KANTS ANVERWANDLUNG DES URSPRÜNGLICHEN SINNES VON IDEE Norbert Hinske ILIESI-CNR

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KANTS ANVERWANDLUNG DES URSPRÜNGLICHEN SINNES VON IDEE Norbert Hinske Leo S. Olschki Editore Roma pp., (Collana Lessico Intellettuale Europeo, LII)
Norbert Hinske KANTS ANVERWANDLUNG DES URSPRÜNGLICHENSINNES VON IDEE

Gedanken, die mit Taubenfüssen Kommen,lenken die Welt

Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra

… erst nachträglich sieht es aus, als obdie Worte auf Taubenfüßen kamen

Gottfried Benn, Rede in Darmstadt

1. Kants terminologische Revision: die alte und die neue Bedeutung vonIdee

In dem großen Arsenal der neuen, kritischen Terminologie KantsZur grundsätzlichen Problematik vgl. N. Hinske, Kants neue Terminologie und ihre altenQuellen. Möglichkeiten und Grenzen der elektronischen Datenverarbeitung im Felde der Begriffsgeschichte, in«Akten des 4. Internationalen Kant-Kongresses Mainz, 6.-10. April 1974», Teil I [«Kant-Stu-dien», 65 (1974) Sonderheft], S. 68*-85*. gibtes nur wenige Begriffe, die die philosophische Sprache in Deutschland, ja inEuropaVgl. Tolstojs Nachwort zur Kreutzersonate: “Ein Ideal (ideal) ist aber nur dann ein Ideal,wenn seine Verwirklichung nur in der Idee (ideja), nur gedanklich möglich ist, wenn es sich nurals in der Unendlichkeit erreichbar darstellt und wenn daher die Möglichkeit, ihm näherzukom-men, eine unendliche ist. Wäre das Ideal nicht nur erreichbar, sondern könnten wir uns seineVerwirklichung vorstellen, so würde es aufhören, ein Ideal zu sein” (L. N. Tolstoj, Kreutzersona-te. Erzählungen aus den Jahren 1884-1905, Berlin o.J., S. 289). bis in die Gegenwart hinein so nachhaltig geprägt haben wie geradeKants Begriff der Idee. Die verschiedensten philosophischen Bewegungenhaben ihn in dieser oder jener Form aufgenommen und weitergedacht. Aberseine Wirkung reicht weit über den engeren Bereich der Philosophie hinaus.Als ein Beispiel für viele sei hier nur an Goethes erste Begegnung mit Schilleram 20. Juli 1794 erinnert. Goethe trug Schiller an diesem denkwürdigen Tagnach einer Sitzung der Naturforschenden Gesellschaft in Jena seine Auffassungvon der “Metamorphose der Pflanzen” vor und «ließ», wie er berichtet, «mitmanchen charakteristischen Federstrichen, eine symbolische Pflanze vor sei-nen Augen entstehen»J. W. v. Goethe, Erste Bekanntschaft mit Schiller. 1794, in Goethes Werke, hrsg. im Auftrageder Großherzogin Sophie von Sachsen, Abt. I, Bd. 36, Weimar 1893 [Neudruck: Tokyo 1975],S. 250 f.. Schillers lapidare Antwort aber lautete: «das ist kei-ne Erfahrung, das ist eine Idee»Ebd., S. 251.. «Wie kann jemals Erfahrung gegeben wer-den, die einer Idee angemessen sein sollte? Denn darin besteht eben dasEigenthümliche der letztern, daß ihr niemals eine Erfahrung congruiren kön-ne»Ebd.. Es waren eben diese Sätze Schillers, die nach Goethes Empfinden denGegensatz zwischen beiden auf den Begriff brachten und gerade damit ihreFreundschaft, einen der Höhepunkte deutscher Kultur, begründeten.

