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Gedanken, die mit Taubenfüssen Kommen,
lenken die Welt
Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra
… erst nachträglich sieht es aus, als ob
die Worte auf Taubenfüßen kamen
Gottfried Benn, Rede in Darmstadt
1. Kants terminologische Revision: die alte und die neue Bedeutung von
Idee
In dem großen Arsenal der neuen, kritischen Terminologie Kants N. Hinske, Kants neue Terminologie und ihre altenQuellen. Möglichkeiten und Grenzen der elektronischen Datenverarbeitung im Felde der Begriffsgeschichte, in
Die Wirkung, die immer wieder von Kants Auffassung von Idee ausge-
gangen ist, entspricht der zentralen Stellung, die jener Begriff im Aufbau derKritik der reinen Vernunft einnimmt. Er ist sozusagen einer ihrer Scharnierbegrif-
fe: Das ganze erste Buch der transzendentalen Dialektik handelt von nichts
anderem als “Von den Begriffen der reinen Vernunft” (B 366W. Weischedel, Immanuel Kant,Werke in sechs Bänden, Darmstadt 1983
Der Hinweis auf die Nachlässigkeit, mit der man «gewöhnlich allerlei
Vorstellungsarten in sorgloser Unordnung bezeichne», weist bereits darauf
hin, daß Kant auch an dieser Stelle eine bewußte terminologische Revision im
Sinne hat. In der Tat bedeutet Kants Rückbesinnung auf die “ursprüngliche
Bedeutung” des Ausdrucks Idee, begriffs- und entwicklungsgeschichtlich gese-
hen, eine Zäsur, und zwar in zweifacher Hinsicht. Die erste Zäsur betrifft die
Geschichte der neuzeitlichen Philosophie im allgemeinen, deren Sprache weit-
gehend durch Descartes’ und Lockes Verwendung des Ausdrucks idea im Sin-
ne von “Vorstellung überhaupt” bestimmt ist. Ihr gegenüber bedeutet Kants
Rückgang zu dem alten, Platonischen Sinngehalt eine einschneidende Neue-
rung. Die zweite Zäsur dagegen betrifft Kants eigene philosophische Entwick-
lung. Denn die betonte Verwendung des Ausdrucks Idee, für die Kant in derKritik der reinen Vernunft mit solchem Nachdruck eintritt, ist auch für ihn selber
alles andere als selbstverständlich gewesen. Sie ist vielmehr das Resultat einer
langen, mühsamen Gedankenarbeit, die hier ein Stück weit mitverfolgt wer-
den soll. Die Begriffs- und Entwicklungsgeschichte erweisen sich auch an die-
ser Stelle als die “clavis Kantiana”
forschung eröffnender Antrittsvorlesung: Clavis Kantiana. Qua via Immanuel Kant philosophiae criticaeelementa invenerit, Jena 1858.
Ursprünglich einmal hat nämlich auch Kant von dem Ausdruck Idee (der
freilich in den sogenannten Vorkritischen Schriften nur bemerkenswert selten
auftaucht Allgemeiner Kantindex zu Kants gesammelten Schriften, hrsg. von Gottfried Martin, Bd.
XVI: Wortindex zu Kants gesammelten Schriften, bearbeitet von Dieter Krallmann und Hans Adolf
Martin, Bd. I, Berlin 1967, S. 502.
ter in der Kritik der reinen Vernunft mit solchem Nachdruck beklagt. Wie so oft
ist seine Kritik auch in diesem Punkt zugleich, wenn nicht gar zuvor ein Stück
Selbstkritik und Palinodie. Um das zu erkennen, bedarf es keiner umständli-
chen begriffsgeschichtlichen Analysen. Es genügt vielmehr vollauf, einige we-
nige Sätze oder Redewendungen aus Kants früheren Schriften anzuführen. So
heißt es in der Preisschrift von 1762/64: «Jedermann hat z. E. einen Begriff
von der Zeit; dieser soll erklärt werden. Ich muß diese Idee in allerlei Bezie-
hungen betrachten…” (A 71). Noch in der Dissertation von 1770 findet sich
unerachtet der einschneidenden Änderungen, die sich in den zurückliegenden
acht Jahren vollzogen haben, haargenau derselbe Sprachgebrauch. Auch hier
wird die Zeit, die ja mittlerweile der Sache nach zur reinen Anschauungsform
avanciert ist, noch immer unbekümmert eine Idee genannt: «Idea temporis
non oritur, sed supponitur a sensibus» (A 14). In anderem Zusammenhang
schreibt Kant 1766 in den Träumen eines Geistersehers, erläutert durch Träume derMetaphysik, daß in unseren Träumen «Ideen der Phantasie und die der äußeren
Neben dieser weiten, an Descartes und Locke erinnernden Bedeutung
von Idee taucht bei Kant freilich von Anfang an immer wieder noch eine
zweite, ganz anders gelagerte Bedeutung auf, in der die Erinnerung an die alte,
platonisch-christliche Traditionslinie weiterlebt. So heißt es bereits in der All-gemeinen Naturgeschichte und Theorie des Himmels von 1755: «Alle Wesen hängen
In der Regel aber verwendet Kant den Ausdruck Idee zumindest bis 1770
wie selbstverständlich in der weiten Bedeutung von “Vorstellung überhaupt”.
