er bemüht sei «zu erkunden, ob er ein Tier sei, verschlun-<lb/>gener und stärker aufgebläht als Typhon, oder ein zahmeres und ein-<lb/>facheres Lebewesen». Besonders interessant ist diese Bemerkung des<lb/>Sextus über Sokrates deshalb, weil sie die einzige in den erhaltenen<lb/>Werken des Sextus ist, in der dieser sich — ob wissentlich oder unwis-<lb/>sentlich, bleibe dahingestellt — die Sokratesdeutung der Neuen Aka-<lb/>demie zueigen macht. Arkesilaos hatte sich, wie bekannt, für seinen<lb/>Skeptizismus auf Sokrates berufen und sich ausdrücklich in seine Nach-<lb/>folge gestellt. In diesem Zusammenhang scheint er auch die gerade<lb/>zitierte Stelle aus dem <hi rend="italic">Phaidros</hi> als Zeugnis herangezogen zu haben.<lb/>Das läßt sich mit einiger Sicherheit aus dem erschließen, was wir<lb/>dank Plutarchs Schrift <hi rend="italic">Gegen Kolotes</hi> von der Kritik wissen, die der<lb/>Epikurschüler Kolotes von Lampsakos an Sokrates geübt hatte. Dieser<lb/>hatte Sokrates neben anderem vorgeworfen, daß er — so Kolotes wört-</p>
<p rend="pb"><pb n="85" facs="Ele92_85.jpg"/></p>
          <p>lich — «übermütig damit geprahlt habe, daß er nicht einmal sich selbst<lb/>kenne» (<hi rend="smcap">xx</hi> 1118 c). Kolotes hatte bei dieser seiner Behauptung die<lb/>gerade zitierte Bemerkung des Sokrates in Platons <hi rend="italic">Phaidros</hi> im Blick<note xml:id="ftn2" place="foot" n="1">	Vgl. R. <hi rend="smcap">Westman, </hi><hi rend="italic">Plutarch gegen Kolotes,</hi> Helsingfors 1955, S. 65-<lb/>6, 68, 276. B. <hi rend="smcap">Einarson-Ph. </hi>H. <hi rend="smcap">de Lacy, </hi><hi rend="italic">Plutarch’s Moralia,</hi> <hi rend="smcap">xiv</hi>, Cambridge-London<lb/>1967, S. 255 <hi rend="italic">ad loc.</hi></note>.<lb/>Da nun, wie hier nicht im einzelnen gezeigt werden kann<note xml:id="ftn3" place="foot" n="2">	Verwiesen sei immerhin auf A. A. <hi rend="smcap">Long, </hi><hi rend="italic">Socrates in Hellenistic Philosophy,<lb/></hi>«Classical Quarterly», <hi rend="smcap">xxxviii</hi> (1988) S. 150-71, hier 156 zu Kolotes und 156-60 zu<lb/>Arkesilaos.</note>, der So-<lb/>krates, den Kolotes angriff, der Sokrates seines Zeitgenossen Arkesilaos<lb/>war, liegt die Vermutung nahe, daß auch Arkesilaos die Phaidrosstelle<lb/>als Zeugnis für sein Sokratesbild in Anspruch genommen hatte. Trifft<lb/>dies zu, dann stünde die Berufung auf die Phaidrosstelle als Beleg für<lb/>den Skeptizismus des Sokrates bei Sextus in einer letztlich auf Arkesilaos<lb/>zurückgehenden Tradition.</p>
         <p rend="start">Aus den sonstigen Bezugnahmen des Sextus auf Sokrates seien die<lb/>folgenden herausgehoben: Zu Beginn des <hi rend="smcap">i</hi>. und des <hi rend="smcap">v</hi>. Buches der Schrift<lb/><hi rend="italic">Gegen die Dogmatiker</hi> macht sich Sextus die Tradition zueigen, daß So-<lb/>krates die Ethik begründet und sich allein mit ihr beschäftigt habe, und<lb/>führt als Beleg dafür drei Zeugnisse an, die zum gleichen Zweck auch<lb/>von zahlreichen anderen Autoren herangezogen werden: Xen. <hi rend="italic">mem.<lb/></hi>I 1, 11 ff., Timon fr. 25 Diels (= fr. 799 Lloyd-Jones/Parsons) und den<lb/>Vers 392 des <hi rend="smcap">iv</hi>. Buches der <hi rend="italic">Odyssee</hi> (ὅττι τοι ἐν μεγάροισι κακόν τ’ ἀγα-<lb/>θόν τε τέτυκται), den Sokrates, wie behauptet wurde, zur Bezeichnung<lb/>dessen anzuführen pflegte, was der Mensch vor allem anderen erforschen<lb/>müsse (<hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">vii</hi> 8-10, 21; <hi rend="smcap">xi</hi> 2)<note xml:id="ftn4" place="foot" n="3"><hi rend="smcap">	Xen. </hi><hi rend="italic">mem.</hi> <hi rend="smcap">i</hi> 1, 11 ff.: vgl. <hi rend="italic">S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">i g</hi> 48; <hi rend="smcap">Stob. ii </hi>1, 30; <hi rend="smcap">Timon </hi>fr. 25: vgl.<lb/><hi rend="italic">S.S.R.</hi><hi rend="smcap"> i d </hi>1, 21-23; <hi rend="smcap">g</hi> 16, 3-4; <hi rend="italic">Od.</hi> 8 392: vgl. <hi rend="italic">S.S.R. </hi><hi rend="smcap">i c </hi>464, 4.11; <hi rend="smcap">d </hi>1, 39; <hi rend="smcap">iv</hi> <hi rend="smcap">a </hi>166,<lb/>18, s. auch <hi rend="italic">S.S.R. </hi><hi rend="smcap">i c</hi> 466, 7; <hi rend="smcap">iv a </hi>166, 5; <hi rend="smcap">v b </hi>368, 6;<hi rend="smcap"> Dio</hi> <hi rend="smcap">Chrys. </hi>40, 5; <hi rend="smcap">Phil. </hi><hi rend="italic">de<lb/>somn.</hi> 157-58.</note>. Anläßlich einer Erwähnung des Archelaos<lb/>merkt Sextus an, daß er der Lehrer des Sokrates gewesen sei (<hi rend="italic">M </hi><hi rend="smcap">ix</hi> 360)<note xml:id="ftn5" place="foot" n="4">	Vgl. <hi rend="italic">S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">i c</hi> 12. 444, 6; <hi rend="smcap">d</hi> 2, 4-5; <hi rend="smcap">h</hi> 6, 8.</note>;<lb/>und in dem der Musik gewidmeten <hi rend="smcap">vi</hi>. Buch der Schrift <hi rend="italic">Gegen die Gelehrten<lb/></hi>verweist er einmal auf die für uns zuerst bei Platon <hi rend="italic">(Euthyd</hi>. 272 <hi rend="smcap">c</hi>;<lb/><hi rend="italic">Menex.</hi> 235 e-236 <hi rend="smcap">a) </hi>faßbare und hernach häufig wiederholte Behauptung,</p>
<p rend="pb"><pb n="86" facs="Ele92_86.jpg"/></p>
          <p>Sokrates habe noch als alter Mann damit begonnen, Instrumentalunter-<lb/>richt zu nehmen <hi rend="italic">(Μ</hi> <hi rend="smcap">vi</hi> 13)<note xml:id="ftn6" place="foot" n="5">	Vgl. <hi rend="italic">S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">i c</hi> 114. 115; <hi rend="smcap">d </hi>1, 144; <hi rend="smcap">Cic.</hi> <hi rend="italic">Cato</hi> 26.</note>. Nur nebenbei sei erwähnt, daß der Name<lb/>des Sokrates bei Sextus ebenso wie bei Aristoteles und Plotin häufig stell-<lb/>vertretend für einen beliebigen Einzelmenschen steht<note xml:id="ftn7" place="foot" n="6"><hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">iii</hi> 110-111; <hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">iii</hi> 40; v 104; <hi rend="smcap">ix</hi> 269; <hi rend="smcap">x</hi> 288-289 u. ö. (vgl. den <hi rend="italic">Index</hi> von<lb/>Janáček).</note>.</p>
         <p rend="titlep"><hi rend="smcap">3. Xenophon</hi></p>
         <p rend="start">Zweimal zitiert Sextus Partien aus Xenophons <hi rend="italic">Memorabilien.</hi> Eines<lb/>dieser Zitate, <hi rend="italic">mem.</hi> <hi rend="smcap">i</hi> 1, 11 ff., wurde schon erwähnt. Bei dem zweiten,<lb/>einer verkürzten Fassung des Abschnittes <hi rend="italic">mem.</hi> <hi rend="smcap">i</hi> 4, 2-8, handelt es sich<lb/>um den bekannten Gottesbeweis aus dem Gespräch des Sokrates mit Ari-<lb/>stodemos, der Zenon als Ausgangspunkt für seine Gottesbeweise gedient<lb/>haben soll (<hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">ix</hi> 101 = <hi rend="italic">S.V.F.</hi> <hi rend="smcap">i</hi> 113)<note xml:id="ftn8" place="foot" n="7"> Vgl. <hi rend="smcap">M. Dragona-Monachou, </hi><hi rend="italic">The Stoic Arguments for the Existence and the<lb/>Providence of the Gods</hi>, Athen 1976, S. 51, 55-7. A. A. <hi rend="smcap">Long, </hi><hi rend="italic">Socrates cit.</hi>, S. 162-3.</note>. Die Tatsache, daß das gleiche<lb/>Xenophon-Zitat auch bei Cicero in einem parallelen Kontext auftaucht<lb/><hi rend="italic">(de nat. deor.</hi> <hi rend="smcap">ii </hi>18; vgl. <hi rend="smcap">iii</hi> 27), läßt darauf schließen, daß es zum festen<lb/>Inventar von Darstellungen der stoischen Theologie gehörte.</p>
         <p rend="titlep"><hi rend="smcap">4. Antisthenes und die Kyniker</hi></p>
         <p rend="start">Der Name des Antisthenes taucht bei Sextus nicht ein einziges Mal<lb/>auf. Zwar erwähnt Sextus zweimal, daß einer von denen, die die Lust<lb/>für ein Übel hielten, und zwar ein Kyniker ausgerufen habe: «Lieber<lb/>möchte ich wahnsinning werden als Lust verspüren» <hi rend="italic">(PH</hi> <hi rend="smcap">iii</hi> 181;<lb/><hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">xi</hi> 73-74), es ist jedoch nicht erkennbar, ob ihm bekannt war, daß es<lb/>sich dabei um das bekannteste Apophthegma des Antisthenes handelt.<lb/>Ähnlich gelagert ist der folgende Fall: Insgesamt dreimal kommt Sextus<lb/>darauf zu sprechen, daß einer der alten Kyniker, als man ihn einmal mit<lb/>dem Argument gegen die Bewegung konfrontierte, sich nicht auf langes<lb/></p>
<p rend="pb"><pb n="87" facs="Ele92_87.jpg"/></p>
          <p>Debattieren eingelassen habe, sondern als Gegenbeweis stillschweigend<lb/>aufgestanden und herumgegangen sei <hi rend="italic">(PH</hi> <hi rend="smcap">ii</hi> 244; <hi rend="smcap">iii</hi> 66; <hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">x</hi> 68). In den<lb/>sonstigen erhaltenen Quellen wird als dieser Kyniker zweimal Diogenes<lb/>(<hi rend="italic">S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">v</hi> <hi rend="smcap">b</hi> 479, 481) und einmal Antisthenes (<hi rend="italic">S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">v a</hi> 159) genannt;<lb/>Sextus nennt keinen Namen.</p>
         <p rend="start">Im übrigen weiß Sextus über die Kyniker noch folgendes zu berich-<lb/>ten: In der Schrift <hi rend="italic">Gegen die Dogmatiker</hi> führt er unter denen, die bestrit-<lb/>ten hätten, daß es ein Kriterium der Wahrheit gebe, überraschenderweise<lb/>auch den Diogenesschüler Monimos auf und begründet dies damit, daß<lb/>Monimos ebenso wie Pyrrhons Lehrer Anaxarchos «die seienden Dinge<lb/>mit Bühnenmalerei verglichen und gemeint habe, sie glichen den Ein-<lb/>drücken, die einen im Traum oder im Wahnsinn überkämen» (<hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">vii</hi> 87-8,<lb/>vgl. 48), sowie damit, daß er behauptet habe, alles sei τῦφος, das heiße:<lb/>Einbildung von Nichtseiendem als Seiendem <hi rend="italic">(M</hi> <hi rend="smcap">viii</hi> 5). Wir wissen nicht,<lb/>woher Sextus diese sachlich doch wohl unzutreffende Einordung des<lb/>Monimos hat. Die Einsicht, daß alles τῦφος sei, hatte Menander in<lb/>seiner Komödie <hi rend="italic">Der Pferdeknecht</hi> einen der Akteure als überragende<lb/>Leistung des Monimos preisen lassen (fr. 249 Kock, 215 Körte, <hi rend="italic">S.S.R.<lb/></hi><hi rend="smcap">v g</hi> 1, 19). Es ist zu vermuten, daß der betreffende Vers Menanders die<lb/>ursprüngliche Quelle der Feststellung bildet, Monimos habe behauptet,<lb/>alles sei τῦφος; eine Bemerkung Mark Aurels über Monimos (2, 15 =<lb/><hi rend="italic">S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">v g</hi> 3) reflektiert die gleiche Tradition. Vorausgesetzt, Monimos<lb/>hat sich, wie es für einen Kyniker ja nahelag, tatsächlich in dieser Weise<lb/>geäußert, dann bezog er damit aber gewiß keine agnostische Position,<lb/>sondern kennzeichnete nur die gängigen Meinungen der Menschen als<lb/>das, was sie seiner Ansicht nach waren, als Illusionen. Entsprechendes<lb/>gilt für die beiden Vergleiche, die Sextus Monimos zuschreibt. Wofern<lb/>Monimos sich dieser Vergleiche wirklich bedient hat, was wir nicht zu<lb/>überprüfen vermögen, hat er gewiß nicht, wie Sextus behauptet, die<lb/>seienden Dinge mit Bühnenmalerei bzw. Traumbildern und Wahnvor-<lb/>stellungen verglichen, sondern vielmehr die Dinge, die die Menschen<lb/>gemeinhin für seiende halten und deshalb zum Maßstab für ihr Handeln<lb/>machen. Nichts spricht dafür, daß Monimos sich im Unterschied zu<lb/>ändern Kynikern mit ontologischen und erkenntnistheoretischen Frage-<lb/>stellungen beschäftigt hat; sein Anliegen war vielmehr das gemein-<lb/>kynische, die gängigen Vorstellungen über Wert und Unwert der Dinge<lb/></p>
<p rend="pb"><pb n="88" facs="Ele92_88.jpg"/></p>
          <p>als Irrtum zu entlarven und die Natur als Maßstab allen Handelns zu<lb/>propagieren.</p>
         <p rend="start">Wo Sextus sonst noch auf die Kyniker zu sprechen kommt,<lb/>geschieht dies, um zur Erläuterung oder im Sinne des 10. Aeneside-<lb/>mischen Tropos den Lebensstil der Kyniker sei es insgesamt <hi rend="italic">(PH</hi> <hi rend="smcap">i</hi> 145,<lb/>150), sei es in bestimmten Einzelerscheinungen (Krates’ Praxis, die Ehe<lb/>mit Hipparchia in der Öffentlichkeit zu vollziehen; Diogenes’ Gewohn-<lb/>heit, den Tribon nur über einer Schulter zusammenzuknüpfen; <hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">i</hi> 155;<lb/><hi rend="smcap">iii</hi> 204) zur Illustration heranzuziehen.</p>
         <p rend="titlep"><hi rend="smcap">5. Aristipp und die Kyrenaiker</hi></p>
         <p rend="titlep">5.1<hi rend="italic"> Allgemeines</hi></p>