Die Wirkung, die immer wieder von Kants Auffassung von Idee ausge-gangen ist, entspricht der zentralen Stellung, die jener Begriff im Aufbau derKritik der reinen Vernunft einnimmt. Er ist sozusagen einer ihrer Scharnierbegrif-fe: Das ganze erste Buch der transzendentalen Dialektik handelt von nichtsanderem als “Von den Begriffen der reinen Vernunft” (B 366Kants Druckschriften werden nach der Ausgabe von W. Weischedel, Immanuel Kant,Werke in sechs Bänden, Darmstadt 19836 (1956-19641) zitiert, und zwar nach der dort vermerktenPaginierung der Originalausgaben; A bezeichnet die erste, B die zweite Auflage. Kants Nachlaßund Vorlesungsnachschriften werden, soweit nichts anderes angegeben, nach der Ausgabe derKöniglich Preußischen Akademie der Wissenschaften (und Nachfolgern) zitiert; römische Zif-fern ohne weiteren Zusatz bezeichnen die Bandnummern, arabische die Seitenzahlen dieserAusgabe.), genauer:von den spezifischen Begriffen der Vernunft im engeren Sinne, d. h. von denIdeen. Und Kant spart in diesem seltenen Falle gegen seine sonstige Gewohn-heit nicht an Formulierungen, die die Bedeutung jenes Begriffs unterstreichen:Ich «ersuche… diejenige, denen Philosophie am Herzen liegt (welches mehrgesagt ist, als man gemeiniglich antrifft), wenn sie sich durch dieses und dasNachfolgende überzeugt finden sollten, den Ausdruck Idee seiner ursprüngli-chen Bedeutung nach in Schutz zu nehmen, damit er nicht fernerhin unter dieübrigen Ausdrücke, womit gewöhnlich allerlei Vorstellungsarten in sorgloserUnordnung bezeichnet werden, gerate, und die Wissenschaft dabei einbüße»(B 376). Diese “ursprüngliche Bedeutung” aber ist für Kant eben jene Bedeu-tung, die Platon dem “Ausdruck” gegeben hat: «Plato bediente sich des Aus-drucks Idee so, daß man wohl sieht, er habe darunter etwas verstanden, wasnicht allein niemals von den Sinnen entlehnt wird, sondern welches so gar dieBegriffe des Verstandes, mit denen sich Aristoteles beschäftigte, weit über-steigt, indem in der Erfahrung niemals etwas damit Kongruierendes angetrof-fen wird. Die Ideen sind bei ihm Urbilder der Dinge selbst, und nicht bloßSchlüssel zu möglichen Erfahrungen, wie die Kategorien» (B 370).

Der Hinweis auf die Nachlässigkeit, mit der man «gewöhnlich allerleiVorstellungsarten in sorgloser Unordnung bezeichne», weist bereits daraufhin, daß Kant auch an dieser Stelle eine bewußte terminologische Revision imSinne hat. In der Tat bedeutet Kants Rückbesinnung auf die “ursprünglicheBedeutung” des Ausdrucks Idee, begriffs- und entwicklungsgeschichtlich gese-hen, eine Zäsur, und zwar in zweifacher Hinsicht. Die erste Zäsur betrifft dieGeschichte der neuzeitlichen Philosophie im allgemeinen, deren Sprache weit-gehend durch Descartes’ und Lockes Verwendung des Ausdrucks idea im Sin-ne von “Vorstellung überhaupt” bestimmt ist. Ihr gegenüber bedeutet KantsRückgang zu dem alten, Platonischen Sinngehalt eine einschneidende Neue-rung. Die zweite Zäsur dagegen betrifft Kants eigene philosophische Entwick-lung. Denn die betonte Verwendung des Ausdrucks Idee, für die Kant in derKritik der reinen Vernunft mit solchem Nachdruck eintritt, ist auch für ihn selberalles andere als selbstverständlich gewesen. Sie ist vielmehr das Resultat einerlangen, mühsamen Gedankenarbeit, die hier ein Stück weit mitverfolgt wer-den soll. Die Begriffs- und Entwicklungsgeschichte erweisen sich auch an die-ser Stelle als die “clavis Kantiana”So der Titel von Kuno Fischers noch immer lesenswerter, eine neue Epoche der Kant-forschung eröffnender Antrittsvorlesung: Clavis Kantiana. Qua via Immanuel Kant philosophiae criticaeelementa invenerit, Jena 1858..

Ursprünglich einmal hat nämlich auch Kant von dem Ausdruck Idee (derfreilich in den sogenannten Vorkritischen Schriften nur bemerkenswert seltenauftauchtVgl. Allgemeiner Kantindex zu Kants gesammelten Schriften, hrsg. von Gottfried Martin, Bd.XVI: Wortindex zu Kants gesammelten Schriften, bearbeitet von Dieter Krallmann und Hans AdolfMartin, Bd. I, Berlin 1967, S. 502.) mit eben jener Sorglosigkeit Gebrauch gemacht, die er dann spä-ter in der Kritik der reinen Vernunft mit solchem Nachdruck beklagt. Wie so oftist seine Kritik auch in diesem Punkt zugleich, wenn nicht gar zuvor ein StückSelbstkritik und Palinodie. Um das zu erkennen, bedarf es keiner umständli-chen begriffsgeschichtlichen Analysen. Es genügt vielmehr vollauf, einige we-nige Sätze oder Redewendungen aus Kants früheren Schriften anzuführen. Soheißt es in der Preisschrift von 1762/64: «Jedermann hat z. E. einen Begriffvon der Zeit; dieser soll erklärt werden. Ich muß diese Idee in allerlei Bezie-hungen betrachten…” (A 71). Noch in der Dissertation von 1770 findet sichunerachtet der einschneidenden Änderungen, die sich in den zurückliegendenacht Jahren vollzogen haben, haargenau derselbe Sprachgebrauch. Auch hierwird die Zeit, die ja mittlerweile der Sache nach zur reinen Anschauungsformavanciert ist, noch immer unbekümmert eine Idee genannt: «Idea temporisnon oritur, sed supponitur a sensibus» (A 14). In anderem Zusammenhangschreibt Kant 1766 in den Träumen eines Geistersehers, erläutert durch Träume derMetaphysik, daß in unseren Träumen «Ideen der Phantasie und die der äußerenEmpfindung untereinander geworfen» werden (A 50 Anm.).