Er schwimmt sozusagen im Strom der Sprache seiner Zeit. In der Kritik derreinen Vernunft dagegen meint Idee in schroffem Gegensatz dazu einen Begriff,
2. Kants Logikkolleg als Keimzelle der neuen, kritischen Bedeutung von
Idee
Bekanntlich hat Kant seinen Logikvorlesungen etwa vierzig Jahre lang
den Auszug aus der VernunftlehreG. F. Meier, Auszug aus der Vernunftlehre, Halle 1752. Wiederabgedruckt in: Kant’s gesam-melte Schriften, hrsg. von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, Bd. XVI, Ber-
a) Die Logik Blomberg
An erster Stelle ist in diesem Zusammenhang die sogenannte Logik Blom-berg in Betracht zu ziehen, eine Nachschrift, die auf höchst unterschiedliche
Eine Vorstellung durch die Sinne ist z. E. Empfindung. Eine Vorstellung
durch den Verstand ist eine Erscheinung. Eine Vorstellung durch die Vernunft
ist ein Begrif. Die Sinne empfinden, der Verstand Coordiniret, die Vernunft
hingegen Subordiniret (XXIV 251 24-28).
Charakteristisch für diese Dreiergruppe ist die Unterscheidung zwischen ver-
schiedenen Arten von Vorstellungen (Empfindung/Erscheinung/Begriff –
von Idee ist einstweilen noch nicht die Rede) und deren Zuordnung zu ver-
schiedenen Erkenntnisvermögen (Sinne/Verstand/Vernunft), die ihrerseits
wieder durch ganz bestimmte Tätigkeiten (empfinden/koordinieren/subordi-
nieren) gekennzeichnet werden. Der grundsätzliche Unterschied zu dem “Au-
tor” ist schon hier zu erkennen: Meier interessiert sich in erster Linie für den
Grad der Deutlichkeit unserer Vorstellungen, Kant dagegen interessiert sichKrV B 80). In ersten Umrissen werden schon hier
Ansätze zu einer transzendentalen Logik sichtbar, Ansätze, die Kant dann in
der Folge, angefangen mit der Logik Pölitz, immer schärfer herausarbeiten
wird Logik Pölitz XXIV 566: «Bei dieser Einteilung kommts auf den Ursprung an, sie
gehört also nicht in die Logik, sondern in die Metaphysik». Wiener Logik XXIV 905: «Man sieht
wohl beym Unterschiede des empiricus und purus kommt es auf den Ursprung des Begriffes an,
und ist dieses also schon eine metaphysische Untersuchung. Denn die Logic fragt nicht darnach,
wo Begriffe herkommen, sondern wie sie nach den Gesetzen des Verstandes können geformet
und geordnet werden. Daß also ein Begriff ist, gehört zur Logic. Ob er aber unabhängig von der
Erfahrung, oder aus der Erfahrung herkomme, gehört nicht vor sie».
b) Die Logik Philippi
Die Logik Philippi, die an mehr als einer Stelle offenkundige Parallelen zurLogik Blomberg aufweist Hinske, Kant-Index, Bd. III, a.a.O. S. XX-XXVI.
neun Zeilen das dort skizzierte Dreierschema: «Eine Vorstellung durch Sinne
heißt Empfindung, durch den Verstand Erscheinung, durch die Vernunfft…
ein Begriff» (XXIV 45116f.). Dann aber führt die Logik Philippi überraschend
noch eine zweite, völlig neue Dreiergruppe ein, die im Keim bereits das späte-
re Einteilungsschema der Kritik der reinen Vernunft (B 376 f.) enthält:
Die Materie aller unsrer Erkenntniß liegt in den Sinnen. Die Grade zu denen
wir steigen sind
Es liegt auf der Hand, daß die beiden Dreiergruppen, die hier unmittelbar
aufeinander folgen, sachlich nicht miteinander zu vereinbaren sind, sondern
daß der Abschreiber nichtsahnend ganz verschiedene Vorlagen kompiliert hat.