         <p rend="start">In den Einleitungskapiteln der Schrift <hi rend="italic">Gegen die Dogmatiker (M</hi> <hi rend="smcap">vii</hi><lb/>1-26) gibt Sextus einen Überblick darüber, wieviele Teile der Philosophie<lb/>die einzelnen Philosophen in der Vergangenheit unterschieden und wie<lb/>sie die von ihnen unterschiedenen Teile gewichteten. In diesem Zusam-<lb/>menhang kommt er auch auf die Kyrenaiker zu sprechen, und zwar sogar<lb/>zweimal, da er in seinen Quellen, was ihre Position betrifft, zwei ver-<lb/>schiedene Ansichten verzeichnet fand: Nach der einen ließen die Kyre-<lb/>naiker, Sokrates folgend, allein die Ethik gelten (<hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">vii 11</hi>), nach der<lb/>anderen Ethik und Logik <hi rend="italic">(M</hi> <hi rend="smcap">vii</hi> 15). Daß diese beiden Ansichten bei den<lb/>antiken Philosophiehistorikern miteinander konkurrierten, bezeugt auch<lb/>Diogenes Laertios (92 = <hi rend="italic">S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">iv a</hi> 172, 54-60). Die Vertreter der ersten<lb/>Ansicht wußten des weiteren zu berichten, daß die Kyrenaiker die<lb/>Ethik in die fünf Teilbereiche “Zu Wählendes und zu Meidendes”,<lb/>“Affekte”, “Handlungen”, “Ursachen” und “Beweise” unterteilten.<lb/>Darin hätten manche, so Sextus, einen Widerspruch gesehen. Insofern<lb/>nämlich der Teilbereich “Ursachen” zur Physik und der Teilbereich<lb/>“Beweise” zur Logik gehöre, hätten die Kyrenaiker der Physik und der<lb/>Logik die Existenzberechtigung, die sie ihnen eigentlich absprachen, auf<lb/>einem Umweg schließlich doch wieder zuerkannt <hi rend="italic">(M</hi> <hi rend="smcap">vii</hi> 11). Genau das-<lb/>selbe berichtet in einem gleichartigen Kontext Seneca (<hi rend="italic">ep.</hi> 89, 12 =<lb/><hi rend="italic">S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">iv a </hi>168, 1-7).</p>
         
<p rend="pb"><pb n="89" facs="Ele92_89.jpg"/></p>
          <p>Was Sextus sonst noch über die Kyrenaiker berichtet, ist, sieht man<lb/>von der gleich eingehender zu besprechenden Darstellung ihrer Erkennt-<lb/>nistheorie ab, in wenigen Worten referiert: Wie den Lebensstil der Ky-<lb/>niker zieht er auch denjenigen Aristipps und der Kyrenaiker bisweilen<lb/>heran, um im Sinne des 10. Tropos das gleichberechtigte Vorkommen<lb/>unterschiedlicher Lebensformen zu illustrieren <hi rend="italic">(PH</hi> <hi rend="smcap">i</hi> 150, 155; <hi rend="smcap">ii</hi> 38;<lb/><hi rend="smcap">iii</hi> 204); und wo er Listen von Atheisten aufstellt, nennt er natürlich stets<lb/>Theodoros Atheos <hi rend="italic">(PH</hi> <hi rend="smcap">iii</hi> 218; <hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">ix</hi> 51, 55).</p>
         <p rend="titlep"><hi rend="italic">5.2. Die Erkenntnistheorie der Kyrenaiker</hi> <note xml:id="ftn9" place="foot" n="8">Zu diesem Abschnitt vgl. meine Abhandlung <hi rend="italic">Der Sokratesschüler Aristipp und<lb/>die Kyrenaiker</hi> («Akad. der Wiss. u. der Lit. Mainz, Abh. der geistes- u. sozialwiss.<lb/>Klasse», <hi rend="smcap">i</hi> (1988), S. 8-20.</note>
         </p>
         <p rend="start">In dem umfangreichen Abschnitt des I. Buches der Schrift <hi rend="italic">Gegen die<lb/>Dogmatiker,</hi> in dem Sextus einen kritischen Überblick über die Antwor-<lb/>ten gibt, die die einzelnen Philosophen und philosophischen Schulen auf<lb/>die Frage nach dem “Kriterium der Wahrheit” gegeben haben, kommt<lb/>er auch auf die Position der Kyrenaiker zu sprechen <hi rend="italic">(M </hi><hi rend="smcap">vii</hi> 190-200). Es<lb/>ist dies die detaillierteste und zuverlässigste Darstellung der kyrenaischen<lb/>Erkenntnislehre, die erhalten ist. «Die Kyrenaiker behaupten» — so be-<lb/>ginnt sie — «Kriterium der Wahrheit seien die Empfindungen (πάθη)<lb/>und sie allein würden erkannt und seien untrüglich, von den Dingen,<lb/>die die Empfindungen hervorriefen, sei dagegen keines erkennbar und<lb/>untrüglich» <hi rend="italic">(M</hi> <hi rend="smcap">vii</hi> 191). Im folgenden referiert Sextus dann die Ar-<lb/>gumente, mit denen die Kyrenaiker diese ihre Ansicht begründeten.<lb/>Den Ausgangspunkt bildet dabei ein Fall, in dem es offenkundig ist,<lb/>daß gleiche Gegenstände bei verschiedenen Menschen unterschiedliche<lb/>Empfindungen wachrufen: Menschen, die sich, verursacht durch Krank-<lb/>heit oder bestimmte äußere Einwirkungen, in einem vom Normalen<lb/>abweichenden Zustand befinden, haben des öfteren von denselben<lb/>Gegenständen andere Empfindungen als diejenigen Menschen, die sich<lb/>im Normalzustand befinden. Dieser Fall wird im allgemeinen so gedeutet,<lb/>daß die besonderen Empfindungen derer, die sich in einem vom Nor-<lb/>malen abweichenden Zustand befinden, subjektiv, insofern die betref-<lb/></p>
<p rend="pb"><pb n="90" facs="Ele92_90.jpg"/></p>
          <p>fenden Personen sie ja unbestreitbar haben, zwar durchaus wahr, objektiv<lb/>gesehen aber falsch sind; die tatsächliche Beschaffenheit der Gegenstände<lb/>erfasse man nur, wenn man sich im Normalzustand befinde. Eine solche<lb/>Ansicht erweist sich jedoch nach Meinung der Kyrenaiker sehr schnell<lb/>als höchst anfechtbar. Genaueres Nachdenken führt zu der Einsicht,<lb/>daß die Situation dessen, der sich im Normalzustand befindet, im Prinzip<lb/>nicht anders ist: Auch er vermag nur seine privaten Empfindungen zu<lb/>erkennen, nicht aber die Beschaffenheit der Gegenstände, die diese Emp-<lb/>findungen auslösen. Daß dem so ist, wird üblicherweise verkannt, weil<lb/>wir uns zur Bezeichnung der Dinge einheitlicher Wörter bedienen. Dies<lb/>nämlich führt zu der Annahme, mit den Wörtern würden allen gemeinsa-<lb/>me, d. h. allen gleich erscheinende, objektive Sachverhalte bezeichnet.<lb/>Eine solche Annahme ist jedoch durch nichts gerechtfertigt, wie folgende<lb/>Überlegung zeigt: Gesetzt den Fall, zwei nebeneinander stehende Perso-<lb/>nen nehmen einen und denselben Gegenstand wahr und bezeichnen ihn<lb/>beide z. B. als weiß, dann ist damit keineswegs bewiesen, daß die Emp-<lb/>findungen, die beide haben, die gleichen sind, da jeder von ihnen ja nur<lb/>die eigenen Empfindungen kennt. Vielmehr muß damit gerechnet wer-<lb/>den, daß die Empfindungen sowohl dieser beiden Personen als auch<lb/>der Menschen insgesamt infolge der je verschiedenen Konstitutionen ihrer<lb/>Sinnesorgane und Sinneswahrnehmungen durchaus verschieden sind. In<lb/>dem zu Beginn erwähnten Fall derer, die sich in einem vom Normalen<lb/>abweichenden Zustand befinden, ist dies offenkundig. Für wahrschein-<lb/>lich muß man es aber auch im Fall derer halten, deren Verfassung vom<lb/>Normalzustand nicht abweicht. Man muß daher annehmen, daß z. B. die<lb/>Farbempfindungen je nach der Farbe der Iris verschieden sind. Die Tat-<lb/>sache, daß wir die gleichen Wörter gebrauchen, ändert also nichts daran,<lb/>daß die Empfindungen rein privater Natur sind und daher eine zuverlässige<lb/>Aussage über die objektive Beschaffenheit der Dinge nicht zulassen<lb/>
(<hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">vii</hi> 192-8).</p>
         <p rend="start">Dies ist ein Referat des Berichtes, den Sextus von der Erkenntnis-<lb/>lehre der Kyrenaiker gibt, freilich ein Referat, das Lücken aufweist und<lb/>dies mit voller Absicht. Was sich in dem Referat als in sich geschlossene,<lb/>folgerichtige Beweisführung darstellt, ist bei Sextus nämlich an zwei Stel-<lb/>len durch zusätzliche Argumente erweitert. Diese habe ich bei meinem<lb/>Referat weggelassen, weil sie sich bei genauerem Hinsehen als Fremd-<lb/></p>
<p rend="pb"><pb n="91" facs="Ele92_91.jpg"/></p>
          <p>körper innerhalb der Argumentation erweisen. Vermutlich handelt es sich<lb/>bei ihnen um Zutaten, die Sextus zu der Darstellung der kyrenaischen<lb/>Erkenntnislehre, die er in seiner Vorlage fand, aus eigenem Wissen hin-<lb/>zugefügt hat.</p>
         <p rend="start">Der Sache nach geht es bei den beiden Zutaten um folgendes: Etwa<lb/>in der Mitte des Berichtes fügt Sextus ein Argument ein, das sich so<lb/>skizzieren läßt: Er stellt die Frage, ob die Empfindungen (πάθη) oder<lb/>die Dinge, die die Empfindungen bewirken (τὰ ποιητικὰ τῶν παθῶν),<lb/>als Erscheinungen (φαινόμενα) anzusetzen seien. Seine Antwort lautet,<lb/>daß die äußeren Dinge, die die Empfindungen bewirken, zwar möglicher-<lb/>weise durchaus existierten, daß Erscheinungen für uns aber nur die Emp-<lb/>findungen sein könnten, da allein sie erkennbar seien, während uns eine<lb/>Erkenntnis der äußeren Dinge aus vielerlei Gründen prinzipiell versagt<lb/>sei <hi rend="italic">(M</hi> <hi rend="smcap">vii</hi> 193-5). Der Begriff der Erscheinung (φαινόμενον), um den es<lb/>in diesem Argument geht, kommt in dem Bericht allein an dieser Stelle<lb/>vor, sonst nirgends. Weshalb Sextus ihn hier einigermaßen unvermittelt<lb/>einführt, wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, welche Rolle<lb/>die Erscheinung in den Überlegungen der pyrrhonischen Skeptiker spielte:<lb/>Sie galt ihnen als erkenntnistheoretisches und praktisches Kriterium. Of-<lb/>fenkundig handelt es sich bei diesem Einschub um eine skeptische Adap-<lb/>tation der kyrenaischen Erkenntnislehre, bei der diese in der Weise umin-<lb/>terpretiert und umformuliert ist, daß an die Stelle der Empfindungen<lb/>(πάθη) die Erscheinungen (φαινόμενα) treten. Da zwischen der kyrenai-<lb/>schen Erkenntnislehre und der der pyrrhonischen Skeptiker eine enge<lb/>Verwandtschaft bestand, war es nicht schwer, eine solche Uminterpreta-<lb/>tion und Umformulierung vorzunehmen. Wegen eben dieser Verwandt-<lb/>schaft zählt Sextus die Philosophie der Kyrenaiker auch zu den der pyrrho-<lb/>nischen Skepsis “benachbarten Philosophien” (<hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">i</hi> 209, vgl. 241).<lb/>Übereinstimmung und Unterschied zwischen den Erkenntnislehren der<lb/>Kyrenaiker und der Skeptiker bestimmt er dabei in der Weise, daß zwar<lb/>beide überzeugt seien, daß allein die Empfindungen erkennbar seien, daß<lb/>sie diesen Sachverhalt jedoch unterschiedlich beurteilten. Während die<lb/>Kyrenaiker behaupteten, daß die äußeren Dinge prinzipiell unerkennbar<lb/>seien, hielten sich die Skeptiker mit ihrem Urteil zurück <hi rend="italic">(PH</hi> <hi rend="smcap">i</hi> 215)<note xml:id="ftn10" place="foot" n="9">Anders als im Fall der Erkenntnislehre unterschieden sich die Auffassungen<lb/>der Kyrenaiker und der pyrrhonischen Skeptiker auf dem Gebiet der Ethik funda-<lb/>mental. An der gleichen Stelle, an der er die Verwandtschaft der Erkenntnislehren<lb/>der beiden Richtungen konstatiert, faßt Sextus den Unterschied auf dem Gebiet der<lb/>Ethik in folgende Formel: «Jene (<hi rend="italic">scil.</hi> die kyrenaische Schule) behauptet, die Lust<lb/>und die sanfte Bewegung des Fleisches seien das Ziel (τέλος), wir (Skeptiker) dagegen<lb/>sagen, es sei das Freisein von Beunruhigung (ἀταραξία), dem das, was sie als Ziel<lb/>ansetzen, entgegengesetzt ist; denn derjenige, der versichert, das Ziel sei die Lust,<lb/>erleidet Beunruhigungen (ταραχαί), sowohl wenn die Lust zugegen ist als auch wenn<lb/>sie nicht zugegen ist» <hi rend="italic">(PH</hi> <hi rend="smcap">i</hi> 215).</note>. </p>
         
<p rend="pb"><pb n="92" facs="Ele92_92.jpg"/></p>
          <p rend="start">Bei der zweiten Zutat handelt es sich um einen Anhang am Schluß<lb/>des Berichtes, in dem Sextus ergänzend anfügt, daß die Empfindungen<lb/>nach Ansicht der Kyrenaiker nicht nur das erkenntnistheoretische, son-<lb/>dern auch das praktische Kriterium bilden. Bezüglich sämtlicher Empfin-<lb/>dungen gelte nämlich, daß sie entweder angenehm oder schmerzlich seien<lb/>oder dazwischen lägen, d. h. daß sie zwangsläufig verbunden seien entwe-<lb/>der mit einem Gefühl der Lust oder einem Gefühl des Schmerzes oder<lb/>einem Gefühl, welches weder das eine noch das andere, also in dieser<lb/>Hinsicht neutral sei. Und weiter gelte, daß die angenehmen Empfindun-<lb/>gen erwünscht und gut, die schmerzlichen unerwünscht und übel und<lb/>die weder angenehmen noch schmerzlichen weder gut noch übel seien.<lb/>Als größtes Gut (τέλος τῶν ἀγαθῶν) müsse daher die Lust (ἡδονή) und<lb/>als größtes Übel (τέλος τῶν κακῶν) der Schmerz (ἀλγηδών) gelten. Bis<lb/>hierher stimmt, was Sextus über die ethischen Lehren der Kyrenaiker<lb/>berichtet, mit dem überein, was wir in den Quellen auch sonst lesen.<lb/>Nun findet sich bei ihm jedoch noch ein weiteres drittes τέλος genannt,<lb/>das τέλος τῶν οὔτε κακῶν οὔτε ἀγαθῶν (<hi rend="italic">Μ</hi> <hi rend="smcap">vii</hi> 199). Anders als die von<lb/>Sextus erwähnte Tatsache, daß die Kyrenaiker Empfindungszustände an-<lb/>nahmen, die zwischen Lust und Schmerz liegen, ist ein solches drittes<lb/>τέλος als Bestandteil der kyrenaischen Lehre sonst nirgends bezeugt, und<lb/>das, wie es scheint, mit gutem Grund. Fragt man sich doch vergeblich,<lb/>was für einen Sinn ein solches τέλος haben könnte. Sextus scheint sich<lb/>darüber selbst nicht im klaren gewesen zu sein, denn wenn er dieses τέλος<lb/>in der Weise bestimmt, daß es sich dabei um das οὔτε ἀγαθόν οὔτε κακόν<lb/>handle, das in einem πάθος μεταξὺ ἡδονῆς καὶ ἀλγηδόνος bestehe, dann<lb/>dreht er sich offenbar im Kreis. Es bleibt also einigermaßen rätselhaft,<lb/>was es mit diesem dritten τέλος auf sich hat. Man geht wohl nicht fehl,<lb/>wenn man vermutet, Sextus habe es <hi rend="italic">ad hoc</hi> erfunden. Was ihn zu einer</p>