Neben dieser weiten, an Descartes und Locke erinnernden Bedeutungvon Idee taucht bei Kant freilich von Anfang an immer wieder noch einezweite, ganz anders gelagerte Bedeutung auf, in der die Erinnerung an die alte,platonisch-christliche Traditionslinie weiterlebt. So heißt es bereits in der All-gemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels von 1755: «Alle Wesen hängenaus einer Ursache zusammen, welche der Verstand Gottes ist; sie könnendahero keine andere Folgen nach sich ziehen, als solche, die eine Vorstellungder Vollkommenheit in eben derselben göttlichen Idee mit sich führen» (A79)Vgl. ebd. A 145: «in einem einzigen höchsten Verstände…, dessen weise Idee…»; A194: «aus der ewigen Idee des göttlichen Verstandes»; Versuch einiger Betrachtungen über den Opti-mismus A 4: «von allen Ideen der Welten im göttlichen Verstände».. Diese zweite Traditionslinie bildet sozusagen die Auffangstellung fürdie spätere, kritische Bedeutung des Ausdrucks Idee. Sie enthüllt jedoch ihreganze Tragweite erst im Blick auf die Kritik der reinen Vernunft, deren Sprach-gebrauch durch eine Aneignung und Verwandlung, eben eine Anverwandlung jeneralten Bedeutung gekennzeichnet ist.

In der Regel aber verwendet Kant den Ausdruck Idee zumindest bis 1770wie selbstverständlich in der weiten Bedeutung von “Vorstellung überhaupt”.Er schwimmt sozusagen im Strom der Sprache seiner Zeit. In der Kritik derreinen Vernunft dagegen meint Idee in schroffem Gegensatz dazu einen Begriff,«der die Möglichkeit der Erfahrung übersteigt» (B 377), einen Begriff desUnbedingten, das dem endlichen Menschen in keiner Erfahrung gegeben wer-den kann, einen “Vernunftbegriff” im strengen Sinne (ebd.), also so etwas wieeinen Sonderfall von Begriff. Wo aber liegen die Motive, die schließlich zudieser einschneidenden Bedeutungsverschiebung geführt haben? Auf welchemWeg ist Kant zu seiner neuen Begrifflichkeit gelangt? Die Nachschriften desKantschen Logikkollegs, die (soweit sie bis zu diesem Zeitpunkt erfaßt wa-renZu den später aufgefundenen Logiknachschriften vgl. W. Stark, Neue Kant-Logiken. Zugedruckten und ungedruckten Kollegheften nach Kants Vorlesungen über Logik, «Kant-Forschungen», Bd. 1,Hamburg 1987, S. 123-164.) seit 1966 im Rahmen der vierten Abteilung der Akademie-AusgabeKant’s gesammelte Schriften, hrsg. von der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Ber-lin, Bd. XXIV, Abt. IV: Vorlesungen, Bd. I: Vorlesungen über Logik, Berlin 1966. im Druck vorliegen, und die ihnen zugrundeliegenden Reflexionen des hand-schriftlichen NachlassesKant’s gesammelte Schriften, hrsg. von der Königlich Preußischen Akademie der Wissen-schaften, Bd. XVI, Abt. III: Handschriftlicher Nachlaß, Bd. III: Logik, Berlin-Leipzig 1924(19141). gestatten es uns heute, diese Frage mit jenem Gradan Sicherheit zu beantworten, der der philologischen Arbeit eigen ist. Siemachen es zugleich möglich, bei einem terminologiegeschichtlich folgenrei-chen Abschnitt der Kritik der reinen Vernunft dessen komplizierte Genese inihren verschiedenen Schritten nachzuzeichnen und den Text selbst dadurcheindringlicher zu verstehen. Auch an diesem Punkt wird sichtbar, das sei alsThese vorangeschickt, in welchem Maße Kants Beschäftigung mit seinem«Autor» die «Keimzelle seiner eigenen kritischen Philosophie»Vgl. N. Hinske, Kant-Index, Bd. I: Stellenindex und Konkordanz zu George Friedrich Meier“Auszug aus der Vernunftlehre”, Erstellt in Zusammenarbeit mit Heinrich P. Delfosse und HeinzSchay, Unter Mitwirkung von Fred Feibert, Martina Gierens, Berthold Krämer und ElfriedeReinardt («Forschungen und Materialien zur deutschen Aufklärung», Abt. III, Bd. V), Stuttgart-Bad Cannstatt 1986, S. XI. gewesen ist,so daß, wie Kant selbst erklärt, seine «später (meistentheils nach 1781)erschienenen Schrifften» den Gedanken der Vorlesungen «fast nur die syste-matische Form… und Vollständigkeit gegeben zu haben scheinen mochten»(XIII 539).