So wird z. B. der Terminus Begriff in der ersten Dreiergruppe der Vernunft,
in der zweiten jedoch dem Verstand zugeordnet. Den spezifischen Erkenntnis-
inhalt der Vernunft dagegen bilden jetzt erstmals die “ideae”. “Idee” wird
hier offenbar nicht mehr auf der Linie Lockes mit “Vorstellung überhaupt”
gleichgesetzt, sondern meint eine ganz bestimmte Art von Vorstellungen, die
für die Vernunft und nur für die Vernunft charakteristisch sind. Daß sie es
sind, die das Schicksal des Menschen bestimmen, klingt freilich noch mit kei-
ner Silbe an.
c) Die Reflexion 2835
Die Reflexion 2835 (XVI 536-538), für deren Entstehung Adickes die Jah-
re 1773 bis 1777 am wahrscheinlichsten hält, führt die Probleme in entschei-
dender Weise weiter. Ihre ersten zwölf Zeilen bestehen aus einer Reihe latei-
nischer Stichwörter, die die weitere Problementwicklung anschaulich vor Au-
gen führen. Ursprünglich hatte sich Kant offenbar – in einer und derselben
Zeile, das Druckbild der Akademie-Ausgabe führt hier bei flüchtiger Lektüre
nur zu leicht in die Irre – als Gedächtnisstütze für seine Vorlesungen nichts
weiter als fünf Begriffe notiert: «repraesentationes perceptiones conceptus
notiones ideae” (XVI 53613 und 5373). Die zweite Dreiergruppe der Logik Phi-lippi (repraesentatio/conceptus/ideae) ist jetzt offenbar um zwei weitere Glie-
Bemerkenswert an der Reflexion 2835 ist jedoch noch etwas anderes.
Obwohl sie in Kants durchschossenem Handexemplar des Meierschen Auszugsdem achten Abschnitt genau gegenüber plaziert ist, der ja nicht etwa von den
d) Die Logik Pölitz
Die Logik Pölitz – sie ist wohl trotz neuerer Datierungsversuche, die eine
frühere Entstehung plausibel machen wollenT. Pinder, Zu Kants Logik-Vorlesung um 1780, anläßlich einer neu aufgefundenen Hand-schrift, «Kant-Forschungen», Bd. 1, Hamburg 1987, S. 79-114. Die Auseinandersetzung mit dem
Um einen Begrif zu erklären merken wir, repraesentatio ist das erste und alge-
meinste und kann nicht erklärt werden, 2.) eine Vorstellung mit Bewustseyn
ist perceptio, Wahrnehmung 3.) Vorstellung so fern sie betrachtet wird als
bezogen auf einen Gegenstand ist cognitio […] Ich muß mir also auch des
Gegenstandes bewust werden. Wir haben viele Vorstellungen die sich auf kein
Object beziehn z. E. alle innerliche Empfindungen. Sie beziehn sich aufs Sub-
ject. Redt jemand zu mir: so hab ich eine Vorstellung bezogen aufs Object also
Erkenntniß; schreit er so sehr daß mir die Ohren wehe thun; so ist das Emp-
findung und ich fühle meinen Zustand. Erkenntniß ist entweder intuitus oder
conceptus; intuitus, wenn ich nur einzelne Vorstellungen habe, conceptus
wenn ich Vorstellungen hab, die vielen gemein sind, oder repraesentatio com-
munis. Conceptus est repraesentatio communis […] Intuitus ist repraesentatio
singularis […]
Wir haben viele empirische Begriffe nehmlich der Farbe, Empfindung etc. etc.
purus wär ein solcher der unabhängig von der Erfahrung aus dem Verstande
entspringt. Sie sind wieder solche deren Gegenstände in der Erfahrung kön-
nen gegeben werden z. E. von den Substanzen, Ursachen, Wirkungen etc. etc.
oder es sind solche deren Gegenstände in keiner Erfahrung können gegeben
werden, das ist ein Begrif der bloßen Vernunft. Conceptus purus est notio.
Notio ist also doch mehr als conceptus, aber im Deutschen ist doch [noch?]
kein korrespondirender Ausdruk. Notio deren Gegenstand in concreto kann
kann gegeben werden ist Idee. Idee kann man Vernunftbegrif nennen, denn
durch Vernunft denk ich etwas a priori
rung, sondern von obersten Prämissen ausgehende schlußfolgernde Erkenntnis zu verstehen.