          <p rend="pb"><pb n="93" facs="Ele92_93.jpg"/></p>
          <p>solchen Erfindung veranlaßt haben könnte, läßt sich allenfalls erahnen.<lb/>Vielleicht war es so etwas wie Systemzwang, vielleicht auch eine konfuse<lb/>Erinnerung an die zwischen der positiven Lust und dem Schmerz angesie-<lb/>delte καταστηματικὴ ἡδονή, die den Epikureern als das eigentliche τέλος galt.</p>
         <p rend="start">Auf die kyrenaische Erkenntnislehre kommt Sextus in den erhalte-<lb/>nen Schriften noch ein weiteres Mal zu sprechen. In dem Buch <hi rend="italic">Gegen<lb/>die Musiker</hi> findet sich folgende Argumentation (<hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">vi</hi> 52 ff.): Da Grund-<lb/>element der Musik der Ton (φθόγγος) ist, kann es Musik und die theore-<lb/>tische Beschäftigung mit ihr nur geben, wenn als gesichert gelten kann,<lb/>daß es den Ton überhaupt gibt. Ebendies ist aber nicht der Fall. Ton<lb/>(φθόγγος) ist Spezies der Gattung Laut (φωνή). Bezüglich des Lautes<lb/>aber gibt es keine Übereinstimmung unter den Philosophen darüber, ob<lb/>es ihn gibt oder nicht gibt, und wenn es ihn gibt, ob er körperlich oder<lb/>unkörperlich ist. Im Rahmen dieser Argumentation gibt Sextus die An-<lb/>sicht der Kyrenaiker folgendermaßen wieder: Sie hätten die Ansicht ver-<lb/>treten, daß «allein die Empfindungen existierten (ύπάρχειν), sonst nichts,<lb/>und daß daher auch der Laut, da er keine Empfindung sei, sondern etwas,<lb/>was eine Empfindung bewirke, nicht zu den Dingen gehöre, die existie-<lb/>ren» (<hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">vi</hi> 53). Was Sextus hier über die Kyrenaiker sagt, ist einigerma-<lb/>ßen überraschend; stimmt es doch offenkundig nicht mit dem überein,<lb/>was er selbst in dem gerade besprochenen Bericht als kyrenaische Lehre<lb/>referiert, und zwar völlig korrekt referiert, wie der Vergleich mit anderen<lb/>Zeugnissen beweist. Was die Kyrenaiker behaupteten, war nicht, daß<lb/>“der Laut nicht zu den existierenden Dingen gehört”, sondern, wie es<lb/>Cicero einmal zutreffend formuliert (<hi rend="italic">Luc.</hi> 76 = <hi rend="italic">S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">iv a</hi> 209, 5-10), daß<lb/>«sie nicht wüßten, was für einen Ton etwas habe (z. B. einen hohen,<lb/>tiefen, lauten, leisen usw.), sondern allein dies verspürten, daß in be-<lb/>stimmter Weise auf sie eingewirkt werde». Natürlich stellt sich die Frage,<lb/>was Sextus veranlaßt haben mag, die kyrenaische Lehre in der Weise,<lb/>wie er es tut, zu verfälschen. Die Antwort dürfte lauten, daß er dies<lb/>getan hat, um sie für seine spezielle Argumentation überhaupt heranzie-<lb/>hen zu können. Zu diesem Zweck hat er die erkenntnistheoretische Lehre<lb/>der Kyrenaiker so hingebogen, daß aus ihr eine ontologische Lehre wur-<lb/>de. Für die Kyrenaiker ist eine solche weder bezeugt noch, weil mit ihrer<lb/>erkenntnistheoretischen Position nicht vereinbar, überhaupt vorstellbar.</p>
<p rend="pb"><pb n="94" facs="Ele92_94.jpg"/></p>
<p rend="titlep"><hi rend="smcap">6. Die Megariker</hi></p>
         <p rend="titlep">6.1<hi rend="italic"> Allgemeines</hi></p>
         <p rend="start">Was Sextus über diejenigen Philosophen zu berichten weiß, die in<lb/>unseren Philosophiegeschichten gemeinhin den Megarikern zugerechnet<lb/>werden<note xml:id="ftn11" place="foot" n="10">	Wie ich in meinem Aufsatz <hi rend="italic">Gab es eine Dialektische Schule</hi>?, «Phronesis»,<lb/><hi rend="smcap">xxxiv</hi> (1989) S. 293-310, zu zeigen versucht habe, besteht kein Grund, zwischen<lb/>Megarikern und Dialektikern zu unterscheiden.</note>, ist, sieht man von den beiden Themenkomplexen ab, die im<lb/>folgenden eingehend behandelt werden sollen, sehr wenig. In den oben<lb/>schon einmal herangezogenen Eingangskapiteln der Schrift <hi rend="italic">Gegen die<lb/>Dogmatiker</hi> nennt er als solche, die sich allein mit der Logik befaßt<lb/>hätten, Eubulides, Alexinos, Panthoides und Bryson (<hi rend="italic">M </hi><hi rend="smcap">vii</hi> 13); und in<lb/>dem gleichfalls schon einmal erwähnten Abschnitt im in. Buch derselben<lb/>Schrift, in dem er die stoischen Gottesbeweise und die Gegenargumente<lb/>zusammenstellt, die gegen sie vorgebracht wurden, zitiert er ein auch bei<lb/>Cicero in einem gleichartigen Kontext <hi rend="italic">(de nat. deor.</hi> <hi rend="smcap">iii</hi> 23) überliefertes<lb/>Argument, mit dem der Megariker Alexinos einen Gottesbeweis Zenons<lb/><hi rend="italic">ad absurdum</hi> zu führen versuchte (<hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">ix</hi> 108).</p>
          <p rend="titlep">6.2<hi rend="italic"> Diodor und Philon über die Wahrheitsbedingungen von Konditionalaussagen</hi></p>
         <p rend="start">Sextus kennt und unterscheidet vier verschiedene Bestimmungen der<lb/>Gültigkeit von Konditionalaussagen: 1. diejenige Philons, 2. diejenige<lb/>Diodors, 3. die Bestimmung derer, die «den Zusammenhang einführen<lb/>(οἱ τὴν συνάρτησιν εἰσάγοντες) » (sie wurde, wie sich aus anderen Quellen<lb/>ergibt, wofern sie nicht von Chrysipp stammt, auf jeden Fall von ihm<lb/>propagiert<note xml:id="ftn12" place="foot" n="11">	Vgl. M. <hi rend="smcap">Frede, </hi><hi rend="italic">Die stoische Logik</hi>,<hi rend="italic"> </hi>«Abhandlungen der Akad. der Wiss. in<lb/>Göttingen», Phil.-hist. Klasse, 3. Folge Nr. 88, Göttingen 1974, S. 82-3.</note>) und 4. eine sonst nicht bezeugte Bestimmung, die er als<lb/>die Bestimmung derjenigen bezeichnet, «die nach dem Verweisungs-<lb/>zusamenhang<note xml:id="ftn13" place="foot" n="12">	So die Übersetzung von <hi rend="smcap">K. Hülser</hi> für ἔμφασις, <hi rend="italic">Die Fragmente zur Dialektik<lb/>der Stoiker</hi>, Stuttgart-Bad Cannstatt 1987-88, Nr. 858.</note> urteilen (oἱ τῇ ἐμφάσει κρίνοντες)» (wie sie zu verstehen<lb/></p>
<p rend="pb"><pb n="95" facs="Ele92_95.jpg"/></p>
          <p>ist, läßt sich nicht sicher ermitteln, ihre Herkunft ist unbekannt<note xml:id="ftn14" place="foot" n="13">	M. <hi rend="smcap">Frede,</hi><hi rend="italic">Die stoische Logik</hi>, cit., S. 90-3. <hi rend="smcap">J. Croissant</hi>, <hi rend="italic">Autour de la qua-<lb/>trième formule d’implication dans Sextus Empiricus, ‘Hyp. Pyrrh.’, II, 112</hi>, «Revue de<lb/>philosophie ancienne», <hi rend="smcap">i</hi> (1984) S. 73-120.</note>). Die<lb/>Phiionische Bestimmung schreibt Sextus bisweilen auch den Stoikern zu<lb/><hi rend="italic">(PH</hi> <hi rend="smcap">ii</hi> 104-105; <hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">viii</hi> 245-247), was insoweit zu Recht geschieht, als<lb/>zumindest einige Stoiker sie erwiesenermaßen übernahmen<note xml:id="ftn15" place="foot" n="14">Vgl. M. <hi rend="smcap">Frede, </hi><hi rend="italic">Die stoische Logik</hi>, cit., S. 89-90.</note>, allerdings<lb/>keineswegs alle, wie allein schon die gerade erwähnte Tatsache beweist,<lb/>daß Chrysipp anderer Meinung war. Sie gilt Sextus gleichsam als die<lb/>Grundform (vgl. <hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">viii</hi> 265), aus der sich die anderen Bestimmungen in<lb/>der Reihenfolge, in der sie gerade aufgezählt wurden, durch zunehmende<lb/>Verschärfung der Bedingungen herleiten lassen.</p>
         <p rend="start">Alles dies ist dem 11. Kapitel des <hi rend="smcap">ii.</hi> Buches der <hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypo-<lb/>typosen</hi> zu entnehmen <hi rend="italic">(PH</hi> <hi rend="smcap">ii</hi> 104 ff.). Dort diskutiert Sextus die Frage,<lb/>ob es ein anzeigendes Zeichen gibt<note xml:id="ftn16" place="foot" n="15">Eine parallele Diskussion findet sich <hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">viii</hi> 244 ff. Th. Ebert, <hi rend="italic">The Origin<lb/>of the Stoic Theory of Signs in Sextus Empiricus</hi>, «Oxford Studies in Ancient Philo-<lb/>sophy», <hi rend="smcap">v</hi> (1987), S. 83-126, hier 83-96, und <hi rend="smcap">Id., </hi><hi rend="italic">Dialektiker und frühe Stoiker bei<lb/>Sextus Empiricus</hi> (“Hypomnemata” <hi rend="smcap">xcv</hi>) Göttingen 1991, S. 29-44 hat die beiden<lb/>Texte eingehend analysiert.</note>. Ausgangspunkt ist die folgende<lb/>Definition des Zeichens, die Sextus ausdrücklich als stoisch bezeichnet:<lb/>«Ein Zeichen ist eine Aussage, die in einer richtigen Konditionalaussage<lb/>vorausgeht und den Nachsatz enthüllt» (<hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">ii</hi> 104). Es folgen Erläute-<lb/>rungen zu den vier Elementen, aus denen die Definition zusammenge-<lb/>setzt ist (ἀξίωμα, ὑγιὲς συνημμένον, προκαθηγούμενον, ἐκκαλυπτικόν τοῦ<lb/>λήγοντος). Das ὑγιὲς συνημμένον, die richtige Konditionalaussage, wird<lb/>dabei im Sinne Philons, dessen Name hier freilich nicht genannt ist, als<lb/>diejenige Konditionalaussage bestimmt, die «nicht mit Wahrem beginnt<lb/>und mit Falschem endet», so daß, wie im einzelnen ausgeführt und mit<lb/>Beispielen illustriert wird, allein die Folge wahr-falsch eine falsche<lb/>Konditionalaussage bildet, die drei anderen möglichen Folgen dagegen<lb/>allesamt richtige <hi rend="italic">(ibid.</hi> 104-106). In einem dritten Teil werden dann die<lb/>vier Elemente der Definition und die ihnen angefügten Erläuterungen<lb/>attackiert mit dem Ziel zu zeigen, daß sie allesamt auf unhaltbaren<lb/>Annahmen basieren, womit nach Auffassung des Sextus bewiesen ist, daß<lb/></p>
<p rend="pb"><pb n="96" facs="Ele92_96.jpg"/></p>
          <p>«das Zeichen unerkennbar ist» (<hi rend="italic">ibid.</hi> 107-118). Im Fall des dritten<lb/>Elementes, auf das allein es uns hier ankommt, also im Fall der richtigen<lb/>Konditionalaussage geschieht dies in der Weise, daß Sextus der Bestim-<lb/>mung der Konditionalaussage, die der Definition zugrunde liegt und die<lb/>er hier jetzt ausdrücklich als diejenige Philons bezeichnet, die drei ande-<lb/>ren gerade genannten gegenüberstellt, und zwar in der erwähnten Reihen-<lb/>folge, so daß die Bedingungen der später genannten Bestimmungen<lb/>jeweils alle zuvor angeführten Beispielsätze aus richtigen in falsche Kon-<lb/>ditionalaussagen verwandeln. Abschließend resümiert Sextus dann, daß,<lb/>da keiner der vier genannten Bestimmungen mit guten Gründen der<lb/>Vorzug vor den drei anderen gegeben werden könne, sich die richtige<lb/>Konditionalaussage als unerkennbar erweise (<hi rend="italic">ibid.</hi> 110-115)<note xml:id="ftn17" place="foot" n="16">	An der Parallelstelle <hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">viii</hi> 244 ff. konstatiert Sextus nur knapp die Tatsa-<lb/>che, daß es vier unterschiedliche Bestimmungen der richtigen Konditionalaussage gab<lb/>(<hi rend="italic">ibid.</hi> 265), verzichtet also darauf, dies anhand von Beispielen im einzelnen auszu-<lb/>führen.</note>.</p>
         <p rend="start">In der gleichen Absicht wie in dem gerade referierten Text, nämlich<lb/>in der, bestimmte Lehren der Dogmatiker mittels des διαφωνία-<lb/>Argumentes als unhaltbar zu erweisen, benutzt Sextus die Meinungs-<lb/>verschiedenheit bezüglich der richtigen Konditionalaussage im Rahmen<lb/>einer Kritik, der er eine ihm vorliegende Klassifikation der einfachen und<lb/>nicht-einfachen = zusammengesetzten Aussagen unterzieht <hi rend="italic">(M</hi> <hi rend="smcap">viii</hi> 93-<lb/>129)<note xml:id="ftn18" place="foot" n="17">	Dieser Textabschnitt ist eingehend besprochen worden von <hi rend="smcap">Th. Ebert, </hi><hi rend="italic">Dia-<lb/>lektiker und frühe Stoiker</hi>, cit., S. 83-116.</note>. Der andersartigen Thematik entsprechend holt Sextus hier er-<lb/>heblich weiter aus. Zunächst beschreibt er die Struktur der Konditional-<lb/>aussage und ihre Bedeutung: Es handelt sich um eine nicht-einfache<lb/>Aussage, die aus einem mit εί oder εἴπερ eingeleiteten Vordersatz und<lb/>einem Nachsatz zusammengesetzt ist und die «in Aussicht stellt, daß<lb/>aus dem im Vordersatz Ausgesagten das im Nachsatz Ausgesagte folgt»<lb/>(<hi rend="italic">ibid.</hi> 109, 111). Sodann konstatiert er, daß zwar Übereinstimmung dar-<lb/>über bestehe, daß eine Konditionalaussage immer dann richtig sei, wenn<lb/>das im Nachsatz Ausgesagte aus dem im Vordersatz Ausgesagten folgt,<lb/>nicht aber darüber, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit dies<lb/>der Fall ist. Ebendies illustriert er im folgenden, indem er <hi rend="italic">exempli</hi><lb/>
         </p>
<p rend="pb"><pb n="97" facs="Ele92_97.jpg"/></p>