2. Kants Logikkolleg als Keimzelle der neuen, kritischen Bedeutung vonIdee

Bekanntlich hat Kant seinen Logikvorlesungen etwa vierzig Jahre langden Auszug aus der VernunftlehreG. F. Meier, Auszug aus der Vernunftlehre, Halle 1752. Wiederabgedruckt in: Kant’s gesam-melte Schriften, hrsg. von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, Bd. XVI, Ber-lin u. Leipzig 1924 (19141). Meiers Auszug wird im folgenden nach diesem Abdruck zitiert;römische Ziffern bezeichnen demgemäß die Bandnummern, arabische die Seitenzahlen der Aka-demie-Ausgabe. des Wolffianers George Friedrich Meier ausHalle als Kompendium zugrundegelegt. Im achten Abschnitt des erstenHauptteils handelt Meier hier “von den gelehrten Begriffen” (XVI 533), d. h.von den Begriffen der Wissenschaft. In eben diesem Zusammenhang gelangter auch dazu, zwischen verschiedenen Arten von Begriffen bzw. Vorstellungenzu unterscheiden. So erklärt er im Paragraphen 254: «Wir haben nur dreiWege zu Begriffen zu gelangen: die Erfahrung, die Abstraction, und die will-kürliche Verbindung» (XVI 541). Die vielleicht zunächst nur äußerliche Not-wendigkeit, diesen Abschnitt seines “Autors” im Rahmen seiner Logikvorle-sungen zu erläutern und zu kommentieren, hat Kant allem Anschein nachdazu geführt, für die verschiedenen Arten von Vorstellungen in bewußterAbgrenzung gegen Meier Schritt für Schritt ein eigenes Einteilungsschema zuentwickeln, das dann schließlich auch die besondere Stellung und den eigen-tümlichen Rang der Idee sichtbar werden ließ. Will man den Weg, den Kantdabei zurückgelegt hat, noch vor jeder Einzelanalyse im allgemeinen charakte-risieren, so wird man sagen können: Kant verfeinert eine anfangs mehr hinge-worfene als ausgeführte Dreiteilung schrittweise durch die Hinzufügung im-mer weiterer Einteilungsglieder, bis er dann schließlich zu dem definitivenEinteilungsschema der Kritik der reinen Vernunft gelangt. Das Auffällige undSpannende an diesem Denkprozeß aber ist, daß in seinem Verlauf gerade dieIdee immer mehr in den Mittelpunkt des Interesses rückt.

a) Die Logik Blomberg

An erster Stelle ist in diesem Zusammenhang die sogenannte Logik Blom-berg in Betracht zu ziehen, eine Nachschrift, die auf höchst unterschiedlicheTextvorlagen zurückgeht und in der vorliegenden Gestalt 1771 entstandensein wirdVgl. N. Hinske, Kant-Index, Bd. III: Stellenindex und Konkordanz zur “Logik Blomberg”,Erstellt in Zusammenarbeit mit Heinrich P. Delfosse und Elfriede Reinardt, Unter Mitwirkungvon Terry Boswell, Sabine Ganz, Birgit Krier, Birgit Nehren und Susanne Schoenau, Teilbd. 1:Stellenindex («Forschungen und Materialien zur deutschen Aufklärung», Abt. III, Bd. VII. 1),Stuttgart-Bad Cannstatt 1989, S. XXVI-XXX.. Ihre Ausführungen zu unserem Thema beginnen mit einerbewußten Kritik an Meier und dessen Sprachgebrauch. Im Paragraphen 249hatte dieser geschrieben: «Es sind demnach alle unsere Vorstellungen Begrif-fe» (XVI 533). Demgegenüber erklärt Kant: «Nicht eine jede Vorstellung istein Begrif (XXIV 25124). In unmittelbarem Anschluß daran entwickelt Kantseinerseits eine Dreiergruppe, die diese Kritik erst verständlich macht:

Eine Vorstellung durch die Sinne ist z. E.Recte: «… Sinne z. E. ist eine…». eine Empfindung. Eine Vorstellungdurch den Verstand ist eine Erscheinung. Eine Vorstellung durch die Vernunftist ein Begrif. Die Sinne empfinden, der Verstand Coordiniret, die Vernunfthingegen Subordiniret (XXIV 251 24-28).

Charakteristisch für diese Dreiergruppe ist die Unterscheidung zwischen ver-schiedenen Arten von Vorstellungen (Empfindung/Erscheinung/Begriff –von Idee ist einstweilen noch nicht die Rede) und deren Zuordnung zu ver-schiedenen Erkenntnisvermögen (Sinne/Verstand/Vernunft), die ihrerseitswieder durch ganz bestimmte Tätigkeiten (empfinden/koordinieren/subordi-nieren) gekennzeichnet werden. Der grundsätzliche Unterschied zu dem “Au-tor” ist schon hier zu erkennen: Meier interessiert sich in erster Linie für denGrad der Deutlichkeit unserer Vorstellungen, Kant dagegen interessiert sichfür deren «Ursprung» (KrV B 80). In ersten Umrissen werden schon hierAnsätze zu einer transzendentalen Logik sichtbar, Ansätze, die Kant dann inder Folge, angefangen mit der Logik Pölitz, immer schärfer herausarbeitenwirdVgl. Logik Pölitz XXIV 566: «Bei dieser Einteilung kommts auf den Ursprung an, siegehört also nicht in die Logik, sondern in die Metaphysik». Wiener Logik XXIV 905: «Man siehtwohl beym Unterschiede des empiricus und purus kommt es auf den Ursprung des Begriffes an,und ist dieses also schon eine metaphysische Untersuchung. Denn die Logic fragt nicht darnach,wo Begriffe herkommen, sondern wie sie nach den Gesetzen des Verstandes können geformetund geordnet werden. Daß also ein Begriff ist, gehört zur Logic. Ob er aber unabhängig von derErfahrung, oder aus der Erfahrung herkomme, gehört nicht vor sie»..

b) Die Logik Philippi

Die Logik Philippi, die an mehr als einer Stelle offenkundige Parallelen zurLogik Blomberg aufweistVgl. Hinske, Kant-Index, Bd. III, a.a.O. S. XX-XXVI., wiederholt (und erläutert) zunächst in den erstenneun Zeilen das dort skizzierte Dreierschema: «Eine Vorstellung durch Sinneheißt Empfindung, durch den Verstand Erscheinung, durch die Vernunfft…ein Begriff» (XXIV 45116f.). Dann aber führt die Logik Philippi überraschendnoch eine zweite, völlig neue Dreiergruppe ein, die im Keim bereits das späte-re Einteilungsschema der Kritik der reinen Vernunft (B 376 f.) enthält:

Die Materie aller unsrer Erkenntniß liegt in den Sinnen. Die Grade zu denenwir steigen sind

repraesentatio Vorstellung überhaupt. conceptus allgemeine Verstandesbegriffe. ideae allgemeine Begriffe der Vernunfft (XXIV 45125-29).

Es liegt auf der Hand, daß die beiden Dreiergruppen, die hier unmittelbaraufeinander folgen, sachlich nicht miteinander zu vereinbaren sind, sonderndaß der Abschreiber nichtsahnend ganz verschiedene Vorlagen kompiliert hat.So wird z. B. der Terminus Begriff in der ersten Dreiergruppe der Vernunft,in der zweiten jedoch dem Verstand zugeordnet. Den spezifischen Erkenntnis-inhalt der Vernunft dagegen bilden jetzt erstmals die “ideae”. “Idee” wirdhier offenbar nicht mehr auf der Linie Lockes mit “Vorstellung überhaupt”gleichgesetzt, sondern meint eine ganz bestimmte Art von Vorstellungen, diefür die Vernunft und nur für die Vernunft charakteristisch sind. Daß sie essind, die das Schicksal des Menschen bestimmen, klingt freilich noch mit kei-ner Silbe an.