Unter Zugrundelegung eines spezifisch Kantschen Verständnisses von A priori wären ja auch
die notiones intellectus als apriorische Vorstellungen zu bezeichnen. Kants Definition der Idee
als Vernunftbegriff scheint daher anfänglich einen Wolffianischen Vernunftbegriff vor Augen
gehabt zu haben. Vgl. auch Logik Philippi XXIV 45129; oben S. 323.
rothen Farbe etc. das ist aber falsch (XXIV 565 f.).
Innerhalb der reinen Begriffe, der conceptus puri, werden also noch ein-
mal zwei ganz verschiedene Arten von Begriffen unterschieden. Zwar ent-
springen beide «unabhängig von der Erfahrung aus dem Verstande». Während
aber die Gegenstände einer Notio «in der Erfahrung können gegeben wer-
den», handelt es sich bei der Idee um eine Vorstellung, «wo der Gegenstand
in keiner Erfahrung kann gegeben werden». Damit ist der kritische Begriff der
Idee – «Ein Begriff aus Notionen, der die Möglichkeit der Erfahrung über-
steigt, ist die Idee» (KrV B 377) – in aller Klarheit formuliert. Auch der letzte
Satz der Logik Pölitz erinnert unmißverständlich an die Kritik der reinen Vernunft,
wo es abschließend heißt: «Dem, der sich einmal an diese Unterscheidung
gewöhnt hat, muß es unerträglich fallen, die Vorstellung der roten Farbe Idee
nennen zu hören» (ebd.) Wiener Logik XXIV 907: «Die ordinairen autoren gebrauchen das Wort idee ganz
unrecht. Z. B. man redet von der idee der rothen Farbe, da diese doch nicht ein Mahl notio
ist.» Logik Dohna-Wundlacken XXIV 752: «Die Anschauung von rot gibt noch keinen Verstandes-
begriff». Kritik der reinen Ver-nunft an dieser Stelle auf Gedanken zurückgegriffen hat, die er anfangs im Rah-
e) Die Wiener Logik
Um das Bild zu vervollständigen, muß abschließend noch ein Blick auf
die Wiener Logik geworfen werden, die von Gerhard Lehmann, dem Herausge-
ber der Akademie-Ausgabe, zwar auf die Jahre 1794-1796 datiert (vgl. XXIV
983) und demzufolge an letzter Stelle eingeordnet worden ist, in Wahrheit
aber in den gleichen Zeitraum wie die Logik Pölitz fällt Wiener Logik vgl. N. Hinske, Kant-Index, Bd. XIV: Personenindex zumLogikcorpus, Erstellt in Zusammenarbeit mit Heinrich P. Delfosse und Elfriede Reinardt, Unter
Notio ist also schon mehr, als Begriff […] Eine notio, deren Gegenstand in
der Erfahrung gegeben werden kann, heißt notio intellectualis. Wenn der Gegen-
stand in keiner Erfahrung kann gegeben werden, heißt es notio rationis, oderidea. Also ist eigentlich die notio, so fern sie in keiner Erfahrung gegeben wer-
den kann, und auch keiner Erfahrung correspondirt, eine idea (XXIV 906).
Die unmittelbar anschließenden Erläuterungen zeigen, wie stark die Probleme
der ersten und zweiten Antinomie bei der Ausarbeitung von Kants Ideenlehre
Pate gestanden haben.
Der Begriff des Ganzen kann in der Erfahrung gegeben werden, est notio
intellectualis, wenn ich mir aber noch einen neuen Begriff mache, z. B. den
Begriff von einer Welt, die das unerzeugte [unbedingte?] Ganze, das alle Din-
ge einfaßt, seyn soll, und in dem alle Theile zusammen in Verbindung stehen,
kann man ihn nicht in der Erfahrung geben. Was kann, wenn die Welt ewig
ist, die ganze Ewigkeit derselben befassen? Der Begriff der Welt also ist bloß
eine Idee. – Der Begriff vom Theile ist conceptus purus intellectualis, seu
notio. Aber der Begriff eines Theiles, der nicht zusammen gesetzt ist, ist notio
rationis, idea. So lange sich meine Vernunft etwas Theilbares vorstellt, so
kann das immer noch getheilet werden. Aber meine Vernunft verlanget end-
lich den letzten Theil, der weiter nicht getheilet werden kann, d. i. einfach ist.
Dieser Begriff kann nicht in der Erfahrung gezeigt werden, ist also ein Begriff
a priori, eine Idee (XXIV 906).
Alles in allem wird man daher sagen können: Der Blick in den hand-
schriftlichen Nachlaß und in die Vorlesungsnachschriften läßt ein Stück jener
Gedankenarbeit wieder lebendig werden, aus der die Kritik der reinen Vernunftund deren Ideenlehre schließlich hervorgegangen sind. Das aber ist die viel-