          <p><hi rend="italic">gratia</hi><note xml:id="ftn19" place="foot" n="18">Oἷov (113), ὡς έν παραδείγματος μέρει (118).</note> die unterschiedlichen Auffassungen Philons und Diodors ein-<lb/>ander gegenüberstellt (<hi rend="italic">ibid.</hi> 113-117). Da es auch in diesem Fall wieder<lb/>allein darum geht, die Meinungsverschiedenheit als solche zu doku-<lb/>mentieren, stimmt die Darstellung, die Sextus hier von den Auffas-<lb/>sungen Philons und Diodors gibt, mit der der <hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypoty-<lb/>posen</hi> abgesehen von der erheblich größeren Ausführlichkeit völlig<lb/>überein, bietet also keinerlei belangvolle Ergänzungen. Auf die Hinter-<lb/>gründe kommt Sextus auch hier nicht zu sprechen. Er äußert sich<lb/>mithin weder dort noch hier zu der Frage, wie Diodor und Philon<lb/>zu ihren allem Anschein nach aufeinander bezogenen Auffassungen<lb/>gelangten und wie sich die offenkundig durch systematische Gesicht-<lb/>punkte bedingte Reihenfolge, in der Sextus sie beide Male referiert,<lb/>zu ihrer chronologischen Reihenfolge verhält<note xml:id="ftn20" place="foot" n="19">Als mutmaßlicher Schüler Diodors (<hi rend="italic">S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">ii</hi> <hi rend="smcap">f </hi>3, 3-6; vgl. zu diesem Text<lb/><hi rend="smcap">J. Mansfeld, </hi><hi rend="italic">Diogenes Laertius on Stoic Philosophy</hi>, in <hi rend="italic">Diogene Laerzio storico del<lb/>pensiero antico,</hi> «Elenchos», <hi rend="smcap">vii</hi> (1986) S. 295-382, hier 325-6) war Philon aller Wahr-<lb/>scheinlichkeit nach der Jüngere.</note>. Darüber erfahren wir<lb/>im übrigen auch sonst nichts, da außer den beiden gerade besprochenen<lb/>Zeugnissen bei Sextus keinerlei weitere Texte erhalten sind, denen<lb/>ergänzende Informationen zu diesem Thema zu entnehmen wären<note xml:id="ftn21" place="foot" n="20">	Einziges nichtsextianisches Zeugnis ist eine Bemerkung bei Cicero<lb/>(<hi rend="italic">Luc.</hi> 143 = <hi rend="italic">S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">ii</hi> <hi rend="smcap">f </hi>13), die nicht mehr besagt, als daß Diodor, Philon und Chry-<lb/>sipp bezüglich der Frage der Richtigkeit der Konditionalaussage unterschiedlicher<lb/>Meinung waren.</note>.<lb/>Wir erfahren daher auch nicht das Mindeste darüber, ob eine Bezie-<lb/>hung zwischen den unterschiedlichen Bestimmungen Diodors und Phi-<lb/>lons über die richtige Konditionalaussage und ihren unterschiedlichen<lb/>Modaltheorien (<hi rend="italic">S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">ii f </hi>24-33) bestand. Bedenkt man, daß Diodor,<lb/>wie wir dank den beiden besprochenen Zeugnissen bei Sextus wissen,<lb/>als richtige Konditionalaussage die bestimmte, «bei der es weder mög-<lb/>lich war noch möglich ist, daß sie mit Wahrem beginnt und mit Fal-<lb/>schem endet» (<hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">ii</hi> 110; <hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">viii</hi> 115), dann liegt die Vermutung nahe,<lb/>daß zumindest im Falle Diodors eine solche Beziehung bestand. Wel-<lb/>cher Art sie gewesen sein könnte, darüber kann man nur spekulieren<lb/></p>
<p rend="pb"><pb n="98" facs="Ele92_98.jpg"/></p>
          <p>und ist natürlich auch spekuliert worden<note xml:id="ftn22" place="foot" n="21">	B. <hi rend="smcap">Mates, </hi><hi rend="italic">Stoic Logic</hi>, Berkeley-Los Angeles 19612, S. 45. N. <hi rend="smcap">Denyer,<lb/></hi><hi rend="italic">Time and Modality in Diodorus Cronus</hi>, «Theoria», <hi rend="smcap">xlvii</hi> (1981) S. 31-53, bes. 39-41.<lb/><hi rend="smcap">G. Giannantoni, </hi><hi rend="italic">II κυριεύων λόγος di Diodoro Crono</hi>,<hi rend="italic"> </hi>«Elenchos», <hi rend="smcap">ii</hi> (1981) S. 239-<lb/>72, bes. 248-51 und 264-8. R. <hi rend="smcap">Muller, </hi><hi rend="italic">Les Mégariques</hi>, Paris 1985, S. 144. <hi rend="smcap">G. Gian-<lb/>nantoni, </hi><hi rend="italic">Die Philosophenschule der Megariker und Aristoteles</hi> (erscheint demnächst in<lb/>den Akten des Symposiums zur “Logik der Stoiker und ihrer Vorläufer”, das vom<lb/>1.-7.9.1991 in Bamberg stattfand).</note>. Da solche Spekulationen<lb/>mit Sextus nichts zu tun haben, brauche ich auf sie hier nicht einzugehen.</p>
          <p rend="titlep">6.3 <hi rend="italic">Diodors Argumente gegen die Bewegung</hi></p>
         <p rend="start">Als Beispiel dafür, daß die Grammatiker nicht selten literarischen<lb/>Texten gegenüber kapitulieren und die Hilfe anderer suchen müssen, zi-<lb/>tiert Sextus in dem Buch <hi rend="italic">Gegen die Grammatiker</hi> zwei Verse eines verlo-<lb/>ren gegangenen Epigramms des Kallimachos auf Diodoros Kronos. Sie<lb/>lauten: ἠνίδε κοἰ κόρακες τεγέων ἔπι ῾κοῖα συνῆπται᾽ / κρώζουσιν ῾καὶ<lb/>κῶς αὖθι γενησόμεθα;’ (<hi rend="italic">Μ</hi> <hi rend="smcap">i</hi> 309 = Callim. fr. 393, 3-4 Pfeiffer). Sextus<lb/>fährt fort: Daß Kallimachos in diesen Versen auf Diodors Lehre bezüglich<lb/>der richtigen Konditionalaussage anspiele (κοῖα συνῆπται;), das wisse ver-<lb/>mutlich auch der Grammatiker, nicht jedoch, was es mit den Worten<lb/>κῶς αὖθι γενησόμεθα auf sich habe. Da müsse ihm der Philosoph helfen.<lb/>Er müsse ihm erklären, daß Diodor die Auffassung vertreten habe, daß<lb/>sich nichts bewege, und zwar mit folgendem Argument: Was sich bewegt,<lb/>bewegt sich entweder an dem Ort, an dem es ist, oder an dem, an dem<lb/>es nicht ist. Nun ist aber weder das erste noch das zweite der Fall. Also<lb/>bewegt sich nichts. Aus der Tatsache, daß sich nichts bewege, folge nun<lb/>aber, so Sextus weiter, daß das Lebewesen, da es weder zu der Zeit<lb/>sterbe, zu der es lebe, noch zu der, zu der es nicht lebe, niemals sterbe.<lb/>Und er resümiert: «Wenn dies der Fall ist, dann werden wir, da wir<lb/>ewig leben, nach Diodors Auffassung auch in Zukunft entstehen (εἰ δὲ<lb/>τοῦτο, ἀεὶ ζώντες κατ’ αὐτὸν καὶ αὖθις γενησόμεθαν)» (<hi rend="italic">Μ</hi> <hi rend="smcap">i</hi> 310-312).<lb/>Man hat zu Recht darauf hingewiesen<note xml:id="ftn23" place="foot" n="22">	<hi rend="smcap">A. S. F. Gow-D. L. Page, </hi><hi rend="italic">Hellenistic Epigrams</hi>, Cambridge 1965, II, S. 216.<lb/>D. <hi rend="smcap">Sedley, </hi><hi rend="italic">Diodorus Cronus and Hellenistic Philosophy</hi>,<hi rend="italic"> </hi>«Proceedings of the Cam-<lb/>bridge Philological Society», <hi rend="smcap">cciii</hi> (1977) S. 74-120, hier 108 Anm. 35.</note>, daß es nicht nachvollziehbar<lb/></p>
<p rend="pb"><pb n="99" facs="Ele92_99.jpg"/></p>
          <p>ist, wie Sextus zu diesem Resümee gelangt. Vorausgesetzt, der Text des<lb/>Sextus ist hier vollständig und richtig überliefert, kommt man nicht<lb/>um die Feststellung herum, daß Sextus sich hier als unfähig erweist,<lb/>als Philosoph dem Grammatiker die Hilfe zu leisten, die zu leisten er<lb/>seinen eigenen Worten zufolge eigentlich in der Lage sein müßte. Wie<lb/>aber ist die Frage κῶς αὖθι γενησόμεθα, die Kallimachos die Raben<lb/>krächzen läßt, dann zu verstehen? M. J. White hat jüngst die folgende<lb/>einleuchtende Erklärung gegeben<note xml:id="ftn24" place="foot" n="23">	<hi rend="smcap">M. J. White</hi>, <hi rend="italic">What Worried the Crows?</hi>,<hi rend="italic"> </hi>«Classical Quarterly», <hi rend="smcap">xxxvi</hi><lb/>(1986) S. 534-7.</note>: αὖθι ist nicht, wie Sextus meint<lb/>und ihm folgend alle bisherigen Interpreten angenommen haben, im<lb/>Sinne von αὖθις zeitlich, sondern im Sinne von αὐτόθι räumlich zu verste-<lb/>hen<note xml:id="ftn25" place="foot" n="24">Dieser Gebrauch von αὖθι ist für Kallimachos durch fr. 260, 10 Pf. aus der<lb/><hi rend="italic">Hekale</hi> belegt.</note>. In Anspielung auf Diodors gleich zu erwähnende These, daß<lb/>sich zwar nichts bewegt, wohl aber etwas bewegt hat, läßt Kallimachos<lb/>die Raben also fragen: «Wie werden wir ebendorthin kommen?»<note xml:id="ftn26" place="foot" n="25">	Sollte das Beispiel, anhand dessen Alexander von Aphrodisias den diodorei-<lb/>schen Möglichkeitsbegriff erläutert (τὸ ἐμέ ἐν Κορίνθῳ γενέσθαι, <hi rend="italic">S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">ii f</hi> 27, 4),<lb/>nicht von ihm, sondern schon von Diodor stammen, dann wäre in Erwägung zu zie-<lb/>hen, ob Kallimachos seine Raben nebenbei auch noch auf dieses Beispiel bzw. ein<lb/>Beispiel wie dieses anspielen läßt.</note> (<hi rend="italic">scil.<lb/></hi>wo wir, wenn wir uns bewegt haben, sein werden).</p>
         <p rend="start">Auf Diodors Argument bzw. Argumente gegen die Bewegung kommt<lb/>Sextus außer an der gerade zitierten Stelle auch sonst noch mehrfach<lb/>zu sprechen. Bevor ich darauf näher eingehe, möchte ich folgendes vor-<lb/>ausschicken: Bei Aetius und in anderen Sammlungen von <hi rend="italic">Placita philoso-<lb/>phorum</hi> finden sich unter dem Namen Diodors zwei Lehren verzeichnet,<lb/>nämlich 1. die, daß «sich zwar etwas bewegt habe, sich jedoch nichts<lb/>bewege (κεκινήσθαι μέν τι, κινεῖσθαι δὲ μηδέν)» (<hi rend="italic">S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">ii f 11), </hi>und 2.<lb/>die, daß Urelement aller Dinge «kleinste, unteilbare Körper» seien<lb/>(ἐλάχιστα καὶ ἀμερῆ σώματα) <hi rend="italic">(S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">ii f</hi> 8-10). Die beiden Lehren wer-<lb/>den in allen diesen Quellen völlig getrennt voneinander überliefert. Auch<lb/>Sextus referiert sie in der Mehrzahl der Fälle ohne jede Beziehung zuein-<lb/>ander<note xml:id="ftn27" place="foot" n="26">	Bewegung: <hi rend="italic">M </hi><hi rend="smcap">x</hi> 48; vgl. <hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">ii</hi> 242; <hi rend="smcap">iii</hi> 71; <hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">i</hi> 311; s. auch <hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">ii</hi> 245; <hi rend="italic">M </hi><hi rend="smcap">x</hi><hi rend="italic"><lb/></hi>347; ἀμερῆ <hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">iii</hi> 32; <hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">ix</hi> 363; vgl. <hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">ii</hi> 111. Einer etwas ausführlicheren Behänd-<lb/>lung bedarf die Stelle <hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">viii</hi> 333. Sie ist Teil eines Kontextes (<hi rend="italic">ibid.</hi> 329-334), in<lb/>dem Sextus konstatiert, daß jeder Beweis, da in ihn als Prämissen Meinungen (δόγ-<lb/>ματα) eingingen, die umstritten seien, mit Notwendigkeit auch seinerseits umstritten<lb/>sei. Zur Illustration zieht er das folgende Argument heran, mit dem Epikur die<lb/>Existenz des Leeren beweisen zu können geglaubt habe (= fr. 272 Usener): «Wenn<lb/>es Bewegung gibt, gibt es Leeres. Nun gibt es aber Bewegung. Also gibt es Leeres».<lb/>Dieser Beweis sei zwar, so Sextus weiter, formal in Ordnung, dennoch erachteten ihn<lb/>viele für ungültig, weil sie die eine oder die andere der beiden Prämissen für falsch<lb/>hielten. Setze man z. B. die phiionische Bestimmung der richtigen Konditionalaussage<lb/>als Kriterium an und betrachte den Beweis dann im Lichte der Lehren der Peripate-<lb/>tiker einerseits und derjenigen Diodors andererseits, dann zeige sich, daß er in beiden<lb/>Fällen ungültig sei. Im ersten Fall sei nämlich die erste Prämisse falsch, da in ihr<lb/>zwar das Praecedens (Es gibt Bewegung) wahr, das Succedens (Es gibt Leeres) aber<lb/>falsch sei, im zweiten dagegen sei zwar die erste Prämisse wahr, da sowohl das Praece-<lb/>dens als auch das Succedens falsch seien, dafür aber sei die zweite Prämisse (Es gibt<lb/>Bewegung) falsch (332-333). Hier wird Diodor also zusätzlich zu der Ansicht, daß<lb/>es keine Bewegung gibt, auch noch die zugeschrieben, daß es kein Leeres gibt. Die<lb/>Frage ist, ob diese Zuschreibung als authentisch gelten kann oder ob Sextus ein Ver-<lb/>sehen unterlaufen ist. Daß Diodor eine solche Lehre sonst nirgends zugeschrieben<lb/>wird, besagt angesichts der notorischen Lückenhaftigkeit der Überlieferung wenig.<lb/>Schwerer wiegt, daß sie nicht mit Diodors eindeutig bezeugter Lehre von den ἀμερῆ<lb/>zusammenpaßt, da diese das Vorhandensein von Leerem vorauszusetzen scheint.<lb/>Möglicherweise handelt es sich um eine irrtümliche Übertragung von Zenon (s. D.-K.<lb/>29 <hi rend="smcap">a</hi> 1 § 29) oder Melissos (s. D.-K. 30 <hi rend="smcap">a </hi>8; <hi rend="smcap">b </hi>7 § 7) auf Diodor. Ein Versuch, beides<lb/>bei Diodor miteinander zu vereinbaren, findet sich bei N. <hi rend="smcap">Denyer, </hi><hi rend="italic">The Atomism<lb/>of Diodorus Cronus</hi>, «Prudentia», <hi rend="smcap">xiii</hi> (1981) S. 33-45, hier 40-1.</note>. Allein im Rahmen des umfangreichen kritischen Berichtes, den<lb/></p>
<p rend="pb"><pb n="100" facs="Ele92_100.jpg"/></p>
          <p>er im <hi rend="smcap">iv</hi>. Buch der Schrift <hi rend="italic">Gegen die Dogmatiker</hi> von Diodors Beweisen<lb/>gegen die Bewegung gibt (<hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">x</hi> 85-120), und an einer späteren diesen<lb/>Bericht aufgreifenden Stelle des gleichen Buches (<hi rend="italic">M</hi> x 143) macht Sextus<lb/>deutlich, daß und wie die beiden Lehren zusammengehören. Dieser Be-<lb/>richt stellt eine erheblich erweiterte und ergänzte Fassung eines Vorläu-<lb/>fers in den <hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypotyposen</hi> dar <hi rend="italic">(PH</hi> <hi rend="smcap">iii</hi> 71-75), der von einer<lb/>solchen Beziehung nichts hatte verlauten lassen. Auf ihn wollen wir unse-<lb/>ren Blick zunächst richten.</p>