c) Die Reflexion 2835

Die Reflexion 2835 (XVI 536-538), für deren Entstehung Adickes die Jah-re 1773 bis 1777 am wahrscheinlichsten hält, führt die Probleme in entschei-dender Weise weiter. Ihre ersten zwölf Zeilen bestehen aus einer Reihe latei-nischer Stichwörter, die die weitere Problementwicklung anschaulich vor Au-gen führen. Ursprünglich hatte sich Kant offenbar – in einer und derselbenZeile, das Druckbild der Akademie-Ausgabe führt hier bei flüchtiger Lektürenur zu leicht in die Irre – als Gedächtnisstütze für seine Vorlesungen nichtsweiter als fünf Begriffe notiert: «repraesentationes perceptiones conceptusnotiones ideae” (XVI 53613 und 5373). Die zweite Dreiergruppe der Logik Phi-lippi (repraesentatio/conceptus/ideae) ist jetzt offenbar um zwei weitere Glie-der (perceptiones und notiones) erweitertDamit erledigt sich auch die von Adickes erwogene frühe Datierung der Grundzeile:«Es ist nicht ausgeschlossen, dass 53613 und 5373 schon aus η2 [1764-1768] stammen» (XVI53624f.). Die Zeile setzt den Reflexionsstand der Logiken Blomberg und Philippi als Ausgangsbasisvoraus. Ähnliches gilt auch für die Datierung der Reflexion 1683 (XVI 81 f.).. Um diese fünf Kernbegriffe grup-pieren sich dann in Form sogenannter g- und s-Zusätze (gleichzeitiger undspäterer Zusätze) zahlreiche andere Stichwörter, die der schrittweisen Verfei-nerung des vorliegenden Einteilungsschemas dienen. Für die anschließendeWeiterentwicklung ist dabei insbesondere die Unterscheidung von intuitusund conceptus von Bedeutung (XVI 53612, 5373 und 5374). Eine eingehendeInterpretation aller jener Verästelungen aber böte fast schon Stoff für eineneigenen Beitrag.

Bemerkenswert an der Reflexion 2835 ist jedoch noch etwas anderes.Obwohl sie in Kants durchschossenem Handexemplar des Meierschen Auszugsdem achten Abschnitt genau gegenüber plaziert ist, der ja nicht etwa von denIdeen, sondern ganz allgemein “von den gelehrten Begriffen” (XVI 533) han-delt, ist der gesamte zweite Teil (XVI 5378-53812) dem Stichwort Idee gewid-met, das jetzt von den verschiedensten Blickwinkeln aus beleuchtet wird. IhreSonderstellung und anthropologische Bedeutung («Die idee der Gerechtigkeitist die Musteridee der Beurtheilung eines aristides» XVI 53713f.; «Die [Idee]eines Glückseeligen Lebens fehlt den meisten» XVI 5381f.) rücken für Kantoffenbar immer mehr in das Zentrum des Interesses. Alle anderen Arten vonVorstellungen verstehen sich sozusagen von selbst. Die Idee aber bleibt rätsel-haft wie der Mensch selbst, der mit ihr befrachtet ist («Diese idee ist ein Gant-zes, welches durch Einschränkung die Theile giebt; wie das Möglich sey, istnicht zu begreifen” XVI 5388f.).

d) Die Logik Pölitz

Die Logik Pölitz – sie ist wohl trotz neuerer Datierungsversuche, die einefrühere Entstehung plausibel machen wollenVgl. T. Pinder, Zu Kants Logik-Vorlesung um 1780, anläßlich einer neu aufgefundenen Hand-schrift, «Kant-Forschungen», Bd. 1, Hamburg 1987, S. 79-114. Die Auseinandersetzung mit demBeitrag, der die Probleme eher verdunkelt als erhellt, muß an anderer Stelle erfolgen., nach Abfassung der Kritik derreinen Vernunft einzuordnen – illustriert aufs anschaulichste die Umsetzung dergenannten Stichwörter in die lebendige Form einer Vorlesung. Sie ist einParadebeispiel dafür, in welchem Maße sich handschriftlicher Nachlaß undVorlesungsnachschriften bei Kant wechselseitig zu ergänzen und zu erhellenvermögen. Ihre Vorlage ist an dieser Stelle offenkundig die eben diskutierteReflexion 2835 mit ihren verschiedenen gleichzeitigen und späteren Zusätzen,und zwar insbesondere deren lateinischer Teil. Den Leitfaden bildet nunmehr– ähnlich wie auch in der Wiener Logik (XXIV 904-907), der Logik Busolt(XXIV 653) und der Logik Dohna-Wundlacken (XXIV 752), aber auch in dernach Erscheinen der Logik-Vorlesungen im Rahmen der Akademie-Ausgabewieder aufgefundenen Breslauer Logik (S. 92)Vgl. Stark, Neue Kant-Logiken, a.a.O. S. 124 f. – eine Sechsergruppe(repraesentatio/perceptio/intuitus/conceptus/notio/Idee): In die ur-sprüngliche Fünfergruppe der Reflexion 2835 ist der spätere Zusatz «intuitus»(XVI 53612) mittlerweile fest integriert. So heißt es unter anderem:

Um einen Begrif zu erklären merken wir, repraesentatio ist das erste und alge-meinste und kann nicht erklärt werden, 2.) eine Vorstellung mit Bewustseynist perceptio, Wahrnehmung 3.) Vorstellung so fern sie betrachtet wird alsbezogen auf einen Gegenstand ist cognitio […] Ich muß mir also auch desGegenstandes bewust werden. Wir haben viele Vorstellungen die sich auf keinObject beziehn z. E. alle innerliche Empfindungen. Sie beziehn sich aufs Sub-ject. Redt jemand zu mir: so hab ich eine Vorstellung bezogen aufs Object alsoErkenntniß; schreit er so sehr daß mir die Ohren wehe thun; so ist das Emp-findung und ich fühle meinen Zustand. Erkenntniß ist entweder intuitus oderconceptus; intuitus, wenn ich nur einzelne Vorstellungen habe, conceptuswenn ich Vorstellungen hab, die vielen gemein sind, oder repraesentatio com-munis. Conceptus est repraesentatio communis […] Intuitus ist repraesentatiosingularis […]

Wir haben viele empirische Begriffe nehmlich der Farbe, Empfindung etc. etc.purus wär ein solcher der unabhängig von der Erfahrung aus dem Verstandeentspringt. Sie sind wieder solche deren Gegenstände in der Erfahrung kön-nen gegeben werden z. E. von den Substanzen, Ursachen, Wirkungen etc. etc.oder es sind solche deren Gegenstände in keiner Erfahrung können gegebenwerden, das ist ein Begrif der bloßen Vernunft. Conceptus purus est notio.Notio ist also doch mehr als conceptus, aber im Deutschen ist doch [noch?]kein korrespondirender Ausdruk. Notio deren Gegenstand in concreto kanndargestelt werden ist notio intellectus, wo der Gegenstand in keiner Erfahrungkann gegeben werden ist Idee. Idee kann man Vernunftbegrif nennen, denndurch Vernunft denk ich etwas a prioriA priori ist hier wohl noch mehr im Sinne Wolffs als deduktive, nicht von der Erfah-rung, sondern von obersten Prämissen ausgehende schlußfolgernde Erkenntnis zu verstehen.Unter Zugrundelegung eines spezifisch Kantschen Verständnisses von A priori wären ja auchdie notiones intellectus als apriorische Vorstellungen zu bezeichnen. Kants Definition der Ideeals Vernunftbegriff scheint daher anfänglich einen Wolffianischen Vernunftbegriff vor Augengehabt zu haben. Vgl. auch Logik Philippi XXIV 45129; oben S. 323.. Man redt sonst von der Idee derrothen Farbe etc. das ist aber falsch (XXIV 565 f.).

Innerhalb der reinen Begriffe, der conceptus puri, werden also noch ein-mal zwei ganz verschiedene Arten von Begriffen unterschieden. Zwar ent-springen beide «unabhängig von der Erfahrung aus dem Verstande». Währendaber die Gegenstände einer Notio «in der Erfahrung können gegeben wer-den», handelt es sich bei der Idee um eine Vorstellung, «wo der Gegenstandin keiner Erfahrung kann gegeben werden». Damit ist der kritische Begriff derIdee – «Ein Begriff aus Notionen, der die Möglichkeit der Erfahrung über-steigt, ist die Idee» (KrV B 377) – in aller Klarheit formuliert. Auch der letzteSatz der Logik Pölitz erinnert unmißverständlich an die Kritik der reinen Vernunft,wo es abschließend heißt: «Dem, der sich einmal an diese Unterscheidunggewöhnt hat, muß es unerträglich fallen, die Vorstellung der roten Farbe Ideenennen zu hören» (ebd.)Vgl. Wiener Logik XXIV 907: «Die ordinairen autoren gebrauchen das Wort idee ganzunrecht. Z. B. man redet von der idee der rothen Farbe, da diese doch nicht ein Mahl notioist.» Logik Dohna-Wundlacken XXIV 752: «Die Anschauung von rot gibt noch keinen Verstandes-begriff».. Daß Kant bei Abfassung der Kritik der reinen Ver-nunft an dieser Stelle auf Gedanken zurückgegriffen hat, die er anfangs im Rah-men seines Logikkollegs entwickelt hatte, kann daher nach Lage der Dingekaum zweifelhaft sein. Da er während der langjährigen Arbeit an der Kritik jaauch weiterhin Vorlesungen gehalten hat, ist das auch nicht verwunderlich.