         <p rend="start">In den <hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypotyposen</hi> zitiert Sextus Diodors Argument<lb/>gegen die Bewegung zunächst in der Form, in der er es, von kleinen,<lb/>den Sinn nicht verändernden Unterschieden abgesehen, in der Mehrzahl<lb/>der Fälle zitiert und in der er von ihm in dem umfangreichen Bericht<lb/>in der Schrift <hi rend="italic">Gegen die Dogmatiker</hi> als dem «allseits bekannten Argu-<lb/></p>
<p rend="pb"><pb n="101" facs="Ele92_101.jpg"/></p>
<p>ment (ὁ περιφορητικὸς λόγος)»<note xml:id="ftn28" place="foot" n="27">	Zur Bedeutung von περιφορητικός vgl. D. <hi rend="smcap">Sedley, </hi><hi rend="italic">Diodorus Cronus cit.,<lb/></hi>S.	110 Anm. 55.</note> (<hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">x</hi> 87) spricht: «Wenn sich etwas<lb/>bewegt, bewegt es sich entweder an dem Ort, an dem es ist, oder<lb/>an dem, an dem es nicht ist. Es bewegt sich aber weder an dem, an<lb/>dem es ist, denn an ihm ruht es, wofern es an ihm ist; noch an dem,<lb/>an dem es nicht ist, denn wo etwas nicht ist, da kann es weder etwas<lb/>tun noch etwas erleiden. Also bewegt es sich nicht». Sextus fährt fort:<lb/>«Dieses Argument hat viele Widerlegungen erfahren, von denen ich dem<lb/>Charakter meiner Schrift entsprechend nur die schlagenderen vortragen<lb/>will zusammen mit der Beurteilung, wie sie sich uns <hi rend="italic">(seil.</hi> Skeptikern)<lb/>darstellt» (<hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">iii</hi> 71).</p>
         <p rend="start">Drei solcher Widerlegungen führt Sextus im folgenden samt Beurtei-<lb/>lungen an: 1. Manche behaupten, es sei durchaus möglich, daß sich etwas<lb/>an dem Ort bewege, an dem es sei; es sei dies z. B. der Fall bei Kugeln,<lb/>die sich um ihre Achse drehten. Dazu Sextus: In dem genannten Fall<lb/>müsse man das Argument nur von der Kugel als ganzer auf ihre Teile<lb/>übertragen, dann sei es wieder anwendbar (<hi rend="italic">ibid.</hi> 72). 2. Andere behaup-<lb/>ten, das sich Bewegende sei mit zwei Orten verbunden (δυεῖν ἔχεται<lb/>τόπων), nämlich dem, an dem es sich befinde, und dem, zu dem es<lb/>sich hinbegebe. Ihnen ist die Frage entgegenzuhalten, wann das sich<lb/>Bewegende sich denn eigentlich von dem Ort, an dem es sich befinde, zu<lb/>dem anderen hinbegebe. Dies sei weder der Fall, wenn es an dem ersten<lb/>sei, denn dann sei es dort; wenn es sich an ihm aber nicht mehr befinde,<lb/>könne es sich von ihm auch nicht mehr fortbegeben (<hi rend="italic">ibid.</hi> 73-74)<note xml:id="ftn29" place="foot" n="28">	An der Parallelstelle <hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">x</hi> 105-106 fügt Sextus hinzu, daß dieses Gegenargu-<lb/>ment zwar insofern zu akzeptieren sei, als der Begriff “Bewegung” tatsächlich ein<lb/>relativer sei, daß diese Einsicht jedoch zur Lösung der physikalischen Aporie nichts<lb/>beitrage.</note>. 3.<lb/>Wieder andere behaupten, das Wort “Ort” (τόπος) werde in zweierlei<lb/>Bedeutung gebraucht, einer weiteren, in der es z. B. das Haus bezeichne,<lb/>in dem man wohnt, und einer exakten, in der es genau jenen Platz be-<lb/>zeichne, den etwas einnimmt bzw. ausfüllt<note xml:id="ftn30" place="foot" n="29">	Die gleiche Unterscheidung außer der Parallelstelle <hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">x</hi> 95 auch <hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">iii</hi> 119<lb/>und <hi rend="italic">M </hi><hi rend="smcap">x</hi> 15; vgl. dazu M. <hi rend="smcap">Burnyeat, </hi><hi rend="italic">The Sceptic in His Place and Time</hi>, in: R. <hi rend="smcap">Rorty-<lb/></hi>J. <hi rend="smcap">B. Schneewind-Q. Skinner </hi>(eds), <hi rend="italic">Philosophy in History</hi>, Cambridge 1984, S. 225-<lb/>54, hier 232-8.</note>. Wenn man sage, etwas<lb/></p>
<p rend="pb"><pb n="102" facs="Ele92_102.jpg"/></p>
<p>bewege sich an einem Ort, dann meine man “Ort” nicht in der exakten,<lb/>sondern in der weiten Bedeutung. Auch diesen Widerlegungsversuch<lb/>kann Sextus leicht entkräften: Der angeblich sich bewegende Körper be-<lb/>findet sich innerhalb des Ortes im weiten Sinn an einem Ort im exakten<lb/>Sinn, in dem Rest des Ortes im weiten Sinn dagegen nicht. Da er sich<lb/>nun aber, wie gezeigt, weder an dem Ort im exakten Sinn bewegt, an<lb/>dem er sich befindet, noch an dem Rest des Ortes im weiten Sinn, an<lb/>dem er sich ja nicht befindet, bewegt er sich nicht (<hi rend="italic">ibid.</hi> 75).</p>
         <p rend="start">Der entsprechende Bericht im iv. Buch der Schrift <hi rend="italic">Gegen die Dogma-<lb/>tiker </hi>(<hi rend="italic">M </hi><hi rend="smcap">x</hi> 85-120) ist um ein Vielfaches umfangreicher. Dies hat zwei<lb/>Gründe: Zunächst einmal hat Sextus die Argumentation überall erheblich<lb/>verbreitert, vor allem aber hat er mehrere neue Argumente samt Repliken<lb/>hinzugefügt. Wo und wie er dies gemacht hat, zeigt das folgende Auf-<lb/>bauschema:</p>
         <table rend="frame" xml:id="Table1">
            <row>
               <cell rend="start">85-86</cell>
               <cell cols="3" rend="start">Das “gewichtige” (ἐμβριθής, 85) Argument, unter Einbezie-<lb/>hung der Hypothese von den άμερῆ</cell>
            </row>
            <row>
               <cell rend="start">87-111</cell>
               <cell cols="3">Das “allseits bekannte” (περιφορητικός, 87) Argument, ohne<lb/>Einbeziehung der Hypothese von den ἀμερῆ ( = <hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">iii</hi> 71-75)</cell>
            </row>
            <row>
               <cell/>
               <cell rend="start">87-90a</cell>
               <cell cols="2" rend="start">Das “allseits bekannte” Argument mit Erläuterungen<lb/>(= <hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">iii</hi> 71)</cell>
            </row>
            <row>
               <cell/>
               <cell rend="start">90b-lll</cell>
               <cell cols="2" rend="start">5 Gegenargumente mit Repliken</cell>
            </row>
            <row>
               <cell/>
               <cell/>
               <cell rend="start">91-92/97-102</cell>
               <cell rend="start">1. Gegenargument, 2 Entgeg-<lb/>nungen Diodors, jeweils mit nach-<lb/>folgender Replik des Sextus</cell>
            </row>
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               <cell/>
               <cell/>
               <cell rend="start">93/103-104</cell>
               <cell>2. Gegenargument mit nachfol-<lb/>gender Replik des Sextus<lb/>( = <hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">iii</hi> 72)</cell>
            </row>
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               <cell/>
               <cell/>
               <cell rend="start">94/105-107</cell>
               <cell>3. Gegenargument mit nachfol-<lb/>gender Replik des Sextus<lb/>( = <hi rend="italic">PH</hi> m 73-74)</cell>
            </row>
            <row>
               <cell/>
               <cell/>
               <cell rend="start">95/108-110a</cell>
               <cell>4. Gegenargument mit nachfol-<lb/>gender Replik des Sextus<lb/>( = <hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">iii</hi> 75)</cell>
            </row>
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               <cell/>
               <cell/>
               <cell rend="start">96/110b-111</cell>
               <cell>5. Gegenargument mit nachfol-<lb/>gender Replik des Sextus</cell>
            </row>
         </table>
         
<p rend="pb"><pb n="103" facs="Ele92_103.jpg"/></p>
<p></p>
         <table rend="frame" xml:id="Table2">
            <row>
             <cell rend="start">112-118</cell>
               <cell cols="2" rend="start">Zwei “nicht so gewichtige” (οὐχ οὕτως ἐμβριθεῖς, 112)<lb/>Argumente, das zweite davon unter Einbeziehung der Hypo-<lb/>these von den ἀμερῆ</cell>
            </row>
            <row>
               <cell/>
               <cell rend="start">112b</cell>
               <cell rend="start">Das 1. Argument</cell>
            </row>
            <row>
               <cell/>
               <cell rend="start">113-118 </cell>
               <cell>Das 2. Argument mit Replik des Sextus</cell>
            </row>
            <row>
               <cell rend="start">119-120</cell>
               <cell cols="2" rend="start">Ein weiteres Argument eines nicht genannten Urhebers, unter<lb/>Einbeziehung zeitlicher und räumlicher ἀμερῆ</cell>
            </row>
         </table>
         <p rend="start">In diesem Schema ist zu jedem Teilstück vermerkt, ob es eine Paral-<lb/>lele in dem entsprechenden Bericht in den <hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypotyposen<lb/></hi>hat und ob in ihm die Lehre von den ἀμερῆ in die Argumentation einbe-<lb/>zogen ist. Faßt man diese Vermerke insgesamt in den Blick, dann wird<lb/>sogleich zweierlei deutlich: 1. Der Mittelteil des Berichtes (87-111) stellt<lb/>eine um zwei Gegenargumente (Nr. 1 und 5) erweiterte Fassung des Be-<lb/>richtes in den <hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypotyposen</hi> dar. Wie dort wird dabei auch<lb/>hier mit keinem Wort auf die Lehre von den ἀμερῆ Bezug genommen.<lb/>2. Ebendiese Lehre von den ἀμερῆ ist jedoch, sieht man von einer aus<lb/>dem Rahmen fallenden Ausnahme ab (112b)<note xml:id="ftn31" place="foot" n="30">	Vgl. zu diesem Argument unten Anm. 43.</note>, Bestandteil aller Argu-<lb/>mente, die vor und nach dem Mittelteil hinzugefügt sind (85-86; 112-<lb/>120). Dieser Befund läßt sich schwerlich anders als so deuten, daß Sextus<lb/>hier zwei Vorlagen ineinander gearbeitet hat, von denen die eine (A) die<lb/>άμερῆ berücksichtigte, die andere (B), die zugleich die Vorlage des Be-<lb/>richtes in den <hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypotyposen</hi> ist, dagegen nicht<note xml:id="ftn32" place="foot" n="31">	Was hier über die beiden Vorlagen gesagt ist, die Sextus benutzt hat, wird<lb/>unten S. 116 noch etwas modifiziert werden.</note>. Eine sol-<lb/>che Annahme wird durch zwei weitere Beobachtungen bestärkt: 1. Der<lb/>Bericht beginnt damit, daß Sextus ein “gewichtiges” Argument zitiert<lb/>(85-86). Im Anschluß an den Mittelteil ergänzt er dieses “gewichtige”<lb/>Argument durch zwei “nicht so gewichtige” (112-117). Beide Zitate sind<lb/>offenkundig aufeinander bezogen, entstammen also einer und derselben<lb/>Vorlage. 2. Der Mittelteil beginnt damit, daß Sextus Diodors, wie er sagt,<lb/>“allseits bekanntes” Argument gegen die Bewegung zitiert (87). Ver-<lb/>gleicht man dieses Argument mit jenem, mit dem der Gesamtbericht<lb/>beginnt (86), dann zeigt sich, daß es sich im Prinzip um ein und<lb/></p>
<p rend="pb"><pb n="104" facs="Ele92_104.jpg"/></p>
<p>dasselbe Argument handelt und wir nur deshalb keine reine Dublette vor<lb/>uns haben, weil dieses Argument am Beginn des Gesamtberichtes in ange-<lb/>reicherter Form erscheint, und zwar angereichert 1. durch die Einbezie-<lb/>hung der Lehre von den ἀμερῆ und 2. durch die am Schluß hinzugefügte<lb/>paradoxe Feststellung, daß sich zwar nichts bewege, wohl aber, wie der<lb/>Augenschein beweise, etwas bewegt habe.</p>
         <p rend="start">Nach diesen Bemerkungen zu dem Bericht als ganzem wende ich<lb/>mich nun den Details zu. Ich beginne mit dem Mittelteil (87-111).</p>
         <p rend="start">Vergleicht man ihn mit dem entsprechenden Bericht in den <hi rend="italic">Pynhoni-<lb/>schen Hypotyposen,</hi> dann erweist sich als hauptsächlicher Unterschied der,<lb/>daß am Anfang und am Ende jeweils ein Gegenargument mit Replik bzw.<lb/>Repliken hinzugefügt ist. Was die drei hier wie dort referierten Gegenar-<lb/>gumente und die ihnen zugeordneten Repliken betrifft, so ist hier zwar,<lb/>wie schon erwähnt wurde, alles breiter ausgeführt, grundlegende Unter-<lb/>schiede gibt es jedoch nicht. Auf eines sollte aber immerhin aufmerksam<lb/>gemacht werden: Bei der Zurückweisung des Gegenargumentes Nr. 2,<lb/>das, um zu beweisen, daß sich doch etwas an dem Platz bewegen kann,<lb/>an dem es sich befindet, auf Fälle wie den der sich um ihre Achse<lb/>drehenden Kugel verweist (93, 103-104 = <hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">iii</hi> 72; vgl. S. 101), merkt<lb/>Sextus an, daß er dieses Gegenargument schon an einer früheren Stelle<lb/>des gleichen Buches, gemeint ist § 52<note xml:id="ftn33" place="foot" n="32">Vgl. auch <hi rend="italic">Μ </hi><hi rend="smcap">x</hi> 41.</note> entkräftet habe. Dort war<lb/>das gleiche Gegenargument dazu benutzt worden, die Definition der<lb/>Bewegung als «Übergang von einem Ort zu einem anderen» (50) als<lb/>unzureichend zu erweisen. Als Definition, die auch Fälle wie den der<lb/>sich um ihre Achse drehenden Kugel berücksichtigt, hatte Sextus da-<lb/>raufhin die folgende zitiert: Bewegung sei «Übergang von einem Ort<lb/>zu einem anderen entweder des ganzen Körpers oder der Teile des<lb/>Ganzen» (52), gleich danach dann allerdings darauf verwiesen, daß<lb/>auch diese Definition unzulänglich sei, weil es reale und denkbare<lb/>Fälle von Bewegung gebe, die auch durch diese Definition nicht erfaßt<lb/>würden (53-59), und dabei neben anderen den folgenden Fall genannt:<lb/>«Wenn wir uns einen teillosen kleinsten Körper (ἀμερὲς καὶ ἐλάχιστον<lb/>σῶμα) denken, der sich an derselben Stelle dreht, d. h. kreisförmig,<lb/>dann wird eine ortsverändernde Bewegung stattfinden, der sich bewe-<lb/></p>
<p rend="pb"><pb n="105" facs="Ele92_105.jpg"/></p>
<p>gende Körper aber wird weder als ganzer den Ort verlassen, an dem er<lb/>sich befindet, noch zu einem Teil, als ganzer nicht, weil die Annahme<lb/>zugrunde liegt, daß er sich an derselben Stelle kreisförmig dreht, zu<lb/>einem Teil nicht, weil er teillos ist» (58). So wie dieses Argument hier<lb/>formuliert ist, kann es sich eigentlich nur gezielt gegen Diodor und seine<lb/>Beweise gegen die Bewegung richten, genauer gesagt: gegen seine Beweise<lb/>in der Form, in der sie sich auf die Annahme kleinster unteilbarer Körper<lb/>stützen. Die Frage liegt nahe, warum Sextus dieses Argument in seinem<lb/>Bericht über Diodors Beweise gegen die Bewegung und die Gegenargu-<lb/>mente, die gegen sie vorgebracht wurden, nicht auch aufgreift. Vermut-<lb/>lich schlicht und einfach deshalb, weil die ἀμερῆ in der Vorlage, die er<lb/>für diesen Teil seines Berichtes benutzte, nicht vorkamen.</p>
         <p rend="start">Wenden wir uns nun den beiden Gegenargumenten des Mittelteiles<lb/>zu, die keine Parallelen in den <hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypotyposen</hi> haben.</p>
         <p rend="start">Das Gegenargument Nr. 5 bereitet interpretatorische Schwierigkei-<lb/>ten. Es lautet: «Manche haben gemeint, Diodors Argument sei nicht-<lb/>schlüssig, weil es mit einer Disjunktion beginne und diese mittels dessen,<lb/>was folge, falsifiziere (ψευδοποιεῖ), indem es nämlich jede der beiden Aus-<lb/>sagen in ihr als falsch erweise, die, daß sich etwas an dem Ort bewege,<lb/>an dem es sich befinde, und die, daß es sich an dem bewege, an dem<lb/>es sich nicht befinde» (96). Worin sahen die Kritiker, deren Gegenargu-<lb/>ment Sextus hier referiert, eigentlich die Unzulänglichkeit des diodorei-<lb/>schen Argumentes? Nichtschlüssig soll es ihrer Ansicht nach deshalb sein,<lb/>weil es mit einer Disjunktion beginne, die dadurch falsifiziert werde, daß<lb/>jede der beiden Aussagen, aus denen sie zusammengesetzt sei, als falsch<lb/>erwiesen werde. Wieso das?</p>
            <p rend="start">Sehen wir uns die Replik an, mit der Sextus dieses
                Gegenargument<lb/>kommentiert; vielleicht lassen sich aus ihr Verständnishilfen
                gewinnen.<lb/>Die Replik lautet: «Zu behaupten, das Argument sei falsch, weil es
                mit<lb/>einer Disjunktion beginne und diese Disjunktion falsifiziere, ist
                äußerst<lb/>dummes Geschwätz. Denn die einzelnen Schritte des Argumentes
                sind<lb/>folgerichtig zustande gekommen und haben die folgende
                Beweiskraft:<lb/>“Wenn sich etwas bewegt, muß es sich auf eine der beiden zuvor
                genann-<lb/>ten Weisen bewegen. Das Zweite ist aber  nicht der Fall; also auch nicht<lb/>das Erste”. Denn wenn, wofern das Erste der Fall ist, das Zweite der<lb/>Fall ist, dann wird, wofern das Zweite nicht der Fall ist, auch das Erste<lb/></p>
 <p rend="pb"><pb n="106" facs="Ele92_106.jpg"/></p>
          <p rend="start">nicht der Fall sein. Und dies ist auch nach den Annahmen der Dialektiker<lb/>selbst richtig» (110-111).</p>
         <p rend="start">Sollte der Irrtum der Kritiker Diodors damit wirklich richtig wieder-<lb/>gegeben sein, dann wäre ihr Einwand in der Tat, wie Sextus schreibt,<lb/>schlichtweg lächerlich. Gerade dies, daß ihr Irrtum so offenkundig wäre,<lb/>weckt aber Zweifel daran, ob Sextus den Einwand richtig verstanden<lb/>hat, und dies umso mehr, als sich dem am Schluß angefügten Satz entneh-<lb/>men läßt, daß es sich bei den Kritikern um dialektisch geschulte Personen<lb/>handelt, denn offenkundig ist dieser Satz so zu verstehen, daß Sextus<lb/>den Kritikern vorhält, daß sie als Dialektiker doch eigentlich wissen müß-<lb/>ten, wie unsinnig ihr Einwand ist. Wir müssen daher, wie mir scheint,<lb/>damit rechnen, daß Sextus den Einwand mißverstanden hat. Was die<lb/>Kritiker seinen Worten zufolge bemängelten, war, daß Diodors Argument<lb/>die Disjunktion, mit der es beginne, dadurch falsifiziere, daß es jede der<lb/>beiden Aussagen, aus denen sie zusammengesetzt sei, falsifiziere. Das<lb/>heißt: Sie wandten ein, daß eine Falsifikation der Disjunktion auf diese<lb/>Weise nicht möglich sei. Was könnte sie zu diesem Einwand veranlaßt<lb/>haben? Bedenkt man, daß in dem Gegenargument Nr. 3 eine dritte Mög-<lb/>lichkeit, sich Bewegung zu denken, in die Diskussion eingeführt wird,<lb/>dann muß in Erwägung gezogen werden, ob Diodors Kritiker die Mangel-<lb/>haftigkeit seines Beweises nicht vielleicht darin sahen, daß die Disjunk-<lb/>tion, da sie in Wirklichkeit nicht, wie Diodor glaube, eine zwei-, sondern<lb/>eine dreigliedrige sei, nicht auf die Weise falsifiziert werden könne, auf<lb/>die Diodor dies tue bzw. tun zu können meine<note xml:id="ftn34" place="foot" n="33">	Anders ausgedrückt: Das Argument ist nicht schlüssig, weil eine der Prämis-<lb/>sen unvollständig ist. Es handelt sich also um den von Sextus <hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">ii</hi> 146, 150,<lb/><hi rend="italic">M</hi> <hi rend="smcap">viii</hi> 429, 434 besprochenen Fall der Nichtschlüssigkeit “durch Auslassung” (παρά<lb/>bzw. κατὰ ἔλλειψιν).</note>. So gesehen, würde<lb/>der Schwarze Peter, den Sextus den Kritikern Diodors zuschieben zu<lb/>können glaubt, in Wahrheit bei ihm selbst landen<note xml:id="ftn35" place="foot" n="34">	Eine andere Lösung des Problems schlägt <hi rend="smcap">Th. Ebert, </hi><hi rend="italic">Dialektiker und frühe<lb/>Stoiker cit.</hi>,<hi rend="italic"> </hi>S. 209-11 vor.</note>.</p>
         <p rend="start">Das letzte noch zu besprechende Gegenargument des Mittelteiles,<lb/>das Gegenargument Nr. 1, und die ihm zugeordnete Replik fallen in<lb/>mehrfacher Hinsicht aus dem Rahmen. Zunächst einmal schon rein<lb/>
         </p>
         
<p rend="pb"><pb n="107" facs="Ele92_107.jpg"/></p>
          <p>äußerlich, insofern Sextus hier dem Gegenargument nicht nur wie in den<lb/>anderen Fällen eine einfache Replik, sondern zwei Entgegnungen Diodors<lb/>mit angefügten Repliken entgegenstellt (97-102). Doch auch inhaltlich<lb/>weicht dieses Gegenargument von den vier anderen in gravierender Weise<lb/>ab: Es attackiert nämlich nicht wie diese Diodors Beweis gegen die Bewe-<lb/>gung in der “allseits bekannten” Form (88), sondern Diodors zuvor (88)<lb/>zitierte paradoxe Behauptung, daß sich zwar nichts bewege, wohl aber<lb/>etwas bewegt habe. Das von Sextus sehr umständlich und möglicherweise<lb/>ohne vollständige Einsicht in das Gemeinte<note xml:id="ftn36" place="foot" n="35">	Vgl. W. <hi rend="smcap">Heintz, </hi><hi rend="italic">Studien zu Sextus Empiricus</hi>, Halle 1932, S. 228-30.</note> referierte Gegenargument<lb/>Nr. 1 läßt sich so skizzieren: Das abgeschlossene Tempus (συντελεστικόν)<lb/>ist die “Grenze” (πέρας) des Verlaufstempus (παρατατικόν). Die Grenze<lb/>einer Sache kann es nur dann geben, wenn es die Sache selbst gibt.<lb/>Mithin kann es das abgeschlossene Tempus (im vorliegenden Fall das<lb/>Perfekt) nur dann geben und kann eine Aussage im abgeschlossenen<lb/>Tempus (hier im Perfekt) nur dann wahr sein, wenn es das ihm entspre-<lb/>chende Verlaufstempus (im vorliegenden Fall das Präsens) gibt und die<lb/>entsprechende Aussage im Verlauf stempus (hier im Präsens) wahr ist.<lb/>Umgekehrt muß, wenn eine Aussage im Verlaufstempus (hier im Präsens)<lb/>falsch ist, auch die ihr entsprechende Aussage im abgeschlossenen Tem-<lb/>pus (hier im Perfekt) falsch sein. Wie also die Perfekte “geworden sein”<lb/>und “zugrunde gegangen sein” nicht wahr sein können, ohne daß auch<lb/>die Präsentia “werden” und “zugrunde gehen” wahr sind, so kann auch<lb/>das Perfekt “sich bewegt haben” nicht wahr sein, ohne daß das Präsens<lb/>“sich bewegen” wahr ist (91-92).</p>
         <p rend="start">Dieses Gegenargument nimmt Diodors Behauptung, daß sich zwar<lb/>nichts bewegt, wohl aber etwas bewegt hat, sozusagen beim Wort und<lb/>sucht mit logisch-semantischen Mitteln zu zeigen, daß eine Aussage im<lb/>abgeschlossenen Tempus nur dann wahr sein kann, wenn auch die ihr<lb/>entsprechende Aussage im Verlaufstempus zu einem früheren Zeitpunkt<lb/>wahr war. Diodor nahm die Herausforderung an. Wie wir durch Sextus<lb/>erfahren, antwortete er auf die Kritik, indem er drei Beispiele anführte, in<lb/>denen die von seinen Kritikern aufgestellte Regel nicht gelte<note xml:id="ftn37" place="foot" n="36">	Zu allen drei Beispielen vgl. N. <hi rend="smcap">Denyer, </hi><hi rend="italic">The Atomism cit.</hi>, S. 43-5 und R.<lb/><hi rend="smcap">Muller, </hi><hi rend="italic">Les Mégariques</hi>, cit., S. 140-1, zu den beiden ersten K. <hi rend="smcap">Hülser, </hi><hi rend="italic">Die Frag-<lb/>mente zur Dialektik der Stoiker</hi>, cit., S. 1000-5 (Erläuterungen zu Nr. 824 <hi rend="smcap">a) </hi>und<lb/>jetzt vor allem M. <hi rend="smcap">Frede, </hi><hi rend="italic">The Stoic Theory of the Tenses of the Verb</hi>,<hi rend="italic"> </hi>in den Akten<lb/>des Symposiums zur “Logik der Stoiker und ihrer Vorläufer” (s. <hi rend="italic">supra</hi> Anm. 21).</note>. Das erste<lb/>
         </p>
         
<p rend="pb"><pb n="108" facs="Ele92_108.jpg"/></p>
<p>dieser Beispiele sei zur Illustration genannt: Angenommen, zwei Männer<lb/>haben in aufeinander folgenden Jahren geheiratet, dann ist in bezug auf<lb/>sie «zwar die Aussage “Diese haben geheiratet” (οὗτοι ἔγημαν), die eine<lb/>Aussage im abgeschlossenen Tempus (hier im Aorist) ist, wahr, die Aus-<lb/>sage “Diese heiraten” (οὗτοι γαμοῦσι), die eine Aussage im Verlaufs-<lb/>tempus (Präsens) ist, dagegen falsch. Die Aussage “Diese heiraten” wäre<lb/>in ihrem Fall nur dann wahr, wenn sie gleichzeitig heirateten» (97).<lb/>Sextus weist dieses Beispiel in seiner Replik als sophistisch zurück<lb/>(σοφίζεται ὁ Διόδωρος, 99), da ihm, was er im einzelnen näher erläutert,<lb/>eine Amphibolie zugrunde liege. Auch die beiden anderen von Diodor<lb/>angeführten Beispiele erklärt er für nicht beweiskräftig. Er konstatiert<lb/>daher am Schluß des Abschnittes, in dem er sich mit dem 1. Gegenargu-<lb/>ment auseinandersetzt: «Es ist also widersinnig, wenn Diodor sich an<lb/>das “Sich-bewegt-haben” als wahr klammert, das “Sich-bewegen” aber<lb/>als falsch ablehnt, wo man doch entweder beidem zustimmen oder beides<lb/>ablehnen müßte» (102). Am Schluß dieses Abschnittes steht mithin eine<lb/>deutliche Zurückweisung der Behauptung Diodors. Es ist dies ein wei-<lb/>terer dritter Punkt, in dem sich dieser Abschnitt von den vier anderen<lb/>des Mittelteils in gravierender Weise unterscheidet: Während Sextus in<lb/>jenen Diodor stets gegen vorgebrachte Kritik in Schutz nimmt, erklärt<lb/>er hier Diodors Versuche für gescheitert, seine Behauptung, daß sich<lb/>zwar nichts bewege, wohl aber etwas bewegt habe, zu verteidigen, stellt<lb/>sich also mit Entschiedenheit auf die Seite der Kritiker Diodors.</p>
         <p rend="start">Mit der gerade zitierten Schlußbemerkung wiederholt und bekräftigt<lb/>Sextus resümierend nahezu wörtlich jene Kritik, mit der er seine Darstel-<lb/>lung des “gewichtigen” Argumentes am Anfang seines Berichtes über<lb/>Diodors Beweise gegen die Bewegung beschlossen hatte: «Wie sollte es<lb/>nicht widersinnig sein zu behaupten, daß sich, wiewohl sich nichts bewegt,<lb/>dennoch etwas bewegt hat?» (86). Was dies zu bedeuten hat, wird deutlich<lb/>werden, sobald wir uns etwas eingehender mit dem Argument beschäftigt<lb/>haben, mit dem Diodor die Richtigkeit der von Sextus als widersinnig<lb/>gebrandmarkten These zu beweisen versucht hatte. Es lautet: «Der teillose<lb/>
         </p>
         
<p rend="pb"><pb n="109" facs="Ele92_109.jpg"/></p>
<p>Körper muß sich an einem teillosen Ort (ἐν ἀμερεῖ τόπῳ) befinden, und<lb/>deshalb bewegt er sich weder an ihm — denn er füllt ihn ja aus; was<lb/>sich bewegen soll, muß aber einen Ort haben, der größer ist als es selbst<lb/>— noch an einem Ort, an dem er nicht ist — denn er ist noch nicht<lb/>an ihm, um sich an ihm zu bewegen. Daher bewegt er sich überhaupt<lb/>nicht. Er hat sich jedoch bewegt, wie der Verstand lehrt (κατὰ λόγον).<lb/>Denn was zuvor an diesem Ort gesehen wurde, das wird jetzt an einem<lb/>anderen gesehen, was nicht geschähe, wenn es sich nicht bewegt hätte»<lb/>(85-86).</p>