e) Die Wiener Logik

Um das Bild zu vervollständigen, muß abschließend noch ein Blick aufdie Wiener Logik geworfen werden, die von Gerhard Lehmann, dem Herausge-ber der Akademie-Ausgabe, zwar auf die Jahre 1794-1796 datiert (vgl. XXIV983) und demzufolge an letzter Stelle eingeordnet worden ist, in Wahrheitaber in den gleichen Zeitraum wie die Logik Pölitz fälltZur Datierung der Wiener Logik vgl. N. Hinske, Kant-Index, Bd. XIV: Personenindex zumLogikcorpus, Erstellt in Zusammenarbeit mit Heinrich P. Delfosse und Elfriede Reinardt, UnterMitwirkung von Terry Boswell, Sabine Ganz, Birgit Krier, Birgit Nehren und Susanne Schoenau(«Forschungen und Materialien zur deutschen Aufklärung», Abt. III, Bd. XVIII), Stuttgart-BadCannstatt 1990 S. XXf.; Pinder, Zu Kants Logik-Vorlesung um 1780, anläßlich einer neu aufgefundenenNachschrift, a.a.O. S. 80 ff.. Wie diese hat sie dieReflexion 2835 zur Vorlage, nur daß sie deren Gedanken sehr viel ausführlicherund facettenreicher zu entwickeln weiß, und wie diese hat auch sie diegenannte Sechsergruppe (repraesentatio/perceptio/intuitus/conceptus/no-tio/Idee) zum Leitfaden. Neu im Vergleich zur Logik Pölitz, aber auch zurReflexion 2835Vgl. XVI 5372: «vel notio vel idea». ist der Umstand, daß Kant hier ausdrücklich zwischen zweiganz verschiedenen Arten von notiones, der notio intellectualis und der notiorationis unterscheidet. Die Sonderstellung der Idee – bzw. der unüberbrück-bare Unterschied zwischen Kategorien und Ideen – kommt damit noch ent-schiedener zum Ausdruck:

Notio ist also schon mehr, als Begriff […] Eine notio, deren Gegenstand inder Erfahrung gegeben werden kann, heißt notio intellectualis. Wenn der Gegen-stand in keiner Erfahrung kann gegeben werden, heißt es notio rationis, oderidea. Also ist eigentlich die notio, so fern sie in keiner Erfahrung gegeben wer-den kann, und auch keiner Erfahrung correspondirt, eine idea (XXIV 906).

Die unmittelbar anschließenden Erläuterungen zeigen, wie stark die Problemeder ersten und zweiten Antinomie bei der Ausarbeitung von Kants IdeenlehrePate gestanden haben.

Der Begriff des Ganzen kann in der Erfahrung gegeben werden, est notiointellectualis, wenn ich mir aber noch einen neuen Begriff mache, z. B. denBegriff von einer Welt, die das unerzeugte [unbedingte?] Ganze, das alle Din-ge einfaßt, seyn soll, und in dem alle Theile zusammen in Verbindung stehen,kann man ihn nicht in der Erfahrung geben. Was kann, wenn die Welt ewigist, die ganze Ewigkeit derselben befassen? Der Begriff der Welt also ist bloßeine Idee. – Der Begriff vom Theile ist conceptus purus intellectualis, seunotio. Aber der Begriff eines Theiles, der nicht zusammen gesetzt ist, ist notiorationis, idea. So lange sich meine Vernunft etwas Theilbares vorstellt, sokann das immer noch getheilet werden. Aber meine Vernunft verlanget end-lich den letzten Theil, der weiter nicht getheilet werden kann, d. i. einfach ist.Dieser Begriff kann nicht in der Erfahrung gezeigt werden, ist also ein Begriffa priori, eine Idee (XXIV 906).

Alles in allem wird man daher sagen können: Der Blick in den hand-schriftlichen Nachlaß und in die Vorlesungsnachschriften läßt ein Stück jenerGedankenarbeit wieder lebendig werden, aus der die Kritik der reinen Vernunftund deren Ideenlehre schließlich hervorgegangen sind. Das aber ist die viel-leicht tiefste Rechtfertigung der philologischen Arbeit im Felde der Philoso-phie: daß sie den Ernst der Probleme in Erinnerung ruft, von dem die großenWerke der Philosophiegeschichte getragen werden.