         <p rend="start">Dieses Argument ist in letzter Zeit mehrfach Gegenstand weit aus-<lb/>greifender Studien gewesen<note xml:id="ftn38" place="foot" n="37">	<hi rend="smcap">D. Sedley</hi>, <hi rend="italic">Diodorus Cronus cit.</hi>,<hi rend="italic"> </hi>S. 84-9. G. Giannantoni, <hi rend="italic">Aristotele, Dio-<lb/>doro Crono e il moto degli atomi</hi>, «Siculorum Gymnasium», <hi rend="smcap">xxxiii</hi> (1980) S. 125-33.<lb/><hi rend="smcap">N. Denyer</hi>, <hi rend="italic">The Atomism cit.</hi> <hi rend="smcap">R. Sorabji</hi>, <hi rend="italic">Time, Creation and the Continuum,</hi> London-<lb/>Ithaca, N.Y., 1983, S. 17-21, 345-8, 369-71. Beiläufig sei darauf hingewiesen, daß<lb/>aus der Bemerkung, die Alexander von Aphrodisias in seinem Kommentar zu <hi rend="italic">De<lb/>sensu</hi> p. 122, 21-23 (= <hi rend="italic">S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">ii f</hi> f 9, 1-4) über Diodor macht, keineswegs, wie Sedley<lb/>(<hi rend="italic">Diodorus Cronus cit.</hi>, S. 87), Denyer <hi rend="italic">(The Atomism cit.</hi>, S. 36-7) und Sorabji (<hi rend="italic">Time<lb/>cit.</hi>, S. 346-7) meinen, geschlossen werden kann, Diodor habe mit kleinsten wahr-<lb/>nehmbaren bzw. nichtwahrnehmbaren Größen argumentiert; ὡς οἴεται ὁ Διόδωρος<lb/>bezieht sich nur auf den vorausgehenden Hauptsatz (οὐδ’ ἄν...).</note>. Mit ihnen kann und will ich hier nicht<lb/>konkurrieren und brauche es auch nicht. Da es hier ja nicht so sehr um<lb/>Diodors Bewegungslehre als solche, sondern um deren Darstellung durch<lb/>Sextus geht, kann ich mich auf das konzentrieren, was bei ihm zu lesen<lb/>ist; und da möchte ich die Aufmerksamkeit zunächst einmal auf einen<lb/>Punkt lenken, der die Art und Weise betrifft, in der Sextus das Argu-<lb/>ment darstellt. Ich meine die Tatsache, daß in der Mitte des Argumentes<lb/>ein bemerkenswerter Subjektwechsel stattfindet. Subjekt (bzw. am An-<lb/>fang Subjektakkusativ) ist im ersten Teil des Argumentes τὸ ἀμερὲς<lb/>σῶμα. Ebendies kann im zweiten Teil des Argumentes nicht mehr Sub-<lb/>jekt sein, aus dem einfachen Grund, daß ein ἀμερὲς σῶμα nicht gesehen<lb/>werden kann. Neues Subjekt ist τὸ πρότερον ἐν τῷδε τῷ τόπῳ θεωρού-<lb/>μενον, was sich allein auf sichtbare Gegenstände, keinesfalls aber auf ein<lb/>ἀμερὲς σῶμα beziehen kann. Das Subjekt von κεκίνηται bildet gleichsam<lb/>die Drehscheibe und changiert zwischen den unterschiedlichen Bedeutun-<lb/>gen der beiden Subjekte.</p>
         
<p rend="pb"><pb n="110" facs="Ele92_110.jpg"/></p>
<p rend="start">Was besagt diese Beobachtung? Sie besagt, wie mir scheint, daß in<lb/>dem Argument zwei Teile miteinander verbunden sind, die auf ganz ver-<lb/>schiedenen Stufen stehen. Die Folge ist ein Paradox. Ebendies kreidet<lb/>Sextus Diodor auch sogleich an, indem er, kaum daß er das Argument<lb/>zu Ende referiert hat, geradezu empört anfügt: «In der Absicht, der ihm<lb/>eigenen Lehre zu Hilfe zu kommen (ἐπαρήγειν θελήσας τῷ οἰκείῳ δόγ-<lb/>ματι, hat dieser Mann also etwas Widersinniges (ἄτοπόν τι) zugelassen.<lb/>Denn wie sollte es nicht widersinnig sein zu behaupten, daß sich, wiewohl<lb/>sich nichts bewegt, dennoch etwas bewegt hat?» (86). Sorabji hat behaup-<lb/>tet, mit der Diodor eigenen Lehre, von der Sextus hier spricht, seien<lb/>«Diodorus’ ideas on atomic bodies, spaces and movements» gemeint<note xml:id="ftn39" place="foot" n="38">	R. <hi rend="smcap">Sorabji, </hi><hi rend="italic">Time cit.</hi>, S. 18-9. Ihm angeschlossen haben sich A. A. <hi rend="smcap">Long-<lb/></hi>D. N. <hi rend="smcap">Sedley, </hi><hi rend="italic">The Hellenistic Philosophers</hi>, Cambridge 1987, n, S. 48 (zu 11i, 8).</note>.<lb/>Das halte ich für eine Fehlinterpretation. Was Sextus meint, ist meines<lb/>Erachtens die Lehre, daß sich nichts bewegt. Dieser durch einen Beweis<lb/>gesicherten Lehre habe Diodor, so Sextus, dadurch zu Hilfe kommen,<lb/>d. h. sie dadurch gegen zu erwartende Kritik absichern und gleichsam<lb/>wasserdicht machen wollen, daß er ihr den zweiten Teil (κεκίνηται δέ)<lb/>hinzugefügt habe, der dem Rechnung trägt, was einem der Verstand sagt<lb/>(κατὰ λόγον) — nach Auffassung des Sextus eine unsinnige Rettungs-<lb/>aktion. Um ebendiese von Sextus hier als “widersinnig” qualifizierte<lb/>Behauptung, daß “wiewohl sich nichts bewegt, sich dennoch etwas<lb/>bewegt hat”, dreht sich nun aber, wie wir gesehen haben, das 1. Gegen-<lb/>argument des Mittelteils mit allem, was dazu gehört (Diodors Versuch,<lb/>seine Behauptung zu retten, sowie die Zurückweisung dieses Versuchs<lb/>durch Sextus), einschließlich der Schlußbemerkung, die die Qualifizie-<lb/>rung dieser Behauptung als “widersinnig” wiederholt und bekräftigt. Be-<lb/>denkt man dies und nimmt noch hinzu, was über die Sonderstellung des<lb/>1. Gegenargumentes samt Entgegnungen und Repliken innerhalb des<lb/>Mittelteiles gesagt wurde, dann scheint die Folgerung unausweichlich,<lb/>daß Sextus in den §§ 91-92 und 97-102 dieselbe Vorlage benutzt hat<lb/>wie in den §§ 85-86. Was weiter oben über die zwei Vorlagen gesagt<lb/>wurde, denen Sextus in seinem Bericht folgt, muß also in diesem Sinne<lb/>modifiziert werden<note xml:id="ftn40" place="foot" n="39">	Nicht sicher entscheiden läßt sich, welcher der beiden Vorlagen das 5. Ge-<lb/>genargument samt Repliken (96. 110-111) entnommen ist. Daß es wie das 1. in den<lb/><hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypotyposen</hi> kein Pendant hat, könnte ebenso wie das, was im folgen-<lb/>den über den Charakter der Vorlage A gesagt ist, dafür sprechen, daß es eben dieser<lb/>Vorlage entnommen ist.</note>.</p>
         
<p rend="pb"><pb n="111" facs="Ele92_111.jpg"/></p>
<p rend="start">Was für eine Vorlage war dies? Sieht man sich das 1. Gegenargu-<lb/>ment mit dem, was dazugehört, an, dann liegt es gewiß näher, an eine<lb/>Schrift mit logischer bzw. dialektischer Thematik zu denken als an eine<lb/>solche mit physikalischer. Nun kann kein Zweifel bestehen, daß Diodors<lb/>Argument gegen die Bewegung in Schriften dieser Art nicht nur vorkam,<lb/>sondern einen festen Platz hatte. Es bezeugt dies Sextus selbst, der dieses<lb/>Argument in den <hi rend="italic">Pyrrhonischen Hypotyposen</hi> in dem Kapitel, in dem er<lb/>die Trugschlüsse behandelt, in einem Katalog berühmt-berüchtigter Trug-<lb/>schlüsse aufführt. Daß der Name Diodors in diesem Fall nicht ausdrück-<lb/>lich genannt ist, hat nichts zu sagen, da in diesem Katalog auch sonst<lb/>keine Namen genannt werden. Das Argument lautet dort so: «Wenn sich<lb/>etwas bewegt, bewegt es sich entweder an dem Ort, an dem es ist, oder<lb/>an dem, an dem es nicht ist. Es bewegt sich aber weder an dem Ort,<lb/>an dem es ist, denn dort ruht es, noch an dem, an dem es nicht ist,<lb/>denn wie sollte etwas an jenem Ort tätig sein, an dem es ganz und gar<lb/>nicht ist. Also bewegt es sich nicht» <hi rend="italic">(PH </hi><hi rend="smcap">ii</hi> 242). Ein Trugschluß ist dies<lb/>nur unter der stillschweigend zugestandenen Voraussetzung, daß die Kon-<lb/>klusion durch den Augenschein als offenkundig falsch erwiesen wird.<lb/>Deshalb fügt Sextus denn auch alsbald hinzu, daß alles derartige “Ge-<lb/>schwätz” (ὕθλοι) sich auf sehr einfache Weise zuschanden machen lasse,<lb/>etwa indem man, wie dies ein Philosoph getan habe, kurzerhand aufstehe<lb/>und herumspaziere <hi rend="italic">(PH </hi><hi rend="smcap">ii</hi> 244)<note xml:id="ftn41" place="foot" n="40">Vgl. <hi rend="italic">S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">v a</hi> 159; <hi rend="smcap">b </hi>479, 481 (s. oben S. 86-7) sowie die Diodor-Herophilos-<lb/>Anekdote <hi rend="italic">PH</hi> <hi rend="smcap">ii </hi>245.</note>. Ich möchte behaupten, daß der Re-<lb/>greß auf die jedermann durch die tagtägliche Erfahrung vertraute Tatsa-<lb/>che, daß es Bewegung gibt, und somit Diodors Argument gegen die Bewe-<lb/>gung, ob mit ausdrücklich hinzugefügtem oder nur hinzu <hi rend="italic">gedachtem<lb/></hi>κεκίνηται δέ, hier seinen ursprünglichen Sitz hat, daß das, worum es Dio-<lb/>dor ging, also das Paradox war und daß es sich daher, wo Diodors Argu-<lb/>ment als physikalisches benutzt wird, um einen Gebrauch für Zwecke<lb/>handelt, für die dieses Argument ursprünglich nicht gedacht war. Weil<lb/>Sextus dies nicht klar war und er Diodors Argument bei der Erörterung<lb/>der Frage, ob es Bewegung gebe, deshalb so behandelt, als sei es ein genuin<lb/></p>      
<p rend="pb"><pb n="112" facs="Ele92_112.jpg"/></p>
<p>physikalisches Argument, erscheint ihm der Zusatz κεκίνηται δέ so wider-<lb/>sinnig und muß ihm so widersinnig erscheinen: Ohne sich dessen bewußt<lb/>zu sein, versteht er das Argument genau so, wie Diodor es gemeint hatte,<lb/>als Paradox.</p>
         <p rend="start">Und die Lehre von den ἀμερῆ? Wenn, was im Vorangehenden gesagt<lb/>wurde, richtig ist, dann bestätigt sich Eduard Zellers Annahme<note xml:id="ftn42" place="foot" n="41"><hi rend="smcap">E. Zeller</hi>, <hi rend="italic">Die Philosophie der Griechen</hi>, <hi rend="smcap">ii</hi> 1, Leipzig 19225, S. 267; ihm<lb/>folgend <hi rend="smcap">P. Natorp</hi>, <hi rend="italic">s.v. Diodoros</hi> (n. 42), in <hi rend="italic">RE</hi> in 1 (1899) col. 706.</note>, daß<lb/>es sich bei dieser Lehre nicht um ein physikalisches Dogma im Sinne<lb/>einer Aussage über die physikalische Struktur der Dinge handelt, sondern<lb/>um eine Hypothese, die Diodor im Rahmen seiner Beweise (ich gebrauche<lb/>hier aus Gründen, die gleich deutlich werden, absichtlich den Plural!)<lb/>gegen die Bewegung einführte. Sieht man sich den Bericht des Sextus,<lb/>von dieser Voraussetzung ausgehend, noch einmal als ganzen an, dann<lb/>wird man auf eine weitere, bisher noch nicht registrierte Unstimmigkeit<lb/>aufmerksam. Sextus referiert Diodors im Vorangehenden besprochenen<lb/>Beweis gegen die Bewegung in zwei Varianten, von denen die anspruchs-<lb/>vollere erste die ἀμερῆ einbezieht, die einfachere und sozusagen populä-<lb/>rere dagegen nicht. In Mittelteil diskutiert Sextus vier Gegenargumente,<lb/>die sich gegen die einfachere Variante richten, und eines, das sich gegen<lb/>die anspruchvollere zu richten scheint, bei genauerem Hinsehen aber gar<lb/>nicht wirklich dagegen richtet, sondern gegen das Paradox, daß sich zwar<lb/>nichts bewegt, wohl aber etwas bewegt hat, ein Paradox, das auf die<lb/>Annahme von ἀμερῆ gar nicht angewiesen ist, sondern ebenso gut mit<lb/>der einfacheren Form des Argumentes auskommt. Warum, so ist zu fra-<lb/>gen, bringt Sextus die ἀμερῆ überhaupt ins Spiel?</p>
         <p rend="start">Die Antwort ergibt sich aus dem, was im Vorangehenden über die<lb/>Vorlagen gesagt wurde, denen Sextus folgt. Es hatte sich gezeigt, daß<lb/>das “gewichtige” Argument am Anfang (85-86) und die “nicht so gewich-<lb/>tigen” Argumente gegen Ende des Berichtes (112-117) offenkundig der-<lb/>selben Vorlage entstammen und daß sich diese Vorlage von der, die Sex-<lb/>tus im Mittelteil benutzt hat — bzw., wie wir inzwischen sagen müssen,<lb/>für die Mehrzahl der Gegenargumente des Mittelteiles benutzt hat (vgl.<lb/>S. 116 mit Anm. 39) —, vor allem dadurch unterschied, daß sie Diodors<lb/>Beweise unter Einbeziehung der Hypothese von den ἀμερῆ referierte.</p>
         
<p rend="pb"><pb n="113" facs="Ele92_113.jpg"/></p>
<p>Nun mag das bisher behandelte Argument auch ohne die ἀμερῆ auskom-<lb/>men — wie dies überall dort, wo es in der Form des “allseits bekannten”<lb/>Argumentes erscheint, ja auch tatsächlich der Fall ist —, das zweite der<lb/>beiden “nicht so gewichtigen” Argumente kann dies nicht, es ist auf die<lb/>ἀμερῆ angewiesen. Wenn eine Abhandlung über oder eine Auseinander-<lb/>setzung mit Diodors Beweisen gegen die Bewegung auch dieses Argument<lb/>einbeziehen wollte, wie dies bei derjenigen Vorlage der Fall war, die die-<lb/>sem Teil des sextianischen Berichtes zugrunde liegt, dann konnte sie also<lb/>auf die ἀμερῆ nicht verzichten. Im übrigen ist, was diese Vorlage betrifft,<lb/>in Rechnung zu stellen, daß sie möglicherweise noch weitere, uns nicht<lb/>überlieferte Argumente Diodors gegen die Bewegung referierte, die<lb/>gleichfalls auf die Hypothese von den ἀμερῆ angewiesen waren<note xml:id="ftn43" place="foot" n="42">Εὐθέως (112) könnte darauf deuten, daß Sextus noch mehr Argumente<lb/>kannte, als er mitteilt.</note>.</p>
         <p rend="start">Um das gerade Gesagte deutlich zu machen, muß ich dieses zweite<lb/>“nicht so gewichtige” Argument wenigstens in seinen Grundzügen refe-<lb/>rieren<note xml:id="ftn44" place="foot" n="43">	Das erste dieser Argumente kann hier außer Betracht bleiben. Es handelt<lb/>sich dabei um nichts anderes als eine Kurzform des “allseits bekannten” Argumentes:<lb/>«Was sich bewegt, ist an einem Ort. Was aber an einem Ort ist, bewegt sich nicht<lb/><hi rend="italic">(seil,</hi> sondern ruht). Was sich bewegt, bewegt sich also nicht» (112). Was Sextus<lb/>damit bezweckte, daß er dieses Argument hier einfügte, ist unklar.</note>. Ausgangspunkt ist die Annahme, daß es zwei Arten von Bewe-<lb/>gung gebe, die “überwiegende” (κίνησις κατ’ ἐπικράτειαν) und die “to-<lb/>tale” (κίνησις κατ’ εἰλικρίνειαν), und daß von ihnen die “überwiegende”<lb/>stets der “totalen” vorausgehe. Von dieser Annahme ausgehend wird<lb/>dann so argumentiert: Von einem größeren Körper wird zunächst ein aus<lb/>drei ἀμερῆ bestehendes Molekül betrachtet, bei dem sich zwei ἀμερῆ be-<lb/>wegen und eines unbewegt ist. Da sich in ihm der überwiegende Teil<lb/>der ἀμερῆ bewegt, muß auch das Molekül als Ganzes als bewegt angese-<lb/>hen werden. Denkt man sich nun ein weiteres ἀμερές hinzu, und zwar<lb/>ein unbewegtes, so muß das neu entstandene, aus vier ἀμερῆ bestehende<lb/>Molekül insgesamt gleichfalls als bewegt gedacht werden, da sich die<lb/>Gesamtbewegung des anfänglichen, aus drei ἀμερῆ bestehenden Mole-<lb/>küls, die sich auf die “überwiegende” Bewegung der beiden in ihm<lb/>enthaltenen bewegten ἀμερῆ gründete, gegenüber dem neu hinzugekom-<lb/>
         </p>
         
<p rend="pb"><pb n="114" facs="Ele92_114.jpg"/></p>
<p>menen ἀμερές durchsetzt. Dieser Prozeß läßt sich <hi rend="italic">ad infinitum</hi> weiter-<lb/>denken. Macht man bei einem aus 10 000 ἀμερῆ bestehenden Körper<lb/>halt, so kommt man nicht um die Anerkennung der Feststellung herum,<lb/>daß sich in ihm die Bewegung der zwei ἀμερῆ gegenüber der Unbeweg-<lb/>theit von 9, 998 durchgesetzt hat, was offenkundig widersinnig ist. Daraus<lb/>ergibt sich, daß die Annahme einer “überwiegenden” Bewegung unzu-<lb/>treffend gewesen sein muß. Da die “überwiegende” Bewegung aber Vor-<lb/>aussetzung für die “totale” war, kann es auch diese nicht geben. Folglich<lb/>gibt es überhaupt keine Bewegung (112-117).</p>
         <p rend="start">Ich will mich bei diesem Argument, das Sextus in einem kurzen<lb/>Kommentar (118) als offenkundig sophistisch zurückweist, nicht weiter<lb/>aufhalten. Nur eines möchte ich anmerken: Das Argument funktioniert<lb/>nach Art der Sorites-Argumente<note xml:id="ftn45" place="foot" n="44">	Vgl. D. <hi rend="smcap">Sedley,<hi rend="italic"> </hi></hi><hi rend="italic">Diodorus Cronus cit.</hi>, S. 92-3.</note>. Der Ort, an dem diese Argumente<lb/>diskutiert wurden, war nicht die physikalische, sondern die dialektische<lb/>Literatur, speziell die Trugschluß-Literatur<note xml:id="ftn46" place="foot" n="45">	Vgl. e.g. <hi rend="smcap">Diog. Laert. ii </hi>108 ( = <hi rend="italic">S.S.R.</hi> <hi rend="smcap">ii b</hi> 13); <hi rend="smcap">vii</hi> 43-44, 82 ( = <hi rend="italic">S.V.F.</hi> <hi rend="smcap">ii</hi> 274).</note>. Es bestätigt sich mithin,<lb/>daß, wenn nicht die unmittelbare Vorlage, so doch auf jeden Fall die<lb/>ursprüngliche Quelle der die ἀμερῆ einbeziehenden Argumente im Be-<lb/>richt des Sextus eine Schrift dieser Art gewesen sein muß.</p>
         <p rend="start">Und nun zum Schluß des Berichtes, an dem Sextus ein weiteres Ar-<lb/>gument mitteilt, das so lautet: «Wenn sich etwas bewegt, bewegt es sich<lb/>jetzt; wenn es sich jetzt bewegt, bewegt es sich in der gegenwärtigen<lb/>Zeit (ἐν τῷ ἐνεστῶτι χρόνῳ); wenn es sich in der gegenwärtigen Zeit<lb/>bewegt, bewegt es sich folglich in einer teillosen Zeit. Wenn nämlich<lb/>die gegenwärtige Zeit aufgeteilt wird, dann wird sie zweifellos in die ver-<lb/>gangene und die künftige aufgeteilt werden und wird so nicht mehr die<lb/>gegenwärtige sein. Wenn sich aber etwas in einer teillosen Zeit bewegt,<lb/>dann durchwandert es teillose Orte. Wenn es aber teillose Orte durch-<lb/>wandert, bewegt es sich nicht. Wenn es nämlich an dem ersten teillosen<lb/>Ort ist, bewegt es sich nicht, denn es ist noch an dem ersten teillosen<lb/>Ort. Wenn es aber an dem zweiten teillosen Ort ist, bewegt es sich<lb/>wiederum nicht, sondern hat sich bewegt. Daher bewegt sich nichts»<lb/>(119-120).</p>
         
<p rend="pb"><pb n="115" facs="Ele92_115.jpg"/></p>
<p>Auf den ersten Blick wirkt dieses Argument, dessen Bedeutung und<lb/>ideengeschichtliche Stellung N. Denyer und R. Sorabji vor rund zehn<lb/>Jahren etwa gleichzeitig aufgezeigt haben<note xml:id="ftn47" place="foot" n="46">N. <hi rend="smcap">Denyer, </hi><hi rend="italic">The Atomism cit.</hi>, R. <hi rend="smcap">Sorabji, </hi><hi rend="italic">Time cit.</hi></note>, wie eine vervollkommnete<lb/>Form des am Anfang des Berichtes (85-86) mitgeteilten diodoreischen<lb/>Argumentes, vervollkommnet durch die zusätzliche Annahme einer teillo-<lb/>sen Zeit. Doch ist damit nicht das Wesentliche dieses Argumentes be-<lb/>zeichnet. Worin dies besteht, wird schlagartig deutlich, wenn man sich<lb/>die völlig unterschiedliche Funktion klarmacht, die der Bestandteil<lb/>κεκίνηται δέ bzw. ἀλλὰ κεκίνηται (86 bzw. 120) in den beiden Argumen-<lb/>ten hat. In Diodors Argument ist κεκίνηται δέ um des damit bewirkten<lb/>Paradoxes willen hinzugefügt, in dem Argument, um das es hier jetzt<lb/>geht, ist ἀλλὰ κεκίνηται dagegen — und hier stütze ich mich auf Denyers<lb/>und Sorabjis Interpretationen dieses Argumentes — integraler Bestandteil<lb/>eines Beweises, der aufzeigt, wie Bewegung gedacht werden kann und<lb/>muß, nämlich als ein Prozeß, der sich in stakkatoartigen Rucken voll-<lb/>zieht. Im Unterschied zu den bisher behandelten Argumenten ist dieses<lb/>Argument also ein genuin physikalisches Argument, das einzige in dem<lb/>ganzen Bericht, wie ich glaube. Denyer und Sorabji haben gemeint bewei-<lb/>sen zu können, daß dieses Argument das eigentliche Argument Diodors<lb/>sei und daß wir in den beiden zu Beginn des Berichtes referierten Argu-<lb/>menten (85-86 und 87) unvollständige Fassungen davon zu sehen hätten.<lb/>Dies scheint mir schon allein deshalb völlig ausgeschlossen zu sein, weil<lb/>es sich bei diesem Argument nicht um ein Argument gegen, sondern für<lb/>die Bewegung handelt. Trifft, was im Vorangehenden ausgeführt wurde,<lb/>zu, dann handelt es sich vielmehr um ein Argument, das zwar, was die<lb/>Form anbetriff, demjenigen Diodors sehr ähnlich ist, aber ein ganz ande-<lb/>res Ziel verfolgt.</p>
         <p rend="start">Daß es sich um ein anderes Argument eines anderen Autors handelt,<lb/>war jedenfalls auch die Meinung des Sextus. Das ergibt sich nicht nur<lb/>aus dem Duktus des Gesamtberichtes, sondern auch daraus, daß Sextus,<lb/>wo er im Verlauf des Buches noch einmal kurz auf Diodors Argument<lb/>zu sprechen kommt, ausdrücklich davon spricht, daß es auf der Annahme<lb/>teilloser Orte und Körper basiere, von einer teillosen Zeit aber nichts<lb/>
         </p>
         
<p rend="pb"><pb n="116" facs="Ele92_116.jpg"/></p>
<p>verlauten läßt (143). Wie er sich das Verhältnis dieses Argumentes zu<lb/>demjenigen Diodors vorstellt, bleibt unklar, da er dieses Argument als<lb/>einziges in dem gesamten Bericht ohne jeden Kommentar referiert. Ich<lb/>vermute, daß er es einer von den beiden anderen verschiedenen dritten<lb/>Vorlage entnommen hat, und zwar einer physikalisch orientierten, und<lb/>daß er es wegen seiner offenkundigen formalen Verwandtschaft mit dem-<lb/>jenigen Diodors am Ende seines Berichtes als eine Art Appendix angefügt<lb/>hat, ohne viel darüber nachzudenken, in welchem Verhältnis die beiden<lb/>Argumente zueinander stehen.</p>
         <p rend="start">Der Klarheit halber muß ich hier folgendes anmerken: Wenn im<lb/>Vorangehenden von Vorlagen die Rede war, die Sextus benutzt habe,<lb/>dann war dies immer <hi rend="italic">cum grano salis</hi> gemeint und zu verstehen. Solange<lb/>wir über die Einzelstationen, über die der von Sextus referierte Stoff<lb/>zu ihm gelangte, und über den Kondensations- und Kontaminationspro-<lb/>zeß, dem es dabei unterworfen war, so wenig wissen wie bisher und so-<lb/>lange uns auch die Arbeitsweise des Sextus noch weitgehend unbekannt<lb/>ist, unterliegen alle Aussagen über die von Sextus benutzten Vorlagen<lb/>dem gerade formulierten Vorbehalt. Immerhin wird, was Sextus berich-<lb/>tet, hin und wieder transparent und bietet die Möglichkeit, nicht nur<lb/>miteinander verflochtene Traditionen zu entwirren, sondern sogar einen<lb/>vergleichsweise deutlichen Eindruck von der Phase zu gewinnen, die am<lb/>Anfang des Uberlieferungsprozesses steht und uns natürlich in ganz be-<lb/>sonderem Maße interessiert. Der Bericht, den Sextus von Diodors Bewei-<lb/>sen gegen die Bewegung gibt, bietet dafür ein gutes Beispiel, da Sextus<lb/>in ihm zusammen mit dem 1. Gegenargument zugleich zwei Entgegnun-<lb/>gen Diodors mitteilt (97-98 und 101) und uns so für einen Augenblick<lb/>zu Zeugen eines dialektischen Disputes zur Zeit Diodors werden läßt.<lb/>In diesen Disput ist gewiß auch das an einer anderen Stelle desselben<lb/>Buches von Sextus referierte Argument einzuordnen, welches das sich<lb/>um seine eigene Achse drehende ἀμερὲς καὶ ἐλάχιστον σῶμα als Beispiel<lb/>daführ anfürt, daß durchaus Fälle denkbar sind, in denen sich etwas als<lb/>Ganzes an dem Ort bewegt, an dem es sich befindet (<hi rend="italic">Μ </hi><hi rend="smcap">x</hi> 58; vgl. S. 104-5).<lb/>Besonders auffällig ist im übrigen, daß als Repräsentant der Ansicht, daß<lb/>es keine Bewegung gibt, nicht Zenon von Elea gewählt ist — sein Name<lb/>taucht in dem ganzen Buch nicht ein einziges Mal auf<note xml:id="ftn48" place="foot" n="47"><hi rend="italic">Μ</hi> <hi rend="smcap">x</hi> 47 spielt Sextus zwar auf diejenigen unter Zenons Beweisen gegen die<lb/>Bewegung an, die mit der unendlichen Teilbarkeit des Raumes operieren, doch ist<lb/>er sich dieser Tatsachen, wie es scheint, nicht bewußt.</note> —, sondern</p>
         
<p rend="pb"><pb n="117" facs="Ele92_117.jpg"/></p>
<p>Diodor; es ist dies umso auffälliger, als Diodor, wie Sextus zuvor aus-<lb/>drücklich registriert hatte (<hi rend="italic">M </hi><hi rend="smcap">x</hi> 48), alles andere als ein typischer Re-<lb/>präsentant der Ansicht, daß sich nichts bewegt, ist, vielmehr ein Son-<lb/>derfall, insofern er sich nämlich nicht mit der Behauptung, daß sich<lb/>nichts bewege, beschied, sondern hinzufügte, daß sich wohl aber etwas<lb/>bewegt habe. Daß Sextus, wo er die Position derer diskutiert, die<lb/>behaupten, daß sich nichts bewege, dennoch gerade ihn als Beispiel<lb/>wählt, läßt sich schlechterdings nicht anders erklären als so, daß wir<lb/>in dem ganzen Kapitel, in dem Sextus die Frage erörtert, ob es Be-<lb/>wegung gibt (<hi rend="italic">M </hi><hi rend="smcap">x</hi> 37-168), nicht so sehr einen historischen Bericht<lb/>vor uns haben als vielmehr einen Reflex des Disputes, der im III.<lb/>Jhdt. v. Chr. über die Frage ausgetragen wurde, wie Bewegung zu<lb/>erklären sei. In diesem Disput hatte Diodor als Zeitgenosse der Dispu-<lb/>tanten den an sich geeigneteren älteren Zenon offenbar verdrängt.</p>
         <p rend="start">Daß Sextus auch sonst nicht selten Quellen benutzt hat, die in<lb/>ziemlich direkter Linie auf die philosophischen Diskussionen des III.<lb/>Jhdts. v. Chr. zurückgehen müssen, zeigt für einen wesentlich größeren<lb/>Bereich, als es der hier behandelte ist, Theodor Ebert in seiner soeben<lb/>veröffentlichten Monographie <hi rend="italic">Dialektiker und frühe Stoiker bei Sextus<lb/>Empiricus</hi><note xml:id="ftn49" place="foot" n="48">Vgl. Anm. 15.</note>. Aufgrund einer eindringenden Textanalyse ist es Ebert<lb/>gelungen, verschiedene den Bereich der Logik betreffende Theoreme<lb/>im Werk des Sextus, die bisher in einen Topf geworfen und pauschal<lb/>den Stoikern zugeschrieben wurden, als Einzelbeiträge zur. philosophi-<lb/>schen Diskussion im III. Jhdt. v. Chr. zu erweisen und mit mehr oder<lb/>minder großer Wahrscheinlichkeit bestimmten vorchrysippeischen Philo-<lb/>sophen bzw. Philosophengruppen zuzuordnen. Dadurch wird es mög-<lb/>lich, von der Entwicklung der Logik in dieser Zeit ein viel differen-<lb/>zierteres und plastischeres Bild zu zeichnen, als dies bis jetzt der Fall<lb/>war. Ist man erst einmal darauf aufmerksam geworden, daß Sextus<lb/>derartige Quellen in größerem Umfang benutzt hat, dann ist es nicht<lb/>mehr weiter verwunderlich, daß er in immerhin drei Fällen auch Leh-<lb/>ren aus dem Kreis der sog. kleinen Sokratiker und ihrer Nachfolger<lb/>
         </p>
<p rend="pb"><pb n="118" facs="Ele92_118.jpg"/></p>
<p>berücksichtigt und uns damit überliefert hat, von denen sich in der son-<lb/>stigen auf uns gekommenen Literatur nur geringe bis gar keine Spuren<lb/>erhalten haben. Es ist zu vermuten, daß eine sorgfältige und geduldige<lb/>Analyse der Werke des Sextus noch manche neue Einsicht über die<lb/>philosophischen Diskussionen dieser Epoche zu Tage fördern wird.</p>
      </body>
   </text>
</TEI>
